Schuldenbremse als Gefahr

"Diese Idee wird noch viel Schaden anrichten"

Interview | 9. Jänner 2012, 19:05
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    Truger: "Der größere Spielraum, den sich die deutsche Regierung erschlichen hat, zeigt, dass die Regierung der großartigen Idee der Schuldenbremse selbst nicht traut."

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    Keine Vollbremsung ohne Bremsspuren: Der Schuldenabbau geht nicht ohne Reibungen über die Bühne - die Gewerkschaften wollen No-go-Areas abstecken.

Ökonom Achim Truger warnt vor politischer Entmündigung, "lächerlichen" Erwartungen und einer tiefen Wirtschaftskrise

STANDARD: Österreich soll wie die ganze EU die deutsche Schuldenbremse übernehmen. Erfreulich?

Truger: Nein, das ist keine gute Nachricht. Diese Idee wird noch viel Schaden anrichten.

STANDARD: Wieso?

Truger: Europa droht ein Konjunktureinbruch, doch die Pläne zum Abbau der Budgetdefizite nehmen darauf keine Rücksicht. Dieser Kurs ist für ein Land allein schon schlimm genug, aber schlicht katastrophal, wenn er für die gesamte EU verordnet wird. Das Prinzip "So schnell wie möglich, so hart wie möglich" droht den Euroraum in eine tiefe Rezession zu stürzen, gefolgt von jahrelanger Stagnation. Statt simultan in die Krise hineinzusparen, müssten die EU-Staaten das Wachstum mit Investitionen stimulieren.

STANDARD: Entscheidend für die Schuldenbremse ist das strukturelle Defizit, aus dem Konjunkturschwankungen rausgerechnet werden sollen. Ist der Spielraum zum Gegensteuern da nicht groß genug?

Truger: Eben nicht, dieser Spielraum ist schnell weg. Das Defizit wird nach undurchsichtigen Verfahren berechnet, die auf statistischen Trends basieren und den Nachteil haben, dass konjunkturbedingte Einbrüche sehr rasch als strukturell interpretiert werden. Nach zwei, drei Jahren Stagnation wird eine Politik, die auf die Konjunktur Rücksicht nimmt, fast unmöglich. Man begibt sich in die Hand eines statistischen Verfahrens und verliert jeden Einfluss.

STANDARD: Fährt Deutschland mit der Schuldenbremse nicht gut?

Truger: Die deutsche Regierung hat sich doch selbst mit Budgettricksereien größeren Spielraum erschlichen. Das war sinnvoll, damit der Sparkurs nicht noch schärfer ausfiel - zeigt aber, dass die Regierung der großartigen Idee der Schuldenbremse selbst nicht traut. Nein, Deutschland taugt nicht als leuchtendes Beispiel.

STANDARD: Das Vertrauen der Finanzmärkte hat Deutschland.

Truger: Aber nicht wegen der Schuldenbremse, sondern weil Schulden und Defizite im Rahmen sind, riesige Leistungsbilanzüberschüsse bestehen und die wirtschaftliche Lage relativ gut war. Es ist lächerlich, zu glauben, dass institutionelle Schuldengrenzen eine Marktpanik beenden - das kann nur die Europäische Zentralbank, indem sie eine Garantie für die Eurostaaten signalisiert. Österreich sollte sich von dieser Panik nicht treiben lassen.

STANDARD: Sondern?

Truger: Wenn Österreichs Regierung glaubt, eine Schuldenbremse zu brauchen, dann sollte sie wenigstens nichts überstürzen: Sie sollte den Defizitabbau zeitlich strecken und nicht panisch schon dieses Jahr große Kürzungen vornehmen, um willkürliche Limits zu erreichen. Am besten wäre aber, die starken EU-Länder fahren einen abgestimmten, investitionsfreundlichen Budgetkurs, um die schwachen mitzuziehen.

STANDARD: Konjunkturschonender Schuldenabbau ist nicht möglich?

Truger: Natürlich gibt es Unterschiede. Einnahmenseitige Maßnahmen schaden dem Wachstum im Schnitt nur halb so stark wie Einsparungen. Wenn man dann noch die hohen Einkommen trifft, die zu einem großen Teil gespart werden, wird der Effekt auf die Wirtschaft relativ gering sein.

STANDARD: Defizite aus schlechten Zeiten würden später nie abgebaut, sagen die Schuldenbremsen-Fans - deshalb brauche es Zwang.

