Das plötzliche Faible für die "direkte Demokratie"

6. Jänner 2012, 18:36

Direkte Demokratie kann zu einer Diktatur der Minderheit führen

Die Spindelegger-ÖVP hat mit ihrer Sparklausur erstmals seit Beginn der Spardebatte wieder Boden unter den Füßen gewonnen. Spindelegger (und Finanzministerin Fekter) dürften sich parteiintern durchgesetzt haben: Wir reden nur noch über Einsparungen, für Steuererhöhungen ist die SPÖ zuständig.

Das ist nicht mehr als eine taktische Maßnahme, aber notwendig, um in den kommenden Verhandlungen mit der SPÖ nicht vollkommen unter die Räder zu kommen. Der SPÖ war es gelungen, eine Lawine von Steuererhöhungen als alleiniges Budgetrettungskonzept darzustellen. Etliche hochrangige ÖVP-Politiker stiegen sogar darauf ein. Nun wird wieder darüber geredet, dass Unsummen auch bei Frühpensionen und Förderungen einzusparen sind (was durchaus auch die ÖVP-Klientel trifft).

An einer anderen Front wurde die ÖVP ebenfalls offensiv, allerdings eher als eine Geste zur FPÖ hin. Plötzlich soll über mehr "direkte Demokratie" geredet werden. Vordergründig , weil "die Jungen" damit mehr für Politik interessiert werden können, in Wahrheit, weil die FPÖ einen Preis dafür verlangt, der sogenannten Schuldenbremse im Verfassungsrang zuzustimmen. Weiterführende Projekte ÖVP/ FPÖ nicht ausgeschlossen.

Die Idee einer schwarz-blauen Koalition ist keine gute, wie der letzte Versuch 2000-2006 bewiesen hat. Das soll jedoch hier nicht Thema sein, sondern die grundsätzliche Überlegung, ob und welche Formen der "direkten Demokratie" Politikverdrossenheit und allgemeinen Stillstand bekämpfen können.

Was liegt auf dem Tisch? FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache will, dass ein Volksbegehren mit 250.000 Unterschriften zwingend zu einer Volksabstimmung führen muss, deren Ergebnis dann verbindlich zu einem Gesetz führen muss. Das bedeutet konkret eine Ausschaltung des Parlaments, womit die FPÖ allerdings kein Problem haben dürfte. Sie setzt auf ihre Kampagnen- und Verhetzungsfähigkeit. Ein Beispiel: 300. 000 Leute unterschreiben das Volksbegehren "Keine Sozialleistungen für Ausländer". Dann folgt eine Volksabstimmung, bei der bei geringer Wahlbeteiligung und unter tatkräftiger Mithilfe der Krawallzeitungen eine ganz knappe Mehrheit herauskommt. Und selbst wenn die Volksabstimmung mit Nein ausgeht (was denn doch wahrscheinlicher ist), hat es Monate voll Verhetzung und vergifteter Atmosphäre gegeben.

Tatsache ist allerdings, dass etwa die von diversen Altpolitikern unterstützte Initiative "Mein Österreich" im Prinzip dasselbe vorschlägt, jedoch mit Kautelen: Was eine Einschränkung bestehender Grund und Freiheitsrechte oder bestehender völkerrechtlicher Verpflichtungen fordert, soll nicht verbindlich sein. Änderungen von Verfassungsgesetzen bedürfen einer Teilnahme von mindestens 50 Prozent der Wahlberechtigten.

Direkte Demokratie in dieser Form kann dennoch zu einer Diktatur der Minderheit führen. Sie würde den bei uns ohnehin stark vertretenen Populisten und Demagogen einen gewaltigen Hebel in die Hand geben. Kein Wunder, dass die FPÖ dies unbedingt will. Wie weit will ihr die ÖVP da entgegenkommen? (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 439
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
fmi
01
11.1.2012, 08:08
Es wäre schon schön

wenn es in der EU eine indirekte gäbe.

