Bildgebende Verfahren

Wachkoma-Patienten kontaktfähiger als angenommen

9. Jänner 2012, 11:43

Bildgebungsverfahren decken hohe Fehlerquote auf

Darmstadt/Freiburg - In Deutschland leben etwa 5.000 Wachkoma-Patienten. Die korrekte Diagnose des genauen Bewusstseinszustands sei jedoch eine klinische Herausforderung. Denn erfolge sie ohne spezielle Bewusstseinsskalen, liege die Rate der Fehldiagnosen bei rund 40 Prozent. Aktuelle Studien mithilfe hochauflösender Elektroenzephalografie (EEG) und funktioneller Kernspintomografie (fMRT) zeigten zudem, dass Ärzte die Reaktionsfähigkeit häufig falsch einschätzen, so die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) in einer Aussendung.

Jeder fünfte weist demnach etwa in speziellen EEG-Verfahren Hinweise für bewusste Reaktionen auf, die Standardverfahren nicht erkennen. Die DGKN fordert daher, funktionelle Bildgebungsverfahren sowie spezielle elektrophysiologische Verfahren bei der Beurteilung von Wachkoma-Patienten häufiger einzusetzen. Wachkoma-Patienten zeigen keinerlei Bewusstsein für ihre Umgebung oder sich selbst, obwohl ihre Augen offen sind. Um die Reaktionsfähigkeit dieser Patienten zu ermitteln, sollten Ärzte Bewusstseinsskalen nutzen. 

Coma Recovery Scale-Revised als Instrument

Das international bewährte und standardisierte klinische Diagnoseinstrument, die sogenannte Coma Recovery Scale-Revised (CRS-R), komme nach Schätzungen der DGKN aber bisher bei weniger als fünf Prozent der Wachkoma-Patienten zum Einsatz. Mit dem CRS-R untersuchen Ärzte systematisch akustische, visuelle, motorische und verbale Reaktionen auf Reize, sowie den Aktivierungsgrad des Nervensystems. "Neueste Erkenntnisse zeigen jedoch, dass wir unser Verständnis vom Wachkoma grundlegend verändern müssen", erklärt Andreas Bender, Leiter des Therapiezentrums Burgau und Spezialist für Hirnschäden. In einer aktuellen Studie reagierten drei von 16 Wachkoma-Patienten auf verbale Aufforderungen, die mit der CRS-R nicht erfasst wurden.

Zusätzliche Reaktionen mit anderen Instrumenten

Aktuelle Studien deuteten darauf hin, dass elektrophysiologische und bildgebende Verfahren wie EEG und fMRT zusätzliche Reaktionen bei Wachkoma-Patienten messen, die Verhaltensbeobachtungen von außen nicht erkennen lassen. So weisen rund 17 Prozent der Wachkoma-Patienten typische Aktivierungsmuster vergleichbar mit denen gesunder Probanden im fMRT auf. "Teilweise war sogar eine einfache Kommunikation mithilfe des fMRT-Signals möglich", so der Experte. Dabei konnte ein Patient während der fMRT-Untersuchung richtige Ja- oder Nein-Antworten auf autobiografische Fragen geben (zum Beispiel "Ist der Name Ihres Vaters Alexander?"). Bildgebende Verfahren hätten daher in den letzten Jahren einen Paradigmenwechsel bei der Beurteilung von Wachkoma-Patienten hervorgerufen.

Da die fMRT allerdings sehr aufwändig, teuer und störanfällig sei, biete sich das EEG als alltagstauglichere Untersuchungsmethode zur Prüfung der Hirnfunktion der Betroffenen an. "Auch mit dieser Methode konnten eindrucksvolle Erkenntnisse gewonnen werden: Bei verbalen Aufforderungen und Tonsignalen werden bestimmte Hirnregionen aktiv, und es kommt zu einer Veränderung des EEG-Frequenzspektrums", so Bender. In einer aktuellen Studie reagierten drei von 16 Wachkoma-Patienten auf verbale Aufforderungen, die mit der CRS-R nicht erfasst wurden.

