Freie ORF-Mitarbeiter

Randnotiz aus dem Prekariat

Kommentar der anderen | 6. Jänner 2012, 19:10

Keine Traumjobs für die freien ORF-Mitarbeiter - Von Michael Fiedler, Julia Gindl, Johann Groiss, Mark Hammer, Tanja Malle, Anna Masoner

Viel wird dieser Tage über den ORF geschrieben und gesprochen, vor allem über die politische Unabhängigkeit. Stein des Anstoßes ist ein aufstrebender junger Mann, der bald vielleicht neuer Mitarbeiter des ORF wird und zuvor Stiftungsrat war. Die meisten Kommentare beleuchten jedoch nicht, was auch sonst in der öffentlichen Diskussion um dieses Unternehmen und den journalistischen Berufsstand kaum vorkommt: die düstere Gegenwart und Zukunft der freien Mitarbeiter, denen trotz eines Vollzeitjobs aus Spargründen eine Anstellung verwehrt wird und die tagtäglich unter prekären Bedingungen das Programm gestalten.

Dem Rechnungshof zufolge liegt das durchschnittliche, jährliche Bruttogehalt der ORF-Angestellten bei knapp 75.000 Euro. Anders ist das für die Freien. Viele arbeiten seit Jahren für den ORF und verdienen aufgrund der niedrigen Honorare trotz Vollzeitarbeit um die 1500 Euro brutto im Monat. Nach Steuer und Sozialversicherung bleiben davon circa 1000 Euro netto übrig - in vielen Fällen ohne bezahlten Urlaub, bezahlten Krankenstand oder 13. und 14. Gehalt. Das liegt nur knapp über dem Existenzminimum.

Viele Freie erhalten somit pro Stunde Arbeitsaufwand etwa zehn Euro brutto. Für manche aufwändig zu gestaltende Sendungen kann es auch darunterliegen, in jedem Fall aber weit unter dem, was Dienstleister in anderen Bereichen verdienen. So prekär müsste das nicht sein. Viele deutsche Sender zahlen für Beiträge in vergleichbarer Länge und mit vergleichbarem Aufwand das Doppelte bis Dreifache dessen, was der ORF seinen freien Autoren und Gestalterinnen gönnt - oder besser gesagt zumutet.

Dabei liefern die Freien einen guten Teil des Programms. Für viele Sendungen des Aushängeschilds Ö1 etwa kommt weit mehr als die Hälfte der Inhalte von freien Mitarbeitern. Etliche dieser Beiträge werden immer wieder mit Preisen bedacht, auf die der ORF zu Recht stolz ist. Doch der hochgelobte Qualitätsjournalismus basiert auf prekären Beschäftigungsverhältnissen. Das finden viele begeisterte Hörer im persönlichen Gespräch unglaublich, gerade wegen hochdotierter Posten in anderen Bereichen des Unternehmens.

In Internetforen werden die durchschnittlichen Gehälter der ORF-Mitarbeiter als paradiesisch dargestellt und kritisiert. Es wäre an der Zeit, auch von jenen zu reden, die das hochwertige Programm ebenso mitgestalten, aber von Monat zu Monat kaum wissen, wie sie ihre Miete finanzieren können. Qualitätsjournalismus braucht Zeit und gute Recherche. Wer sich Mitarbeiter am Existenzminimum hält, gefährdet diesen.

Unabhängigkeit zählt zu den Grundlagen eines guten Journalismus. Entscheidend ist aber nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Genauso wie zur Verantwortung eines Unternehmens und seines Managements nicht nur die ökonomische, sondern auch die soziale gehören sollte. (DER STANDARD; Printausgabe, 7./8.1.2012)

Michael Fiedler, Julia Gindl, Johann Groiss, Mark Hammer, Tanja Malle, Anna Masoner sind freie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei Ö1 und FM4. Dieser Text wurde auch im Namen von folgenden Personen veröffentlicht:

