Fall Pelinka als Spiegelbild der Medien-Macher-Praxis

Kolumne | Gerfried Sperl, 8. Jänner 2012, 17:56

Der gesamten Branche würde eine offene und ehrliche Selbstanalyse guttun

In einer Tageszeitung der Mediaprint beschwört der Chefredakteur zum x-ten Mal deren Unabhängigkeit, um Seiten weiter im Rahmen einer Anlageberatung Raiffeisen empfehlen zu lassen.

Im größten Boulevardblatt und in der U-Bahn-Zeitung Heute erscheinen nach wie vor die Kolumnen des Wiener Kardinals. Dafür werden die Anliegen der Pfarrer-Initiative des Helmut Schüller fast nur aus der Sicht der Erzdiözese behandelt.

In einer Journalistenrunde wird seit Jahren "der beste Chefredakteur" gekürt, ohne dass es - als Grundlage - international herzeigbare Kriterien einer Bewertung gäbe. Dann wird der Gekürte gefeiert, und die Laudationes werden von renommierten Vertretern der Zunft gehalten, die sonst die reine Lehre der Objektivität vertreten.

Drei Beispiele von vielen über Sitten und Gebräuche in österreichischen Printmedien, die derzeit in unterschiedlicher Vehemenz die Vorgänge im ORF kritisieren.

Natürlich ist jedes dieser Beispiele anders gelagert als die parteipolitischen Schachzüge im Fernsehen. Aber sie haben eines gemeinsam: Es werden pausenlos Grundsätze des unabhängigen Journalismus verletzt. Noch schlimmer: Nach außen werden Prinzipien getrommelt, im Inneren wird gegen sie verstoßen. Das Ranking-Unwesen in den österreichischen Medien wird von den Machern selbst betrieben. Und die Redaktionen verhalten sich wie weiland Parteizeitungen. Statt auf "die Partei" wird halt auf "die Kirche" oder auf "die Bank" Rücksicht genommen. Die Schere im Kopf funktioniert.

Peter Huemer, der den Verführungen des österreichischen Mediensystems nie erlegen ist, hat in der Presse vor einigen Tagen gesagt: "Jedes Mal, wenn der ORF wirklich und endgültig entpolitisiert worden ist, war es nachher ein Stück schlimmer." Stimmt. Aber er vergisst einen wichtigen Aspekt. Eine Reihe von Medienmachern außerhalb des ORF sind in der Praxis um nichts besser als die Parteipolitiker. Und etliche honorige Persönlichkeiten lassen sich in dieses System hineinziehen.

Beispielsweise müsste der Caritas-Präsident und ORF-Stiftungsrat Franz Küberl viel vehementer gegen die Praktiken innerhalb und außerhalb des ORF auftreten. Tut er nicht, weil er Angst hat, er könnte damit der eigenen Organisation schaden. Er ist zum Sozial-Diplomaten mutiert und zum schaumgebremsten Sonntags-Talker.

Insofern ist der Fall Pelinka keine ORF-Affäre allein, sondern das Spiegelbild der Praxis der österreichischen Medien-VIPs überhaupt.

Der gesamten Branche würde eine offene und ehrliche Selbstanalyse guttun. Einige Fragen von vielen:

1. Verhalten sich die Printmedien in Werbe- und PR-Fragen nach gültigen Standards? Nicht ausreichend. Der Ethikrat hat viel zu tun.

2. Verkauft sich der Journalismus Stück für Stück? Ja. Jüngstes Beispiel: Die Verwandlung der Sportredaktion der Tageszeitung Die Presse in einen Dienstleister für Branchenfremde.

3. Sollte es für (sonst recht kritikfreudige) ORF-Journalisten Honorar-Obergrenzen für Moderationen geben? Ja, denn deren Höhe erreicht oft jene von Ärzten, die ihre Bekanntheit mithilfe staatlich finanzierter Strukturen erreichen. (DER STANDARD; Printausgabe, 9.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 74
1 2
more special friends
00
20.1.2012, 12:24
3. . . . . . kueberl, behave, and go home . . . . .

. . . . . bin echt scho neugierig, wann "seine gewissens-blase" endlich platzt . . . . .

more special friends
00
20.1.2012, 12:23
1. . . . . . behave, kueberl, and go home . . . . .

1. Jänner 2000

KLEINE ZEITUNG: "Die Titanic als Metapher für den Zustand der Gesellschaft?"

KAPELLARI: "Ja, manchmal hat man das Gefühl, unten gibt's ein Leck, keiner
sieht es und oben spielt die Bordkapelle."

in memoriam leopold ungar
- datiert mit sonntag 7. november 1999 -
(. . . im jahr 2012 wäre er 100 jahre . . .)

und
das gewissensspieglein an der wand
spricht nun mit/zu unserem noch-caritas-präsidenten inzwischen süffisant
kü . . . . kü . . . . du caritas-praktikant
vertiefe christliches ethos - nicht scheinheiligen geist -
und
vor allem deinen menschlichen verstand
oder
bist du und ein paar andere nicht nur mit der moral schon so am sand
und
ward/seid ihr denn immer
so
....

more special friends
00
20.1.2012, 12:21
2. . . . . . kueberl, behave, and go home . . . . .

