Verena versäumt den Flug und übernachtet im Luxushotel. Tags darauf muss sie mit einer Hängematte im Palmenwald vorlieb nehmen
"Haben Sie denn unser Email nicht gelesen?" Email? Welches Email? Ich habe keine Ahnung, wovon die Airline-Mitarbeiterin redet. Noch weniger, warum sie schon seit zehn Minuten mal angestrengt auf ihren Bildschirm starrt, dann wieder auf meine Reservierung und dazu nervös auf ihrer Tastatur herum klimpert. "Sind Sie wirklich sicher, dass Sie kein Email von uns erhalten haben?" 100 Prozent sicher. Sonst würde ich jetzt ja wohl kaum hier am Flughafen von Panama City stehen und versuchen, für den Flug nach Cartagena einzuchecken.
Das Problem ist nur, dass Copa Airlines irgendwann im Herbst beschlossen hat, den Flugplan zu ändern. Der Flug nach Cartagena geht jetzt nicht mehr am Abend um neun, sondern in der Früh um elf. Was bedeutet, dass ich nichtsahnend meinen Flug versäumt habe. Ich stelle mich schon auf eine Nacht am Flughafen und jede Menge Streitereien um ein neues Ticket ein, als mir die Airline-Mitarbeiterin lächelnd einen Gutschein überreicht: eine Nacht im Vierstern-Hotel, Abendessen, Frühstück und Transfer inklusive. Und für den nächsten Flug nach Cartagena bin ich auch schon eingecheckt.
In Kolumbien wartet ein Kulturschock der anderen Art. In vielen südamerikanischen Ländern haben gerade die "großen Ferien" begonnen und halb Südamerika scheint auf den Beinen zu sein. Die Strände von Cartagena erinnern stark an den "Hausmastastrand" von Caorle. Auch in Santa Marta, der angeblich ältesten Stadt Südamerikas, stauen sich die Autos auf der Promenade. Eine halbwegs akzeptable Unterkunft zu einem halbwegs akzeptablen Preis zu erhalten ist so gut wie unmöglich.
Da hilft nur die Flucht in die Berge. In Minca, einem kleinen Dorf im Regenwald über Santa Marta, soll es noch ruhig und gemütlich zugehen. Also auf nach Minca! Doch die Busfahrer machen mir einen Strich durch die Rechnung. Ein Streik legt den öffentlichen Verkehr in Santa Marta teilweise lahm. Nur die Busse in den ebenfalls überfüllten Nationalpark Tayrona fahren noch. Der Busfahrer meint, dass er da einen Geheimtipp kennt und lässt mich auf einer staubigen Straße irgendwo im nirgendwo aussteigen.
Die Staubpiste führt mitten in einen dichten Palmenwald hinein. Weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Ab und zu kommt man an einer bereits überwachsenen Ruine vorbei. Langsam kommen mir Zweifel am Geheimtipp des Busfahrers. Aber dann ist da hinter einer Kurve tatsächlich ein Mensch zu sehen, der mit einer Machete ein paar Palmwedel abhackt. Er scheint nicht überrascht zu sein, mich zu sehen. Ein beruhigendes Gefühl.
Schließlich lichtet sich der Palmenwald und es tauchen ein paar Hütten auf. Kanadische Surfer haben sich hier ihren Traum von der eigenen Surfstation erfüllt. Auch hier ist es ziemlich voll, aber es gibt dann doch noch eine freie Hängematte. Und so schaukle ich mich nun jeden Abend zum Geräusch der tosenden Brandung in den Schlaf. Ich genieße das einfache Strandleben, nur dass es hier keine Internetverbindung gibt, ist wirklich schade. Ich habe mich schon so an das Email von Copa Airlines gewöhnt, das sie mir nun seit dem missglückten Check-in-Versuch täglich schicken.