Außensicht auf die Innenpolitik

Quo vadis Austria?

Leser-Kommentar | 12. Jänner 2012, 09:23

Wie wird die österreichische Innenpolitik aus der Ferne wahrgenommen? Ein Auslandsösterreicher berichtet

Wenn man seinen Blick durch die Landschaften der österreichischen Politik streifen lässt, sieht und spürt man, wenn überhaupt, nur sehr wenig, das einen an ein "Felix Austria" erinnern würde.

Ein regelrechter Monsunregen, jeder Tropfen für einen politischen Skandal stehend, ging in letzter Zeit auf das kleine Österreich nieder und überflutete das Vertrauen des Volkes in seine gewählten Vertreter sowie auch den guten Glauben an die Demokratie. Die schweren Wolken dieser Geschehnisse lasten nun wie ein dunkler Schleier über diesem Land. Was vom einstigen Glanz noch erkennbar war, hat inzwischen seine letzte Strahlkraft verloren und ist nicht einmal noch im Ansatz zu erahnen. Politik im Sinne des Volkes, eines auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens gerichteten Handelns von Regierungen, Parlamenten, Parteien, Organisationen verformte sich in Österreich, unter dem harten Hammer einiger habgieriger, arroganter, präpotenter, machthungriger, unwissender und gewissenloser Politiker, vom gemeinnützigen Zweck weg hin zu einem geduldigen Mittel, das gerne und freizügig gebraucht wurde, um damit die eigenen Interessen sowie die ihrer Freunde zur vollsten Zufriedenheit bedienen zu können. Menschen betraten und betreten die Bühne der Politik scheinbar nicht mehr aus Berufung, sondern vielmehr aus Berechnung. Das stille Credo einiger Politiker und mancher in spe lautet: Nicht wer etwas kann, sondern wer jemanden kennt und sich diesem inzestiösen System unterwürfig eingliedern kann, kommt nach oben. Hierbei lässt sich übrigens ein ähnliches Bild beobachten wie bei Tieren, wenn sie am Futtertrog stehen, nämlich: Wer schon am Trog steht, lässt sich nicht mehr davon wegdrängen.

Versprechen, Zusagen und Hinhalteparolen

Gegebenenfalls wird diese Position auch rücksichtslos mit unlauteren Mittel verteidigt. So etwas wie ein Gewissen oder ein Verantwortungsgefühl der Gemeinschaft, im erweiterten Sinne der Gesellschaft gegenüber scheint es nicht mehr zu geben. Das Volk, dem man eigentlich dienen sollte, wird so zum üppig bestückten Selbstbedienungsladen. Durch Versprechen, Zusagen und Hinhalteparolen distanziert man sich mit diplomatischem Geschick von den Bedürfnissen der Bevölkerung in jenem Ausmaß, das notwendig ist, um seine eigenen in aller Ruhe befriedigen zu können. Es geht nicht mehr um das Wohl vieler, sondern nur noch um das eigene und das seiner parteilichen Sinnesgenossen.

Menschen werden der Politik untergeordnet

Es werden daher auch keine Brücken mehr gebaut, die hin zu den Menschen führen. Stattdessen werden bestehende im Interesse des Eigennutzes eingerissen und Mauern errichtet, um die Erhaltung der Macht absichern zu können. Das Prinzip der Demokratie hat nur noch ein formales Gewicht, aber kein inhaltliches mehr. Man hat sich den moralischen Werten zum großen Teil abgewendet zugunsten der materiellen. Die Politik hat ihre ursprüngliche Bedeutung verloren, sie wird nicht mehr für die Menschen gemacht, sondern Menschen werden ihr untergeordnet. Wenn man einmal dieses Muster in all seinen, zugegeben oft leicht irreführenden, Bestandteilen erkannt hat, wird man auch die Schwere seiner Bedeutung und der damit verbundenen unheilbringenden Folgen richtig einschätzen können.

Es wird einem dann leichter fallen, nicht nur zu verstehen, warum geschah, was geschehen ist, sondern auch Handlungen zu setzen, die den Motor einer gesunden und ehrlichen Demokratie wieder zum Laufen bringen können. Diesbezüglich halte ich es übrigens mit Albert Einstein, der sowohl meinte: "Der Staat ist für die Menschen da und nicht die Menschen für den Staat", als auch: "Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert." In diesem Sinne bin ich sehr gespannt, nicht nur in welche Richtung sich Österreich bewegen wird, sondern auch mit welcher Geschwindigkeit. (Leser-Kommentar, Gerhard Ortner, derStandard.at, 12.1.2012)

Autor

Gerhard Ortner (43) ist in Oberösterreich (Enns) aufgewachsen und lebt seit sechs Jahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten (Abu Dhabi), wo er eine Unternehmensberatungsfirma betreibt.

