Schuldenbremse als Segen

"Politiker tendieren dazu, nur bis zum Wahltag zu denken"

Interview | 9. Jänner 2012, 18:33
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    foto: dapd/schmidt

    Zimmermann: "Die Schuldenbremse ist die Konsequenz aus den Erfahrungen der Nachkriegszeit, dass es einfach nicht gelingt, antizyklische Fiskalpolitik zu machen."

Wirtschaftsforscher Klaus F. Zimmermann fordert Grenzen für spendable Politiker und verteidigt die Finanzmärkte

STANDARD: Die deutsche Schuldenbremse wird zum Exportschlager. Ist das eine gute Entwicklung?

Zimmermann: Ja, es wäre zu begrüßen, wenn solche Regeln in allen Grundgesetzen niedergeschrieben werden. Die Schuldenbremse ist die Konsequenz aus den Erfahrungen der Nachkriegszeit, dass es einfach nicht gelingt, antizyklische Fiskalpolitik zu machen: in Krisenzeiten Budgetdefizite zuzulassen und in guten Zeiten die Schuldenlast wieder abzubauen.

STANDARD: Warum geht das nicht?

Zimmermann: Weil Politiker dazu tendieren, nur bis zum nächsten Wahltag zu denken, und wenn es sich nur um eine Regionalwahl handelt. Ist in guten Zeiten Geld da, wird es einfach ausgegeben. Das war so in Deutschland, in der Schweiz und auch in Österreich.

STANDARD: Den großen Schuldensprung der letzten Jahre hat doch nicht die freigebige Politik, sondern die Finanzkrise ausgelöst.

Zimmermann: Die Finanzkrise hat nur ein Problem ein bisschen verschärft, das seit langem strukturell angelegt ist: dass Regierungen überall auf der Welt Erwartungen an den Staat durch immer größere kreditfinanzierte Ausgaben befriedigen wollten. Die Finanzmärkte weisen auf diese Schwächen hin. Nicht sie sind die Ursache der Krise, sondern die verfehlte Finanzpolitik der letzten Jahrzehnte und die mangelnde Bereitschaft, nach der Krise eine klares Konzept vorzulegen, wie die Schulden abzubauen sind.

STANDARD: Europa steht vor einem Wirtschaftseinbruch. Wird kollektives Schuldenbremsen nicht nur noch tiefer in die Krise führen?

Zimmermann: Die Schuldenbremse soll es Staaten ja nicht unmöglich machen, sich zu verschulden - das wäre völlig kontraproduktiv. Natürlich sind in Krisenzeiten konjunkturell bedingte Ausgaben und Einnahmenausfälle hinzunehmen.

STANDARD: Raubt die Schuldenbremse diesen Spielraum nicht?

Zimmermann: Das kommt darauf an, wie man das genau anlegt. Wichtig ist dabei, das Defizit in ein strukturell-langfristiges und in ein konjunkturbedingtes aufzuschlüsseln - Letzteres muss zugelassen werden. Diese Möglichkeit räumt auch die europäische Vertragssituation ein. Nur müssen Schulden und Defizit wieder auf ein langfristig tragbares Niveau zurückgeführt werden. Damit dieser Ausgleich nicht auf der Strecke bleibt, braucht es die Schuldenbremse in der Verfassung.

STANDARD: Was, wenn Österreichs Regierung dafür keine Mehrheit im Parlament findet?

Zimmermann: Dann gerät auch Österreich in Gefahr, Opfer der Finanzmärkte zu werden.

STANDARD: Spanien hat die Einführung der Schuldenbremse diesbezüglich aber nichts genützt.

Zimmermann: Natürlich geht es um das gesamte Paket. Die eine oder andere Aufregung mag da etwas diffus sein, zumal Spanien zwar eine hohes Defizit, aber keinen hohen Schuldenstand hat. Im Prinzip wissen aber auch die Finanzmärkte, dass die Schuldenkrise nur auf lange Sicht gelöst werden kann. Die Staaten müssen klarmachen, wie die Situation in der Zukunft aussieht. Da ist die Schuldenbremse ein wichtiges Signal.

STANDARD: Eine Gretchenfrage lautet: Sparen oder Steuern erhöhen?

Zimmermann: Ohne Steuererhöhungen wird es nicht gehen, weil Ausgabensenkungen nicht so einfach sind und mitunter lange dauern. Es gibt ja auch Staatsausgaben, die Wachstum fördern. Häufig werden etwa die Förderungen für Hochschulen gestrichen. Doch das ist kontraproduktiv. (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 10.1.2012)

KLAUS F. ZIMMERMANN (59) ist Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und leitete zuvor das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.

Wissen: Streitobjekt Schuldenbremse

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10 Postings
amused8
12
10.1.2012, 12:52
Zitat: ..."Die Finanzmärkte weisen auf diese Schwächen hin. Nicht sie sind die Ursache der Krise..." ==> der Mann ist nicht ernst zu nehmen.

Bei solch falschen Analysen - er ist keineswegs der einzige - ist es kein Wunder, dass die Euro-Zone, auch durch sogenannte Sparpakete, immer mehr in Rezession und wirtschaftlichen Abstieg verfällt. Schuldenrückzahlung ist dann erst recht nicht möglich.

