Auszeichnung

Sabine Ladstätter ist "Wissenschafterin des Jahres 2011"

9. Jänner 2012, 11:51
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    foto: apa/georg hochmuth

    Archäologin Sabine Ladstätter wurde zur "Wissenschafterin des Jahres 2011" gekürt.

Leiterin des Österreichischen Archäologischen Instituts: Archäologie ist "kein Orchideenfach und keine Nischenwissenschaft"

Wien - Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten hat die Archäologin Sabine Ladstätter (43) zu Österreichs "Wissenschafterin des Jahres 2011" gewählt. Die Auszeichnung wurde der Leiterin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) und der österreichischen Grabung in Ephesos (Türkei) am Montag in Wien überreicht.

Mit der Ehrung würdigen die Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten vor allem das Bemühen von Forschern, ihre Arbeit und ihr Fach einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen und damit das Image der österreichischen Forschung zu heben. Ladstätter betonte im Gespräch, sich durch die Auszeichnung in einem ihrer Ziele beim Amtsantritt bestätigt zu sehen: "Unsere Wissenschaft sichtbar zu machen und sie zu kommunizieren".

Großes Interesse

Das Interesse an Archäologie sei groß, wie die zwei Millionen Besucher pro Jahr bei der Ausgrabung in Ephesos zeigten. "Das ist kein Orchideenfach und keine Nischenwissenschaft", so Ladstätter. Österreich habe ihr "die Möglichkeit gegeben, einen Kindertraum in Erfüllung gehen zu lassen, und die Menschen dieses Landes haben auch dafür bezahlt". Mit ihrer Vermittlungsarbeit will sie "den Menschen etwas zurückgeben und ihnen erzählen, was wir hier machen". In der Archäologie sei das sicher einfacher als in anderen Wissenschaftssparten, "weil wir eine Bilderwissenschaft sind. Wir produzieren Bilder, und Bilder verkaufen sich in unserer visuellen Welt einfach gut."

Auch nach mehr als 100 Jahren österreichischer Grabungen in Ephesos ist die antike Metropole noch immer für Überraschungen gut, wie die Entdeckung eines riesigen antiken Baukomplexes mit mehreren Monumentalbauten im vergangenen Jahr gezeigt hat. "Es sind erst 15 Prozent der Stadt ausgegraben", betont Ladstätter, die auf die lange Siedlungsgeschichte der Stadt verweist. "Es gibt nicht ein Ephesos, wir forschen vom 7. Jahrtausend vor Christus bis zum 17. Jahrhundert nach Christus."

Hauptstadt Ephesos

Ephesos war eine der größten Städte der Antike, die Wissenschafter schätzen die Einwohnerzahl auf 200.000 im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. "Es war Hauptstadt der reichsten Provinz des Römischen Reiches, Asia, hatte unheimlich viel Hinterland, landwirtschaftliche Produktion, Handel, Handwerk, war die große Drehscheibe des östlichen Mittelmeerraums und in der Spätantike Bischofssitz und eines der bedeutendsten christlichen Pilgerheiligtümer für den heiligen Johannes, Maria und letztendlich auch für Paulus", so Ladstätter.

Biografie

Als Sabine Ladstätter, geboren am 22. November 1968 in Klagenfurt, bei einem Volksschulausflug zu den Ausgrabungen auf den Magdalensberg in Kärnten ihre Lehrerin fragte, wer denn hier arbeite, stand ihr Entschluss fest: "Archäologen? Das werde ich auch einmal." Sie verfolgte ihren Weg konsequent, schon als Schülerin nahm sie als Praktikantin an mehreren Grabungen teil. Ladstätter studierte an der Universität Graz Alte Geschichte und Altertumskunde sowie Klassische Archäologie und spezialisierte sich auf Wirtschaftsarchäologie, also die Rekonstruktion von antiker Wirtschaft, Gesellschaft, Handel, Gütertransfer, etc. Bereits ihre Dissertation im Fach Klassische Archäologie an der Uni Wien (1997) hat die Wissenschafterin zum Thema "Von Mediterraneum zur provincia Slaborum" geschrieben.

