Pflichtlektüre für Psychonauten

11. Jänner 2012, 17:39
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Der Berliner Künstler Thomas Zipp hat ein aktionistisches Labor zur Gedankenübertragung eingerichtet: "Beyond the Superego"

Wien - Ist Thomas Zipp ein Psychonaut? So wie Ernst Jünger und LSD-Guru Timothy Leary, die mithilfe von bewusstseinserweiternden Techniken, Meditation oder Drogen, in diese unerforschten Universen vordringen wollten. Der Berliner Künstler (geb. 1966), ein Aufsteiger am Kunstmarkt der letzten Jahre, baut komplexe, mit Malerei ausstaffierte, düster-alchimistische Installationen, die einen solchen Gedanken nahelegen: In den von Zipp geschaffenen Räumen ist es etwa nur ein Schritt zwischen Otto Hahn und Luther, zwischen dem Kernspalter und dem der Legende nach durch einem Blitzschlag "erleuchteten" Reformator, zwischen Wissenschaft, Drogenrausch und Glaube. Wahn, Vernunft, Delirium - in Zipps Kosmos ist alles von der gleichen Wertigkeit. Und so spazierten 2010 im Fridericianum in Kassel, quasi die "Normalen" durch eine vom Künstler inszenierte psychiatrische Anstalt und durften 2011 im Kunstraum Innsbruck Protagonist eines bewusstseinserweiterndes Schauspiels - eines "Ritalin-Kongresses" - werden, in der untermalt von Hammond-Orgelsound der sogenannte God Helmet präsentiert wurde: Der kanadische Neurowissenschafter Michael Persinger ist überzeugt, dass er mit Hilfe eines magnetischen Feld das simulieren kann, was im Hirn sonst bei einer mystischen Erfahrung passiert. Von Gottes- bis Nahtoderfahrung reichen die Erlebnisse der Psychonauten-Helmträger.

Die Ausstellung "Beyond the Superego" in der Galerie Krinzinger knüpft an diese beiden Projekte an und beschert ein Wiedersehen mit dem zum Missbrauch einladenden God Helmet. Diesmal ist er Teil eines Experiments zur Gedankenübertragung. Zipp, der dem White Cube normalerweise nichts abgewinnen kann, hat den Laborcharme der Weißräume für sich ausgenützt: Grelle Neonlicht-Bäume tauchen alles in ein klinisches Licht, lassen die Räume wie ein Horrorfilmset wirken: hier der teuflische Zahnarztsessel, dort der Antomiehörsaal; hier Körper, da Geist, verbunden mit Kabeln, aufgebockt wie Pipelines. Dazwischen gespenstige Gemälde auf denen maskenhafte Gesichter mit freigelegten Gehirnen an die Düsternis von Munch und die Surrealisten gemahnen. Fotos zeigen die ebenfalls maskierten Akteure, die bei den Experimenten angeblich ihren Geist verbunden haben. Ihre Hinterlassenschaften - dreckige Stiefel und Laboranzüge - lassen allerdings eher an verkörperlichte, primitive Rituale denken. Inmitten der stuckierten Salonräume wirkt das Ganze eher wie eine freudianisierte Wiener-Variante von Kubricks "Eyes Wide Shut" - einer verbotenen und irgendwie perversen Geheimloge.

Als "Mysterium", "dunkel-psychedelischer Cocktail" oder "tollkühne Sturzflüge durch die Geschichte von Wissenschaft und Wahn" werden Zipps Installationen meist wohlklingend beschrieben. Irgendwas konkretes über des Künstlers Ansinnen erfährt man jedoch nie. Und so bleibt auch die Schau bei Krinzinger mehr eine stimmungsvolles Bühnenbild, wo man alles Mögliche, etwa auch Frankensteins Monster geben könnte. Wen solches Theater fadisiert, der kann in der Zipp'schen Bibliothek zu den Stichworten Freudomarximus und Sexpol (Wilhelm Reich) nachschlagen, im Rauschdrogen-lexikon und im Handbuch der Gynäko-Psychologie schmökern oder sich C. G. Jung reinziehen. Quasi Pflichtlektüre für Psychonauten. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe/Langfassung, 12. Dezember 2012)

Bis 28. 1. verlängert
Galerie Krinzinger
Seilerstätte 16, 1010 Wien

  • Mittel der Gedankenübertragung: der God Helmet von Thomas Zipp.
    foto: galerie krinzinger

    Mittel der Gedankenübertragung: der God Helmet von Thomas Zipp.

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