Benedikts Mammon-Problem

Wolfgang Bergmann, 9. Jänner 2012, 10:07

Die letzte Auslandsreise des Papstes war leider von mehr Eigentümlichkeiten geprägt als in diesem Blog schon einmal berichtet (Papst: Scheuklappenerlass für afrikanische Bischöfe).

So glaubte Benedikt XVI. in seinem in Afrika abgelieferten Apostolischen Schreiben die Zölibatsverpflichtung für Priester so begründen zu müssen: "Christus lehrt uns, dass es nicht möglich ist, zwei Herren zu dienen (vgl. Mt 6,24). Gewiss bezieht er sich auf das Geld als jenen irdischen Schatz, der unser Herz beschäftigen kann (vgl. Lk 12,34), aber er nimmt ebenso Bezug auf die unzähligen anderen Güter, die wir besitzen: unser Leben, unsere Familie, unsere Erziehung, unsere persönlichen Beziehungen beispielsweise" (Africae Munus 112, Hervorhebungen durch den Autor).

Schon beim ersten Hinsehen wirkt es befremdlich: Der Papst ordnet die menschlichen Beziehungen der Welt des Besitzes zu. Welches Menschenbild steht da dahinter? Noch empörender wird es, wenn man die Sinnspitze der Bibelstellen genauer unter die Lupe nimmt: Das Zitat, man könne nicht zwei Herren dienen, mündet bekanntlich in dem Schlusssatz: "Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon" (ident bei Mt 6,24 und Lk16,13).

Mammon bedeutet in dem Zusammenhang nicht nur Geld und Besitz, sondern "erscheint hier", so heißt es in einem Bibelkommentar treffend, "wie ein Gegengott, eine Götze ...".* Dies entstammt nicht irgendeinem Kommentar. Dies kommt aus der Feder jenes Theologen, den Joseph Ratzinger als den "wohl bedeutendsten deutschsprachigen katholischen Exegeten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" bezeichnet.**

Man kann die Zölibatsworte des Pontifex daher nur so interpretieren: Eine Priesterehe würde nicht dem richtigen Herrn dienen. Steht denn das Ehesakrament in der Ordnung eines Gegengottes? Ehe als Götzendienst, das ist - mit Verlaub - schlechte Theologie.

Wenn man nun davon ausgeht, dass Benedikt XVI. nicht unter einem akuten Verfall an theologischer Kompetenz leidet, muss man annehmen, dass ein Ghostwriter Textbausteine für dieses Dokument geliefert hat. Das ist, obwohl der deutsche Papst vieles gern mit eigener Hand schreibt, bei der Menge an Reden und Erklärungen gar nicht anders vorstellbar. Diese für den römischen Oberoberhirten noch mildeste Interpretation nimmt ihm aber nichts von seiner persönlichen Verantwortung. Zudem ergeben sich dann noch zwei gravierende Probleme:

1. Es ist ein alarmierendes Zeichen für die schlechte inhaltliche Qualität seiner Zuarbeiter, für deren theologisches Niveau und deren Kirchenbild. In einem ausführlichen Gespräch mit dem Blog-Autor über aktuelle Kirchenprobleme meinte erst kürzlich ein österreichischer Bischof selbstkritisch, die Diözesen hätten nicht ausreichend darauf geachtet, gutes Personal nach Rom zu entsenden. Weil man egoistisch die regionale Kirche im Auge habe, überlasse man Rom anderen. Allmählich wird es auch den Bischöfen bewusst: Das Opus Dei, die Legionäre Christi und ähnliche innerkirchliche Sekten agieren da ganz anders ...

2. Der Papst ist - immer noch unter der Voraussetzung, dass er nicht selbst der Autor dieser Zeilen ist - nicht in der Lage, solche Entgleisungen zu korrigieren. Ob aus Überlastung oder Unaufmerksamkeit, spielt im Ergebnis dann keine Rolle mehr und ist nicht weniger alarmierend. Vielmehr ist es ein weiterer Beleg für die völlige Überfrachtung des Papstamtes (vgl.: Wie der Papst Gott auf die Probe stellt - ein Managementfiasko).

Weihesakrament und Ehe kann man jedenfalls nicht so plump gegeneinander ausspielen. Wäre es dem Papst ein Anliegen, seine Priester und Bischöfe von weltlichen Aufgaben freizuspielen, müsste er die Kirchenordnung allerdings in ganz anderer Hinsicht gravierend ändern: Die geweihten Amtsträger würden dann ausschließlich als geistliche Begleiter ihrer Gemeinden fungieren - nicht wie derzeit als autoritäre Führer in Fragen des Geldes, der Organisation und der Disziplin.

