Petra Stolba, Chefin der Österreich Werbung, über Pistenkilometer, die Flucht vor dem Winter und den globalen Wettbewerb
STANDARD: Ein Skiurlaub geht hart ins Geld. Einige Touristiker meinen
dennoch, Österreich würde sich im Winter viel zu billig verkaufen. Wer aber kann
sich Skifahren bei höheren Preisen noch leisten?
Petra Stolba: Die Preisgestaltung ist Sache der Betriebe. Da spielen viele
Komponenten mit, und man muss immer wieder ausloten, was der Markt hergibt. Im
internationalen Vergleich hat Österreich ein sehr gutes
Preis-Leistungs-Verhältnis. Kein anderes Land hat mehr Pistenkilometer, mehr
Schneegarantien, eine so hohe Dichte an Liften und Dienstleistungen der
Hotellerie. Mehr Selbstbewusstsein und Mut zu höheren Preisen sollte in manchen
Gebieten möglich sein.
STANDARD: Die Branche klagt, dass Urlauber heuer angesichts der
konjunkturellen Unsicherheit sparen.
Stolba: Bei Ankünften und Nächtigungen werden wir in der gesamten Saison
durchaus auf Niveau des Vorjahres abschließen können, sofern uns der Schnee
nicht wegschmilzt, also unter normalen Verhältnissen. Bei den realen Umsätzen
sagen Experten für diesen Winter ein Minus von zwei bis drei Prozent voraus. Die
Leute sparen bei den Nebenkosten. Es ist daher wichtig für die Betriebe, eine
gewisse Preisdisziplin zu halten.
STANDARD: Es wird immer kurzfristiger gebucht. Touristen wollen keine Zeit
verlieren und hohe Erlebnisdichte. Ist der Fremdenverkehr in Österreich dafür
flexibel genug? Haben einzelne Regionen hier ein paar Trends verschlafen?
Stolba: Die österreichische Tourismuswirtschaft ist in Summe gut unterwegs.
Bis vor ein paar Jahren war es etwa nicht möglich, unter der Woche anzureisen.
Da gab es samstags den berühmten Schichtwechsel. Das ist mittlerweile alles
aufgebrochen. Österreich ist mit großem Abstand Marktführer im Wintertourismus.
Es ist ein heiß umkämpfter globaler Wachstumsmarkt. Immer mehr Länder kommen
dazu: Der Tourismus wird als Regionalentwicklung gesehen, als eine Möglichkeit,
Arbeitsplätze zu schaffen. Die Gäste werden flexibler: Flugverbindungen sind
günstig, durch das Internet nimmt die Kurzfristigkeit der Buchungen zu.
STANDARD: Deutsche sorgen für den Hauptumsatz im österreichischen
Tourismus. Aber ihre Nächtigungszahlen gehen zurück. Vernachlässigen wir sie gar
im Banne der steigenden Ankünfte aus Osteuropa?
Stolba: Das kann man so nicht sagen. Das Halten des relativ konstant hohen
Anteils an deutschen Gästen ist ja an sich schon toll. Ein Drittel aller
Ankünfte kommt aus Deutschland, das sind gewaltige Brocken, und es gibt hier
auch keinerlei Rückgang. Wir versuchen aber natürlich, neue zusätzliche
Gästeschichten anzusprechen, et- wa aus Russland.
STANDARD: Wo sehen Sie die Gästenationen der Zukunft?
Stolba: Im zentral- und osteuropäische Raum. Allein im November, in dem es
Schneemangel gab, kamen knapp 30 Prozent mehr russische Gäste - und das in der
Nebensaison. Insgesamt werden wir heuer vermutlich wieder ein Drittel mehr
Russen haben. In Summe machen sie zwar erst 1,5 Prozent des Nächtigungskuchens
aus - das Wachstum liegt aber in den CEE-Ländern. Im arabischen und chinesischen
Raum wiederum gibt es zwar weniger Skifahrer, dafür jedoch zunehmend den Trend,
zum stimmungsvollen Shoppen nach Österreich zu kommen.
STANDARD: Die Zahl der Touristen, die Österreich besuchen, soll bis 2020
um zwanzig Prozent auf 40 Millionen steigen. Wie soll das gelingen? Ihr
Werbebudget wird nicht aufgestockt, für Marketing machen andere Länder weit mehr
locker.
Stolba: Wir müssen mit gleichem Geld zielgenauer werden. Zeiten, in denen
flächendeckend mit Plakaten gearbeitet wurde, sind vorbei. Wir versuchen pro
Markt gezielter zu arbeiten, verbessern das Handwerkszeug, setzen Mittel
effizienter ein. Zentral ist auch die bessere Abstimmung: Es gibt neben der
Österreich Werbung neun Landesorganisationen, fast 90 regionale Einheiten und
dann noch ungefähr 1500 Tourismusverbände. Ein Riesengefüge. Jetzt geht es
darum, sich im Ausland strategisch besser abzustimmen.
STANDARD: Ist da nicht auch das Risiko, dass weniger Österreicher Urlaub
im eigenen Land machen? Die Konkurrenz durch Billigdestinationen im Winter ist
enorm.
Stolba: Es wird immer Österreicher geben, die im Winter in die Sonne und an
den Strand fahren. Im internationalen Vergleich haben wir jedoch nach wie vor
eine gute Ausbeute im eigenen Land. Die Österreicher sind bei den Ankünften und
Nächtigungen gleich bedeutend wie die Deutschen. Sie urlauben gern hier, die
Zahlen sind stabil. Aber wer dem Winter entfliehen will, wird man nicht von
etwas anderem überzeugen können. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2012)
PETRA STOLBA (47) steht seit 2006 an der Spitze der Österreich Werbung. Sie
verantwortet ein Budget von 50 Millionen Euro, das Wirtschaftsministerium und
Wirtschaftskammer finanzieren. Die Wienerin studierte Publizistik,
Politikwissenschaften und Betriebswirtschaft.