Katar hilft französischen Jugendlichen mit Millionenkrediten, den trostlosen Ghettos der Vorstädte zu entkommen
Es herrscht Sparzeit - doch auf dieses 50-Millionen-Geschenk hätte
Frankreich gerne verzichtet. Einen Euro-Betrag in dieser Höhe investiert
das Scheichtum Katar am Persischen Golf in die französischen Vorstädte.
Jungunternehmer oder solche, die es werden wollen, können in Paris, Lyon
oder Marseille entsprechende Projekte einreichen. Obwohl die Aktion erst
seit ein paar Tagen läuft, hat die Botschaft Katars in Paris bereits 80
Lebensläufe und 150 Dossiers für Unternehmensgründungen nach Doha
weitergeleitet.
"Auf einmal ist unsere Identität kein Handikap mehr, sie wird vielmehr
aufgewertet", meint Kamel Hamza, der Vorsteher des Vereins von
Lokalpolitikern mit Immigrationshintergrund (Aneld). Der zur
bürgerlichen Sarkozy-Partei UMP gehörige Vertreter des Banlieue-Ortes La
Courneuve war Ende letzten Jahres mit Parlamentarierkollegen aller
Parteien einer Einladung nach Katar gefolgt. Dort überreichte ihnen
Scheich Hamad bin Chalifa Al-Thani einen Scheck über 50 Millionen Euro
mit der Auflage, tragfähige Banlieue-Projekte zu verwirklichen.
"Beide Seiten gewinnen"
"Das ist keine gemeinnützige Aktion oder Mäzenatentum, sondern eine für
beide Seiten gewinnbringende Investition", meint Hamza. Ein Projekt
betrifft etwa die Renovierung von Liften, die in den heruntergekommenen
Wohnsilos oft monatelang auf eine Reparatur warten.
Die französische Regierung begrüßt die Hilfe von außen offiziell als
"positives Zeichen für die Anerkennung der Talente und Kapazitäten in
diesen Volksquartieren", wie Stadtminister Maurice Leroy meint. Diese
Reaktion hat allerdings vor allem diplomatische Gründe, sieht doch
Präsident Nicolas Sarkozy Katar als wichtigen Verbündeten im Nahen
Osten.
In Wirklichkeit löst die dargebotene Hand aus Doha in Frankreich eher
verlegene Reaktionen aus. 50 Millionen Euro sind eine erkleckliche
Summe, wenn man sie mit dem Gesamtbudget des französischen Staates für
die Vorstädte - 548 Mio. Euro - vergleicht. Fast zehn Prozent der
öffentlichen Aufwendungen für die Problemzonen kommen also künftig aus
dem Ausland - in einem Land wie Frankreich, wo der Staat traditionell
eine starke Rolle spielt.
Der sozialistische Senator Claude Dilain ist deshalb gegen den
katarischen Investitionsfonds. "Das ist ein Beleg für die Spaltung
zwischen französischer Gesellschaft und den Banlieue-Gebieten, und diese
Entwicklung sollten wir nicht noch fördern", meint der frühere
Bürgermeister von Clichy-sous-Bois, wo vor Jahren eine Serie von
Banlieue-Krawallen begonnen hatte.
Der Politologe Mohamed Ali Adraoui wundert sich dagegen nicht über den
Erfolg der Aktion: "Viele Jugendliche finden trotz ihrer Diplome keine
Arbeit. Frankreich verhält sich deshalb in ihren Augen heuchlerisch. In
Katar werden sie hingegen nach ihren wirklichen Fähigkeiten beurteilt."
Die spürbare Skepsis in Frankreich gegenüber dem Vorgehen des
Scheichtums gilt allerdings auch seinen verdeckten Motiven. "Wie weit
wird Katar noch gehen?", fragt die Zeitung Le Monde. Über das Wochenende
ist in Paris bekanntgeworden, dass das Unternehmen "Qatar Sports
Investments" den ihm gehörigen Fußballklub Paris Saint-Germain (PSG) in
das große, aber häufig leerstehende Stade de France verlagern will. Das
hätte eine starke symbolische Bedeutung. Denn PSG hat einen sehr
"bürgerlichen" Ruf; sein heutiges Stammstadion im Parc des Princes liegt
im schicken Westteil der Hauptstadt. Das Stade de France befindet sich
jedoch in einer unwirtlichen Banlieue-Zone. Das würde die PSG-Anhänger
zwingen, wöchentlich in die "heißen" Vororte zu reisen. Wenn man die
mentale "Trennung" der französischen Gesellschaft aufheben möchte, wie
Dilain sagt, gäbe es allerdings kein besseres Mittel. (DER STANDARD Printausgabe, 10.1.2012)