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21 Postings
Steve Anorizz
01
26.1.2012, 22:29

Irgendwie eine wahnsinnig treffende Analyse ... schade eigentlich. Aber gut geschrieben!

Heinz Anderle
 
00
26.1.2012, 06:40
Teil 2: Die alten und ewiggestrigen Kameraden...

... mußten sich jedenfalls keine Sorgen machen, daß da ihre Heldentaten jemals wieder aufgewärmt würden. Man brauchte sie ja, um den Furchengängern ordentlich auf den Dollfuß zu treten. Störenfriede, Nestbeschmutzer und Unruhestifter wiederum genossen wenigstens die wohlwollende Narrenfreiheit des Alten.

Die bürgerliche Presse schulmeisterte den bevorstehenden Untergang des Abendlandes herbei, und das Kleinformat staberlte vor lauter Hetz' gegen alles Neue und Fremde. Nur ein jung und frech profiliertes Magazin beschäftigte da einen Karikaturisten, der mit Feder und Pinsel das Bild des Landes entscheidend prägte:

ein Tip: "Cartoons" (1980) und "Cartoons de Luxe" (1983) von Manfred Deix - das ernüchtert vom Rausch der Verklärung!

Heinz Anderle
 
01
26.1.2012, 06:24
Aus der gleichen Generation wie der Autor muß ich dessen Sicht doch relativieren:

Zu Zeiten des Sonnenkönigs überstrahlte dessen Glanz das kleine Gelichter in seiner Partei, während die Opposition auf Zwangsdiät gesetzt war. Außerdem vertraute der Alte zu sehr auf das Gute im Menschen. Der Kronprinz nahm es ja als Säckelwart nicht so genau, und ein Mörderclown unterhielt beim Schifferlversenken derweilen die Genossen zum Narren. Das Geschäft lief jedenfalls - aus einem neutralem Land ließen sich verbotene Dinge gut in den Ostblock verkaufen.

Staatsmonopole, Verstaatlichte Industrieruinen und parteinahe Bankimperien fingen für Markt und Wettbewerb Untaugliches sicher und bequem auf, solange nur das Bücherl die richtige Farbe hatte (und in den Ländern blieben von der anderen noch genug Versorgungspfosten übrig.)

Aung San Suu Tschi
 
02
13.1.2012, 00:58
Neu ist die Schamlosigkeit & die mangelnde Qualität der postdemokratischen Elite

Klar gibt es das auch in anderen Ländern. Und klar auch, dass ein im Ausland lebender Österreicher darüber bekümmert ist, dass sich die Krake der (wirtschaftlichen, politischen, moralischen...) Korruption auch zuhause voll frisst.

Tragisch ist die Qualität bzw. Nicht-Qualität der wirtschaftlich-politischen Elite. Diese Leute sind einfach nicht GUT.

Sie sind manchmal offensichtlich verlogen, sind weder schlau noch sehr gebildet, haben entweder dubiose od. erschlichene Studienabschlüsse, keine Auslandserfahrung, können kein Englisch & vor allem nicht denken & komplexe Sachverhalte analysieren.

Jetzt gibt es sogar Parteiobere, die keinen ganzen Satz ohne Stottern herausbringen.

Damit ist "kein Staat zu machen", wir werden es daher ändern.

leser 4712
02
12.1.2012, 19:39
und was dabei besonders traurig ist

diese habgierigen, arroganten, präpotenten, machthungrigen, unwissenden und gewissenlosen politiker werden von dummen wahlberechtigten bestätigt.

Der Waehlerwille
 
70
12.1.2012, 16:25
Von auslandösterreicher zu Auslandsösterreicher.

Das alles interessiert die Welt Nüsse.

Und das aus mehreren Gründen.

Erstens ist Österreich unwichtig und interessiert kaum jemanden (es sei den Österreich liegt mal in irgendeiner statistik ganz vorne oder ganz hinten, was es praktisch nie tut)

und Zweitens .. weil alles was man an Österreich auszusetzen hat in jedem anderen Land der westlichen Welt .. auch üblich und normal ist. (was es nicht besser macht .. aber auf jeden fall ... niemanden interessiert)

newy1234
01
23.1.2012, 17:54
Ebenfalls Auslandsoesterreicher

Es mag schon sein, dass es die Welt nicht interessiert. Aber vielleicht interessiert es die Oesterreicher, die in die Welt hinausgezogen sind. Seit nunmehr 12 Jahren lebe ich im Ausland, und es interessiert mich immernoch was in dem Land in dem ich aufgewachsen bin, und meine Wurzeln habe, passiert.
Ich muss dem Leserkommentar 100% zustimmen, und ich hege auch noch die Befürchtung, dass sich diese Korruptionsmentalitaet früher oder später in der Wahl eines "starken" Mannes niederschlagen wird. Dieses mal kann man die Schuld für ein solches Ereignis zu 100% bei den Politikern suchen!

skip it
01
23.1.2012, 09:56
ihr "zweitens" is a aufg'legter schas...

