Begehbare Schattenarchitekturen

6. Jänner 2012, 20:31
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Brigitte Kowanz' "in light of light" in der Galerie im Taxispalais in Innsbruck

Innsbruck - In feinen Linien bewegen sich Wellen eine Wand hoch. Schattenlinien heißer Luft. Sie entsteigen den Schatten eingeschalteter Halogenlampen, die wiederum klare Spiegel beleuchten. Die Spiegel sind untereinander in Kreisen und Rechtecken auf hohen, archaisch anmutenden Glasstelen angeordnet. Je nachdem, in welchen der Blick fällt, wird das eigene Gesicht geblendet, beleuchtet oder mit einem Heiligenschein umgeben.

Verblüfft stehen sich so ein verklärtes Spiegelbild im kalten Licht und ein belebter Gegenstand im Schatten gegenüber (Lux, 1998). Gleichzeitig wird deutlich, dass es diese Doppelbödigkeit der "Wirklichkeit" ist, der Brigitte Kowanz in ihren begehbaren Schattenarchitekturen, die sich ausgehend vom Medium Licht um Wahrnehmung, Codes, Zeichen und Sprache drehen, nachspürt.

Generell könne man Wirklichkeit nur als Summe komplementärer Bilder verstehen, sagt Kowanz und inszeniert einen kompletten Galerieraum als begehbares Spiegelkabinett (Tiefenraum, 2011). In diesem geht die Idee des Menschen im universellen Raum über in eine endlose Auffächerung der Selbstbeobachtung; Realität, virtuelles Spiegelbild und die Grenzen zwischen Kunstwerk und Betrachter sind fließend. Täuschung oder Wirklichkeit? Im nächsten Raum ziehen sich warme Lichtstrahlen von Morsezeichen wie leuchtende Schleifen um Scheiben und verpacken sie in zarte Farben.

Täuschungen

Erst beim genaueren Hinsehen wird die Täuschung klar: Auf Edelstahlplatten montierte Neonröhrchen - die in Morseschrift den Titel der jeweiligen Arbeit (Matrix für Dimensionen, 2011; Aura des Authentischen, 2011) übermitteln - geben vor, dass die Platten durch Lichtbrechung oder auf magische Weise nicht flach, sondern räumlich gekrümmt seien und von gegenüberliegenden Kreisobjekten gespiegelt werden.

Statt um eine Rundung muss hier (leider) ums Eck gedacht werden, genauso wie bei dem Kubus Lateral Thinking (2010), der die Wörter des Titels spiegelbildlich wiedergibt: in persönlicher Handschrift vorab ausgearbeitet leuchtet nun "lateral" in Leserichtung und "thinking" verkehrt herum - steht man auf der anderen Seite der gläsernen Box, so verdreht sich das Verhältnis. Der Begriff "Laterales Denken" wurde 1967 von dem Briten Edward de Bono geprägt und steht für ein subjektives, kreatives Denken und appelliert daran, sich durch Perspektivenwechsel aus eingefahrenen Denkmustern zu lösen.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum eine vermeintliche Erdkugel ( Spatium, 2006) nur knapp über dem Galerieboden hängt und auf der Außenschale gelbe und weiße Neonbuchstaben das Wort "Spatium" bilden. Es ist ein sichtbares Zeichen des Begrifflichen, aber auch einer gedanklichen Wirklichkeit, das hier im unteren Foyer der Galerie wie ein Kugelstoßpendel installiert ist und von einer Arbeit an der Außenwand gespiegelt wird.

Dort ist ein kaum lesbarer Schriftzug zu erkennen, "Le message codé de cette ecriture cause la constitution de sa forme" / "Die verschlüsselte Nachricht dieses Schriftbandes bewirkt das Zustandekommen seiner Form", der von einem Lichtband so umgeben ist, dass er sich durch das Glasdach, mit einem zweiten, in der darunterliegenden Halle, ins Unendliche vereint.   (Tereza Kotyk/ DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)

Brigitte Kowanz, "in light of light", Galerie im Taxispalais, Innsbruck. Bis 26. 2.

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