arsbonietaequi
00
10.1.2012, 21:24

Il y avait un grand vice dans la plupart des anciennes républiques: c'est que le peuple avait droit d'y prendre des résolutions actives, et qui demandent quelque exécution, chose dont il est entièrement incapable. Il ne doit entrer dans le gouvernement que pour choisir ses représentants, ce qui est très à sa portée. Car, s'il y a peu de gens qui connaissent le degré précis de la capacité des hommes, chacun est pourtant capable de savoir, en général, si celui qu'il choisit est plus éclairé que la plupart des autres.
Montesquieu, De l'esprit des lois

das ist fix
00

Direkte Demokratie wäre gut - nur muss man das sehr enge sehen - d.h. eine konkrete Sachfrage und dazu eine Volks-ABSTIMMUG

Sheriff Jack Mauer
03

Ein lupenreiner Anti-Demokrat.

Shrike
06
Rau auf dem Holzweg

Die Diktatur der Minderheit erleben wir derzeit - ohne echte Instrumente direkter Demokratie. Lobbies können sich Politiker kaufen und setzen Entscheidungen durch, die eine große Mehrheit der Bevölkerung ablehnt. Einer großen Bank fehlt beispielsweise im Parlament nur mehr ein Mandat zur Clubstärke. Wobei das eigentlich auch egal ist, denn das Parlament ist zur reinen Abstimmungsmaschine verkommen, wo Abgeordnete immer dann die Hand heben, wenn man es ihnen anschafft.

Würde direkte Demokratie schlechte Ergebnisse hervorbringen? Vielleicht manchmal - wobei bislang bei den wenigen Abstimmungen immer verantwortungsvoll abgestimmt wurde. Das kann man derzeit von der indirekten Demokratie nicht behaupten.

Peter Eichorn
04
Elemente der direkten Demokratie

als Ergänzung zur repräsentativen Demokratie würden zu einer besseren Politik für die BürgerInnen und unser Land führen. Das fordern aufrechte Demokraten schon seit vielen Jahren. Strache nimmt jetzt nur diesen Volkswillen wahr, leider die anderen Partein nicht wirklich. Dass - wie Rauscher schreibt - mehr direkte Demokratie das Parlament ausschalten würde ist ebenso Unsinn wie dass es zu einer Diktatur einer Minderheit führen würde. Die Diktatur einer Minderheit aus Bankern und Industriellen haben wir jetzt ja schon, da unsere "Repräsentanten" massiv deren Interessen vertreten und nicht mehr die Interessen des Souverän!

relatio subsistens
01

Notwendig wäre vor allem, endlich ein auf Legitimation abzielendes Denken in den Köpfen der Menschen zu ersetzen durch ein Ethos kritischer Prüfung (und konsequent die dafür notwendigen strukturellen bzw. institutionellen Bedingungen zu schaffen). Die Demokratiefrage ist demgegenüber eher sekundär. Einen "Volkswillen" gibt es nicht.

http://www.gkpn.de/albert.htm

Bauti
03

Uiii, dem Rauscher, Apostel des liberalen Bildungsbürgertums, ist selbst die gegenwärtige Politikerkaste noch lieber als das Volk!

Toni Meister
11
Eher ist RAU...

...ein Teil der gegenwärtigen Politikerkaste noch lieber als die Demagogen und Populisten, was verständlich ist.

blaugrana20
05
Ein bisschen verkürzt...

...ist das aber schon Herr Rauscher. Das, was wir jetzt als postdemokratisches System vor uns haben, in aus reiner Frustration die Wahlbeteiligung berechtigterweise immer mehr zurückgeht, weil selbst Volksparteien sich nur der Elite und nicht mehr der Mehrheit und der österreichischen Bevölkerung verpflichtet fühlen. In diesem System dann die direkte Demokratie abzustempeln als Hetzwerkzeug der Blauen, das ist abenteuerlich. Ich bin Grüner und ich würde mich für meine Generation (unter 30) sehr freuen, wieder mehr mitbestimmen zu können. Nur weil bei Umfragen 25 Prozent Strache wählen würden, heißt das noch lange nicht, dass auch mehr als die Hälfte der Bevölkerung bei einer Volksabstimmung zustimmen würden.

