Pelinka und der ORF

Protestaktion mit bösen Kollateralschäden

Kommentar der anderen | Reinhard Christl, 6. Jänner 2012, 19:27
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    foto: standard/newald

    Reinhard Christl: "Doch ein wenig" Mitleid mit Pelinka.

Das eigentliche Drama hinter der Bestellung Niko Pelinkas zu Alexander Wrabetz' Politaufpasser: Es gibt viele Opfer, der Ruf des ORF wird untergraben, und die größte Redaktion mit Qualitätsanspruch könnte zerstört werden - Von Reinhard Christl

Das erste Opfer der Bestellung Niko Pelinkas zum Büroleiter des ORF-Generaldirektors ist: Niko Pelinka selbst. Der muss einem auf den ersten Blick nicht leidtun. Auf den zweiten aber vielleicht doch ein wenig:

Statt einem zwar nicht gnadenlos sympathischen, aber vifen und ehrgeizigen 25-Jährigen die Chance zu geben zu lernen, Erfahrungen zu sammeln, die Medien kennenzulernen, sich persönlich weiterzuentwickeln und verschiedene Ideen an sich heranzulassen, wird er zum SPÖ-Parteiapparatschik verbogen und verheizt. In einem Job, den er, egal wie intelligent er sein mag, mit seinen 25 Jahren nie und nimmer wirklich beherrschen kann.

In dem er deshalb immer nur als Parteisoldat, niemals als kompetenter Fachmann wahrgenommen werden wird. Und nach dem er lebenslang von einer Clique abhängig sein wird, die derzeit zwar mit Werner Faymann den Bundeskanzler stellt, die aber in ein paar Jahren vielleicht nur mehr eine Fußnote der Geschichte bilden wird.

Peter Pelinka als Opfer

Das zweite Opfer ist Peter Pelinka, Nikos Vater. Darf der weiterhin die sonntägliche Diskussionssendung Im Zentrum im ORF moderieren, der Sohn ihm vorher die Gäste aussuchen? Wenn journalistische Standards gelten, natürlich nicht.

Andererseits: Wenn er als Vater einigermaßen bei Trost ist, hat er seinem Sohn geraten, den Job nicht anzunehmen, kommt also völlig unschuldig zum Handkuss. Aber der 25-jährige Sohn tut natürlich nicht, was ihm der Vater rät, weil 25-Jährige fast immer das Gegenteil dessen tun, was Väter raten. Und weil er sich, berauscht von der vermeintlichen großen Karrierechance, der fatalen Konsequenzen seines neuen Jobs für sein späteres Leben nicht bewusst ist.

Noch Qualitätsjournalismus

Wirklich dramatisch steht es um das dritte Opfer, den Journalismus. Konkret: die Journalistinnen und Journalisten des ORF. Die überwiegende Mehrheit von ihnen leistet hervorragende Arbeit.

Der ORF ist eines der ganz wenigen Medienunternehmen des Landes, das sich, dank 580 Millionen Gebühren pro Jahr, personell ausreichend ausgestattete Redaktionen und damit seriösen Qualitätsjournalismus (noch) leisten kann. Und er ist das einzige Medium, das mit seinen Nachrichtensendungen und Magazinen politische Information auch in breite Bevölkerungsschichten trägt, die weder den STANDARD noch andere Qualitätszeitungen lesen.

Der ORF erfüllt seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag, die Bürger mit seriöser politischer Information zu versorgen, von Ausrutschern abgesehen, im Vergleich etwa mit ARD und ZDF nicht schlecht.

Er ist dabei von der Politik viel unabhängiger, als die Diskussion um Niko Pelinka derzeit vermuten ließe; das zeigt nicht zuletzt die durchaus anständige und kritische Berichterstattung nach dessen Bestellung. Auch werden die wenigsten ORF-Redakteure sich von einem 25-Jährigen vorschreiben lassen, wie sie ihren Job zu machen haben.

Ein Fall Wrabetz/Faymann

Aber was sollen und können ORF-Redakteure jetzt tun im Falle Pelinka, der eigentlich ein Fall Wrabetz/Faymann ist? Anders gefragt: Ist es richtig, dass sie dagegen protestieren? Natürlich ja. Allerdings, und das ist das Fatale daran: Der ebenso notwendige wie legitime Protest, seit zwei Wochen öffentlich ausgetragen, untergräbt genau das, wofür die ORF-Redakteure kämpfen: ihren und den Ruf des ORF beim Publikum.

