Wien-Mariahilf

"Sucht ist keine Willensschwäche"

Reportage | Fabian Kretschmer , 8. Jänner 2012, 18:47
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    foto: kretschmer

    Sozialarbeiterin Sandra Aumüller beim Spritzentausch im Ganslwirt. Das Projekt, bei dem gebrauchte Spritzen gegen neue eingetauscht werden, hat eine Rücklaufquote von fast 100 Prozent.

Österreichs bekannteste Suchthilfe-Einrichtung, der Ganslwirt in Wien, wird im Sommer umziehen - Am neuen Standort regt sich Widerstand aus der Bevölkerung

Wien - Die gut ein Dutzend Tische sind fast alle belegt: vom Ende des Raums, wo der Wuzzeltisch steht, bis hin zum Tresen, an dem gerade frischer Kaffee auf Kunden wartet. Ein typisches Wiener Beisl halt - zumindest war das das Lokal in der Esterházygasse einmal. Mittlerweile sind die "Kellner" des Ganslwirts in Wien-Mariahilf aber Sozialarbeiter und die Gäste schwerstabhängige Drogenkonsumenten. Vor 21 Jahren hatte der damalige Bürgermeister Helmut Zilk den Ganslwirt durchgesetzt - trotz massiver Proteste aus der Bevölkerung und des damaligen Bezirksvorstehers Kurt Pint. Alles Schnee von gestern: Der Ganslwirt ist längst eine etablierte Suchthilfe-Institution.

Zielgruppe sind Kranke, die in einer normalen Arztordination nicht mehr ohne weiteres betreut werden können: süchtig, meist nach einer Mischung aus Heroin und Schlafmittel, oft obdachlos, hoch verschuldet. Der harte Kern der Wiener Drogenszene besteht aus knapp 600 Leuten.

Heute bereitet Sozialarbeiterin Sandra Aumüller das Mittagessen im Tageszentrum des Ganslwirts vor: Es gibt Spaghetti bolognese. Schnell hat sich vor der Essensausgabe eine Menschentraube angesammelt. Zwei streiten um die Reihenfolge - das bleibt aber auch schon die einzige lautere Auseinandersetzung an diesem Vormittag. Erstaunlich, suchen doch täglich rund 150 Klienten den Ganslwirt auf. Viele von ihnen stehen unter enormem psychischem Druck.

Als Aumüller vor zwei Jahren mit der Arbeit anfing, war sie manchmal schon schockiert - schließlich gehören viele ihrer Klienten zu der Sorte Mensch, vor der die Mutter sie als Kind immer gewarnt hat. Nach und nach merkte sie jedoch: "Das sind Leute wie du und ich, die meisten sehr sympathisch." Der schwerste Teil ihrer Arbeit sei es, die Probleme der Klienten nach Dienstschluss einfach abzuschütteln.

Diese suchen den Ganslwirt auf, um alte Spritzen gegen neue zu tauschen, sich mit Essen zu verpflegen, zu duschen oder ärztlich untersuchen zu lassen. Beim Kaffee im Aufenthaltsraum sucht Aumüller dann behutsam das Gespräch. "Oft plaudern wir auch nur über Persönliches", und so entsteht schließlich Vertrauen. Die Hilfe der 15 Sozialarbeiter im Ganslwirt reicht von Telefonaten bei Inkassobüros über Bastelworkshops bis hin zur Vermittlung eines festen Arbeitsverhältnisses.

Substitutionstherapie

Fast jeder Langzeitklient beginnt eine Substitutionstherapie, die den Austausch von Heroin durch Ersatzopiate vorsieht. Unter ärztlicher Betreuung können Suchtkranke "unauffällig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen", sagt Hans Haltmayer, ärztlicher Leiter der Drogenambulanz. Die Substitute werden oral verabreicht, doch manchen Patienten fällt es schwer, auf den intravenösen Konsum zu verzichten und spritzen weiter illegale Drogen.

"Sucht sei keine Willensschwäche, sondern eine Erkrankung, die oft chronisch verläuft und daher für die Betroffenen eine lebenslange Einnahme von Medikamenten erfordert", erklärt Haltmayer. Nicht Abstinenz ist das Ziel, sondern Schadensbegrenzung.

Neulich erst hat Aumüller Besuch von einer ehemaligen Klientin bekommen. Noch vor zwei Jahren hatte die 30-jährig Frau als schwieriger Fall gegolten: risikoreicher Drogenkonsum, schlimme körperliche Verfassung und Opfer von Gewaltmissbrauch. Als sie vor ein paar Wochen mit einem Weihnachtsgeschenk unterm Arm wiederkam, erkannte die Sozialarbeiterin sie kaum wieder: "Sie hat ausgeschaut wie das blühende Leben und erzählt, dass sie eine Gemeindebauwohnung bekommt." Doch auch mit Schicksalsschlägen werden die Sozialarbeiter konfrontiert. Erst vor wenigen Tagen starb ein Langzeitklient. Im vergangenen Jahr starben fünf Klienten innerhalb von vier Monaten.

