Marcel Hirscher überrascht mit seiner Erfolgsserie selbst Vater Ferdinand, seinen ersten Skilehrer, der ihn von jeher unterstützt
Annaberg-Lungötz/Wien - "Er ist das außenstehende, beobachtende Auge. Er schaut, ob die Sachen wirklich in die richtige Richtung gehen", sagt Marcel Hirscher (22) über Ferdinand Hirscher (56). "Genau so ist es", sagt Vater Hirscher, der sich gemeinsam mit Atomic-Servicemann Edi Unterberger um das Material - Ski, Bindung, Schuh - seines Sprösslings kümmert. "Wenn der Athlet auf einem schwierigen Hang trainiert, muss er sich auf die Torabfolge konzentrieren und kann das Material oft gar nicht beurteilen. Und ich kenne ihn ja gut", sagt Hirscher senior, der Skilehrer im salzburgerischen Annaberg-Lungötz, Dachstein West, der sich immer schon um den sportlichen Weg Marcels gekümmert hat.
Also eine Art Eislauf-Mutti? "Ich war und bin selbst leidenschaftlicher Rennläufer", antwortet Herr Hirscher auf diesen Einwurf. "Es gibt mir einen Kick, durch Tore zu fahren. Ich habe es aber nicht weit gebracht. Mir ist auch die Unterstützung abgegangen. Und da habe ich mir vorgenommen, das Talent meiner Söhne zu fördern. Das hätte nicht unbedingt das Skifahren sein müssen, ich hätte natürlich auch geholfen, wenn einer Geigenvirtuose hätte werden wollen." Ob er jetzt stolz ist auf Marcel, der 2012 alle drei Rennen gewonnen hat (zwei Slaloms, ein Riesenslalom), was zuletzt dem großen Schweden Ingemar Stenmark gelungen war, und den Gesamt-Weltcup anführt? "Ich freu mich. Der Stolz ist mir vergangen. Marcels Bruder Leon hatte das gleiche Talent, aber das Schicksal, eine Krankheit, hat alles in eine andere Richtung gelenkt. Man hat eben nicht alles selbst in der Hand."
Zudem könne man niemanden zu Spitzenleistungen zwingen. "Wenn einer schon im Training frustriert ist, wird er es nicht weit bringen." Und das sei Marcel nie gewesen. Hirscher begleitete seinen Junior durch alle Karrierephasen. "Es ist bei ihm sehr schnell gegangen vom Nachwuchs zum Europacup bis in den Weltcup, er hat viele Kurse übersprungen." Den ÖSV-Trainern ist der Trainer-Vater nicht entgangen. "Ich hab Riesenrespekt gehabt, als mich der damalige Cheftrainer Toni Giger angerufen und gebeten hat, mit Marcel zum ÖSV zu kommen zu all den Trainergrößen. Und es war nie ein Problem." Heuer ließ Vater Hirscher die Amerika-Tournee aus, bei den europäischen Rennen ist er dabei.
"Marcels Siegesserie überrascht mich", gesteht er. "Dass er eine gute Qualität hat, trifft sicher zu, aber dass es jetzt Schlag auf Schlag geht ..." Zu Slalom und Riesenslalom kann in der nächsten Zeit durchaus der Super-G dazukommen. "Aber die Abfahrt ist viel zu zeitaufwändig. Dafür ist Marcel zu jung, der Kräftehaushalt funktioniert mit 27 besser. " Der Junior führt im Gesamtweltcup, und der Senior merkt an: "Wir spekulieren nicht mit, wir schauen von Rennen zu Rennen. Der Gesamtweltcup passiert einem Läufer."
Marcel Hirscher trainiert derzeit daheim in Annaberg-Lungötz. Beim Slalom am Sonntag in Wengen tritt er wieder auf. Die Abfahrer bestreiten dort am Dienstag das erste Training für das Rennen am Samstag. Bereits am Freitag wird eine Super-Kombination gegeben. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 10. Jänner 2011)