Erste paneuropäische Studie zeigt Auswirkungen des Klimawandels auf die Vegetation der Alpen
Wien - Der Klimawandel hat stärkere Auswirkungen auf die Vegetation der
Alpen als bisher angenommen, wie ein internationales Team unter Leitung von
Forschern der Universität Wien und der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in der
ersten paneuropäischen Studie zum Vegetationswandel im Hochgebirge gezeigt hat.
Kälteadaptierte Pflanzen werden zunehmend von wärmeliebenden Arten aus ihren
Lebensräumen verdrängt und alpine Urwiesen und Felsflure dadurch gefährdet. Die
Ergebnisse werden im Fachjournal "Nature Climate
Change" veröffentlicht.
Das Forscherteam hat in den Jahren 2001 und 2008 auf 867 Probeflächen auf 60
verschiedenen Gipfeln in allen größeren europäischen Hochgebirgen
niedrigwüchsige Pflanzengemeinschaften oberhalb der Baumgrenze untersucht. Die
Studie ist laut Aussendung die bisher breitest angelegte ihrer Art.
Stattgefunden hat sie im Rahmen des Programms GLORIA (Global Observation
Research Initiative in Alpine Environments), das 2001 durch Uni Wien und ÖAW
gegründet wurde und bei dem mittlerweile mehr als 100 Forschungsgruppen aus
sechs Kontinenten standardisiert die Gebirgsvegetation und ihre Reaktion auf
den Klimawandel beobachten. Eine Folgeuntersuchung ist für 2015 geplant.
"Deutliches Ausmaß" der Wanderung
Die Forscher hatten zwar mit einer Zunahme von wärmeliebenden Pflanzen in
größeren Höhen gerechnet - "aber nicht in diesem deutlichen Ausmaß und in so
kurzer Zeit", so Michael Gottfried vom Department für Naturschutzbiologie,
Vegetations- und Landschaftsökologie der Uni Wien. "Viele kältetolerante Arten
wandern buchstäblich in den Himmel. In einigen der niedrigeren europäischen
Gebirge können wir beobachten, wie die offene alpine Graslandschaft verschwindet
und Zwergsträucher den Lebensraum in wenigen Jahrzehnten erobern werden", warnt
der Forscher.
Derzeit gebe es noch keine Befunde dafür, dass schon Pflanzen in Österreich
oder Europa ausgestorben seien, weil sie nicht mehr in größere Höhen ausweichen
können, so Gottfried. Es gebe aber Hinweise, dass viele Arten
zurückgehen. Sollte die derzeitige Entwicklung anhalten, würden in einigen
Jahrzehnten diverse Edelweiß- und Enzianarten verschwinden, aber auch weniger
bekannte Sorten, die eine wichtige Rolle für die genetische Vielfalt spielen.
Phänomen der "Thermophilisierung"
In regionalen Untersuchungen sei bereits ein direkter Zusammenhang zwischen
erhöhten Sommertemperaturen und der Veränderung alpiner Lebensgemeinschaften
nachgewiesen worden. "Unsere Ergebnisse demonstrieren diese Entwicklung erstmals
für den gesamten europäischen Kontinent", sagte Gottfried. Die Forscher sprechen
vom Phänomen der "Thermophilisierung", das mit ihrer Untersuchung erstmals
quantitativ erfasst und als messbarer Indikator definiert worden sei. Harald
Pauli vom Institut für Gebirgsforschung der ÖAW hofft nun, dass dieser
"Thermophilisierungs-Indikator" weltweit von anderen Forschergruppen übernommen
und damit ein globaler Vergleich möglich wird.
Dabei ist das Phänomen unabhängig von der Seehöhe und von der geografischen
Breite - es findet sich von der Baumgrenze bis zu den höchsten Gipfeln und von
Schottland bis zu den Gebirgsregionen Kretas. "Unsere Arbeit belegt, dass der
Klimawandel auch die entlegensten Winkel der Biosphäre beeinflusst", sagte Georg
Grabherr vom "Institut für Gebirgsforschung: Mensch und Umwelt" der ÖAW, der das
Programm GLORIA leitet. Die Thermophilisierung im Hochgebirge könne örtlich
nicht begrenzt werden, "menschliche Anpassungsstrategien sind keine Option. Wir
müssen uns dringend auf die Vermeidung noch stärkeren Klimawandels
konzentrieren, um den biogenetischen Schatz der Natur zu wahren". (APA/red)