Steuergerechtigkeit

Geld zusammenzukratzen reicht nicht

Kommentar der anderen | 8. Jänner 2012, 18:07

Das Zusammensuchen von ein paar Millionen wird nicht genügen, das Budget zu sanieren - Nur eine Steuerreform bringt die nötigen Impulse - Von Johannes Ditz

Im neuen Jahr soll die Öffentlichkeit offensichtlich endgültig auf Steuererhöhungen im Namen der "Gerechtigkeit" vorbereitet werden. Etatisten und im Anspruchsdenken groß gewordene Politiker fordern mehr Steuergerechtigkeit durch "Lückenschluss" . Auch Stimmen der ÖVP beginnen sich am Wettbewerb der Steuererfindung zu beteiligen. Aus der Spardebatte ist eine Steuererhöhungsdebatte geworden, die sich in drei Punkten zusammenfassen lässt:

  •  Die Gesamtausgaben aller Gebietskörperschaften betragen derzeit rund 150 Milliarden Euro. Trotzdem hält die Mehrheit der österreichischen Politiker eine ausgabenseitige Budgetsanierung offensichtlich für nicht durchführbar.
  •  Wer bei den großen Ausgabenblöcken Familien, Gesundheit, Pensionen und Arbeitsmarktverwaltung die Dynamik der Ausgabenentwicklung durch Reformen bremsen will, wird umgehend mit dem Vorwurf des Sozialabbaues konfrontiert.
  •  Wer hingegen Steuererhöhungen für Reiche fordert, sieht sich bestärkt vom Boulevard als "Anwalt der Steuergerechtigkeit" .

Dass das österreichische Steuersystem insgesamt durch das Zusammenwirken hoher Mehrwertsteuersätze mit hohen Beitrags- und Progressionssätzen für kleine und mittlere Einkommen längst unsozial geworden ist, bleibt in der Debatte unerwähnt.

Und dass sich das steuerliche Lohnverrechnungssystem im Laufe der Jahrzehnte zu einem nur noch von Spezialisten administrierbaren "Unsystem" entwickelt hat, ist ebenfalls kein Thema. Dem mittleren Angestellten bleibt vom Bruttolohn derzeit ein Netto von 50 bis 60 Prozent, wobei die Kosten für diese Arbeitskraft aufgrund diverser Arbeitgeberabgaben tatsächlich 130 Prozent betragen!

Natürlich gibt es Lücken im Steuersystem, aber sie zu schließen muss mit einer Senkung der Steuertarife für kleine und mittlere Einkommen verknüpft werden. Wenn Österreich seine Wachstumschancen nutzen möchte, muss eine große Steuerreform - möglicherweise in zwei Etappen - in ein wirksames Budgetsanierungskonzept integriert werden.

Eine radikale Vereinfachung des Steuersystems sollte dabei zum integralen Bestandteil einer offensiven Sanierungsstrategie gemacht werden, weil sie Wachstum fördert, Steuervermeidung obsolet macht und dadurch zu Mehreinnahmen ohne Belastung führt.

Nachdem Österreich eine um vier Prozentpunkte (zwölf Milliarden Euro) höhere Staatsausgabenquote als Deutschland aufweist, kann es kein Problem sein, rund drei Prozent der Gesamtausgaben (4,5 Milliarden Euro) durch Strukturreformen "freizukämpfen" und für Budgetsanierung und Steuerreform zu verwenden.

Der Versuch, über ein weiteres Andrehen der Steuer- und Belastungsschraube das Budget nachhaltig zu sanieren, ist hingegen zum Scheitern verurteilt. Er würde uns zwar die höchste Abgabenquote der Geschichte, aber durch negative Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung keinen gesunden Staatshaushalt bringen. Durch falschgestellte Weichen im Finanzausgleich kommen schon jetzt die Mehreinnahmen aus Abgabenerhöhungen zunehmend den Ländern zugute. Dort werden sie postwendend zur Triebfeder für neue Ausgaben. Überfällige Sparmaßnahmen unterbleiben.