Alexandra Augustin (FM4), Sonja Bettel (Ö1), Daniela Derntl (FM4), Nicole Dietrich (Ö1), Ulla Ebner (Ö1), Isabelle Engels (Ö1), Benjamin Feichter (Ö1), Bettina Figl (Ö1), Raffael Fritz (Ö1), Johanna Jaufer (FM4), Monika Kalcsics (Ö1), Barbara Kaufmann (Ö1), Nora Kirchschlager (Ö1), Natasa Konopitzky (Ö1), Christoph Kobza (FM4), Barbara Köppel (FM4), Michael Köppel (Ö1), Cornelia Lee (FM4), Christian Lerch (Ö1), Ute von Maurnboeck-Mosser (Ö1), Lisa Mayr (Ö1), Uschi Mürling-Darrer (Ö1), Marlene Nowotny (Ö1), Christian Pausch (FM4), Tina Plasil (Ö1), Sylvia Sammer (Ö1), Christine Scheucher (Ö1), Georg Schrodt (Ö1), Astrid Schwarz (Ö1), Katharina Seidler (FM4), Beatrix Therese Sommersguter (Ö1), Anna Soucek (Ö1), Mariann Unterluggauer (Ö1), Sonja Watzka (Ö1), Simon Welebil (FM4), Irmgard Wutscher (FM4).

Kommentar posten
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1 2 3 4
Mycroft Holmes
00
19.1.2012, 09:55
Falls jemand die Brutto/netto-Rechnung nicht nachvollziehen kann:

Honorarnote: 1500.00
Davon kommt weg (alles Pflicht):
Pensionsversicherung: 236.25
Krankenversicherung & Selbständigenvorsorge: 137.70
Unfallversicherung: 7.65
= Summe Sozialversicherung: 381.60
Blebt Gewinn vor Steuern: 1118.40
= Einkommensteuer: 109.27
Bleibt über nach Adam Riese: 1009.

(das ist nach 2008er-Steuersätzen, man verzeihe. Mehr ists sicher nicht geworden.)

Betrunko
01
12.1.2012, 11:02

per aspera ad astra

heri byrd
10
10.1.2012, 10:17

streiken statt sudern!

animalmother
01

Man versteht nur das Geschäft,
durch das man den Reis verdient.

WoHo
10
75.000 Durchschnitt ist eine Verhöhnung

der GIS Zahler und unfreiwilligen Werbekonsumenten
Die Statistik Austria sagt uns nämlich (http://www.statistik.at/web_de/st... 19348.pdf)
dass woanders die 10 bestverdienenden Prozent der Angestellten (Männer + Frauen) noch immer 7.000 weniger haben, die Beamten kommen grad so hin.

WoHo
10
sorry - link funktioniert nicht => hier verbessert:

http://tinyurl.com/2x2xmg

Quelle:
http://tinyurl.com/6ajemy
Liste unten Tab 'Tabelle(n)', 4. Eintrag:
'Bruttojahreseinkommen der unselbständig Erwerbstätigen 2010'

gibts auch als *.pdf oder *.xlsx

Gerhard Grabner
11
JA,

dafür bekommt ein Niko Pelinka um die € 5000 im Monat. Da muss sich ja jeder in den A... beißen, der überhaupt noch was arbeitet!

regina glaser
00
geht auf die strasse

Aufrufe im Radio: Protestbewegung los!!!! worauf wartet ihr noch? Ungerechter kann es ja nicht mehr werden. Auch ich bin umgeben von gut ausgebildeten jungen Menschen, die viel arbeiten und wenig verdienen( und sachon gar nicht fix). Was die Politik nicht alles versprochen hat.

abner hale
03
danke für die "randnotiz"

diese zustände anzusprechen ist ebenso wichtig, wie die auseinandersetzung mit dem verfall der politischen sitten im orf und diesem land, schließlich ist eben auch die prekarisierung des orf ein teil davon.

und weil der großteil der unterzeichnerInnen von Ö1 kommt: good job!

Sumperliese
10
Wenn sie "frei Mitarbeiter " sind

bezweifle ich das sie NUR für den Rotfunk alleine arbeiten. Aber mein Erbarmen haben sie, was mir aber plunzn ist , da ich nicht fernsehe.

baneck08
110
... mir kommen gleich die Tränen ...

Schön
03
Diese Situation

ist jener an den Universitäten sehr ähnlich. Es ist wohl eine Frage der Zeit und der Solidarität jener, die aus relativ gesicherten Positionen die Diagnose von Unrecht noch nicht verlernt haben, bis sich da was ändern wird, oder es eben krachen wird.

Franz Woyzecks liebste Erbse
02

Der Witz ist auch im ORF - so wie in den anderen geschützten Werkstätten - die Zwei-Klassen-Gesellschaft, die da aufgezogen wurde und die von Gewerkschaft und Politik zumindest ignoriert wird.