Tatsächlich haben sich die Pfarrer und Bischöfe im Tagesgeschäft häufig mehr mit Besitzfragen zu beschäftigen als Eltern einer Familie. Und der Papst könnte gleich mit gutem Beispiel vorangehen. Dass er als oberster Chef der Vatikanfinanzen selbst Richtlinien "über die Vorbeugung und Abwehr illegaler Aktivitäten im Bereich des Finanz- und Währungswesen" herausgeben musste, sollte ihn in geistlicher Hinsicht so beunruhigen, dass er rasch ein paar Mammon-Funktionen abgibt. Als Fundgrube für die Arbeit an der vom Papst empfohlenen Entweltlichung der Kirche wäre der Vatikan geradezu ein Paradies.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 9.1.2011)

Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom.

Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

* Schnackenburg R., in: Neue Echter Bibel, Neues Testament, Bd. 1, Würzburg 1985, 70
** Ratzinger J., Jesus von Nazareth, Freiburg 2007, 11

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Posting 1 bis 25 von 41
1 2
giconda b.
00
20.1.2012, 15:18

Und wem interessierts?

pastassi
00
13.2.2012, 10:53
mir interessierts!

Kapitalismus Luege
00
16.1.2012, 20:44
einer der allwissend, allmächtig und so drüber steht,

sollte sich daran stoßen, daß einer seiner Diener eine Ehefrau habe.

Wie groß die Gefahr, diese könne ihm seinen Rang als Gott ablaufen.

Und die Schriften, aus denen sich das Ganze ableitet, wurden vor einigen Tausend Jahren in Mesopotanien begonnen.

Der heutigen Jugend läßt sich das nicht mehr verklickern.

Igypop83
01
11.1.2012, 11:23

Ist es auch möglich den vollständigen Brief zu lesen? Oder nur aus dem Zusammenhang gerissene Zitate?

Wolfgang Bergmann
11
12.1.2012, 10:33
ist alles öffentlich zugänglich

http://www.vatican.va/holy_fath... us_ge.html

luzifux eh
00
16.1.2012, 18:58
von Sinnen ?

dieser gott verbietet der einen hälfte seiner kinder, ihm ebenso zu dienen und zu huldigen, wie's die andre tut?
ist der von sinnen, dieser gott ?

Kelbo
77
10.1.2012, 08:49

da interpretiert aber auch einer mittels Vorverurteilungsbrille...

johannes schenk1
13
10.1.2012, 07:04
Das ist das Leidige mit dem Interpretieren: "...Man kann die Zölibats-Worte des Pontifex daher nur so interpretieren: Eine Priesterehe würde nicht

dem richtigen Herrn dienten. Steht denn das Ehesakrament in der Ordnung eines Gegengottes? Ehe als Götzendienst, das ist - mit Verlaub - schlechte Theologie."

Denn man kann es auch anders interpretieren: Im Dokument wird das Bild EBEN NICHT bis zur Mammonstelle weitergeführt.
Dann wären es zwei gleichberechtigte Herren - Priesteramt oder Ehe und man muss sich eben entscheiden, welchen der beiden man dienen will.

Wenn ich eine Stelle oder eine Aussage zerpflücken will, finde ich immer etwas - man kann aber auch versuchen, einen Text so zu lesen, wie er wahrscheinlich gemeint war - oder denkt Herr Bergmann dass der Papst die Ehe tatsächlich dem Götzendienst gleichstellen will?
Wenn er es aber nicht denkt, warum schreibt er es dann?

wurm83
 
00
10.1.2012, 13:04
irrelevant

was wirklich relevant ist:

"aber er nimmt ebenso Bezug auf die unzähligen anderen Güter, die wir besitzen: unser Leben, unsere Familie, unsere Erziehung"

für den papst, die kirche bzw. jesu (wenn er denn richtig zitiert wird) ist geld auf einer ebene mit familie, leben und erziehung...

dem gegenüber steht der glaube...

ich GLAUBE NCIHT, dass es im sinne eines jesus war wie ich ihn mir vorsatelle, die famile und das leben dem glauben gegenüber zu stellen...

ich denke eher man sollte es miteinander verbinden...aber was weiß ich schon als ungläubiger heide...

abgesehen davon, was hidnert einen wohl mehr daran das priesteramt auszuführen:

eine frau und familie

oder ein gigantischer unaufgeklärter mißbrauchsskandal

?

johannes schenk1
11
10.1.2012, 15:09
Danke, dass Sie mein Argument einfach mit

einem Wort wegwischen. Ich mag das.
Vor allem, wenn Sie nachher genau den selben Interpretationstrick anwenden wie Bergmann, gegen den ich, mit meinem irrelevanten Beitrag mich verwehrt habe.
Nirgends ist herauszulesen, dass der Papst, oder Jesus diese Dinge gleichsetzt. Es ist eine Aufzählung all jener Dinge, die einen ablenken können von dem, was das Ziel sein könnte. Den einen lenkt sein Reichtum ab, den anderen seine Familiensorgen. Das ist keine Gleichsetzung.
Und: natürlich kann und soll man auch als Familie gläubig sein.
Es sind ja nicht nur Priester gläubig. Aber der Papst findet halt dass man sich entscheiden muss zwischen dem Status des verheirateten Gläubigen und dem Priesteramt.
Das ist seine Aussage. Nicht mehr.

blasta
 
01
10.1.2012, 11:40

welchem Herren dient man in einer Ehe? man dient eher einer herrin mMn ;)

litswd
00
10.1.2012, 08:27

glaub auch, dass es eher so gemeint war.
was sie dem autor vorwerfen, kann man allerdings auch dem papst in seiner bibelauslegung vorwerfen (was ich nach katholischem verständis a bissl lustig find, weil ja der papst bzw. das lehramt das monopol auf die schriftauslegung hat).

