"Man" meint nicht alle

10. Jänner 2012, 19:39
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Ein Wissenschaftsblog seziert genauestens und mit kühlem Kopf ein Thema, das selten unaufgeregt debattiert wird, und erklärt, warum die männliche Form für alle schlichtweg falsch ist

Es ist ein feministischer Dauerbrenner, der allerdings nicht nur Frauen betrifft. Das Thema diskriminierender Sprache beschäftigt auch Menschen mit Migrationshintergrund (vormals "Ausländer") und Menschen mit Behinderung (vormals "Behinderte"). Doch vor allem jene, die durch ihre gesprochene oder geschriebene Sprache auf die geschlechterdiskriminierende Dimension von Sprache hinweisen, sind noch immer Ziel von Häme und besserwisserischen Hinweisen auf die Fehlerhaftigkeit des Gesagten oder Geschriebenen.

Denn das "generische Maskulinum", so meinen noch immer viele, verankere im Deutschen die Regelung, dass für gemischtgeschlechtliche Gruppen das Maskulinum korrekt ist - da wüssten schon alle Bescheid, dass alle gemeint sind.

Und wie sie kann

Mit einer wasserdichten Argumentation führte kürzlich der deutsche Wissenschaftsblogger und Professor für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg Anatol Stefanowitsch überzeugend aus, dass das schlichtweg falsch ist. Dazu zog er einige interessante Studien zum Thema heran. Angestoßen wurde die zur Abwechslung einmal nicht von Feministinnen durchgeführten Betrachtung von Geschlecht in der Sprache durch eine Podiumsdiskussion über "Wort und Wirklichkeit. Kann Sprache diskriminieren?" - eine Frage, die die feministische Sprachkritik bereits seit 40 Jahren immer wieder ausführlich und deutlich mit Ja beantwortet. Auch Stefanowitsch findet darauf eine klare Antwort: "Sprache 'kann' nicht nur diskriminieren, Sprache diskriminiert."

Denn Sprache unterscheidet, das ist eine ihrer wesentlichen Funktionen, so der Fachmann. Sie tut dies allerdings nicht immer wertneutral. Das mag vielleicht beispielsweise bei "Stuhl" versus "Hocker" noch gelingen. Bei vielen anderen Begriffen, natürlich auch bei "Mann" und "Frau", werden "zusätzliche semantische Eigenschaften" beigemischt und in der Folge naturalisiert, schreibt Stefanowitsch.

Sprachliche Unterscheidungen gehen also alles andere als neutral vonstatten, dennoch sind die (mehr oder weniger versteckten) Bewertungen so selbstverständlich und allgegenwärtig, dass sich nur wenige von ihrer Existenz überzeugen lassen. Erstaunlich eigentlich angesichts der vielen Beispiele, sei es die große Auswahl an Schimpfwörtern, die auf das weibliche Geschlecht rekurrieren (Tussi, Schlampe, Fotze usw.), oder die Möglichkeit, Männer zu diskreditieren, indem sie als Frauen angesprochen werden (etwa eine schwächelnde Gruppe von Sportlern als "Ladies" oder "Mädchen" anzusprechen).

Obwohl begriffliche Unterscheidung auch Diskriminierung bedeuten kann, bleibt sie für die politische Agitation unerlässlich. Denn die bewusste sprachliche Differenzierung hat auch emanzipatorischen Charakter, daher weisen Feministinnen auch hartnäckig darauf hin, dass Frauen nicht nur implizit benannt werden wollen.

Hartnäckige Widerstände

In diesem Sinne wandte Stefanowitsch sich in seinem Folgeblog den äußerst hartnäckigen Widerständen gegen die sprachliche Berücksichtigung von Frauen zu, die weitgehend bekannt sind: Das "generische Maskulinum" wird als Fakt bezeichnet, des Weiteren würde die Berücksichtigung von Frauen - egal in welcher Form - Lesbarkeit wie Verständlichkeit beeinträchtigen.

Beiden Einwänden stellt der Blog solide Studien gegenüber, die das Gegenteil beweisen. In einer Studie aus dem Jahr 2008 wurde die Interpretation von Sätzen untersucht. Es sollte herausgefunden werden, ob die LeserInnen tatsächlich an Männer UND Frauen denken, wenn nur die männliche Form benutzt wird. Die ProbandInnen sollten von einem Satz einen möglichen Folgesatz ableiten, dabei wurde die Reaktionszeit untersucht und die Frage, welcher Satz als Folgesatz ausgewählt wurde. Das Ergebnis war deutlich: Sätzen, in denen nur die männliche Form verwendet wurde, wurden Folgesätze, in denen auch Frauen vorkamen, weniger oft zugeordnet. Laut Blog lautete der erste Satz "Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof", die von den ProbandInnen auszuwählenden möglichen Folgesätze lauteten "Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere Frauen keine Jacke" und "Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere Männer keine Jacke".

Stereotypitätseffekte

Die ProbandInnen sprachen entweder Französisch, Deutsch oder Englisch. Während im Englischen, das ohne grammatisches Geschlecht auskommt, die Wahl der möglichen Folgesätze aufgrund bestimmter Berufsgruppen, die eher Männern oder eher Frauen zugeordnet werden, erfolgte (sogenannte Stereotypitätseffekte), sah es in den Sprachen mit grammatischem Geschlecht anders aus: Der Stereotypitätseffekt fehlte, stattdessen wurde die Reaktionszeit vor allem durch das grammatische Geschlecht beeinflusst: Wurde im ersten Satz nur das Maskulinum verwendet, wurde der zweite mögliche Folgesatz ("Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere Männer keine Jacke") signifikant häufiger und schneller gewählt. "Das zeigt, dass die generische Interpretation nicht spontan erfolgte, sondern erst nach einer Art strategischem Umdenken", folgert Stefanowitsch.

Dass wir alle wüssten, dass auch Frauen gemeint sind, muss als Argument für den universalen Einsatz der männlichen Form somit gestrichen werden. Und auch zugunsten der "Lesbarkeit" und "Verständlichkeit" muss nicht auf das Maskulinum zurückgegriffen werden, auch dazu stellt der Blog ein klares Studienergebnis vor.

Unverständlich, aber besser gemerkt?

Bei einem Versuch mit drei Gruppen von Versuchspersonen wurden Beipackzettel in drei Varianten vorgelegt: neutral, mit Beidnennung (also Patient und Patientin) und mit "generischem Maskulinum". Dann wurde die Erinnerung gemessen und der Umstand, ob die Versuchspersonen den Text verständlich bzw. lesbar fanden. Die Erinnerung an das Gelesene ist eine objektive Kategorie, die Einschätzung der Versuchspersonen über Lesbarkeit und Verständlichkeit eine subjektive. Interessant ist, dass bei diesem Versuch die subjektive Einschätzung über das Verständnis mit der Erinnerung kollidiert: Männer erinnerten sich an die Information mit der Beidnennung besser, bewerteten sie aber bei "Lesbarkeit" und "Verständlichkeit" schlecht. Was diese subjektive Kategorie betrifft, bewerteten Männer das "generische Maskulinum" besser, obwohl sie sich an diese Version schlechter erinnerten.

Zwei wichtige Argumente von GegnerInnen geschlechtergerechter Sprache wurden mit den Studien klar widerlegt. Was allerdings dem Frauen negierenden Sprachgebrauch auch weiterhin keinen Abbruch tun wird. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 11.1.2012)

Zu den Blogeinträgen mit den Angaben zu den Studien:

  • Bild nicht mehr verfügbar

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