Leiterin des Österreichischen Archäologischen Instituts: Archäologie ist "kein Orchideenfach und keine Nischenwissenschaft"
Wien - Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten hat die
Archäologin Sabine Ladstätter (43) zu Österreichs "Wissenschafterin des Jahres
2011" gewählt. Die Auszeichnung wurde der Leiterin des Österreichischen
Archäologischen Instituts (ÖAI) und der österreichischen Grabung in Ephesos
(Türkei) am Montag in Wien überreicht.
Mit der Ehrung würdigen die Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten vor allem
das Bemühen von Forschern, ihre Arbeit und ihr Fach einer breiten Öffentlichkeit
verständlich zu machen und damit das Image der österreichischen Forschung zu
heben. Ladstätter betonte im Gespräch, sich durch die Auszeichnung
in einem ihrer Ziele beim Amtsantritt bestätigt zu sehen: "Unsere Wissenschaft
sichtbar zu machen und sie zu kommunizieren".
Großes Interesse
Das Interesse an Archäologie sei groß, wie die zwei Millionen Besucher pro
Jahr bei der Ausgrabung in Ephesos zeigten. "Das ist kein Orchideenfach und
keine Nischenwissenschaft", so Ladstätter. Österreich habe ihr "die Möglichkeit
gegeben, einen Kindertraum in Erfüllung gehen zu lassen, und die Menschen dieses
Landes haben auch dafür bezahlt". Mit ihrer Vermittlungsarbeit will sie "den
Menschen etwas zurückgeben und ihnen erzählen, was wir hier machen". In der
Archäologie sei das sicher einfacher als in anderen Wissenschaftssparten, "weil
wir eine Bilderwissenschaft sind. Wir produzieren Bilder, und Bilder verkaufen
sich in unserer visuellen Welt einfach gut."
Auch nach mehr als 100 Jahren österreichischer Grabungen in Ephesos ist die
antike Metropole noch immer für Überraschungen gut, wie die Entdeckung eines
riesigen antiken Baukomplexes mit mehreren Monumentalbauten im vergangenen Jahr
gezeigt hat. "Es sind erst 15 Prozent der Stadt ausgegraben", betont Ladstätter,
die auf die lange Siedlungsgeschichte der Stadt verweist. "Es gibt nicht ein
Ephesos, wir forschen vom 7. Jahrtausend vor Christus bis zum 17. Jahrhundert
nach Christus."
Hauptstadt Ephesos
Ephesos war eine der größten Städte der Antike, die Wissenschafter schätzen
die Einwohnerzahl auf 200.000 im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. "Es war
Hauptstadt der reichsten Provinz des Römischen Reiches, Asia, hatte unheimlich
viel Hinterland, landwirtschaftliche Produktion, Handel, Handwerk, war die große
Drehscheibe des östlichen Mittelmeerraums und in der Spätantike Bischofssitz und
eines der bedeutendsten christlichen Pilgerheiligtümer für den heiligen
Johannes, Maria und letztendlich auch für Paulus", so Ladstätter.
Biografie
Als Sabine Ladstätter, geboren am 22. November 1968 in Klagenfurt, bei einem Volksschulausflug zu den Ausgrabungen auf den
Magdalensberg in Kärnten ihre Lehrerin fragte, wer denn hier arbeite, stand ihr
Entschluss fest: "Archäologen? Das werde ich auch einmal." Sie verfolgte ihren Weg konsequent, schon als Schülerin nahm sie als Praktikantin an
mehreren Grabungen teil. Ladstätter studierte an der Universität Graz Alte Geschichte
und Altertumskunde sowie Klassische Archäologie und spezialisierte sich auf
Wirtschaftsarchäologie, also die Rekonstruktion von antiker Wirtschaft,
Gesellschaft, Handel, Gütertransfer, etc. Bereits ihre Dissertation im Fach
Klassische Archäologie an der Uni Wien (1997) hat die Wissenschafterin zum Thema
"Von Mediterraneum zur provincia Slaborum" geschrieben.