Ältere Dienstnehmer sitzen auf ihren "wohlerworbenen Rechten" und Jüngere (die Grenze liegt immer so um 1995) arbeiten im Vergleich dazu für einen Bettel, haben weniger Fringe Benefits und für später nur mehr die Aussicht auf die Altersarmut, während ihre ehemaligen Kollegen mit den älteren Verträgen die Pensionssysteme plündern.

Gerecht ist das nicht und irgendwann fällt euch das alles mal auf den Kopf.

annabrecht
02
Umverteilung und geht schon

Wenn Angestellte im ORF so überdurchschnittlich viel verdienen und freie MitarbeiterInnen am Existenzminimum herumgrundeln, wäre vielleicht eine Anstellung für alle MitarbeiterInnen zu einem moderateren Gehalt eine Lösung?! Wenn die Angestellten Solidarität beweisen wollen, machen sie das von sich aus und freiwillig. 6250,- brutto im Anstellungsverhältnis klingt schon schwer nach überbezahlt.

StringerBell
01

Nun, das scheitert daran, dass den top-bezahlten Angestellten von denen sie reden (also die nach alten KVs, vor 2004 oder gar 1996 bezahlt werden) im Verhältnis 1:10 freie DN und Angestellte nach KV 2004 und ähnliches gegenüberstehen.
Sprich jene, die was hergeben könnten (und die hier oft gemeint werden, wenn der ORF kritisiert wird) werden immer älter und weniger - die Realität für alle anderen und jüngeren ist ähnlich wie in anderen Betrieben auch. Hart.

animalmother
00

Für den Optimisten ist das Leben kein Problem,
sondern bereits die Lösung.

kabel
01
das ist tatsache und der kommentar schwer berechtigt!

zudem besteht burnout-gefahr:

2009: "ORF lehnt seine Chefs ab
Miese Werte für die Führung, schlechtes Image, mangelnde Mitbestimmung:
Das macht ORF-Mitarbeiter krank, 30 Prozent sehen sich am Rande des Burn-outs"
http://derstandard.at/123722815... e-Chefs-ab

Auguste Blanqui
14

Falscher Väter Kinder...

Vera Rschung
 
40
ORF-Gehälter fast doppelt so hoch wie Branchenschnitt

ORF-Angestellte verdienten 2008 im Schnitt 74.500 Euro. Das ist fast doppelt so viel wie durchschnittliche Branchenmitarbeiter, stellt der Rechnungshof in seinem Prüfbericht fest.

http://diepresse.com/home/kult... enschnitt-

kabel
03

die freien mitarbeiter betrifft das aber nicht!

StringerBell
00

Es betrifft auch nicht alle Angestellte. Alle die nach 2000 angestellt wurden kennen dieses Schlaraffenland nur aus Legenden und sind weit von Top Gehältern entfernt, dürfen aber trotzdem die watschen für die alten Privilegien einstecken.

kabel
08
im schnitt, im schnitt!

das ist so wie österreich das viertreichste land der welt ist. allerdings bemerken nur 10 prozent etwas davon. nur "der 6. stock".

"wir sitzen alle im selben boot. die einen sonnen sich an deck, die andern rudern."

http://dl.dropbox.com/u/5534857... _V9_PF.pdf

rispentomate
09
Echt? 6250 brutto monatlich - im Durchschnitt???

Das heißt: es gibt die paradiesische Entlohnung für Angestellte im ORF - noch immer.

6250 brutto (i.D.) zu 1500 brutto monatlich.

Was die einen zu viel haben, haben die anderen zu wenig.

Tendenz zur Zeit: die Schere geht weiter auseinander.

Nicht nur im ORF. Die Sozialdemokratie sagt dazu:

Michael Food
 
41

Und besonders hart gearbeitet wird angeblich auch nicht. Was man mir geschildert hat, möchte ich hier nicht wiedergeben, weil ich es einfach nicht glauben kann. Ein Werktätigenparadies, bei bester Bezahlung, finanziert mit Zwangsgebühren.

don_e
03
ganz so ist es auch nicht

die angestellten die ich dort kenne, arbeiten alle viel, liegen mit ihrem gehalt wohl eher unter diesem durchschnitt. und: der druck auf die angestellten wird immer höher, weil eben leute abgebaut und stellen nicht nachbesetzt werden. vieles übernehmen halt die schlecht bezahlten freien. und das gilt wahrscheinlich für viele medien.
ein freier journalist

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