Beschwerden von Anrainern gibt es im Ganslwirt kaum. In zwei Jahren erreichte Aumüller lediglich ein Anruf wegen Ruhestörung. Im Sommer wird der Ganslwirt an den Gumpendorfer Gürtel umsiedeln - und wieder gibt es Widerstand aus der Bevölkerung. Doch die letzten zwei Jahrzehnte zeigen, dass Befürchtungen unbegründet sind. (Fabian Kretschmer/DER STANDARD-Printausgabe, 9.1.2012)

Kommentar posten
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subhuman
01
13.1.2012, 10:04

blankes entsetzen bei den anrainern... da siedelt sich tatsächlich ein wirt an, der statt alkoholiker drogenabhängige beherbergt. noch dazu mit der intention zu helfen und diese wenn möglich von den drogen wegzubekommen..skandal!
wie friedlich ist es doch mit dem "normalen" wirten ums eck wo noch die wahre gemütlichkeit zelebriert wird. während der heroinabhängige eher für sich ist in seinem rausch ist der alki doch immer gerne bereit, mit seiner umwelt in eine gewisse interaktion zu treten. da freut man sich als anrainer wenn der alkberauschte dazu auffordert mit ihm doch ein wenig zu blauschen.auch werden bekannte sportarten weiterentwickelt zb gehsteigkotzen und hausmauerfestkrallen bzw gehsteigküssen.

meineMeinung1969
36
Sucht ist keine Willensschwäche

Aber es beginnt damit.

mM

Kein_Postingname
30
23.1.2012, 07:19
Welch ein Menschenversteher …

… und Durchblicker der menschlichen Psyche und Schicksale! Wie war das früher mit rothaarigen Frauen? Mit missgestalteten Menschen? Epileptikern? Autisten? ………
Ich weiß, es ist nur allzu menschlich, alles Unbekannte und abnormales Verhalten auszugrenzen, aber irgendwie ……… im Lauf der Zeit ……… mit zunehmenden Einblick in Biologie und Psychologie … könnt' ja dann doch langsam ein weiteres Gesichtsfeld entstehen, oder?

Gilgamesh
21
15.1.2012, 11:15

Was für ein Nonsens...

Entweder beginnt es mit Neugierde, oder Gruppenzwang..
Aber bitte, so bastelt sich jeder seine eigene Welt...

meineMeinung1969
00
17.3.2012, 20:19
Welche logischere Begründung ...

... als Neugierde (der Gruppenzwang ist ja ein Teil davon) gäbe es noch???

mM

silvia hanna
 
00
23.1.2012, 08:30
was für ein nonsens

sucht beginnt mit "entweder" oder "oder". so einfach ist das. - klar... aber bitte, so bastelt sich jeder seine eigene welt.

Das bin doch ich!
00
15.1.2012, 22:53

Gruppenzwang gibts nur für solche, die sich zwingen lassen, für mich gab es sowas z.B. nie!

I am in the know
00
11.1.2012, 22:21

von welchem willen schreiben sie. vom freien willen? vom bedingten oder unbedingten? unter berücksichtigung des deterministischen standpunktes? oder sehen sich das doch kompatibel? ihre fundierte meinung wäre ineterssant.

meineMeinung1969
11
11.1.2012, 22:42
Immer vom ...

... freien Willen. Üblicherweise wird niemand gefesselt und ihm dann die Nadel mit Gewalt reingedrückt (um ewigen Diskussionen vorzubeugen - wenige Ausnahmen nicht berücksichtigt).

mM

I am in the know
02
12.1.2012, 07:46

die grßen denker und philosophen konnten nicht auf einen nenner kommen was der freie wille ist, ob es ihn gibt oder ob er beeinflussbar ist. chapeau, dass sie es in einem satz zusammenfassen konnten. jeder, der nicht gefesselt ist, übt seinen freien willen aus.

meineMeinung1969
12
12.1.2012, 21:29
Ja.

Denn zum Beeinflussen gehören immer zwei - einer der beeinflusst und einer, der beeinflussen lässt.

mM

Das bin doch ich!
31
10.1.2012, 14:20

Was aneres habe ich auch nie gemeint oder gesagt, doch hier wollen einem ja alle weismachen, dass ein Süchtiger schon lange vor seinem Drogenmissbrauch süchtig ist und somit unschuldig, weil die Sucht immer schon da ist.... irgendwas in der Art! Dass das Drogennehmen nur die letzte Konsequenz einer Krankheit ist. DEM kann ich halt nicht zustimmen bzw. nicht sagen, dass all diese Menschen es nicht auch anders hätten machen können, wenn sie halt mehr Willen gehabt hätten bzw. sich solchen früher erarbeitet (mittels Psychotherapie z.B.).

schwammerlbrocker
11
10.1.2012, 12:49
Genau das wollte ich auch gerade schreiben.

Nicht mehr nötig, wie es aussieht.

Die Stimme des Marktes
91
Jeder weiß, dass Drogen gefährlich sind...

