Isaak Babels selten gespieltes Stück "Marija" erzählt in Andrea Breths meisterlicher Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus vom zähen Kampf um das nackte Überleben
Eine Studie des Verfalls.
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Marija ist ein dramatisches Beweismittel, das der russische Autor Isaak Babel (1894-1941) mit der gebührenden Verspätung von 18 Jahren 1935 gegen die Oktoberrevolution vorlegte. In acht lose miteinander verknüpften Szenen wird der Untergang der bürgerlichen "Klasse" wie eine Kette von Ausrufezeichen an die Wand gemalt. Doch die Vernichtung der russischen Kultur ist nur ein Nebenprodukt: "Späne" fallen an, weil Lenins Bolschewisten gegen alle, die in ihren Augen Verdacht erregen, den Hobel ansetzen.
In "Petrograd", wie die alte Kaiserstadt Sankt Petersburg seit 1914 heißt, regiert 1920 das Chaos des Bürgerkriegs. Die alten Herrschaftswohnungen versinken in arktischer Kälte. Hehler schmuggeln Würste durch die Kampflinien zwischen "Roten" und "Weißen". Babel, der jüdische Modernist aus Odessa, blickt nicht voreingenommen, sondern interessiert wie ein Zoologe auf das Gewimmel. Er stutzt und staunt, wie in den Ruinen sich das Leben eigensinnig regt.
Regisseurin Andrea Breth ist nach ihrem famosen Wiener Daniil-Charms-Projekt Zwischenfälle offenbar gewillt, der russischen Tragödie weiter hinterherzusinnen. Im Düsseldorfer Schauspielhaus nehmen bereits die Produkte der neuen Ordnung auf den Plüschsofas der früheren Herrschaft Platz: Krüppel, die durch die Spaliere ihrer wüsten Gebisse das Lied vom Überleben pfeifen.
Nach alter Sitte
Breth richtet nicht. Sie besitzt kein anderes Interesse an diesen bedauernswerten Geschöpfen als eben dasjenige Babels: Sie wundert sich, wie inmitten eines Infernos, das alle Humanität in den Abgrund zu reißen droht, die Leute nach alter Sitte Tee brauen. Wie sie ihn vorsichtig von der Untertasse schlürfen. Wie ein pensionierter General (Peter Jecklin) einen Hausrock trägt, den man ihm aus einem Soldatenmantel geschneidert hat. Wie er, obwohl bettelarm, aller Welt mit ausgesuchter Höflichkeit begegnet.
Das große Wunder dieser streckenweise meisterlichen Inszenierung liegt genau darin: Breth vertieft sich in jede Nuance, wägt jedes einzelne Detail. Raimund Voigt hat ein leicht schräg gestelltes Herrschaftszimmer auf die Bühne gebaut. In der Wohnung General Mukownins bügelt das alte Mütterchen Njanja (Bärbel Bolle) die Wäsche auf dem Flügel. Sie selbst haust auf einem Kasten, während Ludmilla (Marie Burchard), das jüngere Töchterchen des Hauses, sich hinter dem Paravent wie ein aufgekratzter Singvogel für einen Opernabend herausputzt. Opernaufführungen wurden im Kriegskommunismus für 17 Uhr angesetzt: Tageslicht spart Strom.
Die Gesellschaftsdame Katerina (Imogen Kogge), eine rotgelockte Emanzipierte, ist das eine Herzstück des Dramas. Das andere bildet die titelgebende Marija, die niemals selbst ins Bild rückt: Ausgerechnet die Älteste ist tüchtige Kommissarin und kämpft an der Westfront gegen die Polen.
Kaviar im Ausschnitt
Der jüdische Hehler Dymschitz (Klaus Schreiber) buhlt um Ludmillas Gunst. Er macht die Leichtfertige betrunken, kleckst ihr sogar Kaviar in den Ausschnitt und wird doch nur für seinen altmodischen Gehrock verhöhnt: ein jüdischer Verfemter, der um ein bisschen bürgerliche Achtung kämpft.
Die Vergewaltigung Ludmillas besorgt jedoch jemand anderer: ein auf dem Hochseil des Irrsinns turnender Rittmeister (Gerd Böckmann), der nach begangener Tat von einem Rotarmisten hinterrücks niedergestreckt wird. Die Handlung tut nichts Entscheidendes zur Sache. Diese nachgeborenen Verwandten von Tschechows antriebslosen Träumern sind sich selbst das größte Rätsel: Wie kommt es, dass wir noch am Leben sind? Woraus speist sich dieser merkwürdige Hang zu abgelebten Daseinsformen?
Und so drischt Katerina (Kogge) fröhlich-zynisch in die Tasten des missbrauchten alten Flügels, während ein bleicher Heiliger von adeligem Geblüt (Christoph Luser) das Cello streicht. Kurz hält sie inne: "Soll ich Stenotypistin werden?", fragt sie den fassungslos dreinblickenden Aristokraten. Sie wird später erzählen, wie sie einem roten Funktionär auf einem Wachstuchsofa zu Willen ist, sooft dieser Lust auf ein Schäferstündchen verspürt. Menschen verkaufen für ein paar Bissen Essbares nicht nur ihr letztes Hemd, sondern auch das, was darunterliegt. Und man hört sie hellauf lachen oder um Gnade flehen.
In der neuen Zeit sind die Wände geweißigt, die "neuen Menschen" hart, aber nicht herzlos. Breths heftig akklamierte Inszenierung bricht verstockte Herzen. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 9. Jänner 2012)