"Unterhalb der Schwelle der klinischen Beobachtbarkeit mit Komaskalen gibt es somit bei etwa jedem fünften bis sechsten Patienten eindeutige Hinweise für bewusste Interaktionen mit der Umwelt", fasst Bender die Ergebnisse zusammen. Die Rate der Fehldiagnosen bei Wachkoma-Patienten liege daher sicher höher als bisher vermutet, schätzen Experten der DGKN. Der routinemäßige Einsatz der funktionellen Bildgebung bei Koma-Patienten sei derzeit zwar verfrüht. Doch ließen sich aus diesen Erkenntnissen der Bewusstseinsforschung künftig neue Therapien ableiten, wie beispielsweise die Entwicklung von Brain-Computer-Interfaces für eine Kommunikation mit Koma-Patienten. (red, derStandard.at)

Das Kapital ist die wahre Macht
00
10.1.2012, 13:17
Da wäre vieles möglich!

Man müsste nur Angehörige, die sich viel Zeit nehmen und diese am Bett verbringen vorher gründlich mit Hypnosetechniken usw. schulen. Wenn die Angehörigen dann den Patienten ausgiebig am Arm berühren und entsprechend in Bildersprache mit ihm kommunizieren, würden einige aufwachen. Bin davon überzeugt.
Wir haben noch immer kaum eine Ahnung was im Unterbewusstsein alles möglich ist. Und diese Patienten nehmen viel mehr wahr als wir glauben. Die hören alles und nehmen auch andere Reize auf. Die Reize müssen aber gezielt und mit Motivation gesetzt werden. Da ist viele Liebe und Geduld nötig. Aber welches Spitalspersonal hat die Zeit dafür?

AlBundyFan
 
04
ich hab ja auch schon berichte von wachkomapatienten gelesen die wieder zu bewußtsein gekommen sind.

wie wärs wenn man deren eindrücke aus erster hand einfach nimmt - denn die wissen ja, was sie in der zeit von der umwelt mitbekommen haben.

der gärtner
00
10.1.2012, 03:48

das wäre wie wenn man bei der nächsten nationalratswahl nur die kärntner befragt und das ergebnis dann auf gesamtösterreich überträgt.

Thom Reithofer
00

Eine junge Frau die ich im Wachkoma fast täglich sah wachte nach etwa 2-3 Monaten Wachkoma wieder auf.
Sie konnte sich an mich nur ganz ganz schwach erinnern. "Kenne ich Sie" waren ihre ersten Worte.
Auch danach dauerte es relativ lange bis sie sich wieder (teilweise) orientiert hatte.

Ich schätze das Erinnerungsvermögen ist geringer als die Erinnerung an einen Traum. Das wird aber vermutlich von Fall zu Fall sehr unterschiedlich sein.

astemp79
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Neues Verständnis von Medizin!

"Neueste Erkenntnisse zeigen jedoch, dass wir unser Verständnis vom Wachkoma grundlegend verändern müssen"

Ja, das stimmt - und das hätte schon vor vielen Jahren bekannt sein KÖNNEN, wenn die Schulmediziner nicht Koma mit Hirntod verwechselt und daraus geschlossen hätten, dass Appalliker nichts mitbekommen und deshalb nicht reagieren.

Wer einen Appalliker näher kennt, der weiß, dass diese überkommene Theorie falsch ist. Jetzt endlich beginnen die Schulmediziner, zwischen Geist und Körper zu unterscheiden.
Bei Appallikern ist der Geist im Körper gefangen, da dieser nicht oder fast nicht reagieren kann. Sie bekommen aber alles mit, und rechtzeitig therapiert, können sie große Fortschritte in ihrer Entwicklung machen.

byron sully
00
10.1.2012, 13:57
stimmt,

diese angeblich neue erkenntnis war vielen menschen schon länger bekannt. interessant, daß die schulmedizin immer wieder so spät auf vieles "draufkommt".

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