Ein radikaler Denker, dessen Blick durch etliche blinde Flecken getrübt war: zum 80. Geburtstag von Guy Debord
Der Mann ist in Österreich weitestgehend unbekannt, in Frankreich wurde
er posthum zum Star, auf den sich fast jeder kritische Intellektuelle
bezieht, und die pseudokritischen ganz besonders: Guy Debord, die
maßgebliche Figur in der Situationistischen Internationale, einem
Zusammenschluss von Künstlern und Gesellschaftskritikern, der von 1957
bis 1972 existierte und entscheidend zum Aufruhr im Pariser Mai 1968
beigetragen hat. Es gilt an einen ebenso scharfsinnigen wie im besten
Sinne radikalen Denker zu erinnern, dessen Geburtstag sich am 28.
Dezember 2011 zum achtzigsten Mal gejährt hat.
1994 hat Debord sich nach langer, schmerzhafter Krankheit eine Kugel in
den Kopf gejagt. Sein Hauptwerk Die Gesellschaft des Spektakels (1967)
ist bis heute einer der wichtigsten Versuche, Gesellschaftskritik
jenseits des marxistischen Dogmatismus und gegen die postmoderne
Beliebigkeit zu betreiben. Der wohl bekannteste Text der SI, Über das
Elend im Studentenmilieu, wurde in Massenauflagen gedruckt und in
zahlreiche Sprachen übersetzt. Die SI formulierte eine radikale Kritik
der Nachkriegsgesellschaften, ohne welche die "Krise der Universität"
nicht verständlich sei.
Der Begriff des Spektakels wird heute vorrangig zur Kritik des Medien-,
Kultur- und Sportgeschehens gebraucht. Dadurch droht allerdings sein
gesellschaftssprengendes Potenzial verlorenzugehen. Je größer die
Begeisterung für die kunst- und kulturkritischen Schriften Debords
wurde, desto weniger Beachtung fand die radikale Gesellschaftskritik,
die seiner Kunst- und Kulturkritik zugrunde liegt. Debord betrachtet die
Gesellschaft stets unter dem Aspekt ihrer Veränderbarkeit.
Den westlichen Kapitalismus lehnte er ebenso ab wie den östlichen
Staatssozialismus. Der Mann bezog sich zeitlebens in einer Art
dissidenter Orthodoxie auf Karl Marx, doch über die gläubigen Marxisten
spottete er nur: "Das Proletariat ist ihr heimlicher Gott." Anstatt
seiner Anbetung forderte Debord die "Selbsterziehung des Proletariats".
Er hielt es für unerlässlich, dass "die Mehrzahl der Arbeiter
Theoretiker werden". Über das Ziel einer befreiten Gesellschaft notiert
er: "Weder Paradies noch Ende der Geschichte. Man hätte andere Übel (und
andere Freuden), das ist alles."
Bei Debord steht der Begriff des Spektakels für den Versuch einer
Neuformulierung von Gesellschaftskritik im Angesicht des Scheiterns der
Emanzipationsbestrebungen der Arbeiterbewegung. Dieses Scheitern drücke
sich im Siegeszug des "konzentrierten Spektakels" von Stalinismus und
Faschismus ebenso aus wie im "diffusen Spektakel" der westlichen
Konsumgesellschaften. In seinen Kommentaren zur Gesellschaft des
Spektakels (1988) fasst Debord den Begriff als "die Selbstherrschaft der
zu einem Status unverantwortlicher Souveränität gelangten
Warenwirtschaft und die Gesamtheit der neuen Regierungstechniken, die
mit dieser Herrschaft einhergehen". Ob Algerien in den 1950er und 60ern,
Portugal während der Nelkenrevolution oder Spanien im Übergang zur
Demokratie - Debord stand stets in engem Kontakt mit kleinen linken
Zirkeln, um sich über den Stand der revolutionären Sache zu informieren
und in die Umbrüche zu intervenieren.
Angesichts des zunehmenden Einflusses islamistischer Strömungen auf die
antikolonialen Bewegungen in der Dritten Welt ließen die Situationisten
1965 die "Genossen" hochleben, die "den Koran in den Straßen Bagdads
verbrannt haben". Debord schrieb über die Verwandlung Italiens in "ein
europäisches Labor der Konterrevolution" und über die Arbeiterstreiks
im poststalinistischen Polen der 1980er, die er zu den wichtigsten
Ereignissen der zweiten Hälfte des 20. Jh.s zählte. Er kritisierte den
damaligen Studentenaktivisten Daniel Cohn-Bendit, "der die Rolle als
spektakuläres Starlet akzeptiert" habe, und mokierte sich über den
"unfähigen Gorbatschow".
Anhand der unlängst erschienenen Ausgewählten Briefe von Guy Debord
lassen sich die Geschichte der SI und die Positionierung Debords in ihr
rekonstruieren. Dabei treten auch zwei Grundprobleme der
situationistischen Kritik zu Tage, die zugleich die Differenzen der
Überlegungen Debords zur "Frankfurter Schule", insbesondere zu Theodor
W. Adorno verdeutlichen, mit der sie oft verglichen wurde. Erstens
findet an keiner Stelle die Erfahrung von Auschwitz Eingang in die
Überlegungen der Situationisten. Der größte Mangel von Debords
Spektakelbegriff besteht in seiner Ignoranz gegenüber dem
Nationalsozialismus und seinem Vernichtungsantisemitismus. Debord
erörtert zwar knapp den Beitrag des Faschismus zur Herausbildung des
modernen Spektakels, kann ihn aber nur mit einem
totalitarismustheoretischen Vokabular beschreiben. Was nicht bedeutet,
dass er gar kein Bewusstsein von deutschen Besonderheiten gehabt hätte:
Dieter Kunzelmann, später Mitbegründer der Kommune 1 in Berlin und
Paradebeispiel für einen linken Antisemiten (nach allem, was man weiß,
war er mitverantwortlich für den Bombenanschlag auf das jüdische
Gemeindezentrum in Berlin im Jahr 1969), wurde schon früh aus der SI
ausgeschlossen - auf Grund des hellsichtigen Vorwurfs des
"Nationalsituationismus".