Loup Garou
02
10.1.2012, 06:41
das Ganze ist doch denkbar einfach erklärt...

das Christentum hat sich aus einem Regelwerk (der Bibel) entwickelt, das vielleicht vor 2000 und mehr Jahren durchaus seine Berechtigung hatte, und von den "Schäfchen" mangels lese- und schreibkundigkeit nicht hinterfragt werden konnte.

Und jetzt wird halt versucht, all diese heute absurden und zum Großteil widersprüchlichen Regeln unter einen Hut zu bringen...

Grünwähler
00
Schwachsinn

Absurd und Widersprüchlich sind die unbiblischen Auswüchse der römisch-katholischen Sekte, wie eben der Pflichtzölibat.

Christoph Karl Steininger
24
10.1.2012, 01:24
Der Eigentliche Indikator für die zunehmende Irrelevanz der Kirche ist oben angeführt.

Wir reden hier von realen Problemen, oder? Die Bezugnahme auf die wirren Reden eines Propheten der vor 2000 Jahren gelebt hat (oder vielleicht auch nicht) löst keine Probleme.
Was immer Jesus unter Mammon verstanden hat, und was immer heutige Menschen darunter verstehen sind so verschiedene Dinge daß man fassungslos davorsteht!
Das Befremdliche daran ist, daß solche unverständlichen und kaum interpretierbaren Bibelstellen für ethische Probleme im hier und heut herhalten sollen.
Sollen die Autoritäten doch Klartext reden. Aber das können sie nicht. Denn das hieße Stellung zu beziehen! Und das womöglich mit vernünftigen Argumenten zu untermauern!

Chien de Pique
12
Ich kann die Empörung nicht ganz nachvollziehen; wohl nicht das optimale biblische Bild, aber Jesus war der Welt der menschlichen Beziehungen wohl wirklich nicht sehr wohlgesinnt. "Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien

und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein." "Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen"
Und auch da werden Häuser und Äcker in einem Atemzug genannt mit den engsten Angehörigen! Ehe wird nicht direkt genannt, ist ja auch privilegiert, aber was ist denn das für ein Menschenbild, wer hat Jesus denn da zugearbeitet? Ewiges Leben ist gut, 100 Häuser ein Luxus, aber was soll man hunderten Schwestern?
Ich lese Mt 6,24 auch eher so, dass Mammon tatsächlich nur EIN Bsp. für einen anderen Herrn ist.

onerose1001
00
wuerde dem

oberschlumpf empfehlen, sich goldoni zu verinnerlichen. 'il servitore di due padroni' und zu reflektieren, dass goldoni seine grundausbildung bei den domini canes und jesuiten genossen hat.
so was praegt natuerlich......
;-)

Dagmar Rehak Wien
 
14
Die Kirche ist eine Bank.

Kahuna
03
Falsch, man bekommt nie die geleistete Einlage zurueck.

Dagmar Rehak Wien
 
06
10.1.2012, 08:45

Dafür nehmen sie dir Haus und Grundstück weg, wenn du keinen Ablass zahlst.

Martin Müller10
 
110
Also ich arbeite gerade an der Phlogiston-Religion, die Tora

und das alte Testament habe ich schon fertig, das neue und der Koran fehlt noch. Da gibt es dann einen Himmel first class. Ab 1000 € Mitgliedsbeitrag pro Monat. Irgendwelche Spinner werde ich schon finden die das zahlen, müssen ja nicht sehr viele sein ;-)

binnenmigrationshintergrund
 
00
10.1.2012, 11:03
Hut

haben sie schon lustige hüte? ich hätte da ein paar besonders lustige und prächtige exemplare, dda sieht man von weitem ui , da kommt ein heiligkeit daher...

Christoph Karl Steininger
02
10.1.2012, 01:26
Also wenn sie einen Terminator suchen,

ich bin ein arbeitsloser Sith-Inquisitor. Die ethischen Differenzen werden wir ganz schnell beseitigen. Im Beseitigen bin ich gut!
Möge die Macht mit dir sein...

Kahuna
02
Sind Sie vielleicht bei Scientology in die Lehre gegangen?

Chief Cohiba
17
Klingt...

...gut! Ich mache gerade bei Humboldt den Großinquisitor 2 und mir wird ausgesprochenes Talent zugesprochen. Ein Praktikum bei Opus Dei wurde mir auch schon zugesichert, und meine Diplomarbeit behandelt das Thema "Moderne Pyrotechniken und deren zeitgemäße Verwendung bei Hexenverbrennungen".

Da kann ich doch sicher mein Wissen einbringen, oder?

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