Truger: Das Argument stimmt einfach nicht. Im Aufschwung von 2006 bis 2008 hat Deutschland ein Defizit von über drei Prozent in einen leichten Überschuss verwandelt - ganz ohne Schuldenbremse. (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 10.1.2012)

ACHIM TRUGER (42) ist Finanzexperte am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in Düsseldorf.

Wissen: Streitobjekt Schuldenbremse

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 254
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adventurer
00
12.1.2012, 18:30
Typische DINKS-Denke(doubleIncomenokids)

Wenn man sich die Vita dieser Permanent Deficit Spender und Gelddruckmaschinenanwerfer ansieht, sind es mehrheitlich DINKS. Die in vollkommenenr Egomanie sagen: Hauptsache mir gehts guat und auf alles andare hau i den Huat. Mit anderen Worten: die Kinder der Blöden, die sich noch welche zulegen, sollen sehen wie sie zurecht kommen und unsere Schulden tilgen.

teelose party
06
10.1.2012, 17:06

einige das postings hier machen es einmal mehr besonders deutlich: es ist ein drama, dass volkswirtschaft etwas komplizierter ist und gleichzeitig soviele mythen (etwa über die "schwäbische hausfrau") verbreitet werden ..

somit glauben sämtliche hobbyökonomen die wirtschaft zu verstehen, und halten sich für besonders kompetent, indem sie ständig irgendwelche neoliberalen propaganda-stehsätze wiederkäuen ..

schlimm ist, dass sich die leute somit in den dienst der interessen einer sehr schmalen elite stellen, weil sie die größeren zusammenhänge nicht überblicken.

DarktowerX
00
17.1.2012, 10:29

Gerade das Spiel mit der Komplexität dient auch als Immunisierung der ökonomischen Modelle gegen Kritik von außen. "Das verstehen sie nicht, ich sage ihnen, was das Richtige ist" - so kann man leicht Sparpakete und unglaubliche Vermögensdifferenzen zwischen den Akteuren am Markt rechtfertigen. Natürlich ist innerhalb des System alles rational. Auch innerhalb eines Märchens sind die Zauberkräfte der guten Fee rational. Das sagt aber nichts über die Sinnhaftigkeit des System an sich aus.

Andreas Prucha
01
10.1.2012, 21:25

Das eigentliche Drama ist, dass nicht nur Hobbyökonomen so denken, sondern auch einige akademisch ausgebildeten Ökonomen. Ich hab den Eindruck das Meinungsspektrum ist bei denen ähnlich denen der Postergemeinde. Und was die neoliberale Propaganda betrifft: Auch da gibts gewisse "Schulen".

Standard deviation
01
10.1.2012, 16:20
Was Truger für D. in Abrede stellt ....

in Ö. war es Realität. Man hat in mageren Jahren
Defizit-Spending betrieben und in fetten Jahren
EBENSO. So hat sich das Keynes aber nicht gedacht.

Ghettoblaster
11
10.1.2012, 15:39
Lieber Ökonom,

sind die 8 Milliarden Euro jährlich nicht genug, die der Staat den Banken an Zinsen für seine Verbindlichkeit zahlt? Das ist immerhin knapp 1000,-- pro Kopf. Diese Sklavensteuer nicht hoch genug?

Lobbyist
01
10.1.2012, 14:24
Einfache Wahrheiten

Die Summe aller Vermögen ist immer gleich groß wie die Summe aller Schulden.
Der Saldo der Leistungsbilanz-Überschüsse und der Leistungsbilanz-Defizite ist immer NULL.
Fazit: In einer Währungszone (also ohne die Möglichkeit auf- und abzuwerten) sind dauerhafte Überschüsse genauso schädlich wie dauerhafte Defizite, beide Seiten bedingen also einander.
Hieraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen, werden Überschussländer wie z.B. Deutschland (abgeschwächt auch Austria) aber verhindern, denn dies stellt ihr "Geschäftsmodell" in Frage. Nur anders ist aber eine gemeinsame Währungsunion auf Dauer nicht zu machen.

