Österreich geht stiften

Schärfere Steuergesetze schrecken Stifter nicht ab

Günther Oswald, 8. Jänner 2012, 17:48
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Die Zahl der Stiftungen ist im Vorjahr weiter angestiegen, in Tirol dürften Umgehungs­konstruktionen eine größere Rolle spielen

Wien - Die Befürchtungen waren groß. "Die Stiftungen haben wir umgebracht", analysierte Finanzministerin Maria Fekter (VP) vor einigen Monaten. Sie bereue es "sehr", dass man mit Anfang 2011 eine Verschärfung der Stiftungsbesteuerung in Kraft gesetzt habe. Der Verband der Österreichischen Privatstiftungen (VÖP) berichtete schon im Vorfeld der Reform, die Zahl der Neugründungen sei stark zurückgegangen.

In der Realität zeigt sich nun ein ganz anderes Bild. Die Zahl der Stiftungen hat 2011 deutlich zugelegt, gab das Finanzministerium im Rahmen einer parlamentarischen Anfrage der FPÖ bekannt. Mit Stand 18. November gab es 3208 Stiftungen - 121 mehr als 2010. In keinem einzigen Bundesland gab es einen rückläufigen Trend, die meisten Neugründungen gab es in Tirol und Wien.

Mit den neuen Daten konfrontiert, räumt VÖP-Generalsekretär Christoph Kraus ein, dass die verschärften Gesetze "keine wesentliche Verschlechterung für die meisten Stiftungen brachten". Zur Erinnerung: Die Steuer auf Zinsgewinne innerhalb einer Stiftung wurde von 12,5 auf 25 Prozent erhöht. Weiters werden Liegenschaftsgewinne, wenn der Stifter eine juristische Person ist, seit 2011 besteuert. Die Regierung versprach sich aus den Änderungen 100 Millionen Euro.

Steuerfrei verkaufen

Dass die Aufregung über die Verschärfungen komplett unbegründet war, will Kraus so nicht stehen lassen. Wenn man attraktiver für ausländische Stifter wäre, würden wohl größere Vermögen aus Deutschland nach Österreich transferiert, meint er. Die hohe Zahl an neuen Stiftungen führt Kraus auf mehrere Ursachen zurück. Zum einen würden bei bestehenden Stiftungen öfter Substiftungen gegründet. In Tirol glaubt er, dass Umgehungskonstruktionen eine große Rolle spielen. Eigentlich dürfen Nicht-Kitzbüheler dort keine Grundstücke kaufen. Daher würden wohl Kitzbüheler Strohmänner über Stiftungen Grundstücke für Ausländer - etwa Deutsche - erwerben, sagt Kraus zum STANDARD.

Der Steuerexperte Werner Doralt sieht Kritiker widerlegt, die vor einem Vertreiben von Stiftungen warnten. "Die Fachleute, die diese Befürchtungen regelmäßig bei jeder Änderung der Stiftungsbesteuerung geäußert haben, haben sich eher als Lobbyisten erwiesen." Auch wenn es unter den Neugründungen Substiftungen gebe, die keine echten Neugründungen seien, zeige die Entwicklung, "dass die zum Teil beträchtlichen Steuerbegünstigungen nicht notwendig gewesen wären". Doralt berichtete von einem Fall einer Stiftungsneugründung, bei der eine Firmenbeteiligung mit einem Gewinn von 600 Millionen Euro steuerfrei veräußert werden konnte. „Ohne Stiftung wären 150 Millionen Euro Steuern angefallen. Diese Begünstigung gibt es nach wie vor", so Doralt.

Für Kraus besteht die Regelung, wonach Verkaufserlöse in der Stiftung steuerfrei sind, "aus gutem Grund". Betriebe, die von Stiftungen gehalten werden, hätten eine doppelt so hohe Eigenkapitalrate, seien produktiver und zahlten dadurch höhere Gehälter. Wenn man neuerlich an der Steuerschraube drehe, gehe das zulasten der Unternehmen, was in der Folge Arbeitsplätze koste und Standortnachteile bringe.

