Ernüchterung nach der Wohnbauförderparty

  • Wohnhaus in Wien-Favoriten von Rüdiger Lainer+Partner. Experten glauben, 
dass die hohe Qualität im geförderten Wohnbau bald ein Ende haben wird.
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    Wohnhaus in Wien-Favoriten von Rüdiger Lainer+Partner. Experten glauben, dass die hohe Qualität im geförderten Wohnbau bald ein Ende haben wird.

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Seitdem 2008 die Zweckbindung aufgehoben wurde, landen die Mittel der Wohnbauförderung nicht immer dort, wo sie sollten

Manche Länder spekulieren - und andere bauen nicht billiger, sondern teurer und besser.

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Wien - Mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung lebt in geförderten Wohnungen. Rund 1,8 Milliarden Euro schüttet der Bund aus seinen Steuereinnahmen jährlich an die Länder aus, damit diese das Geld an die Bevölkerung in Form von Wohnbauförderungen weitergeben. Förderhöhe und Kriterien zur Förderwürdigkeit variieren je nach Projekt (Neubau, Sanierung, thermische Sanierung), je nach Bautypologie (Wohnung, Einfamilienhaus, Aufstockung) und je nach Wohnmodell (Miete, Eigentum). Außerdem hat jedes Bundesland seine eigenen Richtlinien, die sich drastisch voneinander unterscheiden (siehe Grafik). Das Chaos ist perfekt.

Auch das technische Anforderungsprofil, das ein Gebäude erfüllen muss, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, was etwa den jährlichen Heizwärmebedarf, die Bauweise, die Barrierefreiheit, den Einsatz von Solarthermie oder die Geometrie des Hauses betrifft.

"Die Förderrichtlinien sind sehr heterogen", sagt Karl Wurm, Chef des Verbandes der gemeinnützigen Bauvereinigungen Österreichs (GBV). Dass sich ein Single in Salzburg auf 55 Quadratmeter beschränken müsse, um förderwürdig zu sein, während sich sein oberösterreichischer Nachbar auf der dreifachen Wohnfläche ausbreiten dürfe, bezeichnet er als "interessantes Phänomen". Seit dem Wohnbauförderungsgesetz 1955 ist die Vergabe der Fördermittel Ländersache.

Spekulieren statt fördern?

Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Förderung immer schwammiger. Die anfänglich vorgeschriebene Zweckbindung wurde immer freizügiger interpretiert, bis sie im Zuge des Finanzausgleichs 2008 komplett aufgehoben wurde. Seitdem kann jedes Bundesland frei entscheiden, ob es das Geld für Objekt- oder für Subjektförderungen vergibt - beispielsweise in Form von Heizkostenzuschüssen. Manche Länder verwenden die Mittel sogar für Spekulationen auf den internationalen Finanzmärkten. Das endet oft in einem Desaster - wie etwa in der Bankenkrise 2008, als Niederösterreich durch die Veranlagung von Wohnbaufördergeldern mehrere hundert Millionen Euro verlor.

"Eine zweckgebundene Objektförderung ist wirtschaftlich nachhaltig, weil man mit jedem geförderten Euro fünfmal so hohe Investitionen auslöst", sagt Wurm. "Bei Subjektförderungen und Projekten, die an der Börse landen, ist das nicht der Fall." Dass die Zweckbindung bald wieder eingeführt wird, ist unwahrscheinlich. Beim Standard-Wohnsymposium vor zwei Jahren erklärte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (VP): "Die Länder haben sich festgelegt. Eine andere Willensbildung zu erreichen ist kaum möglich."

Auch in ganz anderer Hinsicht führt die Verwendung der Fördermittel am eigentlichen Ziel vorbei. Österreich - und da vor allem Wien - ist für die hohe Qualität im geförderten Wohnbau international bekannt. Bauträger und Planer aus aller Welt pilgern hierher, um sich Best-Practice-Beispiele anzusehen. Die Kehrseite der Medaille: Durch die Konkurrenz zwischen den Bauträgern und die damit verbundene Qualitätsschraube nach oben sind die geförderten Wohnungen in puncto Bauqualität, Energiestandards und sozialer Infrastruktur mittlerweile deutlich hochwertiger als jene am freien Markt. Freifinanzierte Wohnungen, die für die höheren Einkommensschichten errichtet werden, stinken dagegen jämmerlich ab. Das System hat sich ad absurdum geführt.

"Der soziale Wohnbau hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine hohe Latte vorgegeben", bestätigt Ewald Kirschner, Generaldirektor der Gesiba. "Private Investoren können da schon lange nicht mehr mithalten." Michael Gehbauer von der Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA) meint: "Der freifinanzierte Wohnbau ist deutlich konservativer und weniger hochwertig." Und Michael Pech, Vorstand des Österreichischen Siedlungswerks (ÖSW), ist überzeugt, dass man in Zukunft "dringend wieder reduzieren" müsse.

"Eigentlich dient die Wohnbauförderung der Schaffung von billigem Wohnraum", sagt Karl Wurm. Doch von diesem Prinzip sei man heute meilenweit entfernt. Wohnbaukosten in der Höhe von 1800 Euro pro Quadratmeter und mehr sind keine Seltenheit mehr. Häufig werden die Mehrkosten eins zu eins auf die Mieter abgewälzt. Das war's dann mit dem billigen Wohnen. Wurm: "Jahrelang haben wir weit über unseren Verhältnissen gebaut. Die Wohnbauförderparty ist definitiv vorbei."