Mehr Fairness schaffen

Auch wenn es viele österreichische Politiker nicht wahrhaben wollen: Der Weg zu einem budgetären Gleichgewicht führt über die Ausgabenseite der Budgets. Es genügt nicht, irgendwie bis April zwei Milliarden Euro "zusammenzukratzen" , sondern die Regierung ist gefordert, ein auf Strukturreformen basierendes Sparkonzept zu entwickeln, das die Zuwachsrate der Ausgaben für die nächsten fünf Jahre deutlich unter die BIP-Wachstumsrate senkt. Sparen durch Strukturreformen heißt, die politische Wirksamkeit von Maßnahmen nicht mehr in Ausgabensteigerungen, sondern outputorientiert in Aufgaben und deren Erfüllung zu messen. Ich bin überzeugt, dass bei Ausgaben von 60 Milliarden Euro für soziale Sicherheit durch Ausgabenumschichtungen, Bürokratieabbau und neue Schwerpunkte sogar mehr soziale Fairness erreicht werden kann. (Johannes Ditz, DER STANDARD; Printausgabe, 9.1.2012)

JOHANNES DITZ, (ÖVP), Wirtschaftsminister 1995/96, seit Jänner 2010 Aufsichtsratsvorsitzender der notverstaatlichten Hypo Group Alpe Adria.

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Michael Holzermayr2
00
Sehr geehrter Herr Ditz,

super Kommentar! Aber mit dem Wissen eines Ex-Wirschaftminsters und, wenn ich mich nicht irre, eines Ex-Finanz-Staatssekretärs ein Leichtes.
Haben nicht all diese Punkte schon zu Ihrer aktiven Zeit gegolten und wenn ja, warum haben Sie nichts dagegen unternommen?
Ein weiterer Wortspender aus der Etappe.

Michael Holzermayr2
00
Sehr geehrter Herr Ditz,

Mary F.
01
Um das Steuersystem sozialer zu machen, muss man es einfacher machen

Leistung und soziale Gerechtigkeit muessen nicht notwendigerweise im Gegensatz zueinander stehen.
zB http://www.zeit.de/wirtschaf... eitssteuer
Kleine und mittlere Einkommen, sagen wir mal bis rd. 4000 Euro brutto monatlich, muessen entlastet werden. Ein erster guter Schritt waere daher wirklich alles radikal zu vereinfachen, weil sich nur bei hohen Einkommen Steuerberater und Schlupfloecher auszahlen, wirkt sich eine radikale Vereinfachung automatisch positiv fuer niedrige Einkommen aus und negativ fuer hoehere. Das Ziel muss sein, dass wir keine Steuerberater mehr brauchen und dass sich ehrliche Arbeit auszahlt, waehrend man gleichzeitig Pfusch und Gaunertum den Kampf ansagt.

amused8
03
Auch Ditz erzählt hier das Märchen, dass höhere Spitzensteuern oder gar Vermögenssteuern wachstumsbremsend wirken.

Schon die Beispiele der nordischen Länder erzählen das Gegenteil:

http://lanekenworthy.net/2011/05/2... e-economy/

Und hier wird das am historischen Beispiel der USA widerlegt:

http://www.slate.com/articles/... fraud.html

Klar soll der Staat effizienter, fairer und gerechter werden. Andererseits ist das Schuldenproblem großteils ein Guthabenproblem. Denn den Staatsschulden stehen in Österreich rund 300 Milliarden Nettoguthaben der Bürger gegenüber, die es ohne Staatschulden so nicht geben würde. Um Schuldenabbau zu betreiben MÜSSEN Guthaben aufgelöst werden. Das sagt die Logik des Geldsystems. Dieses Auflösen geht mit Sparpaketen kaum, mit Vermögenssteuern sehr wohl.

adaschauher
12
warum wuerde es meine ersparnisse nicht geben ohne staatliche verschwendung ?

ich habe (so wie jeder wohlhabende buerger) hohe einkommenssteuern abgefuehrt und konsumverzicht geuebt. berechtigt das jetzt die schuldenmacher und waehlerbestecher, mir die ersparnisse abzunehmen, so bin ich wohl der trottel der nation.

amused8
01
10.1.2012, 09:23
Warum? Weil unser Geldsystem ein Kreditgeldsystem ist.

Das heißt, Geld wird erschaffen (geschöpft) nur bei Kreditvergabe in Privatbanken und vernichtet bei Kredittilgung. Geld = Schuld! Mit anderen Worten, es gibt immer genausoviel Schulden wie es Geld gibt. Deshalb muß irgendjemand zu ihrem Geldguthaben die Schulden tragen. Das ist der Staat, der mit seinen Schulden überhaupt erst ermöglicht, dass Sparen, das heißt Guthabenaufbau relativ leicht durchführbar ist. Würde es der Staat nicht machen, würden die Schulden, die Guthaben gegenüber stehen, alle von Privaten gehalten werden müssen. Dies würde eine sehr deflationäre Wirtschaft sein mit viel mehr Konkursen als jetzt, auch Bankzusammenbrüchen. Sparen wäre viel schwieriger, Sparverluste erheblich wahrscheinlicher.

Mary F.
00
Vollkommen richtig!