Doralt meint, dass sich im Falle einer Wiedereinführung der Erbschaftssteuer zwangsläufig die Frage einer "Erbersatzsteuer" bei den Stiftungen stelle, damit nicht Multimillionäre im Vergleich zu "kleinen" Millionären bessergestellt seien. Deren Umsetzung sei aber äußerst komplex. "Daher vermute ich, dass es zu einer Erbschaftssteuer nicht kommen wird; die Widersprüche sind nicht lösbar. Oberflächlich betrachtet ist alles einfach, sieht man sich die Sache konkret an, wird es aber schwierig." (Günther Oswald, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 136
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V995
10
korruption nennt man jetzt also umgehungsstiftung

QUMI
00
19.1.2012, 12:41

Nicht unbedingt Korruption aber sicher Steuerhinterziehung

luis trew
06
Lasst endlich die Stiftungen in Ruhe!

Der Staat soll endlich die ehrlichen und anständig arbeitenden Stifter in Ruhe lassen.

Geld soll er sich lieber von den Familien holen! Die leben doch eh alle in Saus und Braus!

Politisch unkorrekt
01
...oder von den Arbeitslosen - gibt ja so viele von denen, haha.

Ischgl
01
Lauter Wohltäter!

Man könnte fast glauben, daß es in Österreich von Wohltätern grad so wimmelt! Schade, dass ich meistens von Tätern lesen muss.

orkney
 
00
Also dass nur Kitzbühler in Tirol Grundstücke kaufen dürfen ist mir neu ...

"In Tirol glaubt er, dass Umgehungskonstruktionen eine große Rolle spielen. Eigentlich dürfen Nicht-Kitzbüheler dort keine Grundstücke kaufen."

Grisu der kleine Drache
06

"Wenn man attraktiver für ausländische Stifter wäre, würden wohl größere Vermögen aus Deutschland nach Österreich transferiert."

Mit anderen Worten: Es ist schade, dass nicht mehr vermögende Deutsche mit Unterstützung des österreichischen Gesetzgebers Steuern hinterzogen - tschuldigung, wollte natürlich "optimiert" schreiben - haben.

Und dann noch die abstruse Behauptung, Betriebe im Besitz von Stiftungen würden höhere Gehälter zahlen.

Der Mann hat offensichtlich gar keinen Genierer. So einen würde ich am liebsten bei Mindestentlohnung ans Fließband stellen, damit er auch einmal einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft leistet.

Rufus 666
30
und nebenbei: Natürlich sind wir daran interessiert,

dass ausländisches Kapital nach österreich fließt. Das hebt den Eigenkaptialanteil der Banken.

Rufus 666
32
Du weißt hoffentlich, dass Steueroptimierung

und Steuerhinterziehung etwas vollkommen anderes ist. Steuerhinterziehung ist ein Straftatbestand und Steueroptimierung betreibt letztlich jeder Steuerzahler, wenn er nicht mehr Steuern zahlen will, als er unbedingt muss (Auch der Otto-Normalverbraucher über den Jahresausgleich). Es ist vollkommen legitim, Steuerschlupflöcher zu nutzen, das macht JEDER, außer, er ist dämlich. Die Steuergesetzgeber sind sich der Schlupflöcher durchaus bewusst und oft werden diese absichtlich offen gehalten, als Ausgleich für die eine oder andere Steuerbenachteiligung auf anderen Gebieten.

Grisu der kleine Drache
11
10.1.2012, 14:43

Ja, theoretisch und vor allem juristisch ist es etwas völlig anderes.

Aber: Manchen mächtigen Gruppen (z.B. internationale Konzerne) kommt die Steuergesetzgebung seehr entgegen, weil die Politik zu schwach ist, um den Partikularinteressen dieser Grupen die Stirn zu bieten. Damit ist juristisch alles ok, aber richtig finde ich das noch lange nicht.

Und: Oft dient die Verschiebung von Vermögen über die Staatsgrenze auch dazu, steuerpflichtiges Einkommen und Vermögen von den eigenen Finanzbehörden zu verstecken. Das öst. Bankgeheimnis deckt so u.a. Steuerhinterziehung deutscher Eben-nicht-Steuerzahler. Hier verschwimmt die scheinbar scharfe Grenze zwischen legaler "Steueroptimierung" und Steuerhinterziehung.

TOMORROW
00
In Tirol dürften Umgehungs­konstruktionen eine größere Rolle spielen - in Tirol spielt ALLES eine größere Rolle !

http://www.dietiwag.org/index.php?id=3870

IchHabeImmerRecht
10
Frage:

Haben 'stiften gehen' und Stiftung etwas gemeinsam?

