Brigitte Kowanz' "in light of light" in der Galerie im Taxispalais in Innsbruck
Innsbruck - In feinen Linien bewegen sich Wellen eine Wand hoch.
Schattenlinien heißer Luft. Sie entsteigen den Schatten eingeschalteter
Halogenlampen, die wiederum klare Spiegel beleuchten. Die Spiegel sind
untereinander in Kreisen und Rechtecken auf hohen, archaisch anmutenden
Glasstelen angeordnet. Je nachdem, in welchen der Blick fällt, wird das
eigene Gesicht geblendet, beleuchtet oder mit einem Heiligenschein
umgeben.
Verblüfft stehen sich so ein verklärtes Spiegelbild im kalten Licht und
ein belebter Gegenstand im Schatten gegenüber (Lux, 1998). Gleichzeitig
wird deutlich, dass es diese Doppelbödigkeit der "Wirklichkeit" ist, der
Brigitte Kowanz in ihren begehbaren Schattenarchitekturen, die sich
ausgehend vom Medium Licht um Wahrnehmung, Codes, Zeichen und Sprache
drehen, nachspürt.
Generell könne man Wirklichkeit nur als Summe komplementärer Bilder
verstehen, sagt Kowanz und inszeniert einen kompletten Galerieraum als
begehbares Spiegelkabinett (Tiefenraum, 2011). In diesem geht die Idee
des Menschen im universellen Raum über in eine endlose Auffächerung der
Selbstbeobachtung; Realität, virtuelles Spiegelbild und die Grenzen
zwischen Kunstwerk und Betrachter sind fließend. Täuschung oder
Wirklichkeit? Im nächsten Raum ziehen sich warme Lichtstrahlen von
Morsezeichen wie leuchtende Schleifen um Scheiben und verpacken sie in
zarte Farben.
Täuschungen
Erst beim genaueren Hinsehen wird die Täuschung klar: Auf
Edelstahlplatten montierte Neonröhrchen - die in Morseschrift den Titel
der jeweiligen Arbeit (Matrix für Dimensionen, 2011; Aura des
Authentischen, 2011) übermitteln - geben vor, dass die Platten durch
Lichtbrechung oder auf magische Weise nicht flach, sondern räumlich
gekrümmt seien und von gegenüberliegenden Kreisobjekten gespiegelt
werden.
Statt um eine Rundung muss hier (leider) ums Eck gedacht werden, genauso
wie bei dem Kubus Lateral Thinking (2010), der die Wörter des Titels
spiegelbildlich wiedergibt: in persönlicher Handschrift vorab
ausgearbeitet leuchtet nun "lateral" in Leserichtung und "thinking"
verkehrt herum - steht man auf der anderen Seite der gläsernen Box, so
verdreht sich das Verhältnis. Der Begriff "Laterales Denken" wurde 1967
von dem Briten Edward de Bono geprägt und steht für ein subjektives,
kreatives Denken und appelliert daran, sich durch Perspektivenwechsel
aus eingefahrenen Denkmustern zu lösen.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum eine vermeintliche Erdkugel (
Spatium, 2006) nur knapp über dem Galerieboden hängt und auf der
Außenschale gelbe und weiße Neonbuchstaben das Wort "Spatium" bilden. Es
ist ein sichtbares Zeichen des Begrifflichen, aber auch einer
gedanklichen Wirklichkeit, das hier im unteren Foyer der Galerie wie ein
Kugelstoßpendel installiert ist und von einer Arbeit an der Außenwand
gespiegelt wird.
Dort ist ein kaum lesbarer Schriftzug zu erkennen, "Le message codé de
cette ecriture cause la constitution de sa forme" / "Die verschlüsselte
Nachricht dieses Schriftbandes bewirkt das Zustandekommen seiner Form",
der von einem Lichtband so umgeben ist, dass er sich durch das Glasdach,
mit einem zweiten, in der darunterliegenden Halle, ins Unendliche
vereint. (Tereza Kotyk/ DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)
Brigitte Kowanz, "in light of light", Galerie im Taxispalais, Innsbruck. Bis 26. 2.