Man melkt normale Arbeiter und Angestelle bis zum umfallen, und erklaert das mit sozialer Gerechtigkeit. Fakt ist, dass der Staat sozial gerecht sein kann, und noch viel gerechter, ohne Leuten, die hart arbeiten nochmehr Geld aus der Tasche zu ziehn. Und das geht halt nur indem man mal einen Fruehjahrsputz macht. Und wenn man den effizient und richtig machen wuerde, wuerde am Ende soviel Geld uebrig bleiben, dass man sowohl die Einkommenssteuer fuer normale Arbeiter und Angestellte senken kann und mehr Geld fuer soziales hat. Alle anderen Argumente sind Volksverarschung!

Just N. Opinion
 
10
Lieber Herr Ditz:

"Wer bei den großen Ausgabenblöcken Familien, Gesundheit, Pensionen und Arbeitsmarktverwaltung die Dynamik der Ausgabenentwicklung durch Reformen bremsen will, wird umgehend mit dem Vorwurf des Sozialabbaues konfrontiert."

Ja! Zu Recht! Bevor wir anfangen, bei Familien, Gesundheit, Pensionen und Arbeitsmarktverwaltung einzusparen - alles Bereiche, die fuer sozial schwaechere Personengruppen hoechste Relvanz besitzen - sollten wir eindeutig bei der Verwaltung und den wirtschaftlich Privilegierten beginnen.

Mag in Summe vielleicht nicht so viel bringen wie der massenhafte Sozialabbau, aber auch nicht gerade wenig. Wenn das einmal ausgeschoepft ist, darf man auch mit Verstaendnis bei den anderen Bereichen rechnen.

J. Reichhart
01
der herr ditz, ein richtiger leistungsträger,

seine karriereschritte:

- Vereinigung Österreichischer Industrieller

- Referent f. Wirtschaftspolitik in der ÖVP Bundesparteileitung

- Post & Telekom Austria AG

- Aufsichtsratsvorsitzender der Austrian Airlines (AUA)

- Vorstandsvorsitzender der A-Tec-Industries 2006 (nur 1 monat lang)

lauter parteiposten und versorgungsposterl für freunderl, nicht ein einziger echter job für den man keine freunderl sondern qualifikationen braucht.

cumquat
00
11.1.2012, 18:25
Gutverdiener

Im Jänner 2010 wurde Ditz zum Aufsichtsratsvorsitzenden der notverstaatlichtenden Hypo Group Alpe Adria bestellt -
und verdient dort wieviel mehr wie Faymann???

byron sully
01

"Familien, Gesundheit, Pensionen und Arbeitsmarktverwaltung" sind aber auch bloß schlagworte. es kommt darauf an, wo KONKRET man in diesen bereichen sparen will. etwa gesundheit: im verwaltungsbereich ja, bei unnötig hohen medikamentenkosten ja. aber nicht bei personal oder spitalsbetten.

Clemo
01

Das ist richtig, aber ich hoffe, Sie verstehen das nicht als Kritik am Beitrag. So ein kurzer Beitrag kann nicht ins Detail gehen. Wie sagt man in Norddeutschland: Butter bei den Fische schmieren...

Übrigens, in der Verwaltung werden zT zu hohe Löhne gezahlt. Ist das dann sparen am Personal? Oder meinen Sie medizinisches Personal. Wo genau ist die Grenze?
Und betreffend Spitalsbetten:
Ja, auch da müssen wir sparen. Wir haben zu viele Akutbetten. Das ist allgemein bekannt. Und ob die vorhandenen Betten richtig verteilt sind ("Pimperlkrankenhäuser") wage ich ein bisserl zu bezweifeln, wobei ich da nicht sosehr die Details kenne, aber lauter Bettenburgen wie das AKH will ich auch nicht.

byron sully
01

das mit den akutbetten seh ich anders. besser zu viele als zu wenige. was ist, wenn wir akutbetten einsparen, es dann aber zu einer notsituation kommt, wo dann viel zu wenige da sind? also da sag ich nein.

und ich bin durchaus auch für die beibehaltung von "pimperlkrankenhäusern". dort, wo es um ganz komplizierte sachen geht, auf die nur einige spitäler in österreich spezialisiert sind, ist es klar, daß man die menschen dorthin bringt. aber bei "normaleren" krankheiten/verletzungen sollten die patientInnen möglichst nahe am wohnort bleiben, find ich.

jack johnson
 
01
"normaleren" krankheiten/verletzungen

erst informieren, dann posten....

Es geht um Fallzahlen!!!
Bsp.: Wenn in Knittelfeld nur 5 Blinddärme pro Jahr operiert werden, steigen das Risiko massiv an iVgl. zu Graz oder Linz, wo das zu dutzenden geschieht. Abgeshen davon, dass bei Komplikationen schneller geholfen werden kann.