Von 1987 bis 1998 hat sie bei den Ausgrabungen am Kärntner Hemmaberg
mitgearbeitet, ab 1992 als örtliche Grabungsleiterin. Seit 1995 ist die Mutter
einer Tochter in Ephesos tätig und hat dort u.a. Keramikfunde aus dem Hanghaus 2
bearbeitet. Für die Publikation dieser Arbeiten wurde sie am Institut für
Kulturgeschichte der Antike der Akademie der Wissenschaften ÖAW angestellt,
dessen stellvertretende Direktorin sie ab 2001 war. 2007 habilitierte sich
Ladstätter im Fachbereich Klassische Archäologie zum Thema "Studien zur
ephesischen Keramik von späthellenistischer bis spätantiker Zeit".
Rekonstruktion von Handelsströmen
Antike Wirtschaft lässt sich laut Ladstätter am besten anhand von Keramik
rekonstruieren, etwa Tafelgeschirr, das einer schnellen Mode unterworfen war und
sich deshalb gut für Datierungen eignet. Auch der Inhalt von Amphoren, wie Weine
oder Öle, dessen Herkunft mittlerweile leicht festgestellt werden kann, eignet
sich gut zur Rekonstruktion von Handelsströmen. Wie man anhand von ein paar
Keramikscherben Geschichte (um)schreiben kann, hat Ladstätter bei den berühmten
Hanghäusern in Ephesos bewiesen. Die in den 1960er-Jahren entdeckten antiken
Luxuswohnungen wurden lange Zeit in die Spätantike (4. bis 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung)
datiert, erst Ladstätters Untersuchungen der in den Gebäuden gefundenen Keramik
haben gezeigt, dass es sich um kaiserzeitliche Bauten aus dem 1. bis 3.
Jahrhundert unserer Zeit handelt.
Hindernisse
Ladstätters Aufstieg war nicht frei von Hindernissen. Bereits 2007 wollte der
damalige Wissenschaftsminister Johannes Hahn die Archäologin zur Leiterin
der seit mehr als 100 Jahren bestehenden, renommierten österreichischen Grabung
in Ephesos bestellen, stieß dabei aber auf Widerstand. Die türkische Seite, die
regelmäßig die Grabungslizenz für das zuständige ÖAI erteilt, zweifelte an den
Managementfähigkeiten Ladstätters und verweigerte die Zustimmung zur
Bestellung. Hintergrund dürften massive interne Kämpfe um die prestigeträchtige
Position gewesen sein. Hahn hielt allerdings an Ladstätter fest und setzte auf
Überzeugungsarbeit. Ladstätter wurde zunächst stellvertretende Grabungsleiterin,
übernahm 2009 die Leitung des ÖAI und 2010 schließlich - mit Zustimmung der
Türkei - die Grabungsleitung in Ephesos.
Und dort gelang ihr in der Grabungskampagne 2011 ihr schönster Fund, wie sie
selbst sagt: Völlig unerwartet stieß sie 2011 auf dem Areal des Domitianstempels
im Zentrum von Ephesos auf ein spätantikes Mosaik. "Erst beim Freiputzen sind
dann die figürlichen Darstellungen wie Fische und Fabelwesen aufgetaucht - da
schlägt das Herz einfach höher", so Ladstätter.
Hintergrund
Die Auszeichnung "Wissenschafter des Jahres" haben bisher u. a. der
Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal (2010), der Innsbrucker Experimentalphysiker
Rudolf Grimm (2009), die Allergieforscherin Fatima Ferreira (2008), der
inzwischen verstorbene Literaturwissenschafter Wendelin Schmidt-Dengler (2007),
der Philosoph Konrad Paul Liessmann (2006), die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb
(2005), der Mathematiker Rudolf Taschner (2004) und der Immunologe Josef
Penninger (2003) erhalten. (APA)