Ein Voyeur unter lauter Voyeuren

10. Jänner 2012, 10:17
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In der Galerie Westlicht widmet man dem Street-Photographer Weegee eine Retrospektive

Wien - Von Selbstzweifeln war Weegee sicher nicht geplagt. "Ein besserer Name oder ein besserer Photograph ist mir nie begegnet", sagte der berühmte Street Photographer über sich selbst. Der wichtige Chronist der New Yorker Arbeiterklasse in den 1930er und 40er Jahren war mit den Eltern aus Europa emigriert. Mit bürgerlichem Namen hieß er Arthur J. Fellig, gab sich selbst aber - wohl nach einem Dunkelkammerutensil, dem "Sqeegee" - den Namen Weegee. Unbescheiden auch der Schriftzug seiner Fotostempel: "Foto von Weegee, dem Berühmten". Und als ihm eine der Ikonen der Fotografie, alt, einsam und in österreichischem Loden, auf der Madison Avenue
begegnete, stellt er sich wie folgt vor: "Sind Sie Stieglitz? Ich bin Weegee. Sie haben vielleicht in Magazinen über mich gelesen oder meine Bilder im People Magazine gesehen."

Zweifelsohne war Weegee, dem im Westlicht eine rund 250 Vintage Prints umfassende Retrospektive gewidmet ist, einer der besten Fotografen seiner Zeit. Niemand hat damals wohl mehr und schnellere Bilder in die Redaktionen geliefert. Verbrechen, Unfälle, Feuer: sein Spezialgebiet. Weegee war stets erster Bildreporter am Tatort, denn er hatte einen guten Draht zur Polizei von Manhattan, besaß sogar das Privileg eines eigenen Polizeifunkgeräts. So entstanden Fotos, wie "Ich weinte, als ich dieses Bild aufnahm" (1939); es zeigt Mutter und Tochter, die fassungslos mitansehen, wie ein anderes Familienmitglied Opfer der Flammen wird. Die behaupteten Tränen, man kauft sie Weegee jedoch nicht ab. Er hält seine Linse drauf, auf die Opfer ebenso, wie auf den Mob der Gaffer, mit dessen Blicken er verschmilzt. Auf die Küssenden, die er nachts auf einer Parkbank oder in einer Bar in der Bowery erwischt. Heute würden sie vermutlich auf das Recht an ihrem eigenen Foto pochen. Er hält mit der Kamera auf jene, die auf der Flucht vor Hitze und Enge in ihren Wohnungen auf der Feuertreppe schlafen, auf Besoffene in Arrestzellen, Gestrauchelte und Obdachlose, auf die ihren Strümpfgürtel zurechtzupfende Frau oder verhaftete Transvestiten. Sein Blick ist so nüchtern wie sein gleißend helles Blitzlicht, das die Kontraste hart macht und die sprichwörtlichen Schatten der Nacht noch dunkler und mysteriöser macht. Aber Weegee war mehr als nur Chronist, sondern lustvoller Voyeur. Das zeigen seine Filmbilder (16mm) vom süßen Müßiggang am Strand von Coney Island: Popo um Popo filmte er ab, knutschende und schmusende Pärchen, eins ums andere.

Betrachtet man seine Fotos, scheint es so, als wäre Weegee selbst Tag und Nacht durch die Straßen gestreunt, hätte, die Zigarre im Mundwinkel, die Zeit in dunklen Bars totgeschlagen. Und in der Tat war es sein Milieu, das er als einer von ihnen - laut und kompromisslos - ablichtete und die Straße der Ort, wo er als 14-Jähriger Schulabbrecher erste Gelegenheitsjobs annahm, um die Familie zu unterstützen. So erklärt sich Weegees mitleidloser, ungeschönter, oft mit schwarzem Humor gespickter Blick: Vor einem Kino liegt, unter Zeitungen verborgen, ein Unfalltoter während die Leuchtlettern des Lichtspielhaus den Film "Joy of living" anpreisen.

Die Ausstellung zeigt zwar auch den späten Weegee, der Dalí, Warhol oder die Monroe mit dem Kaleidoskop-Objektiv zu Fratzen stilisierte, verschweigt aber, dass Weegee, als er sich auf die Künstlerszene verlegte, nie mehr diese Akzeptanz fand. Man empfand ihn als Pöbel mit clowneskem Namen. Die Schau im Westlicht ist zwar die erste große Retrospektive Weegees in Wien, bietet aber außer logischen Themenkapiteln keinen Mehrwert. In zwei Gruppenausstellungen von 2009 - der das Genre Noir beleuchtenden "Fahrstuhl zum Schafott" (Kunsthalle Wien) und der ihn im Kontext anderer Straßenfotografen präsentierenden "Big City" (Wien Museum) - bekam die Figur Weegee mehr Konturen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe/Langfassung, 9. Jänner 2012)

Bis 12. 2.; 30. 1., 19.30: Vortrag Anton Holzer "Murder is my business"

Ansichtssache

  • Der "Street-Photographer" mit dem Blick für das Wesentliche und für die 
Spontanität des Augenblicks: Weegees "Cellist beim Proben" (um 1930).
    foto: weegee/icp, um 1930

    Der "Street-Photographer" mit dem Blick für das Wesentliche und für die Spontanität des Augenblicks: Weegees "Cellist beim Proben" (um 1930).

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