Es wird sich auch niemand freiwillig (zumindest in meinem Bekanntenkreis) im LKH Stolzalpe einen Bruch operieren lassen, wenn er das in Graz oder Wien erledigen kann.

byron sully
01

das stimmt sicher auch.
aber z.b. die rehabilitationsphase macht im umkreis des eigenen wohnorts mehr sinn.

jack johnson
 
01
Genau das ist ja der Punkt

Weniger Akut- mehr Pflegebetten!!!

byron sully
10

na ja, aber akutbetten sind ja auch für gewisse eventualitäten gedacht, die mal eintreten könnten.

jack johnson
 
00
Es ist Ihnen offensichtlich nicht klar,

dass es hier nicht wortwörtlich um Betten geht die herumstehen, sondern ein erheblicher Unterschied im Personal-+ausrüstungsaufwand zwischen akut + pflege besteht.

byron sully
00
10.1.2012, 13:40

ausrüstung ja. beim personal seh ich aber nicht wirklich einen mehraufwand, solange die akutbetten leer stehen.

Collector2
31
Ein paar Sparvorschläge

1. Keine Aufstockung des IMF durch ÖNB= 4-6 Mrd. Euro und Rückführung der Ö-Schulden im gleichen Ausmaß.
2. Nicht-Mitziehen bei zweitem GR- Paket= 4 Mrd. Euro
3. Keine Beteiligung am ESM=21 Mrd. EURO
4. Ausscheiden aus Eurozone, Finanzierung der Staatsschulden durch verstaatlichte ÖNB: Einsparung 8 Mrd Euro an Zinsen jährlich!
5. Kündigung des Kyoto-Abkommens (wie Kanada!): Spart 1 Mrd. Euro jährlich für die unsinnige CO2-Klimaschwindel-Abgeltung.
6. Kein Semmeringbasis- Koralm- und Brenner-Tunnel-Digging=100 Mrd. Euro

Die von Frau Fekter geforderten 2,5 Mrd. Euro Einsparung jährlich sind dann schnell beisammen!!

Clemo
03

Herr Ditz, ich würde mir wünschen, dass Sie als Ex-Politiker mehr ALLE Knackpunkte ansprechen und nicht nur die aus Sicht der ÖVP (die nicht unrichtig sind, aber eben nicht vollständig).
Also auch Förderungen - Familien ist natürlich ein Teil davon - aber eben auch Förderungen für die Landwirtschaft, die Seilbahnen und Co.
Zu viele Beamten mit, bei älteren Beamten, zu hohen Gehältern, die eine zu aufgeblähte Verwaltung am Leben erhalten.
Deutlich unterdurchschnittliche vermögensbezogene Steuern bei, das erwähnt er, einer hohen Abgaben- bzw Staatsquote.
Probleme nicht nur bei Ländern wie von Ihnen erwähnt (ok, das ist ein kleiner Seitenhieb auf die ÖVP), aber auch bei Gemeinden.
Der Föderalismusdschungel.
Sonst jedoch volle Zustimmung

oba g
07
macht einen anfang

nehmt die mittlere verwaltungsebene raus,
restlos
keine länder mehr,
aber bezirke
keine überfressenen häupls, prölls, keine für eine verurteilung nicht zurechnungsfähigen dörflers,
keine provinzkaiser.
1000de gschaftln weniger

higgs - wozu?
43

wir brauchen keine einzige steuerreform bevor wir nicht das geldsystem von grund auf reformieren. die permanente umverteilung kann nicht durch ein paar steuertricks rückgängig gemacht werden - da muß man wohl oder über an die wurzel des problems: der mathematik eines verzinsten geldsystems kann man nicht durch steuerschmähs entkommen.
die staatsschulden gehören weltweit gestrichen, das geldsystem reformiert und unter staatliche kontrolle, die verzinsung gehört abgeschafft und schon sinken die staatskosten um ca. 2/3, um jenen teil der jetzt direkt oder indirekt für zinszahlungen draufgeht - gleichzeiotig hätte geld wieder seine ursprüngliche funktion und wäre keine "ware" mehr

byron sully
00

prinzipiell ein interessanter ansatz, dem ich durchaus was abgewinnen kann. allerdings müßte die streichung aller schulden eine einmalige sein.

manniat
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Volle Zustimmung - aber das traut sich keiner und dafür ist die Bankenlobby viel zu stark.
Wobei wir uns dann auch die Frage stellen können ob wir - wenn schon reformiert wird - überhaupt noch Geld benötigen.

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