Prominenter Moderator könnte mit neuer Partei auf Platz zwei kommen
Den Iran, die Religiösen und alle anderen Themen aus den israelischen
Schlagzeilen verdrängt hat Yair Lapid mit der Ankündigung, dass er
tatsächlich in die Politik geht. Der freundliche 48-Jährige, der wie ein
athletischerer George Clooney aussieht, ist als Fernsehmoderator,
Journalist und Autor eine populäre Figur und könnte Israels politische
Landschaft völlig umgraben.
Umfragen prophezeien einer von Lapid geführten Partei bis zu 15 Mandate
und damit eventuell den zweiten Platz. Ob das zum Sturz des
rechtskonservativen Premiers Benjamin Netanjahu reichen würde, ist
allerdings fraglich. Lapid würde das Zentrum besetzen und vor allem der
bisher größten Oppositionspartei Kadima Stimmen wegnehmen, deren
Niedergang jetzt als besiegelt gilt.
Am Freitagabend hatte Lapid noch wie jede Woche im zweiten Kanal die
quotenstärkste Fernsehnachrichtensendung moderiert. Kurz danach teilte
er mit, dass er die Funktion zurücklege. Lapid schreibt zudem auch
Kolumnen in Jediot Acharonot, der auflagenstärksten Nichtgratiszeitung
des Landes.
Genau wegen dieser Medienmacht war Lapid unter Zugzwang geraten. Es sei
unethisch, sagten Kritiker, wenn er im Hintergrund den Wechsel in die
Politik plane, zugleich aber ständig auf dem Bildschirm zu sehen sei und
als "neutraler" Moderator künftige Rivalen interviewe.
Die Entscheidung, mit der Lapid eigentlich bis kurz vor den Wahlen
warten wollte, wurde auch dadurch beschleunigt, dass die Politik ein
"Lapid-Gesetz" vorbereitete, um den gefährlichen Einsteiger zu
blockieren. Demnach dürften Journalisten erst nach einer
"Abkühlungsperiode" von mindestens einem halben Jahr ein politisches Amt
übernehmen.
Regulär sind Parlamentswahlen erst im Herbst 2013 fällig, aber es gibt
Signale dafür, dass Netanjahu sie vorziehen will. Über Lapids nahost-
oder wirtschaftspolitisches Programm ist vorläufig nicht bekannt. "Ich
weiß nicht, was seine Positionen sind", ätzte eine Kommentatorin, "nur,
dass er mit allen gut auskommen will, außer den Strengreligiösen."
In der Vergangenheit hat Lapid sich dafür ausgesprochen, dass "jeder die
Grundfächer lernt und in der Armee dient" - eine Spitze gegen das
separate Unterrichtssystem der Strengreligiösen und ihre Befreiung vom
Wehrdienst.
Schon Josseff Lapid, Yairs inzwischen verstorbener Vater, war als
prominenter Journalist in die Politik gegangen und 2003 sogar
Justizminister geworden, nachdem seine Partei mit einem scharf
antireligiösen Programm 15 Mandate errungen hatte. (DER STANDARD Printausgabe, 10.01.2012)