Wider die Inhumanität: Die Korrespondenz zwischen Heinrich Böll und Lew Kopelew
Wien - Heinrich Böll und der fünf Jahre ältere Lew Kopelew kannten einander seit den frühen 1960er-Jahren. Den Literaturnobelpreisträger aus Köln und den russischen Germanisten und Schriftsteller aus Moskau verband von Anfang an eine von Jahr zu Jahr wachsende enge Freundschaft, in die auch Annemarie Böll und Raissa Orlowa einbezogen waren. Mehr als zwanzig Jahre lang korrespondierten die beiden Paare miteinander, vorbei an der Moskauer Zensur, häufig übermittelt durch die Hilfe von Journalisten und Diplomaten, die als Kuriere fungierten.
Dieser einzigartige Briefwechsel galt aber längst nicht nur dem geistigen Austausch, dem wechselseitigen Verständnis ihrer literarischen Produktion. Dominiert wurde er in diesen Jahren durch das gegenseitige Informieren über die innenpolitischen Verhältnisse in Russland und der alten Bundesrepublik. Beide - Böll wie Kopelew - einte in dieser Beziehung die Erfahrung der Dissidenz.
Leiden unter der Zensur
Böll litt vor allem nach 1968 unter der von ihm als medialen Hetzjagd empfundenen Kritik an seiner politischen und publizistischen Position; Kopelew an den Arbeitsverhältnissen unter der Zensur und den Beschränkungen seiner Bewegungsfreiheit. Beide einte vor allem aber die Erinnerung an den Weltkrieg und der feste Wille zur Aussöhnung zwischen Russen und Deutschen. Niemand aus unserer Zeit hat für dieses Ziel mehr gelitten und gearbeitet als Böll und Kopelew, der den Freund "Hein" (Böll starb am 16. Juli 1985 in seinem Eifeler Domizil in Langenbroich) um 13 Jahre überlebt hat.
Ein privater Tonfall
Der Briefwechsel, der jetzt vom Steidl-Verlag vorgelegt wird und zu dem der Osteuropaexperte Karl Schlögel einen fulminanten Essay beigesteuert hat, geht indes über die politische Erörterung einer uns heute fern und entlegen erscheinenden Epoche des Kalten Krieges hinaus. Der sehr private, persönliche Ton, in dem sich Böll und Kopelew hier begegnen, wird von einer Herzlichkeit bestimmt, die ihresgleichen sucht.
Vom "lieben Heinrich" und "lieben Lew" geht es bald über zu "Lieber Hein" und "Lieber Ljowa", und in den letzten Jahren, in denen Böll und Kopelew mit diverseren Krankheiten und Operationen zu kämpfen hatten, verabschieden sich die Briefpartner häufig mit "Dein uralter Hein" und "Dein uralter Lew". Und beide nehmen mit ihren Frauen intensiv Anteil am Schicksal der Familienangehörigen; kein Brief von Kopelew, der sich nicht nach dem Vorwärtskommen von Bölls Kindern erkundigt. Böll seinerseits sorgt sich nachhaltig um die Probleme der russischen Dissidenten, versucht jede Bitte des Freundes im fernen Moskau um Medikamente und Fürsprache nachzukommen.
Deutlich wird aber auch, unter welch enormer Belastung Böll solche von ihm als verpflichtend angesehene Verantwortung zu erfüllen sucht. 1981 werden die Kopelews von den sowjetischen Behörden ausgebürgert und ziehen nach Köln, das ihnen zur zweiten Heimat wird. Für Kopelew, den ehemaligen Major der Roten Armee, der wegen "Mitleid mit dem Feind" fast zehn Jahre in Gefängnis und Gulag verbringen musste, war dies trotz alledem ein schwieriger Schritt.
Nach seinem Tod wurden er und seine Raissa in Moskau beigesetzt. Freund Hein, dessen Bücher zu den meistgelesenen Werken eines deutschen Autors in Russland zählen, schrieb und lebte aus der Perspektive der Humanität und fand in der Persönlichkeit von Lew Kopelew das entsprechende Gegenüber. Beide besaßen - und auch das macht dieser Briefwechsel kenntlich - die Fähigkeit zu ruhiger Verneinung einer kalkulierten Inhumanität.
Und beide kann man sich nur schwerlich in der wiedervereinigten Spaßrepublik unserer Tage vorstellen. (Wolf Scheller, DER STANDARD - Printausgabe, 10. Jänner 2012)
Heinrich Böll / Lew Kopelew: "Briefwechsel". Hrgb. von Elsbeth Zylla, Steidl, 749 S., 29,80 Euro.