Von 1987 bis 1998 hat sie bei den Ausgrabungen am Kärntner Hemmaberg mitgearbeitet, ab 1992 als örtliche Grabungsleiterin. Seit 1995 ist die Mutter einer Tochter in Ephesos tätig und hat dort u.a. Keramikfunde aus dem Hanghaus 2 bearbeitet. Für die Publikation dieser Arbeiten wurde sie am Institut für Kulturgeschichte der Antike der Akademie der Wissenschaften ÖAW angestellt, dessen stellvertretende Direktorin sie ab 2001 war. 2007 habilitierte sich Ladstätter im Fachbereich Klassische Archäologie zum Thema "Studien zur ephesischen Keramik von späthellenistischer bis spätantiker Zeit".

Rekonstruktion von Handelsströmen

Antike Wirtschaft lässt sich laut Ladstätter am besten anhand von Keramik rekonstruieren, etwa Tafelgeschirr, das einer schnellen Mode unterworfen war und sich deshalb gut für Datierungen eignet. Auch der Inhalt von Amphoren, wie Weine oder Öle, dessen Herkunft mittlerweile leicht festgestellt werden kann, eignet sich gut zur Rekonstruktion von Handelsströmen. Wie man anhand von ein paar Keramikscherben Geschichte (um)schreiben kann, hat Ladstätter bei den berühmten Hanghäusern in Ephesos bewiesen. Die in den 1960er-Jahren entdeckten antiken Luxuswohnungen wurden lange Zeit in die Spätantike (4. bis 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung) datiert, erst Ladstätters Untersuchungen der in den Gebäuden gefundenen Keramik haben gezeigt, dass es sich um kaiserzeitliche Bauten aus dem 1. bis 3. Jahrhundert unserer Zeit handelt.

Hindernisse

Ladstätters Aufstieg war nicht frei von Hindernissen. Bereits 2007 wollte der damalige Wissenschaftsminister Johannes Hahn die Archäologin zur Leiterin der seit mehr als 100 Jahren bestehenden, renommierten österreichischen Grabung in Ephesos bestellen, stieß dabei aber auf Widerstand. Die türkische Seite, die regelmäßig die Grabungslizenz für das zuständige ÖAI erteilt, zweifelte an den Managementfähigkeiten Ladstätters und verweigerte die Zustimmung zur Bestellung. Hintergrund dürften massive interne Kämpfe um die prestigeträchtige Position gewesen sein. Hahn hielt allerdings an Ladstätter fest und setzte auf Überzeugungsarbeit. Ladstätter wurde zunächst stellvertretende Grabungsleiterin, übernahm 2009 die Leitung des ÖAI und 2010 schließlich - mit Zustimmung der Türkei - die Grabungsleitung in Ephesos.

Und dort gelang ihr in der Grabungskampagne 2011 ihr schönster Fund, wie sie selbst sagt: Völlig unerwartet stieß sie 2011 auf dem Areal des Domitianstempels im Zentrum von Ephesos auf ein spätantikes Mosaik. "Erst beim Freiputzen sind dann die figürlichen Darstellungen wie Fische und Fabelwesen aufgetaucht - da schlägt das Herz einfach höher", so Ladstätter.

Hintergrund

Die Auszeichnung "Wissenschafter des Jahres" haben bisher u. a. der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal (2010), der Innsbrucker Experimentalphysiker Rudolf Grimm (2009), die Allergieforscherin Fatima Ferreira (2008), der inzwischen verstorbene Literaturwissenschafter Wendelin Schmidt-Dengler (2007), der Philosoph Konrad Paul Liessmann (2006), die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb (2005), der Mathematiker Rudolf Taschner (2004) und der Immunologe Josef Penninger (2003) erhalten. (APA)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 64
1 2
siliconvalley
10
10.1.2012, 20:06
Herzlichen Glückwunsch!

Hercules
20
10.1.2012, 00:42
ex animo gratulamur.

Der Waehlerwille
 
22
Woher genau die Rotstricherl hier resultieren würde mich mal ganz ehrlich interessieren.

Zinsenfeger
10
15.1.2012, 18:23

Das habe ich auch schon weiter unten angemerkt. Vermutlich auch eine Portion von ur-österreichischem Neid dabei. Bei uns bekommen höchstens die Schifahrerinnen öffentliche Anerkennung.

salzmen1
00
Nein.... auch Gerlinde Kaltenbrunner.....

Karl Schranz und und.....
Spitzenleistungen und "herausragende" Persönlichkeiten und........

und persönlichkeiten die nicht mit dem ur - österreichischem Neid behaftet sind.

Schreiberinnen und Schreiber ausgenommen!

