AK und IV wollen 210 Euro pro Kind und Schecks statt steuerlicher Absetzbarkeit - Familien mit jüngeren Kindern als Gewinner, jene mit mehr Kindern als Verlierer - Zustimmung von SPÖ, Ablehnung von ÖVP
Wien - Arbeiterkammer und Industriellenvereinigung treten
nun gemeinsam für eine Totalreform der Familienförderung ein: Geld-
und Steuerleistungen sollen zu einer einzigen "Familienbeihilfe neu"
zusammengeführt werden, zusätzlich soll es zweckgebundene Gutscheine
und einen Ausbau der Kinderbetreuungsplätze geben, erklärten
AK-Präsident Herbert Tumpel und IV-Präsident Veit Sorger.
Das Modell soll den Ausbau der Betreuungsplätze beschleunigen,
gleichzeitig aber Einsparungen von rund 100 Millionen Euro ermöglichen.
Dass es dabei auch Verlierer geben könnte, wurde nicht in Abrede
gestellt.
Der Vorschlag im Detail:
- Eine einzige "Familienbeihilfe neu": Diese Zusammenführung
aller geldwerten Leistungen und Steuerleistungen unabhängig vom Alter
und der Familienstruktur tritt an die Stelle vieler unübersichtlicher
Transfers. "Für jedes Kind gibt es eine Geldleistung von 210 Euro pro
Monat unabhängig von Alter und Anzahl der Kinder. Dieses Modell ist
einfach, transparent und aus unserer Sicht treffsicherer als das
derzeitige unübersichtliche System", erläuterte IV-Präsident Sorger. "Außerdem ist damit klarer, dass jedes Kind grundsätzlich
gleich viel wert ist. Für Eltern von behinderten Kindern (plus 140
Euro pro Monat) und für Alleinerziehende (plus 50 Euro pro Monat)
gibt es natürlich weiterhin mehr Geld. Sie sind ja stärker belastet
als andere Eltern", betonte AK-Präsident Tumpel.
- Zweckgebundene Gutscheine im Wert von 35 Euro im Monat pro
Kind fördern die Familien darüber hinaus dort, wo sie es individuell
am meisten brauchen - bei der Betreuung und der Bildung der Kinder.
Die Gutscheine können entweder gebündelt (für Kinderbetreuung,
Nachmittagsbetreuung, Skikurse, Nachhilfeinstitute, Sprach- und
Musikausbildung usw.) oder nach und nach (für Tageseltern,
Ganztagesschulen usw.) eingelöst werden.
- Durch Umschichtungen bei den Familienleistungen von
Geldleistungen und Steuerabsetzbarkeit hin zu Sachleistungen kann der
Bedarf an Kinderbetreuungsplätzen rasch gedeckt werden. Ziel von IV
und AK ist dabei die Schaffung von 35.000 neuen Betreuungsplätzen für unter Dreijährige binnen vier Jahren, die Erweiterung der
Öffnungszeiten von weiteren 70.000 Kinderbetreuungsplätzen sowie eine
Verbesserung der pädagogischen Qualität (kleinere Gruppen, mehr
Personal).
Hauptziel der gemeinsamen Vorschläge von Arbeiterkammer und
Industriellenvereinigung ist eine Verbesserung der
Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
"Einer Alleinerzieherin eines Zweijährigen, die im Handel
arbeitet, hilft ein Kindergartenplatz weit mehr als ein
Steuerabsetzbetrag", ist sich Tumpel sicher. Durch den Ausbau der
Kinderbetreuung könnten mehr als 10.000 Arbeitsplätze in der
Kinderbetreuung selbst geschaffen werden. Darüber hinaus könnten mehr
als 27.000 Eltern - vor allem Mütter - erwerbstätig sein, die zuvor
durch Betreuungspflichten daran gehindert waren. "Davon profitieren
beide Seiten: Betriebe ebenso wie ihre Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter", betonte Sorger.
Die Mittel der Familienförderung wären außerdem zielorientierter
und effizienter eingesetzt, der Verwaltungsaufwand dagegen geringer.
"Die Rechnung geht auch für den Staat auf", sagte Sorger. "Durch die
neue Familienförderung würde ein Einsparungsvolumen von 100
Millionen Euro frei."