.....
so
aufrichtig wie anständig und ehrlich - außer selbstherrlich -
soll heißen
eure wahrhaftigkeit ist entbehrlich
wenn
es geht um zivilcourage
in
unserm land
das zu können/wissen wäre nämlich ja wirklich interessant
wenn
man haben will
bei
anderen Menschen eine gute hand
für
dieses unsre so schöne und wertvolle land

PS:

liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen, nicht überall, wo CARITAS draufsteht, ist auch CARITAS drinnen

oder noch höflicher formuliert:

sehr geehrte Damen und Herren, Sie brauchen nicht "küberl'n" gehn, um CARITAS zu versteh'n

denn:

. . . . . d i e T i t a n i c d e s G l a u b e n s g e h t s i c h e r l i c h n i e u n t e r . . . . .

goldameir
00
12.1.2012, 23:41

kann mir jemand bitte diesen satz erklären: "Ja, denn deren Höhe erreicht oft jene von Ärzten, die ihre Bekanntheit mithilfe staatlich finanzierter Strukturen erreichen."

mikromalist
 
01
Übrigens, ich greife "Wieviel Demokratie ..."

auf und rege an den Online Standard mit viel mehr Leser/innen-Beteiligung zu revolutionieren?

Haben Sie keine Angst, vergeben Sie Blog Space in Ihrem Environment, auch an anonyme User?

Auch eine Beteiligung Ihrer Journalisten an der Diskussion, etwa wie sie rau pflegt, faende ich spannend.
Sie sollen Ihre Beitraege gegen Mäuler pointiert verteidigen.

Mediale Guided Tours durch die spannendsten Themen ...

Da könnte sich heraus stellen, dass im "Aktiv-Passiv" Management von Information und Kommunikation enormes Potential steckt?

Hans-Peter Dollhopf
10
10.1.2012, 20:30
Bitte nicht!

Dieses Angebot würde es nur noch schlimmer machen! Repräsentative Nutzung? Niemals zu erwarten!. Die besserwisserischen mental-medialen Senfattacken aus den vorhandenen Blogs werden hauptsächlich von Interessierten produziert. Da hilft auch Quantität nicht zu mehr Qualität. Das also noch einmal kräftig ausbauen? Nein! Die Steigerung des verbalen Ausstoßes selbsternannten Volkspädagogentums wäre nicht mehr zu ertragen.

Hans-Peter Dollhopf
01
Bei Wikipedia

kann man (mit erheblicher Mühe) nachvollziehen, wie ein Artikel entstand, wann was dazu kam oder weg gemacht wurde.

Wenn jede Meldung, jeder Artikel in der Presse, auch jeweils seine "Verlaufsgeschichte" nachweisen müsste, dann würden uns vermutlich die Augen aus dem Kopf fallen ob der enttarnen Dreistigkeiten, die dann zu Tage kämen!

Wieviel Demokratie ist es bitte?
01
Alles richtig

Aber es wird schwerer für die Protagonisten der Stonage-Medien.

Weil das Publikum nicht mehr passiv und nicht mehr nur Publikum ist.

Jede(r) ist jetzt potentiell auch Sender, statt nur Empfänger.

Technisch übrigens auf Augenhöhe.

Jede Art von Content herzustellen und 100% professionell zu senden, kostet fast nix und ist baby-easy.

Ein Blog steht in 5 Minuten.

Seit Huffington ist auch eine Online Zeitung nicht mehr Rocket Science.

beyaz peynir
00
4.)

Ist es wahr und OK, dass Journalisten bei den ÖBB mit Normalfahrkarte in die Erste Klasse kostenlos upgegraded werden?

edurkheim
00
Der wichtigste Unterschied ist, dass keine dieser Zeitungen durch Zwangsgebühren finanziert wird

Die Leser daher selbst entscheiden können wen sie wollen und wen nicht.

Beim ORF ist das anders, noch dazu hatte er ein Monopol von dem er nach wie vor seine Vormachtstellung bezieht (nur Albanien hätte länger ein Fernsehmonopol)

Hans-Peter Dollhopf
00
Das ist doch Quatsch!

Journalisten arbeiten oft gleichzeitig für das ÖR und die private Presse. Heute ein Artikel hier, morgen ein Beitrag da!!!

Öffentliches und Private sind von den Interessen her oft verflochten und verfilzt.

Araquin
04
Und Viertens:

Verbot von Einladungen zu Schickimicki-Events und Wochenenden etc auf Kosten von Unternehmen.

Manchmal hat man hierzulande das Gefühl, das etliche den Beruf nur ergreifen, um kostenlos ausgehen oder in Luxushotels weilen zu können.

In anderen Ländern fliegt man für sowas raus, hier ist es Teil des Berufsbilds.