...so wie in A geht's WO SONST noch zu?

danke fuer im vorhinein fuer belege ihrer aussage.

"in jedem anderen land der westlichen welt"? typisch weinerlicher austriake: "auwa de aundan aaa!" ohne beweis, auch wenn's gar net wahr ist.

Mary F.
01
12.1.2012, 14:50
Ich gebe Ortner sehr recht mit dem was er denkt und schreibt.

Jedoch ist bei diesem und vielen anderen Kommentaren nie auch nur der Funken einer Lösung unseres politischen Dilemmas zu erkennen: Wie kann man verhindern, dass nichtmehr kompetente Leute Politiker werden, sondern einfach sich nach oben schweiger und Partei-kriecher? Wie ist es so weit gekommen, dass unsere Entscheidungsträger keine "Macher" mehr sind, die sich hausverstandsmässig für die Menschen ins Zeugs legen und auch den Mut und Anstand haben vermeintlich unpopuläre - aber notwendige - Massnahmen durchzuziehn und das den Menschen zu erklären?

Die Leute werden nurmehr für blöd verkauft. Jeder der Herren in der Regierung ist nurmehr damit beschäftigt seine Länderchefs und vermeintliche Klientel zu bedienen. Wie kommt man da raus?

der schwitzbär der schwitzt sehr
01
12.1.2012, 14:15
Quo vadis?

in orcum vadimus, in orcum ... et velociter

i did it 4 the lulz
04
12.1.2012, 12:18
lesetipp zu dem thema:

colin crouch, postdemokratie
surkamp tb

freiraumXi
00
12.1.2012, 17:15
hat im Ö1 rapport

jedenfalls sehr vielversprechend geklungen, der werte herr colin crouch.

Seria
02
12.1.2012, 11:58

die mangelnde Reformfähigkeit weist deutlich auf eine Abwärtsentwicklung hin. Die Unfähigkeit der Politik, die auf den Reformunwillen des volkes populistisch reagiert beschleunigt die Abwärtsbewegung. Die Hoffnung, daß die EU zum Retter wird kann sich nicht erfüllen.
ARBEITEN ist nicht mehr "IN", das machen jetzt die Chinesen und Inder

le chat botté
012
12.1.2012, 11:26
"Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert."

Besser kann man die vorherrschende Haltung in Österreich nicht beschreiben.

Zynami
02
12.1.2012, 14:25
eher so:

... und gleichzeitig zu hoffen, dass sich NICHTS ändert."

El Vez
41
12.1.2012, 11:24

hahaha und jetzt lebt er im paradies, dem hort der demokratie, in den vereinigten arabischen emiraten. recht witzig der kerl!

El Chó
12
12.1.2012, 16:54

Na und? Weshalb sollte ihn das disqualifizieren, sich kompetent mit demokratiepolischen Fragen zu beschaeftigen? Ich lebe derzeit im machistischen Lateinamerika und buegle mir meine Hemden trotzdem selbst...

El Vez
20
12.1.2012, 17:21

weil er ein heuchler ist, deshalb!

hrainer
01
13.1.2012, 11:20
Ah!

Du kennst ihn persönlilch?

johannes schenk1
21
12.1.2012, 10:47
Irgendwie bin ich jetzt nicht schlauer.

Gut, es gab viele Skandale in letzter Zeit. Wissen wir.
Und ja, es gibt eine Menge Politiker, die nur an sich und ihre Freunde denken. Wissen wir auch.
Ist im Übrigen nicht neu und gab es schon, als man noch von dieser ominösen Insel der Seligen gesprochen hatte.
Da gibt es Kabaretnummern und kleine Filme zu diesem Thema aus den 50ern und 60ern... Großartig.

Aber in diesem Artikel ist keine Analyse, keine angedachte Maßnahme, keine neue Erkenntnis.
Es ist ein "Wutbürger-Artikel" in Reinkultur.
Ich bin wütend - das schreibe ich zusammen und schicke es dem Standard. Oder wie?

Erfreulich nur das Einsteinzitat II am Schluss. Das kannte ich noch nicht.

curieux
11
27.1.2012, 04:01
Ich weiss nicht,

von wem Sie rote Stricherln kassieren.

Ihre Bewertung des Leserkommentares teile ich vollkommen.

Geifernde Wut - Keine Lösung, nicht einmal ansatzweise.

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