Carolus Vindobonensis
23
Ich gratuliere!

Eine verdiente Auszeichnung für eine äußerst tüchtige, kompetente Archäologin und hervorragende Wissenschafterin. Gute Medienpräsenz und Öffentlichkeitsarbeit - vorbildhaft!

V. S.
20
Gratuliere herzlich!

Der Waehlerwille
 
10
Gratulation!

odrr
21

gratuliere herzlichst und grüsse nach selcuk

Der lachende Mann
10
Gio Hahn ist nunmal Feminist

Da können sich die anderen Parteien ein Scherzerl abschneiden!

a,orangutnig
11
Ein sehr wichtiges Signal für die Wissenschaft

Geisteswissenschaft | Geschichte | Gender

Herzliche Glückwünsche/Cestitamo wie man auch am Hemmaberg/Gora svete Heme in Globasnitz/Globasnica sagen würde.

kuchlmensch
13
Der Sieg über die HaxlbeisserInnen

Die ärgsten Intriganten waren zuerst im eigenen Land, dann wurde das Spiel mit Leitung und Grabungslizenz halt in der Türkei weitergespielt - und eine sehr österreichische Lösung gefunden - mittlerweile hat Frau Ladstätter auch das Verhältnis zwischen österreichischen und türkischen Archäologen sehr verbessert - die Ehrung gebührt ihr nicht nur für die wissenschaftlichen leistungen,
sondern auch für ihre kommunikativen Fähigkeiten!
Und was die Realienkunde "kochen und keramik" betrifft, lieber unbedarfter Poster Nasserfetzn, dafür
interessieren sich auch viele Männer...

kuchlmensch
12
Der Sieg über die HaxlbeisserInnen

Gegenflieger
04

Die sieht gar nicht aus wie ein Archäologe.
Wo sind Schlaphut und Peitsche?)

BFR_strikes_back
01

haha...der is neu, den hab ich echt noch nie gehört.

Alles Ist Windhauch
 
25
Ist diese Frau nicht ein Beweis dafür, daß unser Land auch große Töchter hervorbringen kann?

Stahl_____666
11
10.1.2012, 10:09
.

Indem sie die Scherben auf dem Boden zuerst lange ansieht bevor sie sie wegwirft? Wohl kaum.

hedonis44
20

wer hat daran gezweifelt? ;-)

Rosice03
21

Herzliche Gratulation!!!

milo66
212

Supersache - Gratulation an Frau Ladstätter, aber auch an die Leute, die sie ausgewählt haben. Endlich mal ein Zeichen dahingehend, dass nicht nur Naturwissenschaften und Wirtschaftswisenschaften wichtig für die Gesellschaft und Auszeichnungswürdig sind.

Zinsenfeger
213

Erstaunlich, die ganzen Rotstrichler hier. Da kann es offensichtlich Auszeichnungen regnen, so viel es will, hier im Forum ist man offenbar der Meinung, das die Archäologie nix wert ist...

Von meiner Seite her: Herzlichen Glückwunsch

(und jetzt dürfts wieder stricheln)

Dragomir
23

Gratuliere, Supersache. Würde ich auch gerne machen.

Susanne Lamm
35
Herzliche Gratulation...

den Glückwünschen kann ich mich auch nur anschließen. Es freut mich zudem, dass "meine" Wissenschaft, die Archäologie, wieder einmal positiv auffällt.

Ein kleiner Wermutstropfen ist nur: hätte Frau Ladstätter nicht in der Türkei, sondern "nur" in Österreich Forschung betrieben, die Auszeichung wäre mit Sicherheit an ihr vorübergegangen; denn die heimische Archäologie ist ein Stiefkind der Forschung (auch was öffentliche Forschungsgelder anbelangt; siehe E. Gehrerer und ihr Verhältnis zu den Kuhglocken). Und auch von Forscherseite hört man oft (zu unrecht), dass die Archäologie "bei uns nichts hergibt".

byron sully
312

mir gefällt, wie sie ihren berufswunsch einfach durchgezogen hat. kindern/jugendlichen werden ja solche berufe oft leider ausgeredet, weil sie in unserer kapitalistischen gesellschaft als weniger wert gelten.

Bagaude
00

Das ist aber doch wohl eher eine subjektive als eine objektive Betrachtung. Es sei denn, Ihr Garten wäre das Zentrum der Welt, dass auch alles übrige Seiende einschlösse.

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