- rau -
112
Kleiner Analyse-Irrtum:

Die "Volks"-Parteien fühlen sich nicht den Eliten verpflichtet, sondern ihrer engeren Klientel: Pensionisten, öffentlich Bedienstete, Bauern etc.
Ich lehne die direkte Demokratie nicht pauschal ab, aber ein Blinder mit dem Krückstock kann ertasten , was die FPÖ will: ein permanentes Mobilisierungsinstrument für Hetzkampagnen. Haiders Anti-Ausländer-Volksbegehren von 1993 hatte trotz massiven Widerstands der Zivilgesellschaft ("Lichtermeer") 417.000 Unterschriften ! Und darüber eine Volksabstimmung ?

Shrike
03

417.000 Unterschriften bedeuten, dass 3.800.000 Menschen das Thema nicht unterstützt haben. Man sollte in die Menschen einfach mehr Vertrauen haben.

super Typ
00
10.1.2012, 20:03
1. Volksbegehren unterschreiben generell weniger Menschen, als sie inhaltlich unterstützen würden. Extra hingehen und sich ausweisen und seine Unterschrift für etwas leisten, ist etwas anderes als anonym ein Kreuzerl zu machen.

2. Das Problem, das Rauscher zurecht sieht, ist, dass Volksbegehren auch unabhängig von ihrem Ausgang für Kampagnen (Zwischenwahlkampf) missbraucht werden können.
Dabei ist zu beachten, dass man Forderungen suggestiv einsetzen kann. Wenn die Freiheitlich einen Stopp des unkontrollierten Massenzuzugs fordern, suggerieren sie, dass es einen unkontrollierten Massenzuzug gäbe. Sofern diese Formulierung jemals angemessen war, kann man heute aber von einem unkontrollierten Massenzuzug längst nicht mehr sprechen.
Inwieweit das Ausländervolksbegehren und die damit verbundene Kampagne die Ausländerdebatte in Österreich beeinflusst hat, kann man durchaus diskutieren.

Chien de Pique
01

Volksbegehren gibt es jetzt auch schon und die ziehen auch bei der FPÖ nicht mehr wirklich; vielleicht würde die, wenn auch bei den jetzt diskutierten Hürden unwahrscheinliche (das Ausländervolksbegehren wäre nach dem VP-Kompromissvorschlag fern jeder Volksabstimmungschance gewesen) Möglichkeit, tatsächlich etwas zu bewirken, für einen neuen Mobilisierungsschub sorgen, aber was wäre wirklich der Unterschied? Käme ein Vorschlag tatsächlich zur Abstimmung und würde erfolgreich durchgesetzt, was mir eben nicht sehr wahrscheinlich erscheint, dann hätte die FPÖ dauerhaft ein Wahlkampfthema weniger und es könnte überdies eine Desillusionierung und Sättigung eintreten.

Mein Verteidiger gehört psychiatriert
25
Was war an dem Volksbegehren „Österreich zuerst“ denn gar so schrecklich?

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%... ich_zuerst

Hätte uns viel Ärger und noch viel mehr Geld erspart.

Danke für den tapferen "Widerstand". Emotion statt Verstand. Wirklich gut gemacht!

super Typ
00
Was hätte uns da Geld und Ärger erspart?

Vielleicht die Forderung "Keine vorzeitige Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft" an keine konkreten Russen?

Die Forderungen dieses Volksbegehrens sind ein Sammelsurium von Wischiwaschi-Forderungen, die nur dazu dienen, indem man die Lösung von Problemen fordert, zu suggerieren, dass es diese Probleme in einem dramatischen Ausmaß gäbe.

Zum Beispiel fordert man, "Sofortige Ausweisung und Aufenthaltsverbot für ausländische Straftäter.", und suggeriert damit, dass das nicht Standard wäre, dass Ausländer bei ernsten Straftaten mit einem Aufenthaltsverbot belegt werden.

Mein Verteidiger gehört psychiatriert
02
Importierte Kriminalität und die systembedrohende Schwächung

unseres Sozialsystems wären uns durch eine strenge, am volkswirtschaftlichen Nutzen orientierte Zuwanderungspolitik erspart geblieben.

