Direkte Demokratie kann zu einer Diktatur der Minderheit führen
Die Spindelegger-ÖVP hat mit ihrer Sparklausur erstmals seit Beginn der
Spardebatte wieder Boden unter den Füßen gewonnen. Spindelegger (und
Finanzministerin Fekter) dürften sich parteiintern durchgesetzt haben: Wir reden
nur noch über Einsparungen, für Steuererhöhungen ist die SPÖ zuständig.
Das ist nicht mehr als eine taktische Maßnahme, aber notwendig, um in den
kommenden Verhandlungen mit der SPÖ nicht vollkommen unter die Räder zu kommen.
Der SPÖ war es gelungen, eine Lawine von Steuererhöhungen als alleiniges
Budgetrettungskonzept darzustellen. Etliche hochrangige ÖVP-Politiker stiegen
sogar darauf ein. Nun wird wieder darüber geredet, dass Unsummen auch bei
Frühpensionen und Förderungen einzusparen sind (was durchaus auch die
ÖVP-Klientel trifft).
An einer anderen Front wurde die ÖVP ebenfalls offensiv, allerdings eher als
eine Geste zur FPÖ hin. Plötzlich soll über mehr "direkte Demokratie" geredet
werden. Vordergründig , weil "die Jungen" damit mehr für Politik interessiert
werden können, in Wahrheit, weil die FPÖ einen Preis dafür verlangt, der
sogenannten Schuldenbremse im Verfassungsrang zuzustimmen. Weiterführende
Projekte ÖVP/ FPÖ nicht ausgeschlossen.
Die Idee einer schwarz-blauen Koalition ist keine gute, wie der letzte
Versuch 2000-2006 bewiesen hat. Das soll jedoch hier nicht Thema sein, sondern
die grundsätzliche Überlegung, ob und welche Formen der "direkten Demokratie"
Politikverdrossenheit und allgemeinen Stillstand bekämpfen können.
Was liegt auf dem Tisch? FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache will, dass ein
Volksbegehren mit 250.000 Unterschriften zwingend zu einer Volksabstimmung
führen muss, deren Ergebnis dann verbindlich zu einem Gesetz führen muss. Das
bedeutet konkret eine Ausschaltung des Parlaments, womit die FPÖ allerdings kein
Problem haben dürfte. Sie setzt auf ihre Kampagnen- und Verhetzungsfähigkeit.
Ein Beispiel: 300. 000 Leute unterschreiben das Volksbegehren "Keine
Sozialleistungen für Ausländer". Dann folgt eine Volksabstimmung, bei der bei
geringer Wahlbeteiligung und unter tatkräftiger Mithilfe der Krawallzeitungen
eine ganz knappe Mehrheit herauskommt. Und selbst wenn die Volksabstimmung mit
Nein ausgeht (was denn doch wahrscheinlicher ist), hat es Monate voll Verhetzung
und vergifteter Atmosphäre gegeben.
Tatsache ist allerdings, dass etwa die von diversen Altpolitikern
unterstützte Initiative "Mein Österreich" im Prinzip dasselbe vorschlägt, jedoch
mit Kautelen: Was eine Einschränkung bestehender Grund und Freiheitsrechte oder
bestehender völkerrechtlicher Verpflichtungen fordert, soll nicht verbindlich
sein. Änderungen von Verfassungsgesetzen bedürfen einer Teilnahme von mindestens
50 Prozent der Wahlberechtigten.
Direkte Demokratie in dieser Form kann dennoch zu einer Diktatur der
Minderheit führen. Sie würde den bei uns ohnehin stark vertretenen Populisten
und Demagogen einen gewaltigen Hebel in die Hand geben. Kein Wunder, dass die
FPÖ dies unbedingt will. Wie weit will ihr die ÖVP da entgegenkommen? (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)