Thomas Fricke, FTD:

Natürlich eine Bankenkrise. Kleine Erinnerung: Als 2007 Banken zu kollabieren begannen, lag das Staatsdefizit im Euro-Raum bei mickrigen 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Gesamtschuldenquote war seit Euro-Start um zehn Prozentpunkte gesunken, in Italien sogar um 17. In 21 von 35 entwickelten Industrieländern gabs damals Etatüberschüsse.

http://www.ftd.de/politik/i... 18835.html

rubinek
00
10.1.2012, 13:20

naja, man muss aber zu deinem letzten Absatz dazu sagen, das es auch eine Immoblase gegeben hat (bzw. in manchen ländern immer noch gibt)

Die USA konnten auch z.b noch sehr viel aus Europa einkaufen was die bilanzen vieler länder verbessert hat. Vieles von ihrem Geld war jedoch schon damals nicht erwirtschaftet sondern nur ungedeckter pump auf kosten der bankbilanzen weltweit (vor allem Europaweit, weil unsere den junk gekauft haben)

das wachstum in Spanien ist auch zu einem großen Teil auf den Bauboom zurückzuführen gewesen.

amused8
02
11.1.2012, 18:12

Klar Immoblase. Das zeigt ja, dass die freien Märkte nicht funktionieren. Das Hauptgeschäft der Banken ist Kreditvergabe. Und so wie ein Autoverkäufer so viele Autos wie möglich verkaufen will, wollen die Banken Kredite vergeben. Autoverkauf hat aber kaum unerwüschte Feedbacks. Ganz im Gegensatz zur Blasenbildung durch übermäßige Kreditvergabe. Wo bleibt hier das Risikomanagement? Nach Platzen der Kreditblase - das "verdiente" Geld ist längst an die Manager (Boni) und die Shareholder der Banken gegangen - müssen die Banken von den Staaten gerettet werden (siehe Spanien, UK, Irland usw..). Dann kommen solche "Analysten" wie Zimmermann, die von übergroßer Staatsverschuldung schwafeln....

Andreas Prucha
00
11.1.2012, 10:20

Jo eh - aber gerade das dauernde Entstehen von Blasen zeigt doch, wie weltfremd die Markt-Fanatiker sind.

Bergdolm
10
10.1.2012, 11:31
"Weil Politiker dazu tendieren, nur bis zum nächsten Wahltag zu denken"

.
Die Symbiose Politiker-Wähler beweist - leider -, dass Demokratie auch nicht optimal ist.

Eine Demokratie funktioniert eben nur mit reifen und denkenden Teilnehmern.

Politiker müssen, um (wieder)gewählt zu werden, eine "populistische" Politik machen.

"Populistisch" steht aber oft im krassen Widerspruch zu "vernünftig".

Alle, die nach mehr Demokratie oder gar nach mehr "direkter Demokratie" rufen, sollten einmal drüber nachdenken.

"Demokratie" ist zwar die beste aller Staatsformen, wenn aber schwache Personen an der - gewählten - Führung sind, kann sie auch keine Wunder wirken.
Mitunter agieren andere Formen - mit guten Kräften - zumindest kurzfristig sogar weitsichtiger.

Zuviel Demokratie in Krisenzeiten ist nicht unproblematisch.

benutzername unbekannt
23
märchenstunde

Wieder ein experte, der uns erzählt wir hätten über unsere verhältnisse gelebt und müssten deshalb jetzt den gürtel enger schnallen.
Tatsache ist, vor der finanzkrise waren die haushalte in der eurozone mit 0,6% defizit fast ausgeglichen! Erst im zuge der krise schoss die verschuldung in kürzester zeit auf 7% hoch und der schuldenstand kletterte um ganze 20 prozentpunkte. Tatsache ist auch, dass seit anfang der 90er jahre die verschuldungsquoten in europa kontinuierlich zurück gingen. Berg ab ging es erst als jemand auf die idee kam die milliardenverluste der banken zu sozialisieren.
Das soll man ruhig aussprechen.
http://old.atterres.org/?q=node/13&page=2

pluralis modestatis
01
10.1.2012, 08:01
Märchenstunde ?

http://de.wikipedia.org/w/index.p... 0724182051

Die Historie zeigt, dass die Eurozone schon 2003 und 2004 3,1 bzw. 2,9 Prozent Defizit aufweist.

benutzername unbekannt
13
10.1.2012, 11:32

Allerdings nur weil kurz zuvor die dot.com blase geplatzt war. Der langjährige trend ging klar in richtung ausgeglichene budgets und niedrigere schulden. http://www.ecb.int/press/key... 07.en.html (figure 2 ganz unten)

Wie würde wohl die grafik ausschauen, wenn es keine finanzkrisen gegeben hätte? Was ich sagen möchte ist, wenn wir das grundproblem der finanzkrisen nicht in den griff bekommen, dann können wir uns noch so anstrengen, wir werden doch in der nächsten krise wieder um jahre zurückgeworfen.

Prof. Alois
 
33
Das Problem schön ausgedrückt

Wer nicht tief verschuldet ist, dem k önnen die Finanzmärkte nichts anhaben. Und Ratingagenturen können hupfen im Quadrat: Wo keine übermäßigen Schulden, übernehmen nicht andere das Ruder.

Der Schuldensozialismus ist gestorben. Mich wundert immer wieder, wie hartnäckig das Schuldenwesen verteidigt wird. Meine Vermutung ist: Ganze Generationen glauben bei uns an Kreisky nach Art einer Religion. Davon kann man sich nicht einfach so lossagen, sage auch die Vernunft ganz was anderes.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
11
EBEN!SO ghört des.

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