Denn was passiert, wenn die ORF-Journalisten weiter protestieren und Pelinka trotzdem im Wrabetz-Büro bleibt? Der ORF wird als SPÖ-geführter Parteisender wahrgenommen werden, gegen den die Journalisten nichts ausrichten können - auch wenn dem gar nicht so ist. Jeder Zeit im Bild-Beitrag, jede Report-Geschichte, in der oder in dem die SPÖ gut wegkommt, wird künftig im Verdacht stehen, von Pelinka beeinflusst oder bestellt worden zu sein. Was kann man in so einer Situation als ORF-Journalist machen? Verzweifeln, sonst nichts.

Auch der Ruf des ORF als objektive Informationsquelle, der sich in allen Umfragen noch weitgehend intakt zeigt, wird weiter leiden, wenn das Thema Pelinka und SPÖ-Einfluss im ORF en vogue bleibt. Die Bereitschaft, Gebühren zu zahlen, wird weiter abnehmen. Und in letzter Konsequenz könnten jene die Oberhand in der Diskussion gewinnen, die den gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk ohnehin abschaffen wollen. Mit dem Ergebnis, dass die größte Qualitätsjournalismusredaktion des Landes irgendwann auch zerstört wird. Denn ohne Gebühren, nur aus Werbung, ist diese keinen Tag finanzierbar.

Fazit, aus Sicht der ORF-Redakteure: Protestieren kann böse Kollateralschäden verursachen. Freilich: Nicht protestieren und sich alles gefallen lassen geht gar nicht.

Zum Schluss noch ein Szenenwechsel: Stellen wir uns kurz vor, Heinz-Christian Strache wird irgendwann Bundeskanzler und setzt einen FPÖ-Mann an Pelinkas Stelle. Mit welchen Argumenten wird die SPÖ dann dagegen protestieren? Mit welchen die ÖVP und die Grünen, die jetzt so überdeutlich schweigen zu dem ganzen Wahnsinn?

Mir fallen nicht überbordend viele ein. Aber was Heinz-Christian Strache sagen wird, das weiß ich jetzt schon. (DER STANDARD; Printausgabe, 7./8.1.2012)

FH-PROF. DR. Reinhard Christl ist Leiter des Instituts für Medienmanagement der FH Wien und Mitglied des von der Regierung bestellten Public-Value-Beirats der KommAustria, der sich mit der Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags des ORF beschäftigt. Er war Journalist, unter anderem bei "Profil" und "Format".

Kommentar posten
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Filippos B€zahlnixos
00
10.1.2012, 11:42
die Pelinkas sind quasi das "rote Qualitätsmanagement" des ORF

Rotfunk vom Feinsten ;-)

Gerhard Grabner
04
Super Kommentar!

Vor allem der Hinweis auf die FPÖ und das lautstarke Schweigen der Grünen, das ja wirklch zum Himmel stinkt.

Durin, Sohn des Thar
02
redaktion "könnte zerstört werden"

das ist sie doch schon längst ... sehen sie sich doch mal alleine die "qualität" von informationssendungen und die diktion der sprecher (teilweise) an ... nicht mehr viel unterschied zu privaten sendern bzw. kleinformatigen tageszeitungen

E Pie
 
02
Staatsfunk wäre schön ...

leider handelt es sich um parteifunk nach schema ddr. die spitzenredakteure (ha-ha) sind alle linientreu und dürfen auf höhere weihen hoffen. man muß nur skrupelos genug sein oder blöd genug sein um sich vor den parteieselkarren spannen zu lassen. mit den unabhängigen medien ist´s nicht weit her in österr. am besten ist´s man hört den nordkoreanischen rundfunk - da weis der hörer was er hat oder manchmal ö1. that´s it !

mAUTist
04
Wrabetz gehört weg.

Büroleiter kommen und gehen mit ihren Chefs (alles andere wäre eher ungewöhnlich und unverständlich)

Hat Wrabetz aber die schiefe Optik aus vorauseilendem Gehorsam in Kauf genommen und wollte seinem Karriereturbo SPÖ zu Willen sein oder ist P. tatsächlich der Wunderwuzzi? Wenn man sich die Laufbahn des P. ansieht dürfte die Variante Wunderwuzzi nicht zutreffen.

Daher weg mit Wrabetz, der so einen wichtigen Posten nach Parteiwillen besetzt.

Bald wird der Marktanteil des ORF sowieso nicht mehr höher als der Stimmenanteil der SPÖ sein.

MemoryDragon
01
Wird

Noch etwas dauern bis der ORF auf 4% ist bei der SPÖ wird's schneller gehen.