Harald Bruckner
11
10.1.2012, 14:19
Ist doch eine einfache Logik

Mittelfristig muss eine Bilanz ausgeglichen sein, oder ich gehe Pleite, bzw. bekomme keine weiteren Kredite. Das mit Wirtschaft ankurbeln über Konsum-Schulden ist gedankenlose Rederei.

happytechno
00
11.1.2012, 19:26

haha! Unternehmen sind mit über 300% des Bip in der Kreide! Eigenkapital von über 30% wird als zuviel angesehen, da man für Fremdkapital meist weniger Zinsen zahlen muss als Rendite fürs Eigenkapital

Andreas Prucha
01
10.1.2012, 15:12

Problematisch ists, wenn das Geld für die "Ankurbelungen" nicht auch Zeitweise mit Steuern zurückgeholt wird. Wirklich gefährlich wirds, wenn dann irgendwer auf die Idee kommt durch Steuersenkungen mehr Steuereinnahmen zu generieren. Das funktioniert immer nur kurzfristig.

mayflower2
00
10.1.2012, 13:46

Schuldenbremse = Pensionserhöhung,Dezember 2012 :
Wir würden ja gerne,geht leider nicht
wir haben ja die Schuldenremse.

Lohnverhandlungen öffent.Dienst.
Siehe oben.usw.usf.

Cyberroland
01
10.1.2012, 13:32
Verwaschene Fragestellung

Es wäre hoch an der Zeit, die Fragestellung zum Thema "Schuldenbremse" seriös aufzusplitten. Ad 1 geht es darum, ob die finanzielle Situation einzelner EU Staaten so schlecht ist, dass die Defizite mit Sparprogrammen massiv reduziert werden müssen. Dies ist (der inneren Logik der Finanzmärkte und Ratingagenturen gehorchend) bei den meisten Ländern wohl der Fall. Ad 2 geht es aber um die prinzipielle Frage, ob eine Schuldenbremse in den Verfassungsrang gehoben werden soll. Da bin ich strikt dagegen! Warum soll ein Staat seinen wirtschaftspolitischen Spielraum für lange Zeit künstlich noch mehr einschränken, nur um dubiosen Ratingagenturen ein symbolisches Zeichen zu übermitteln?

Harald Bruckner
10
10.1.2012, 14:13
wegen der Rechte

einer kommenden Generation. Es ist einfach nicht fair Schulden im Namen unserer Kinder zu machen.
Ich nehme mir ja auch keinen Kredit auf Ihre Kosten.

happytechno
10
11.1.2012, 19:29

ich nehme an, sie haben auch kein auto, fliegen nicht und beziehen nur ökostrom?

Andreas Prucha
02
10.1.2012, 15:20

Dann muss ma aber ehrlicherweise dazusagen, dass der nächsten Generation auch weniger Geld-Vermögen hinterlassen werden. Geld-Schulden-Abbau geht nicht ohne Geld-Vermögens-Abbau. Geld wie wir es haben ist ja (leider?) grösstenteils nicht etwas, was wenns einmal da ist immer da bleibt und nur den Besitzer wechselt. Geld entsteht durch Schulden und verschwindet bei Schuldenrückzahlung (was natürlich die verbleibenden Zinszahlungen der Restschulden immer mehr erschwert)

Ritzi
 
00
10.1.2012, 14:30
Allerdings liegt der Fall hier doch etwas anders.

Eine Privatperson stirbt irgendwann, deshalb möchten die Gläubiger ihr Geld zurück bevor die Person ex geht da das Geld dann halt weg ist wenn der Erbe die Annahme desselben verweigert.

Staaten sterben aber eher selten, und eine neue Regierung übernimmt automatisch die Schulden der alten - daher gibt es diese Probleme für die Gläubiger nicht, es ist also nicht notwendig die Schulden in einem relativ kurzen Zeitraum zurückzuzahlen. Wenn also die Neuverschuldung immer niedriger ist als die Inflation bedeutet das eine (zugegebenermaßen sehr langsame) Entschuldung. Jedes Jahr 1% Neuverschuldung (auf den Schuldenstand bezogen) und 3% Inflation = in 5000 Jahren Schulden in Höhe einer Wurstsemmel, die kostet dann halt entsprechend viel...

Harald Bruckner
00
10.1.2012, 16:36
genau das Problem!

Griechenland stirbt gerade - wird seine Schulden nich bezahlen können und die Gläubiger pochen an die Tür.

wahnsinn mit methode
00
10.1.2012, 18:29
wie hoch ist gleich die haftung Österreichs für Griechenland?

von was soll das eigentlich bezahlt werden, wenn die haftung fällig wird? vom sparpaket?

