Fünf Hypothesen über die Motive des ORF-Chefs bei der Bestellung seines Büroleiters
In der Aufregung über die Bestellung des jungen SP-Parteisoldaten
Niko Pelinka zum Büroleiter von Alexander Wrabetz wird oft übersehen, dass der
ORF-Generaldirektor, und er ganz allein, diesen Schritt zu verantworten hat. Ein
gerade auf fünf Jahre bestellter Unternehmenschef kann zu so einer Handlung
nicht gezwungen werden, nicht einmal von einer mächtigen Regierungspartei.
Und kaum jemand stellt die Frage – oder gibt gar darauf die
Antwort – was Wrabetz eigentlich dazu motiviert hat. Hier deshalb fünf Hypothesen
über Wrabetz‘ Beweggründe:
1) Wrabetz wurde, wie Armin Wolf im Profil
behauptet, tatsächlich von der SPÖ politisch erpresst – sei es mit der Drohung,
er kann seinen Job wieder verlieren, der ORF würde Geld verlieren, oder irgendetwas
anderes Schlimmes würde der ORF-Chef erleiden, wenn er Pelinka nicht in sein
Vorzimmer setzt. Er hatte deshalb keine andere Wahl.
2) Wrabetz sah sich heftigem Druck vonseiten der
SPÖ ausgesetzt und entschied sich, aus Bequemlichkeit oder Pragmatismus diesem
Druck nachzugeben statt ihn zu bekämpfen. Wie ebenfalls Wolf andeutet, wollte
er damit möglicherweise direkte Interventionen in die ORF-Redaktion den Wind
aus den Segeln nehmen.
3) Wrabetz
hat, wie er behauptet, tatsächlich in den vergangenen zwei Jahren ein
Vertrauensverhältnis zu Pelinka entwickelt, ist von seinen Fähigkeiten
beeindruckt, und sieht ihn als den geeignetsten Kandidaten für den Job des
Büroleiters. Er will ihn einfach stets
an seiner Seite haben.
4) Wrabetz hat Pelinka im ORF-Stiftungsrat fürchten
gelernt, war aber von seinen Qualitäten als Taktiker und Macher beeindruckt.
Mit der Ernennung zum Büroleiter wird Wrabetz den unangenehmen Aufpasser los
und macht ihn zum Untergebenen. Besser, so sein Gedanke, dieser talentierte Intrigant
arbeitet für mich als für Laura Rudas.
5) Wrabetz wollte
Pelinka im Stiftungsrat loswerden und inszenierte eine stümperhafte Bestellung (Ankündigung vor der Ausschreibung),
die nach hinten los musste. Angesichts der Empörung muss der ORF-Chef schweren
Herzens auf Pelinka verzichten, aber damit ist er auch im Stiftungsrat
Geschichte.
Anfangs neigte ich zu Hypothese 5,
habe damit aber Wrabetz offenbar überschätzt. Wäre das ganze eine Intrige gegen
Pelinka, dann hätte Wrabetz ihn bereits fallen lassen müssen. Indem er sich nun
einbetoniert, wird ein Rückzug fast unmöglich.
Und die anderen Hypothesen?
Ad 1) Eine reine Erpressung ist
nicht wirklich vorstellbar. Denn was soll die SPÖ Wrabetz tatsächlich antun
können?
Ad 2) Ebenso wenig kann ich mir
vorstellen, dass Wrabetz sich von der SPÖ seinen Büroleiter aufdrängen lässt.
Andere Posten vergibt man aus politischem Kalkül, aber mit dem Bürochef muss
man Tag für Tag zusammenarbeiten. Da nimmt man nicht jemanden, den man nicht auch
irgendwie schätzt.
Ad 3) Aber genauso
unwahrscheinlich ist es, dass Wrabetz Pelinka tatsächlich so schätzen und
vertrauen gelernt hat, dass er ihn nun ständig an seiner Seite will. Mit einem
Stiftungsrat, der nebenbei erzählt, dass der ORF-Chef die Gästeliste des
wichtigsten Politik-Talks mit ihm bespricht, dem kann man nicht vertrauen.
Deshalb neige ich am ehesten
Hypothese 4 zu. Wrabetz hat Pelinka zu sich geholt, um ihn einerseits zu
neutralisieren, andererseits, um seine sicher existenten Talente für sich zu
verwenden. Es wird schon so sein, dass die beiden Männer miteinander können. Aber
vor allem sieht Wrabetz die Ernennung als taktischen Schachzug, mit dem er aus
einem potenziellen Widersacher, der dringend einen gutbezahlten Job sucht, einen
Verbündeten macht.
Wenn das stimmt, dann sitzt
Pelinka nicht als Rudas‘ Entsandter im Wrabetz-Vorzimmer, sondern als Adjutant
des Generaldirektors. Dann ist durch diesen Schritt der Parteieneinfluss im ORF
nicht gewachsen – und dann sind die schlimmsten Befürchtungen, die derzeit
geäußert werden, unbegründet.
Aber das ändert nichts daran,
dass der Eindruck der politischen Abhängigkeit und Korrumpiertheit entstanden
ist, was dem ORF gewaltig schadet. Wrabetz hat sich dabei als Manager entpuppt,
der viel mehr auf sein eigenes Interesse
schaut als auf das des Unternehmens, das er führt.
Und das ist kein gutes
Zeichen.