Gewinner und Verlierer
Laut Auskunft der Arbeiterkammer würden von diesem neuen System vor allem Familien mit jüngeren Kindern profitieren. Eine nachteilige Wirkung entstünde erst für Familien mit Kindern ab 15 Jahren, wenn es mehrere Kinder im Haushalt gibt. An der Altersbeschränkung für den Bezug der Familienbeihilfe soll sich nichts ändern.
SPÖ reagiert positiv
Vertreterinnen der SPÖ begrüßten die Vorschläge von IV und AK. Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) sieht eine bessere Vereinbarkeit von Familie
und Beruf sowie dreistellige Millionenbeträge an Einsparvolumen. "Die vielen unübersichtlichen Geldleistungen zu streichen
und stattdessen die 'Familienbeihilfe neu' einzuführen bringt für die
Familien in Österreich eine enorme Erleichterung", so Heinisch-Hosek.
ÖGB-Frauenchefin Brigitte Ruprecht erklärte: "Hohe
finanzielle Geldleistungen führen zu hoher Teilzeitbeschäftigung bei
Frauen. Sachleistungen würden dem entgegensteuern und das Budget
entlasten." Es wäre also "kurzsichtig", nicht in die Kinderbetreuung
zu investieren, meinte die rote Gewerkschafterin.
ÖVP "skeptisch" bis ablehnend
Familienminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) sieht die Vorschläge skeptisch. Zwar sei er auch für mehr Transparenz, aber strikt gegen eine Leistungskürzung. Nichts hält er von einer Streichung aller steuerlichen Leistungen für Familien: "Trotz der in anderen Bereichen geplanten Ergänzungen besteht hier zum Beispiel für Mehrkindfamilien die Gefahr einer Leistungskürzung, die wir nicht wollen." Auch ist er gegen das Gutscheinmodell. "Angesichts der Budgetsituation und der Kompetenzlage zwischen Bund und Ländern in der Kinderbetreuung sind keine Zauberkunststücke möglich, von denen alle Familien profitieren würden." Bei der geforderten Erhöhung der Zuschüsse für Kinderbetreuung sei es zudem wegen enger personeller und finanzieller Ressourcen vieler Länder und Gemeinden nicht realistisch, dass diese in zehntausende neue Betreuungsplätze umgesetzt werden können. Bezüglich einer langfristigen Strukturreform des Familienlastenausgleichsfonds (FLAF) sei er gesprächsbereit.
Die
steuerliche Absetzbarkeit und das Kinderbetreuungsgeld sollten
beibehalten werden, erklärte auch VP-Familiensprecherin Ridi Steibl.
Für die ÖVP sind die bestehenden Familienleistungen "vorbildlich".
"Wir brauchen eine familienfreundliche Arbeitswelt und eine
Stärkung der Wahlfreiheit", so Steibl. "Gerade die
Möglichkeit, Kinderbetreuungskosten steuerlich abzusetzen, war ein
wichtiges Signal und muss erhalten bleiben." Auch die verschiedenen
Varianten des Kinderbetreuungsgeldes würden die Wahlfreiheit jedes
Einzelnen sichern. "Wir können und wollen den Familien
in diesem Land
nicht vorschreiben, wie die Kinderbetreuung geregelt wird", erklärte
Steibl. "Aus diesem Grund werden wir auch in Zukunft an
der längsten Variante des Kinderbetreuungsgeldes (30 plus 6 Monate)
festhalten."
Grünen-Familiensprecherin Daniela Musiol erkennt in den Reformvorschlägen langjährige Grünen-Forderungen. Auch die Österreichische Hochschülerschaft drängt auf eine Reform der Familienbeihilfe. Deren Vorsitzende Janine Wulz fordert eine Ausbezahlung direkt an die Studenten.
FPÖ gegen Neuregelung
BZÖ-Familiensprecherin Ursula Haubner erklärte zu den
Reformvorschlägen: "Richtig im Ansatz, aber falsch in der
Reihenfolge", denn zuerst müsse der FLAF auf eine nachhaltige
Finanzierungsbasis gestellt werden. Sie forderte "bürgerfreundliche
und familiengerechte" Familienleistungen mit einer einzigen
Auszahlungsstelle. Die Freiheitlichen lehnen eine Neuregelung der Familienbeihilfe
ab, denn dadurch würde den Familien im Endeffekt Geld weggenommen. (APA, red, derStandard.at, 9.1.2012)