Was geht in Alexander Wrabetz vor?

8. Jänner 2012, 20:40
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Fünf Hypothesen über die Motive des ORF-Chefs bei der Bestellung seines Büroleiters

In der Aufregung über die Bestellung des jungen SP-Parteisoldaten Niko Pelinka zum Büroleiter von Alexander Wrabetz wird oft übersehen, dass der ORF-Generaldirektor, und er ganz allein, diesen Schritt zu verantworten hat. Ein gerade auf fünf Jahre bestellter Unternehmenschef kann zu so einer Handlung nicht gezwungen werden, nicht einmal von einer mächtigen Regierungspartei.

Und kaum jemand stellt die Frage – oder gibt gar darauf die Antwort – was Wrabetz eigentlich dazu motiviert hat. Hier deshalb fünf Hypothesen über Wrabetz‘ Beweggründe:

1) Wrabetz wurde, wie Armin Wolf im Profil behauptet, tatsächlich von der SPÖ politisch erpresst – sei es mit der Drohung, er kann seinen Job wieder verlieren, der ORF würde Geld verlieren, oder irgendetwas anderes Schlimmes würde der ORF-Chef erleiden, wenn er Pelinka nicht in sein Vorzimmer setzt. Er hatte deshalb keine andere Wahl.

2) Wrabetz sah sich heftigem Druck vonseiten der SPÖ ausgesetzt und entschied sich, aus Bequemlichkeit oder Pragmatismus diesem Druck nachzugeben statt ihn zu bekämpfen. Wie ebenfalls Wolf andeutet, wollte er damit möglicherweise direkte Interventionen in die ORF-Redaktion den Wind aus den Segeln nehmen.

3) Wrabetz hat, wie er behauptet, tatsächlich in den vergangenen zwei Jahren ein Vertrauensverhältnis zu Pelinka entwickelt, ist von seinen Fähigkeiten beeindruckt, und sieht ihn als den geeignetsten Kandidaten für den Job des Büroleiters.  Er will ihn einfach stets an seiner Seite haben.

4) Wrabetz hat Pelinka im ORF-Stiftungsrat fürchten gelernt, war aber von seinen Qualitäten als Taktiker und Macher beeindruckt. Mit der Ernennung zum Büroleiter wird Wrabetz den unangenehmen Aufpasser los und macht ihn zum Untergebenen. Besser, so sein Gedanke, dieser talentierte Intrigant arbeitet für mich als für Laura Rudas.

5) Wrabetz wollte Pelinka im Stiftungsrat loswerden und inszenierte eine stümperhafte  Bestellung (Ankündigung vor der Ausschreibung), die nach hinten los musste. Angesichts der Empörung muss der ORF-Chef schweren Herzens auf Pelinka verzichten, aber damit ist er auch im Stiftungsrat Geschichte.

Anfangs neigte ich zu Hypothese 5, habe damit aber Wrabetz offenbar überschätzt. Wäre das ganze eine Intrige gegen Pelinka, dann hätte Wrabetz ihn bereits fallen lassen müssen. Indem er sich nun einbetoniert, wird ein Rückzug fast unmöglich.

Und die anderen Hypothesen?

Ad 1) Eine reine Erpressung ist nicht wirklich vorstellbar. Denn was soll die SPÖ Wrabetz tatsächlich antun können?

Ad 2) Ebenso wenig kann ich mir vorstellen, dass Wrabetz sich von der SPÖ seinen Büroleiter aufdrängen lässt. Andere Posten vergibt man aus politischem Kalkül, aber mit dem Bürochef muss man Tag für Tag zusammenarbeiten. Da nimmt man nicht jemanden, den man nicht auch irgendwie schätzt.

Ad 3) Aber genauso unwahrscheinlich ist es, dass Wrabetz Pelinka tatsächlich so schätzen und vertrauen gelernt hat, dass er ihn nun ständig an seiner Seite will. Mit einem Stiftungsrat, der nebenbei erzählt, dass der ORF-Chef die Gästeliste des wichtigsten Politik-Talks mit ihm bespricht, dem kann man nicht vertrauen.

Deshalb neige ich am ehesten Hypothese 4 zu. Wrabetz hat Pelinka zu sich geholt, um ihn einerseits zu neutralisieren, andererseits, um seine sicher existenten Talente für sich zu verwenden. Es wird schon so sein, dass die beiden Männer miteinander können. Aber vor allem sieht Wrabetz die Ernennung als taktischen Schachzug, mit dem er aus einem potenziellen Widersacher, der dringend einen gutbezahlten Job sucht, einen Verbündeten macht.

Wenn das stimmt, dann sitzt Pelinka nicht als Rudas‘ Entsandter im Wrabetz-Vorzimmer, sondern als Adjutant des Generaldirektors. Dann ist durch diesen Schritt der Parteieneinfluss im ORF nicht gewachsen – und dann sind die schlimmsten Befürchtungen, die derzeit geäußert werden, unbegründet.

Aber das ändert nichts daran, dass der Eindruck der politischen Abhängigkeit und Korrumpiertheit entstanden ist, was dem ORF gewaltig schadet. Wrabetz hat sich dabei als Manager entpuppt, der viel mehr auf sein eigenes Interesse schaut als auf das des Unternehmens, das er führt.

Und das ist kein gutes Zeichen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Alexander Wrabetz bei der Verkündung seiner Wiederkandidatur zum ORF-Generaldirektor im April 2011.

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