01052004
17
"Der ORF erfüllt seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag, die Bürger mit seriöser politischer Information zu versorgen, von Ausrutschern abgesehen, im Vergleich etwa mit ARD und ZDF nicht schlecht. "

soso.
und öffentlich-rechtliche auftragserfüllung ist
ewiglange werbung
nicht extra gekennzeichente dauerwerbesendungen der landeschefs
uralte us-serien
???

wenn nachrichten im orf wirkluch sooo gut, wieso dann nicht 30 minuten zeit im bild (19:30-20:00 uhr TÄGLICH) ohne werbeunterbrechungen???

wieso keine politischen journale (es gab mal einen wöchentlichen inlands- und einen wöchentlichen auslandsreport)???

wahrscheinlich kämen dann auch die dümmsten drauf, wie sehr das krone- und news/österreich-imperium bisher das informationsoligopol beherrscht...

und das argument "unter strache wär alles noch viel schlimmer" nervt...

RichardRoe
01

Rückschau auf die letzten 20 Jahre: hatten wir bisher jemals einen unabhängigen ORF? Einen, der allen Parteien bei Bedarf ans Bein pinkelte? Na niemals! Trotz Dauerbedarfs. Haben wir nicht immer schmunzelnd diese Wettervorhersagen zur Kenntnis genommen? Vor Winterferien gibts Schnee vor Sommerferien Wanderwetter. Leider kam es nie, das WKO-'Tourismus-Wetter'

Immer schon waren jene Nachrichten interessant, die man im ORF NICHT verlesen hat. Die es leider nicht schafften, auch wenn das Ausland berichtete.

Was, bitteschön, ändert sich mit oder ohne Pelinka bzw Wrabetz? Der General muss sich, wie alle ORF-Bosse vor ihm, bei den Parteien um Schönwetter kümmern. Tut ers nicht, ist er geliefert, tut ers, dann schimpft das Volk. Was also?

Arbeiter
13
Wie hoch ist der Anteil roter und grüner JournalistInnen im ORF?

70%, 80%? Irgendwo dort. Als ständiger Ö1 Hörer kann ich flächendeckend einwandfreie politische Orientierung bestätigen. Wozu also die Angst vor Nikolaus Pelinka? Hat er andere politische Inhalte als Onkel und Vater?

Dramaqueen
03
Peter und Niko dachten halt, dass es keinen Sturm geben wird, Herr Christl

Faymann und Rudas sicher auch. Wenn man nicht weiter denken kann als ans nächste Abendessen, dann gibt es solche "Schachzüge" (ohne zu begreifen, dass das Schachmatt vom braunen König der nächste Zug in 2013 sein kann).

3ch0
02
Mitleid mit Pelinkas?

In einem Eunuchen-Staat wäre es nie soweit gekommen;
da musste jeder für sich sein Opfer erbringen, und konnte keine aristokratische Erbmasse vergeben!

AEIOU

Rot Grün
06
Opfer?

Der Qualitätsjournalismus im ORF kann diesem Skandälchen nicht zum Opfer fallen, da es keine Qualität gibt. Zahn- und bisslos sind die Sendungen des ORF, immer darauf bedacht ja keinem der politischen Schutzherrn zu fest auf die Füsse zu treten. ARD u. ZDF haben weitaus besser recherchierte Formate und sind nicht so extrem handzahm. Selbst bei Interviews (außer bei Oppositionsparteien) wird gebauchpinselt, daß einem schlecht wird. Soviel zum Qualitätsjournalismus. ZiB 1, 2 oder flash, mehr als Berichte von Autocrashs u. Wetterdesastern gibt es kaum. Wenn dann noch die größtenteils völlig unbedarften Auslandskorrespondenten ins Spiel kommen, wird es noch flacher. ORF mit Zwangsgebühren - abschaffen.

RichardRoe
01

Ich muss Sie leider korrigieren. Wenn Sie aufpassen, dann sehen Sie sogar in den Kabarett-Sendungen des deutschen Staatsfunks, dass Personen und Parteien sozusagen auf politischen Auftrag hin fertiggemacht werden. Sie müssen nur oft genug deutsche Kabaretts sehen, um das Muster zu erkennen. FDP fertigmachen, Karl-Theodor fertigmachen, dann kriegt die SPD einen ab, nicht zu stark, man braucht sie ja noch. Die Merkel-Anwürfe sind abgeflaut, obwohl es mehr Grund denn je dafür gäbe, einzig einige Leute mit genug Selbstwertgefühl wie Priol und Georg Schramm kümmern sich nicht darum.