Zweitens formuliert Debord eine Absage an die Kunst, anstatt in ihr eine
Statthalterin der Befreiung zu sehen. Auch wenn er Filme drehte, sah er
sich doch stets als "Anti-Künstler". Nicht sanfte Aufhebung ist sein
Programm, sondern Tabula rasa. In seinen Briefen wird das an der
schroffen und mitunter fast brutalen Sprache deutlich, die nur noch
selten etwas von der verzweifelten Zärtlichkeit erahnen lässt, die man
aus den Schriften Adornos kennt. In seinem autobiografischen
"Panegyrikus" (1989) formulierte er eine Selbsteinschätzung, die
sämtliche notwendigen Ambivalenzen und Paradoxien einer kritischen
Existenz ausblendet, ja negiert: "Ich habe jedenfalls bestimmt so
gelebt, wie ich gefordert habe, dass man leben müsse."
Debord war in den 1980ern von der aufkommenden ökologischen
Landwirtschaft sehr angetan, nicht aufgrund eines reaktionären
Naturromantizismus, sondern weil die industrialisierte Landwirtschaft
schlicht den Gebrauchswert der Produkte ruiniere. Nicht um einen
verzichtsneurotischen Vegetarismus oder Veganismus war es ihm zu
schaffen, sondern er lobte die Ökobauern, weil bei ihnen Rind, Kalb und
Schwein von "ausgezeichneter Qualität sind, wie der erste Bissen
bestätigt". Die "allgemeine Rückbildung der Sinnlichkeit", die sich
gerade im Desinteresse am Geschmack von Essen und Trinken zeigt, sah er
mit einer "außerordentlichen Rückbildung geistiger Klarheit"
einhergehen. Und er hat recht: Wer nicht genießen kann, kann in aller
Regel auch nicht denken.
Die Ignoranz gegenüber dem Antisemitismus, welche die Situationisten und
Debord mit großen Teilen jener Linken teilten, die sie ansonsten scharf
und völlig zu Recht attackierten, verunmöglichte ihnen ein Verständnis
des Zionismus als Notwehrmaßnahme gegen diesen Antisemitismus. Das
situationistische Unverständnis schlug sich in kruden Thesen über den
Jom-Kippur-Krieg 1973 nieder, wenn Debord allen Ernstes behauptet, die
Israelis hätten sich "am ersten Tag absichtlich angreifen lassen". Und
für jenen arabischen, von den Nazis und den italienischen Faschisten
unterstützten Aufstand der Jahre 1936 bis 1939, in dem mehr als 500
Juden von arabischen Pogromisten im palästinensischen Mandatsgebiet
ermordet wurden, fand die SI stets lobende Worte.
Die Unfähigkeit zur adäquaten Einschätzung Israels wurde in späteren
Jahren ergänzt durch eine Fixierung der Kritik auf die USA, die 1985 für
Debord zum "Herzen des Spektakels" mutiert sind. Gesellschaftskritik
verkommt hier zunehmend zum Geraunze über Fastfood und Hollywood-Kino,
das auch heute Amerika-Hasser von links bis rechts eint. Bei Debord
wurde diese antiamerikanische Nörgelei in den späten Texten durch einen
Hang zu verschwörungstheoretischen Spekulationen komplettiert.
Tatsächlich waren die Mitglieder der SI sowohl in Frankreich als auch in
Italien immer wieder mit ganz realen "Verschwörungen" konfrontiert. Auch
die bis heute ungeklärte Ermordung des französischen Verlegers von
Debord, Gérard Lebovici, im Jahr 1984 dürfte das ihre dazu beigetragen
haben.
Seine letzten Jahre verbrachte Debord nicht mehr in Paris, das für ihn
eine zerstörte Stadt geworden war. In der Abgeschiedenheit eines Dorfes
in der Auvergne sah er die heraufdämmernde Vereinnahmung seiner Person
und seiner Kritik durch "Journalisten-Polizisten" mit großem
Widerwillen: "Eine beunruhigende Sache (unter vielen) ist, dass man
anfängt, Gutes über mich zu schreiben!" Über die Krankheit, die ihn im
Jahr 1994 dazu brachte, sich das Leben zu nehmen, schrieb er am Tag
seines Todes: "Es ist das Gegenteil von der Art Krankheit, die man sich
durch eine bedauerliche Unvorsichtigkeit zuziehen kann. Dazu bedarf es
im Gegenteil des getreuen Eigensinns eines ganzen Lebens." Dieser
Eigensinn drückte sich nicht zuletzt in seinem hemmungslosen
Alkoholkonsum aus, der keiner Erwähnung wert wäre, hätte er nicht selbst
offenherzig und offensichtlich gerne darüber geschrieben: "Was ich von
den wenigen Dingen, die ich mochte und auch beherrschte, am besten
beherrschte, war das Trinken." (Stephan Grigat/ DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)
Guy Debords Schriften sind in der Edition Tiamat erschienen, zuletzt
"Ausgewählte Briefe, 1957-1994" (Hg. Klaus Bittermann), Berlin 2011.
Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter am Institut für Philosophie der
Universität Wien und Autor von "Fetisch & Freiheit. Über die Rezeption
der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und
die Kritik des Antisemitismus" (ça ira 2007).