Casey Anthony, im Juli 2011 vom Vorwurf freigesprochen , ihre Tochter 2008 getötet zu haben.
Casey Anthony, Amerikas meistgehasste Frau, meldet sich via Videobotschaft
Casey Anthony ist das Feindbild der Nation. Eine kaltblütige Mörderin soll sie sein, die junge Frau aus Florida mit den braunen Haaren und den Rehaugen. 2008 wurde sie beschuldigt ihre zweijährige Tochter, Caylee, mit Klebeband erstickt zu haben. Drei Jahre war sie dafür im Gefängnis, vergangenen Sommer wurde Anthony freigesprochen, zu dünn sei die Beweislage gewesen. Casey Anthony war plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Jetzt sechs Monate später, ist ein Video aufgetaucht, in dem sich Amerikas meist gehasste Frau das erste Mal zu Wort meldet.
In dem Vier-Minuten Beitrag erklärt sie wie froh sie ist, endlich Dinge zu besitzen, die ausschließlich ihr gehören; ein Telefon, einen Computer, den sie noch nicht so recht zu bedienen weiß und einen Hund, den sie kürzlich adoptiert hat. Kein Wort über ihre tote Tochter Caylee. Es sei das Werk einer narzisstischen Soziopathin, kommentieren Fernsehpsychologen diverser Kabelsender. Amerika ist empört - und dankbar. Endlich hat es die "Monstermutter" wieder in die Schlagzeilen geschafft. Man hat sie vermisst.
Im Sommer, verfolgten Millionen Amerikaner Anthonys Prozess live im Fernsehen mit. Für sechs Wochen waren die Kriege im Ausland vergessen, die Finanzkrise und der mickrige Gehaltsscheck verdrängt; lieber wurden am Küchentisch die Charakterschwächen der heute 25-Jährigen diskutiert: Eine junge Frau, die noch nicht bereit war, Mutter zu sein, die lieber feierte als sich um die Tochter zu kümmern, die an Hot-Body Wettbewerben teilnahm anstatt Caylees Verschwinden 2008 der Polizei zu melden und eine krankhafte Lügnerin, die alle Schuld auf ein erfundenes Kindermädchen schob, die angeblich Caylee entführt haben soll. Amerika war im Bann der Monstermutter, fasziniert von den Lügen, den Ungereimtheiten, den inzestuösen Verstrickungen und dem hübschen Gesicht der Hauptangeklagten.
Seit dem O.J. Simpson Prozess in den Neunziger Jahren hat kein Fall für so viel Aufsehen gesorgt wie jener von Casey Anthony. Damals wurde der bekannte Footballspieler angeklagt seine Ex-Frau und einen Bekannten ermordet zu haben, auch er wurde wider Erwarten freigesprochen. Als Casey Anthony im Sommer freikam, waren die Amerikaner schockiert, waren sie doch überzeugt, dass ihr die Todesstrafe bevorsteht. Ihre Lieblingsseifenoper war plötzlich eingestellt und das ohne die finale Katharsis. Das Vorabendprogramm war wieder dominiert von peinlichen Entscheidungsträgern, düsteren Wirtschaftsprognosen und chinesischer Vorherrschaft. Mit dem Auftauchen von Anthonys Videobotschaft, darf Amerika wieder hoffen. Das amerikanische Fernsehen hat ihre Hassfigur zurück. Der Vorabend ist gerettet. (Solmaz Khorsand, derStandard.at, 9.1.2012)
Muss gestehen, ich kenne den Fall nicht, aber wie kommt man auf: inzestuöse Verstrickungen?
Wenn man solche Aussagen trifft, sollte man sie meiner Meinung nach näher erklären.
Weiß nicht, vor was ich am meisten Angst haben soll;
die Entwicklung der amerikanischen Berichterstattung und deren Niveau des öffentlichen Diskurses, oder dass europäische Medien langsam aber sicher auf den gleichen Zug aufspringen.
In diesem Fall möchte ich auch der derStandardredaktion Glückwünschen, die einen herrlich undifferenzierten Artikel erstellt haben, welcher diese Entwicklung wenigstens partiell verbildlicht.
-Dies gilt nicht direkt dem Standard, aber die vierte Säule, von innen zerfressen, wird das Haus kollabieren lassen. Die Demokratiekrise und die Medienkrise, Siamesische Zwillinge!
wäre das kind mit einem stock erschlagen worden, hätte sich kein mensch dafür interessiert, "robust child rearing" (hauen bis es nicht mehr schreit) ist sehr beliebt in den usa. politiker können im fernsehen eltern dazu auffordern ihre kinder zu dreschen, um zb die schulmassaker zu verhindern. in vielen schulen werden kinder geprügelt. nennt sich "disziplin"
Das Video erinnert mich auch an den Anfang dieses Greta-Van-Susteren-Interviews mit Simpson, nur dass sie sich praktisch selbst interviewt hat: http://www.youtube.com/watch?v=lJ9Y1L80h4g Ich kannte den Fall bislang überhaupt nicht - habe zum ersten Mal von dieser Empörung gehört. Ist die Frau doch irgendwie untergetaucht, oder ist das selbst für US-Verhältnisse zu heikel, dass sich ein Sender ihr annehmen würde?
Bezeichnend finde ich über welchen Kontext das wieder mit Soziopathie in Verbindung gebracht wird: solch eitle Videos gibt es doch von Hunderttausenden, bloß dass deren Hintergründe, Dunkelheiten unbekannt sind (bleiben)... Wie muss eine Gesellschaft schon sein um sich dabei dermaßen zu überhöhen?
Das ist ja praktisch: Das böse Boulvard schreibt "Monstermutter". Da kann man ganz ungeniert auch mal so eine geile Schlagzeile bastel, ist ja schließlich nur ein Zitat.
in den usa nimmt man ja mit vorlieb das privatleben anderer auseinander. besonder faellt mir das in den "local news" auf, wo man tagtaeglich gschichtln, die woanders nicht einmal einer randbemerkung wuerdig waeren, zu breaking news stories aufgeblasen werden.
dieser fall ist natuerlich ein extrem, geht es doch um zwielichtige geschehnisse im falle eines mordes.
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