Che - rald
05
"Betriebe, die von Stiftungen gehalten werden, hätten eine doppelt so hohe Eigenkapitalrate, seien produktiver und zahlten dadurch höhere Gehälter."

für wie dumm halten die(ÖVP+Klientel) eigentlich das ARBEITENDE Volk?
=> Man darf doch den Reichen nichts wegnehmen, denn dann werden sie böse und der kleine Mann muß blechen !
Da sind eben Politiker gefragt, die ihr Amt nicht zur Selbstbereicherung mißbrauchen !
Leider hat die Weltpolitik ein System geschaffen bzw. zugelassen, das die Regierungen zu Statisten verkommen läßt, während die Konzerne die Hauptrolle spielen !

jimmydean
01
ist ja wohl klar, dass firmen, die weniger steuern zahlen

mehr eigenkapital haben...

mulligan1
00
umgehungskonstruktionen

wohnt dort nicht eh ein supersauberer österreichischer spezialist für solche fragen ?

system1
00
seien produktiver und zahlten dadurch höhere Gehälter...

und genau das will der staat ja: höhere gehälter (brutto) damit so mehr steuern (von den arbeitnehmern) abgepresst werden können. leider sind somit aus sicht des arbeitnehmers höhere gehälter schlecht. ich zumindest will diesen staat nicht mehr stützen.

bin neu hier
01
"Umgehungs­konstruktionen"...

... Euphemismus für "legale Steuerhinterziehung"!

EMPÖRT EUCH!!!

Dimple
11
Bitte lesen

nicht Steuervermeidung, sondern Vermeidung der Einschränkungen gem. Grundverkehrs-Beschränkungen.

Steuer-Minimierung mit Stiftungen gibt es nur für den Fall der thesaurierten Überschüsse bei Unternehmensverkäufen - ansonsten bringt eine Stiftung steuerlich praktisch nichts mehr.

Warum es Stiftungen gibt: Zum Zusammenhalten von Vermögen über die Generationen hinweg (und wegen der oben erwähnten Umgehungen der Grundverkehrsbeschränkungen).

lg
Dimple

4311503
00

Es gibt auch noch ein paar andere sinnvolle Einsatzmöglichkeiten. Z.B. wenn man gewisse Beteiligungen aus einer Bilanz entkonsolidieren will.

Dimple
01
Natürlich

wobei ich das (der Einfachkeit halber, wo doch schon die Besteuerungs-Reihe hier auf Unverständnis stößt) in die Ungenauigkeit der "Unternehmensverkäufe" gepackt habe.

lg
Dimple

Ender Wiggin
11
nicht nur

in vielen Fällen geht es auch darum, Vermögen und Betriebe als Einheit zu erhalten und zu verhindern, dass die zerstrittenen Erben filetieren und zerschlagen.

MedicalDioctonary
09
Experten

das sind die gleichen unsauberen Experten wie jene die behaupten, Erbschaftssteuer bringt entweder peanauts oder trifft den kleinen Häuselbauer.
Merket intelligente Leute: Die Kapitalisten diesseits des großen Wasser halten euch ( z.T. mit Recht) für so bescheueret, daß ihr euch immer betroffen fühlt, entweder weil ihr angeblich dazugehört oder betroffen seid. Im Sinne des Herrn Lenin seid ihr die nützlichen Idioten, deren Interesse die sogenannten Experten aber überhaupt nicht interessiert, im Gegenteil die gegen Eure Interessen handeln.

HookMind
02
eine ernstgemeinte Frage...

Warum gibt es Stiftungen?
Dieses Konstrukt hat immer den Hauch von Steuerhinterziehung...

Nobody fucks with Hos'i Gacki
04
Kniefall vor dem Geldadel?

Markus1975
012
lieber Hr. Kraus

Die Aussage: "Unternehmen die von Stiftungen gehalten werden sind produktiver und zahlen dadurch höhere Gehälter" haben Sie sicher daten- und faktenbsiert gemacht, oder ? Bitte zeigen Sie mir nur eine Firma, die ihre Angestellten nur aus diesem Grund besser entlohnt. Sie mögen recht haben, was die Manager, den Verwaltungs- und Aufsichtsrat betrifft, denn da gehts um die wirklich große Kohle. Tatsache ist, dass Sie mit Ihren Argumenten einfach nicht recht hatten, und das sagt der Anstieg der Anzahl der Stiftungen doch bitte ganz klar aus ... Und wie erklären Sie die 600 Mio Euro Gewinn ? Und die Steuerfreiheit ? Bzw. den Entgang von 150 Mio Euro ?

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