Andreas Prucha
01
10.1.2012, 16:51
Ob Griechenland die Schulden bezahlen kann oder pleite geht (stirbt) ist letztendlich (auch) eine politische Entscheidung.

Wenn ein Staat geldpolitisch unabhängig ist - sprich eine eigene Zentralbank und Währung hat - besteht in einem gewissen Rahmen die Möglichkeit der Staatsfinanzierung durch die Notenbank. Solang der Staat nicht zu viele Fremdwährungsschulden hat geht das (siehe USA, Japan, Uk, etc).

Griechenland hat die Möglichkeit aber nicht, weil die EZB natürlich für alle da ist, und die Staaten unterschiedliche Interessen und politische Einstellungen haben. Für Deutschland ist Geld drucken nahezu dogmatisch-religiös was gaaanz böses. Aber natürlich ists auch eine Frage der Fairness. Also keine keine leichte Frage. Wie die ausgeht hängt wahrscheinlich in erster Linie mit den befürchteten Folgewirkungen zusammen.

Phaidros der Dritte
03
10.1.2012, 14:19
Kredit auf Kosten der kommenden Generation

Das sehe ich schon etwas differenzierter. So macht es meiner Meinung nach schon Sinn langfristig nutzbare Projekte (Autobahn, Eisenbahn, Universität, Krankenhäuser, Schulen, ....) welche über Generationen hinweg verwendet werden können, auch entsprechend generationenübergreifend zu finanzieren.

Harald Bruckner
00
10.1.2012, 16:32
Falsche Bilanz!

Diesen Werten stehen sowohl Einnahmen als auch Werte in der Bilanz gegenüber. Somit sind das nicht die Defizitverursacher, sondern im Gegegenteil Einnahmequellen.

Andreas Prucha
00
10.1.2012, 16:55

Es geht ging um die Finanzierung dieser Investitionen über mehrere Generationen. Und ob diese Investitionen tatsächlich direkt genug Einnahmen bringen ist fraglich. Letztendlich gibts in einem Staat nur eine wirkliche Einnahmequelle: Steuern.

Susi Wolf
03
10.1.2012, 13:26
Und noch ein Ökonom, der uns weismachen möchte, dass sich alle Probleme durch Wirtschaftswachstum lösen ließen....

der Schein des Herrn Truger trügt: wenn wir ohnehin von allem schon zu viel haben, geht das Prinzip "Mehr desselben" in die falsche Richtung!

Noch schlimmer: Alle Systeme, die Wachstum zwingend zu ihrem eigenen Fortbestand brauchen, gehen schon an dieser Bedingung in the long run zugrunde. Dabei ist es egal ob es sich um Krebs (Zellen wollen sich ungebremst vermehren), Pyramidenspiele ("Alle gewinnen" (?) durch ewiges Wachstum) oder Wachstumsblasen-Ökonomie handelt!

Oder sagen wirs so: Der Truger glaubt doch tatsächlich, dass es sowas wie nachhaltiges Wachstum gibt! Der hat wohl in seinen Ökonomievorlesungen zu viel von dem Märchen, dass Bäume in den Himmel wachsen können, inhaliert.

Lobbyist
110
10.1.2012, 13:12
Über die Ursachen von Krise und Schulden

Die schwerste Weltwirtschaftskrise seit 80 Jahren – und als Folge die „Euro-Krise“ – ist durch eine neoliberale Umverteilung von Einkommen und Vermögen verursacht worden. Die Konsequenz: Überall verfielen die Lohn-, stiegen die Profitquoten. Eine immer geringere Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern, die einherging mit hoher Arbeitslosigkeit und wachsender Armut, musste, um das kapitalistische Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten, durch Staatsnachfrage und Sozialleistungen sowie durch Privatkredite kompensiert werden. So stiegen parallel sowohl hochkonzentrierte Vermögen als auch die Schulden nicht nur der öffentlichen Haushalte unaufhaltsam an.

wahnsinn mit methode
00
10.1.2012, 18:25

ich nehme einmal an, den höchsten schuldenberg hat uns das bankenrettungspaket beschert. die regierung hüllt sich darüber in schweigen, wieviel geld an die banken tatsächlich geflossen ist und wieviel zurückgezahlt wurde bzw. niemals zurückgezahlt wedrden muss, wenn die banken rote zahlen schreiben. ich finde, es wäre notwendig, über diese art von schulden, einmal die karten auf den tisch zu legen, herr fayman & spindelegger!

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