M P8
00
Alt-ORF-General

Man könnt' doch mal versuchen herauszufinden was der Gerd Bacher dazu denkt .. .

bula sagt
00
über die eigentümer haben sich

die parteien den blätterwald ziemlich aufgeteilt. über die presseförderung und partei- und parteinahe unternehmensschaltungen wird der druck verstärkt.
aber trotzdem ist der qualitätsjournalismus noch nicht tot.
leider gehen die medien grossteils den falschen weg.
aus einsparungs- und/oder konkurrenzgründen wird fast jede - und sei sie noch so blöd - apameldung eins zu eins übernommen.
das check ,recheck, doublecheck ist so in vergessenheit geraten, was weniger damit zusammenhängt, dass die artikelschreiber nicht bis drei zählen können.
der ethikrat und andere krenreiberinstitutionen können da nichts bewirken.

Kampf Poster
01

Lasst Wrabetz und sein Team arbeiten!

consul
00

Lasst Wrabetz und seine Team abkassieren....

Dramaqueen
00
Sperl for ORF-CEO

mikromalist
 
05
Wertvoller Beitrag.

Gegenseitige Abhängigkeit macht immer beide arm-und-blöd.

Als frischer, naiver Unternehmer glaubte ich, eine Schaltung rechtfertigte einen inhaltlichen Beitrag.

Eine drastische Kopfwäsche eines internationalen Spizen-Fachblattes hat mich, Teutates sei Dank früh, ernüchtert.

Bei niedrigen Hürden im Hinblick auf die Qualität der Information ist eine Spirale nach unten, für Originator und Überbringer, unvermeidlich.
Kurz, wer für Idioten schreibt, erzeugt Idioten.

Online Medien haben die Chance des stabilen Feedback Loop mit den Leser/innen.
Und sie sollten sich nicht fürchten, auch pointierte, ja sogar freche User-Beiträge zuzulassen (Zensur?!).

Gegen die Propaganda der Idiotie hilft oft nur drastische Benennung?

Dr. Muffel
02
Eine Antwort im engeren Sinn:

"...Insofern ist der Fall Pelinka keine ORF-Affäre allein..."

Falsch. Der ORF ist ein öffentlich-rechtliches Medium, welches Zwangsgebühren einhebt.
Hier sind nochmals andere Maßstäbe anzulegen.

Dr. Muffel
11
Eine Antwort im weiteren Sinne

Mit Ihrer Deskription des Verfalles des Qualitätsjournalismus geh ich konform.

In der Ursachenanalyse gehe ich einen Schritt weiter, schließlich handelt es sich ja um ein globales Phänomen.

Und hier muß man wohl sehen, dass das Internet seit geraumem den Traditionaljournalismus vor sich hertreibt. Zeit (und Geld) für Tiefenrecherche gibt es nicht mehr, twitter, facebook, wiki's und Co. geben Tempo und vermehrt die Themen vor. Diese Entwicklung halte ich für bestürzend, weil daraus letztlich der Weg von der Demokratie zur Ochlokratie führen kann.

Plinius
00
viele Journalisten...

...die sich als Gralshüter der Demokratie gerieren haben keinerlei Hemmungen alle und jeden zu verunglimpfen, der ihren oft recht selsamen Weltanschauungen, zu widersprechen wagt. Auch der Standard beteiligt sich an solchen Spielchen leider recht rege.
So gesehn sind die Journalisten und Redakteure ein Völkchen, dass auf der einen Seite viel Macht hat, aber andrerseits keine Moral - und das ist eine gefährliche Mischung...

Stahl_____666
00
.

Es ist ja kein Problem, wenn der ORF von allen möglichen Parteien und sonstigen Einflüssen gegängelt wird - soll so sein, ebenso die anderen Medien.

Das Problem besteht darin, daß man, um in Österreich fernsehen zu dürfen, den ORF mit der Rundfunkgebühr zwangsfinanzieren muss.

Ein abhängiges Printmedium muss ich nicht kaufen um ein unabhängiges lesen zu können.

Ich muss aber den ORF kaufen, um CNN, NTV oder sonstwas sehen zu dürfen.

Darin liegt das eigentliche Problem.

Hans Soanders1
00
Pauschalverurteilung!

KRONE, HEUTE, ÖSTERREICH, ORF, WR. ZEITUNG usw. sind in der Tat zu Propaganda-Medien mit z.T. wechselnden polit. Vorzeichen verkommen. So waren KRONE und HEUTE noch vor ein paar Jährchen die FPÖ-Revolverblätter, heute schreiben sie für die SPÖ. Der ORF war lange Zeit Schwarz-Blau-Braun, heute ist er Rot-Schwarz. Nichtsdestotrotz gibt es aber auch in Österreich gute Medien, die objektiv berichten. Weil es eben keine Propagandamedien sind, haben sie halt nicht so große Reichweiten. Daher sollte der Autor dieses Kommentars sich nicht zu Pauschalverurteilungen verführen lassen, und eine ganze Zunft - also auch sich selbst - nicht nach dem Gieskannenprinzip anpatzen.

Medicus58
09
Ich möchte Sperl wieder als Chefredakteur zurück

Dramaqueen
00
Er ist - ein Pensionist

aber mit Blick und Rückgrad Missstände aufzuzeigen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 74
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.