Beim ORF ist 'Wir Staatskünstler' eine immerhin ganz griffige Sendung und in 'Willkommen Österreich' gibts dann und wann Saures auch für die Regierenden.

XXO
01

Ist die Entscheidung, wie die Mitglieder des Public-Value-Beirats bestellt werden, öffentlich einsehbar? Wird wohl auch nach dem Muster laufen x Rote und x Schwarze, dazu bei Bedarf noch jeweils einen Quotenblauen und eine Quotengrüne, damit sich aus diesen Ecken niemand aufregt ...

Wir haben einen staatlichen Moloch, der zum Selbstbedienungsladen verkommen ist, dass einem das Speiben kommt!

Gusti Ganz
03
Der Ruf des ORF und der Parteien

war vor der Causa Pelinka um keinen Deut besser.

Der schlechte Ruf des ORF und der SPÖ/ÖVP/FPÖ wurde durch diesen Postenschacher nur sichtbarer, öffentlicher.

Denn eines ist klar: Es ist nicht nur die SPÖ, die die Posten im ORF besetzt.

nestroy 21
02
Korrekt,aber:

die SPÖ geriert sich als Moral-Apostel der Nation und schimpft - zu Recht ! - über blau-schwarze Methoden.
Und was macht die SPÖ in diesem (nicht nur in diesem) Fall ?
GENAU das SELBE !

Radio Eriwan
01
Das wär mit Bauchkrämpfen ja gerade noch verständlich.

Aber WIE sie es macht und WOZU, absolut nicht mehr.

W. B.
03
"Des Kaisers neue Kleider" - adaptiert vom

Leiter des Instituts für Medienmanagement der FH Wien und Mitglied des von der Regierung bestellten Public-Value-Beirats der KommAustria, der sich mit der Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags des ORF beschäftigt.

Andere Kaiserkleider:

Die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ wurde in der DDR als Agitations- und Propagandainstrument der DDR-Staatsführung genutzt. Auf die Inhalte der Meldungen in der „Aktuellen Kamera“ nahm die Abteilung Agitation und Propaganda beim Zentralkomitee der SED direkten Einfluss. Eine kritische Reflexion der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse im Sinne einer freien Meinungsäußerung und nach Regeln der Pressefreiheit war somit nicht möglich.

Quelle:
http://1989.dra.de/themendos... ddr-fernse

Uttar (51)
00

"die größte Redaktion mit Qualitätsanspruch könnte zerstört werden - Von Reinhard Christl" Wieso, warum?

Utrillitn
00

Frag ich mich auch.
Und nicht protestieren geht auch nicht, sagt er.

Also eine tödliche Falle !

Ja, dürfen's denn das ?
09
... 25-Jährigen die Chance zu geben zu lernen, Erfahrungen zu sammeln, die Medien kennenzulernen, sich persönlich weiterzuentwickeln und verschiedene Ideen an sich heranzulassen

Das ist exakt die Beschreibung für einen Praktikanten-Posten, nicht für eine hochbezahlte Top-Stelle im ORF.

Und : was macht(e) Hr. Pelinka eigentlich bei der ÖBB für sein Geld ?

Ferdinand M.
01
ganz lesen...

"Statt"!!..."einem 25-Jährigen die Chance zu geben zu lernen, Erfahrungen zu sammeln, die Medien kennenzulernen, sich persönlich weiterzuentwickeln und verschiedene Ideen an sich heranzulassen, wird er zum SPÖ-Parteiapparatschik verbogen und verheizt. In einem Job, den er, egal wie intelligent er sein mag, mit seinen 25 Jahren nie und nimmer wirklich beherrschen kann."

"Das ist exakt die Beschreibung für einen Praktikanten-Posten, nicht für eine hochbezahlte Top-Stelle im ORF."

Genau das hat der Herr Christl ja auch gemeint...

Benjamin Klein
00
Wenn doch zugleich mit dem NICCO ...

alle anderen von Parteisekretariaten und Polit-cirkeln installierten Mitarbeiter im ORF aus ihren Posten - ohne ORF-Firmen-Pensionsanspruch - verschwinden würden,
dann wäre ich dafür dieses Theater weiterzuspielen ...

ansonsten ist es nur eine unanständige Hatz auf einen "von den Roten" und die anderen machen munter weiter .....

ist doch irgenwie schäbig .....

QUANTUM
00

jetzt wird nur öfentlich, was vorher hinter verschlossenen türen alles gepackelt wurde.

leute, der orf wird nicht umsonst staatssender genannt.

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