Besuch bei Ai Weiwei: Der beschattete Buchkäufer

    9. Jänner 2012, 17:30
    18 Postings

    Während seine Werke globale Anerkennung finden, kämpft der chinesische Oppositionelle weiterhin gegen die Schikanen der Behörden

    Wenn Ai Weiweis Mitarbeiter frei haben, besetzen seine Lieblingskatzen das Studio, schlafen auf den Computertastaturen. Am Wochenende sitzt er selbst im Büro des Ateliers, entwirft mit US-Besuchern Pläne für eine Werkschau, ein Blick zurück auf seine Arbeiten. Ein namhaftes Museum in Washington will die Retrospektive im Herbst zeigen. Zuvor möchte der Konzeptkünstler aber auf einen anderen Trip gehen:

    "Wenn ich hier rauskomme, fahre ich nach Berlin." Der 54-Jährige will dort die Vorlesungen an der Universität der Künste aufnehmen, sagt er in Peking. "Am liebsten möchte ich gleich nach dem 23. Juni anfangen." Am 23. Juni endet zwar seine einjährige polizeiliche Entlassung auf Kaution, verbunden ist sie indes mit dem Verbot, Peking zu verlassen.

    Rückblick: Am 22. Juni 2011 kam Ai auf internationalen Druck hin frei. Der Oppositionelle war eines der Opfer der reihenweise erfolgten Verschleppungen von Anwälten, Autoren und Bürgerrechtsaktivisten, die die Behörden in Verdacht hatten, den arabischen Freiheitsgeist nach China zu importieren. Nach 81 Tagen Isolationshaft wurde Ai unter Auflagen entlassen, die seine Freiheitsrechte für ein Jahr begrenzen und von ihm verlangen, sich jede Woche bei der Polizei zu melden. Gegen ihn wurde aber keine Anklage erhoben. Die Behörden behaupteten, weiter zu ermitteln.

    Pekings Polizeirecht steht über dem Zivilrecht - Ai Weiwei kann daher nur abwarten. Er hat zwei Drittel eines offenbar auch aus politischen Gründen gegen sein Atelier verhängten Steuerbußgeldbescheids über Nachforderungen und Steuerstrafen in Höhe von 15 Millionen Yuan (1,8 Mio. Euro) zahlen lassen. Die Geldbußen richten sich der Form nach gegen seine Ehefrau Lu Qing als Verantwortliche für die Designagentur FAKE, die sein Werk vermarktet.

    Angefochtene Strafe

    Sie sollen aber den Künstler treffen. Ai sprach vom "Lösegeld" für seine "Freiheit", kündigte an, die Rechtmäßigkeit der Steuerbuße anzufechten. Und ihm gelang nun ein erstaunlicher Teilerfolg, der auf einen vorsichtigen Rückzieher der Behörden deutet: Das Steueramt nahm den schriftlichen Einspruch seiner Anwälte vergangene Woche an.

    Es sagte zu, seine Steuerforderung innerhalb zweier Monate zu überprüfen. Die Steuer- und Bußgeldbescheide "sind lückenhaft und voller Fehler" sagt Ai. Er will dagegen weiter Widerspruch einlegen. Das Steueramt sei überrascht worden; es erlebe selten, dass seine Bescheide angefochten werden. Normalerweise würden Probleme informell durch Aushandeln geregelt. Darauf lasse er sich aber nicht ein. "Ich will die ungerechtfertigten Vorwürfe öffentlich klären lassen." Das sei er auch den 30.000 Unterstützern schuldig, die ihm aus ganz China in einer Solidaritätsaktion 8,7 Millionen Yuan (eine Mio. Euro) an Spenden überwiesen. Er betrachte dieses Geld als Kredit und werde es auf "Heller und Pfennig zurückzahlen". Alles, was er mache, "mache ich transparent."

    Seit der Steuerzahlung habe sich seine Lage "etwas entspannt. Ich kann mich wieder auf meine Arbeit konzentrieren". Aber die Behörden lassen ihn nicht in Ruhe, ihn, der sich als Bürgerrechtler versteht und von seinem Engagement nicht abbringen lässt. Freitagnachmittag etwa, als er mit seinem Sohn in den Park ging, folgten ihm Zivilpolizisten. Sie beschatten ihn auch beim Büchereinkauf, "erinnern mich, dass sie mich jederzeit mitnehmen können." Er müsse sich auch wöchentlich bei Behörden melden. Dabei wüssten diese, dass ich "ein Einzelner bin, ein Künstler, keine Organisation. Es gibt keinen Grund, mich so zu behandeln."

    Ein globaler Star

    Obwohl Ai 2011 als das schlimmste Jahr seiner Verfolgung erlebte, seit er als Kind 1959 für mehr als ein Jahrzehnt mit dem verfolgten Vater und Dichter Ai Qing in die Verbannung nach Xinjianga in Nordwestchina mitkam, ist das Jahr aber auch zum erfolgreichsten für sein Werk geworden. Seine Ausstellungen machten in mehr als einem Dutzend großer Museen und Galerien global Furore. Die Werkschauen über Fotografie, Skulptur, Architektur bis zur Konzeptkunst hatte er indes schon 2009 geplant. "Ich durfte 2011 zu keiner Eröffnung."

    Auch nicht jetzt zu seiner aus dem Londoner Tate nach New York weitergewanderten "Sonnenblumen-Kerne"-Ausstellung. Dabei gibt Peking Millionen aus, um in New York mit Leuchtreklamen Imagewerbung für ein weltoffenes China zu machen. Sie könnten es billiger haben, das denkt auch so mancher in der Regierung. Ai Weiwei ist im Kulturexport zum bedeutendsten Repräsentanten für die Marke China geworden. Aber so, wie Peking mit ihm verfährt, ist er auch ein Beleg für Intoleranz und Repression des Systems. Selbst der Polizei dämmert es: "Ai Weiwei", so wurde auf der Wache gesagt, "wenn du dich weiter anstrengst, wird aus dir ein sehr guter Künstler!"

    "Schauen Sie", sagt Ai, fast ein bisschen amüsiert, "wie ich mich selbst am Wochenende anstrenge. Das heißt doch auch: Ich höre auf unsere Polizei." (Johnny Erling, DER STANDARD - Printausgabe, 10. Jänner 2012)

    • Der opositionelle chinesische Künstler Ai Weiwei: "Wenn ich hier rauskomme, fahre ich zuerst nach Berlin."
      foto: johnny erling

      Der opositionelle chinesische Künstler Ai Weiwei: "Wenn ich hier rauskomme, fahre ich zuerst nach Berlin."

    Share if you care.