...wer sie dennoch nimmt, ist an seiner/ihrer "Erkrankung" selbst Schuld. Folglich muss das Ziel "Minimierung der (Behandlungs-/Verwahrungs-)Kosten für die Gesellschaft" lauten.

fannyfein
01
10.1.2012, 15:31

"jeder weiß, dass Drogen gefährlich sind..."

ich nehme an Sie meinen illegale Drogen.

jede_r weiß auch, dass Alkohol gefährlich ist. Glücksspiel, Einkaufen, Essen, verschiedene Medikamente u. a. kann Objekt eines Suchtverhaltens mit schweren finanziellen oder/und gesundheitlichen und persönlichen Folgen sein. Wer keine (illegalen) Drogen konsumiert ist also noch lange nicht vor Sucht und Abhängigkeit gefeit.

Das bin doch ich!
00
10.1.2012, 23:41

Hat eh keiner behauptet, oder? Alkohol, Nikotin, das sind natürlich genauso Drogen!

Bodypainter
00
15.1.2012, 13:33

deshalb sollte auch ein normal denkender mensch aufpassen wie er den alkohol bzw rauchen ausübt. und auch hier ist es eine willensschwäche wenn man "reinkippt".

fannyfein
03
10.1.2012, 15:10
Kosten? Nutzen Sie doch bitte ihr gesamtes Sichtfeld!

Geht es Ihnen um die Kosten für die Gesellschaft oder um die Ausgaben für Behandlung und Unterkunft?

Die Minimierung letzterer Kosten kann bedeuten, dass jene für die Gesellschaft insgesamt sogar steigen (höhere Kriminalität, schwerwiegendere u zusätzliche gesundheitliche Schäden -> höhere Ausgaben im Gesundheitswesen).

Abgesehen von den monetären Ausgaben kostet fehlende Unterstützung der betroffenen Menschen die Verschlechterung der Lebensqualität aller Bewohner_innen, z.B. wg. der höheren Kriminalität, Spritzen im Park, noch mehr Menschen, die auf der Straße leben müssen, etc.

Was ist mit dem Verlust ideller "Werte", wenn wir Menschen in Not nicht unterstützen?

Abgesehen davon: haben Sie noch nie falsche Entscheidungen getroffen?

StringerBell
01
10.1.2012, 12:12

Das Post passt zum Nickname, gratuliere!

fannyfein
00
10.1.2012, 15:37
stimmt!

aber Ihrem nickname zu folge, wollen Sie uns nur noch mehr drogen verticken ;-)

UrbanFarmer
00
Habe mir alle Postings durchgelesen und gebe jetzt auch mal meinen Senf dazu:

"Ob Sucht eine Krankheit ist oder nicht, war lange Zeit umstritten. Obwohl rein rechtlich die Angelegenheit klar ist, haben viele Menschen immer noch Probleme damit, in ihr eine Krankheit zu sehen und nicht einfach nur eine Willensschwäche, der mit erzieherischen oder rechtlichen Maßnahmen zu begegnen ist." (Zitat aus dem Drogenlexikon 2004)

Abgesehen davon, wurde (in diesem Kontext) der Begriff "Sucht" von der WHO durch „Abhängigkeit“ ersetzt. Abhängigkeit setzt immer eine substanzgebundene Tätigkeit voraus. Wir sprechen also hier von Drogenabhängigen Menschen. Gründe, warum Menschen abhängig werden sind vielfältig, im wesentlichen aber mit dem Suchtdreieck gut veranschaulicht: http://www.bruecke-burghausen.de/wie_entst... _sucht.htm

angryOnion
 
00
10.1.2012, 04:51
Wortspielerei?

Was die Bezeichnung ist, ist wahrscheinlich vollkommen egal. Wir alle wissen was gemeint ist.

Ist ein Kleinkind abhängig von seiner Mutter oder süchtig nach ihr? Ist ein Gefangener abhängig vom Gefängniswärter (dass dieser ihn minimal versorgt, Ausgang verschafft etc.), oder süchtig nach ihm?

Maria Leitner1
14
nachbarschaft

ich erlebe die probleme beim alten ganselwirt aus direkter nachbarschaft … tumulte auf der straße, spritzen auf der haustürschwelle, junkies die in den umliegenden häusern zum spritzen verschwinden, verwirrte leute, die in lokale oder büros reinkommen, szenen die immer noch an dealen erinnern

UND DENNOCH ist es wichtig, dass es den ganslwirt gibt! die betreiber müssen allerdings auf die nachbarschaft eingehen und bei problemen auch einschreiten. also ich fühle mich nicht wohl, wenn sich draußen auf der straße täglich leute anschreien und beschimpfen, vor autos laufen usw. da hilft die polizei nix, da braucht es geschulte betreuer, spritzenräume etc.

Rosa Stahl
22
10.1.2012, 11:39

und genau diese Probleme führen dazu, dass so ein Grätzl verwahrlost.

Aber anstatt auf die Probleme einzugehen, Abhilfe zu schaffen, heißt es einfach, dass es die Probleme gar nicht gibt. (siehe Artikel)

zeitig
00

stimmt, zu letzterem - also spritzenräumen - gäbe es eh gerade wieder eine diskussion http://i-dk.org/

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