"Raus aus dem Sofa, lautet die Devise"

Interview8. Jänner 2012, 18:36
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Nach 14 Jahren bei den Wiener Festwochen wird Stefan Wollmann die Berliner Festspiele unter der neuen Intendanz von Thomas Oberender vermarkten

Warum und wie, sagt er Andrea Schurian.

STANDARD: Warum verlassen Sie Wien, wo Sie das von Ihnen wohlbestellte Feld weiter beackern hätten können? In Berlin ist das Pflaster, wie es den Anschein hat, um einiges härter.

Wollmann: Ich wollte nicht, dass es heißt: Um Gottes willen, der Wollmann ist immer noch da. Sondern: Schade, dass er geht. Man hätte meine Stelle nach zehn Jahren nachbesetzen können oder sogar sollen, es ist ein Job mit Ablaufdatum. Raus aus dem Sofa, lautet die Devise. Ich habe die Festwochen im Marketing ein Stück weitergebracht, aber es ist gut, wenn jemand mit neuem Blick und neuen Ideen kommt. Ich merke das in Berlin: Ein Neuanfang hat ein unglaubliches Potenzial, setzt Energien frei. "Wer will, kann gehen": Den tieferen Sinn dieses legendären Festwochenplakates habe ich jetzt für mich in die Tat umgesetzt.

STANDARD: Werden Sie auch Berlin flächendeckend mit unkonventionellen Plakaten überziehen?

Wollmann: Ich hoffe, dass es mir gelingt. Diese Plakate haben auch Menschen, die mit Kultur nichts am Hut haben, vermittelt, dass die Festwochen zu Wien und folglich allen Wienerinnen und Wienern gehören. In Berlin ist das nicht so. Die Möbelpacker haben mich gefragt, warum ich nach Berlin übersiedle. Als ich sagte, dass ich bei den Berliner Festspielen arbeiten werde, kam überhaupt keine Reaktion. Null. Die wussten gar nicht, wovon ich rede.

STANDARD: Vielleicht, weil es in Berlin nicht "Wochen" sind, sondern mit MaerzMusik, Berliner Theatertreffen, Spielzeit Europa, Musik- und Jazzfest Berlin, internationalem Literaturfestival, Bundeswettbewerben für die Jugend und Ausstellungen im Gropiusbau eine Abfolge von Events im Jahresablauf?

Wollmann: Stimmt. Aber das kann man auch als Vorteil sehen. Jedes für sich genommen ist ein bedeutsames und für sein Genre prägendes Festival. Die Aufgabe besteht darin, dass die Festspiele insgesamt kompakter und daher sichtbarer werden und sich in der Stadt manifestieren. Man muss das Gefühl haben, die Festspiele gehören wirklich zu Berlin. Dass die Berliner Festspiele ein eigenes Haus haben, ist identitätsstiftend.

STANDARD: Berlin ist ja ziemlich finanzmarod. Wie schaut es budgetmäßig aus?

Wollmann: Gemessen am Pleitegrad der Stadt Berlin stehen die Festspiele sehr gut da. Das hängt auch damit zusammen, dass wir vom Bund finanziert werden. Aber natürlich sind die Mittel aufgrund der allgemeinen budgetären Situation wesentlich knapper als in Wien. Es muss eine Punktlandung sein, von Monat zu Monat, von Festival zu Festival.

STANDARD: In Wien war's leichter?

Wollmann: Nein. In den Excel-Tabellen für die Budgetzahlen geht es bis zu 100-Euro-Positionen. Jede Ausgabe wird hinterfragt, Sparpotenzial gesucht. Aber dank der beträchtlichen Einnahmen durch das Sponsoring konnte ich mir in Wien einen gewissen Freiraum schaffen, der ist in Berlin noch nicht da. Daran arbeite ich: durch die Unterstützung aus der Wirtschaft meine Möglichkeiten, die einzelnen Festivals in die Öffentlichkeit zu tragen, zu vergrößern.

STANDARD: Wie hoch ist der Einfluss der Politik auf die Festspiele und deren Personalpolitik?

Wollmann: Das ist einer der Vorteile, in Berlin zu arbeiten: Die politische Haltung ist Privatsache, sie hat bei der Bestellung oder den Vorgesprächen überhaupt keine Rolle gespielt. Weltoffenheit und Interesse an anderen Kulturen und Ländern ist Grundvoraussetzung, wenn man im Kulturbereich arbeiten will. Dass damit meist eine politische Einstellung einhergeht, ist auch klar. Doch das ist kein bestimmender Faktor. Ich suche auch nicht den Weg zu den Politikern: Unsere Aussage ist das Programm, das gilt es zu stärken.

STANDARD: In Wien waren Sie zuletzt für Sponsoring, Marketing, Veranstaltungen, Werbung und Medienkooperationen zuständig. Wie schaut Ihr Aufgabengebiet in Berlin aus?

Wollmann: Diese Bereiche waren bisher in Berlin getrennt, werden aber nun in meiner Person zusammengeführt. Das macht Sinn: Wenn man mit Sponsoren zu tun hat, ist man viel achtsamer mit dem, was man dem Festival zumuten kann. Gleichzeitig kann man viel innovativer sein und mit Firmen und Partnern lässigere Dinge realisieren, als wenn man um bestimmte Leistungen hausintern betteln gehen muss.

STANDARD: Werden in Krisenzeiten nicht auch Sponsoren gerade im Kulturbereich verständlicherweise knausriger?

Wollmann: Jede Krisensituation schärft die Sinne. Jeder Spielleiter möchte um das vorhandene Budget möglichst viel Programm anbieten. Mein Part ist, dass es ausverkauft ist, dass die Einnahmen stimmen und die Sponsoren das Programm auch großartig finden.

STANDARD: Wie groß ist Ihr persönliches Interesse an der Kunst, die Sie vermarkten?

Wollmann: Ich bin ein eher durchschnittlicher Kulturnutzer. Aber das Interesse ist groß und steht nicht in direktem Verhältnis zur Frequenz der Theater- und Opernbesuche. Die Horizonterweiterung und Impulse, die man bekommt, die Momente des Glücks, der Erkenntnis, der Ergriffenheit, des Schockiertseins im kulturellen Erleben ist mit wenig anderem vergleichbar.

STANDARD: Sie haben einen Fünfjahresvertrag. Wo sehen Sie sich dann: in der Verlängerung?

Wollmann: Das wäre eine schöne Bestätigung. Aber wie eingangs gesagt: Zehn Jahre sind eine gute Zeit. Danach ist Zeit für Erneuerung. (Andrea Schurian, DER STANDARD - Printausgabe, 9. Dezember 2012)

Am Dienstag stellt Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, seine Pläne vor.

  • Stefan Wollmann (51), gebürtiger Münchner, wuchs in Wien auf, studierte 
Volkswirtschaft und arbeitete zunächst im elterlichen Betrieb in der 
Modebranche und in der Marktforschung. Nach 14 Jahren bei den Festwochen
 wechselte er als Kommunikations- und Marketingchef zu den Berliner 
Festspielen.
    foto: roland unger

    Stefan Wollmann (51), gebürtiger Münchner, wuchs in Wien auf, studierte Volkswirtschaft und arbeitete zunächst im elterlichen Betrieb in der Modebranche und in der Marktforschung. Nach 14 Jahren bei den Festwochen wechselte er als Kommunikations- und Marketingchef zu den Berliner Festspielen.

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