- Errichtung einer Osteuropa-Stiftung zur Verhinderung von Wanderungsbewegungen.
- Rigorose Maßnahmen gegen den Mißbrauch von Sozialleistungen.

"Wischiwaschi-Forderungen"? Daran kann man doch wirklich nichts aussetzen.

Auch die Forderung "Sofortige Ausweisung und Aufenthaltsverbot für ausländische Straftäter" ist eine legitime, sieht man wie locker da zum Teil vorgegangen wird. Die Schweizer haben den Schritt mit ihrem Ausschaffungsgesetz betreffend kriminelle Ausländer ja bereits vollzogen.

Da hat man aber auch den Souverän gefragt, nicht Grünpolitiker oder linke Journalisten.

super Typ
00
"Importierte Kriminalität" kann man kaum bekämpfen, wenn man nicht die Grenzen dicht machen wollte. Mit "Wischiwaschi" meine ich: Man kann natürlich immer auf Missstände hinweisen und ihre Abschaffung fordern.

Ich kann auch fordern: "Mit dem Sauwetter muss endlich Schluss sein." Das ist doch die Masche von Populisten, dass sie Probleme nicht als Probleme ernst nehmen, sondern so tun, als könnte man eine perfekte, sichere, saubere Welt schaffen, wenn man nur wollte.
Wie soll denn die Osteuropastiftung ausehen? Wenn die Geld kostet (Geld für die Ausländer!), dann regen sich die Rechten doch erst wieder auf.

Die Forderung nach rigorosen Kontrollen gegen Sozialmissbrauch im Rahmen eines Ausländervolksbegehrens suggeriert:
1. Es gibt massiven Missbrauch. Ist das so?
2. Der Missbrauch wäre durch Kontrollen leicht zu verhindern. Ist das so?
3. Missbrauch geht vor allem von Ausländern aus. Ist das so?

Mein Verteidiger gehört psychiatriert
01
Fälle wie die unendliche Geschichte der Fam. Z. wären zu vermeiden gewesen - http://www.kleinezeitung.at/nachricht... ogie.story - der zügig

erledigte, ablehnende Bescheid wird ignoriert, die Familie nachgeholt, erneute Ablehnung, erneut ignoriert uswusf.

Heute lebt ein Heer von Asylanwälten, Rechtsberatern, Flüchtlingsbeauftragten, NGOs etc., gesamt als Asylindustrie bekannt, von dem Schmäh.
Die Fr. Br. liefert hier wöchentlich ähnliche Fälle, denen stets eines gemeinsam ist: verschleierte Einwanderung auf der Asylschiene.

Von den Kosten welche die Zuwanderung Unqualifizierter - direkt ins Sozialnetz - den hiesigen Steuerzahler belastet abgesehen, ist es die Perfidie dieser verlogenen Methodik, die selbst dem Gutmütigen irgendwann mal reicht.

Das gehört endlich abgestellt. Wer das in die Hand nimmt ist mir mittlerweile egal.

Karlgaard
01

Man muss die Konflikte um die Themen, die die Bevölkerung beschäftigen, führen. Eine Verdrängung führt nur zu Wahlerfolgen der Populisten. Übrigens sind 90 Prozent des Haider'schen Ausländervolksbegehrens auch ohne Volksabstimmung im Laufe der Zeit umgesetzt worden.

DrBelacqua
00

Das könnte man auch ohne Volksbegehren und Volksbefragungen.

x aeins
00

Wenn sich aber "Grün" nur mit 10-12% in Ö. abbildet: wieso glaubst du dann, mittels direkter Demokratie mehr als eben diese 10-12% für dich erreichen zu können?

hin und wieder ein tunichtgut
00
wer sagt denn,

dass leute nur und ausschließlich lauben und vertreten, was ihnen "ihre" partei vorkaut?
man wird doch hierzulande wohl auch noch selbst denken und positionen beurteilen dürfen - abseits von parteien und medien.

x aeins
00

und wieso soll ich annehmen, dass das Kuddelmuddel, das entsteht, wenn jeder halt irgendwas glaubt oder vertritt, besser sei als eine repräsentative Demokratie?

hin und wieder ein tunichtgut
00
themenverfehlung

?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 439
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.