"Zucht weniger auf spezielle Merkmale ausrichten"

Interview9. Jänner 2012, 19:41
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Auch Freilandhühner leiden unter Gesundheitsproblemen, sagt Hühnerexpertin Ute Knierim und spricht auch über die größten Probleme in der Eierproduktion sind und wie man sie lösen könnte

Standard: Legehennen bekommen viel Aufmerksamkeit. Ist ihre Käfighaltung so viel schlimmer als andere Arten der Massentierhaltung?

Knierim: Nein, sie ragt sicher nicht besonders hervor. Aber dieser Käfig hat natürlich Symbolkraft. Die Haltung im Käfig heißt automatisch, dass die Hennen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind und, was meiner Meinung nach noch viel schlimmer ist, dass sie ihr natürliches Verhalten nicht ausleben können, wie etwa sandbaden, fliegen oder scharren.

Standard: Haben die Hennen von der Aufmerksamkeit profitiert?

Knierim: Sicher. Die Mast von Rindern etwa ist EU-weit noch gar nicht geregelt. Es bestehen aber auch bei Legehennen immer noch sehr viele Tierschutzprobleme.

Standard: Wie zum Beispiel?

Knierim: Um wirtschaftlich zu arbeiten, müssen sehr viele Legehennen gehalten werden und es gibt einen Druck, die Haltung möglichst günstig zu machen. Nehmen wir das Beispiel Freilandhaltung: Man kann das auf viele verschiedene Arten machen. Man kann die Tiere anregen, viel hinauszugehen und ihnen häufig neue Flächen anbieten, oder man kann einfach eine Öffnung ins Gebäude machen und sagen: Wer rausgeht, geht raus, und wer nicht, nicht. Es ist natürlich billiger für den Halter, wenn die Tiere nicht so viel hinausgehen.

Standard: Tierschutzorganisationen drohen wegen des Tötens der Hahn-Küken immer wieder mit Verfassungsklagen ...

Knierim: Das ist ein ungelöstes ethisches Problem. Im deutschen Tierschutzgesetz steht eindeutig, dass ein Wirbeltier nicht ohne vernünftigen Grund getötet werden darf (steht auch im österreichischen, Anm.). Ich persönlich sehe das aber unsentimental: Auch ein Masthuhn hat kein langes Leben, es wird nach 28, 30 Tagen geschlachtet. Und die getöteten Küken werden zumindest verwertet (etwa als Tierfutter, Anm.). Was ich viel wichtiger finde: dass die Zucht weniger auf spezielle Merkmale ausgelegt wird. Wenn man das ändert, würden sich sehr viele Tierschutzprobleme von selbst lösen.

Standard: Welche?

Knierim: Nur ein Beispiel: Legehennen leiden unter Knochenschwund, weil sie so viele Eier legen und dabei jede Menge Kalk über die Schalen ausgeschieden wird. Das führt dazu, dass die Tiere am Ende der Legephase sehr leicht Brüche bekommen. Das gilt auch für Freilandhühner.

Standard: Was für Änderungen würden Sie sich für die Hühnerhaltung noch wünschen?

Knierim: Dass über spezifische Kennzeichnung von Produkten diese besser bezahlt werden und sich weiter ausbreiten können. Bei Legehühnern etwa die Haltung in Mobilställen (Freilandhaltung, bei der der Stall etwa alle 14 Tage auf einer neuen Weidefläche aufgestellt wird, Anm.). Das ist ein sehr gutes System, es ist aber arbeitsaufwändiger und viel teurer als eine normale stationäre Haltung. Man wird so sicher nicht alle Eier der Nation erzeugen, aber es wäre schön, wenn der Anteil steigt und die Leute, die es sich leisten können, dafür mehr bezahlen. (Tobias Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 10.1.2012)

Ute Knierim leitet das Institut für Nutztierethologie und Tierhaltung an der Universität Kassel. Sie hat mehrere Arbeiten zur Hennenhaltung verfasst und ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft kritische Tiermedizin.

  • Ute Knierim leitet das Institut für Nutztierethologie und Tierhaltung an der Universität Kassel.
    foto: privat

    Ute Knierim leitet das Institut für Nutztierethologie und Tierhaltung an der Universität Kassel.

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