Was das heißt, zeigt Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SP) mit der Ausschreibung Seestadt Aspern. Da beträgt die absolute Obergrenze der Wohnbaukosten 1450 Euro pro Quadratmeter. Im März letzten Jahres rief er zudem die Wohnbauoffensive ins Leben. Sie dient dazu, den Engpass an geförderten Wohnungsneubauten zu kompensieren. Sechs Baukonsortien werden mit einem Darlehen der Stadt Wien bis 2014 rund 6250 freifinanzierte Wohnungen errichten. Einzige Bedingung: Die Mieten müssen dem geförderten Wohnbau angeglichen werden.

Schuld an Zersiedelung

Glaubt man den Wohnbauträgern und Experten, müsse es derartige Alternativmodelle in Zukunft verstärkt geben. Viele Bauträger bereiten sich darauf vor, dass sie in Zukunft mehr Eigenmittel einsetzen müssen. Einige rechnen damit, dass sich demnächst auch Pensionskassen am heimischen Wohnbau beteiligen werden.

Doch der allerwichtigste Schritt wäre, die Wohnbauförderung so rasch wie möglich an raumplanerische Kriterien zu knüpfen, was etwa den Bodenverbrauch und die Nähe zu bestehender Infrastruktur und zu öffentlichen Verkehrsmitteln betrifft. "Die Verhüttelung quer durchs ganze Land kommt davon, dass jeder Bürgermeister glaubt, er kann eine zusätzliche Stimme gewinnen, weil er auf der grünen Wiese wieder ein schönes Einfamilienhaus bewilligt", sagt Karl Wurm. Die Potenziale der Wohnbauförderung wären dahingehend enorm. Doch davon will man in den Bundesländern nichts wissen. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2012)

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die wohnbauförderung wird bitte,

nicht aus steuermitteln finanziert, sondern durch die arbeitnehmer- und geber in diesem land. 0,5 prozent (ag und an) des bruttogehalts gehen an die wohnbauförderung.

aber österreichs letztklassige (proelten)politikerkaste hat noch alles in den bach runter gewirtschaftet, was zum abwirtschaften möglich ist!

der staat ist pleite und damit pasta!

zuerscht sollen die

NICHT-Proleten,
also die Wirtschaftstreibenden und die Bauern auch 0,5% vom tatsächlichen Gewinn dazuzahlen !

Wohnbauförderung nur subjektbezogen

Bin selbst Bauträger, wie hier beamte beschäftigt werden und geld verbrauchen uns unglaublich, ich meine die Beamte sind schon ok, die haben ihre Vorschrifte nach denen sie die sache abarbeiten, doch nach den x-projekt mit einer langsamkeit, das eine schnecke 100x schneller ist, und papierverbrauch von mehreren Ordnern je Projekt, so denke ich, dass die Subjeltförderung aufgrund von einkommen das sinnvollste ist, egal wie alt der personenkreis ist

naja teppiche auf estrichlosen rohbeton verkleben

ist ned wirklich hochwertig - hatte mal so eine "qualitätswohnung" - bin aber froh sie vor änderung der genossenschafts-gesetze (1.1. 2001 oder 2002 ???) zurückgegeben zu haben.

Wo kommt die Förderung an?

Das schlimmste ist für mich, dass die Förderungen ja gar nicht mehr beim Bürger ankommen.
Gefördert wird die Wohnung mit einem rückzahlbaren Kredit und wenn dieser abbezahlt ist, kann sie zum Verkehrswert gekauft werden ???
Wer hat denn dann was von der Förderung? Nur die Genossenschaften, die sich die Differenz einstecken.
Eine Frechheit ist das! Steuergelder für parteinahe Bauträger zu auszugeben - die teilweise so verboten dumm bauen, dass es schon vor Baubeginn oft fraglich ist, wer da drinnen wohnen wird wollen ... leider finden sich immer ein paar arme Würste, die dann doch rein gehen müssen.

kann mir niemand erzählen, dass nicht gleichzeitig mit einigermaßen hoher qualität und dennoch günstig gebaut werden kann. wenn ich mir das foto anschau und mir überleg, wieviel das weglassen der ganzen unnötigen teile kosten würde, die allein optisch am foto ersichtlich sind, dann bin ich schon bei -10%, nach durchgehen und durchrechnen der baupläne sind da sicher enorme einsparungen möglich. damit wird auch möglich: günstiges wohnen, und 4 häuser mit dem geld von heute 2... das wäre eigentlich aufgabe von sozialem wohnbau und sozialdemokratie, die nimmt halt ihre aufgabe nicht mehr wahr...

Foto: ich glaube dieses Wohnhaus ist eine Betrachtungsreise wienintern wert, allerhand.

Adresse

Buchengasse, nähe Triester Straße. Ist auf jeden Fall eine Reise wert! lg, woj

Vielen herzlichen Dank, das ist sehr nett von Ihnen.

Wohnbau und deren Genossenschaften

Hier werden sogar Normen und Ausstattungsstandards unterlaufen um billigst etwas hinzuknallen. 67% der heute gebauten projekte sind derart Mängelbehaftet, sodaß innerhalb von 10Jahren rund 22,7% an Sannierung und Pfuschbehebung gearbeitet werden muss. Schuld sind daran billigstpreise bei Ausführenden Firmen. Bauleitungen die keine Ahnung haben und Architekten die sich selbst verwirklichen anstatt ZWANGSWEISE darin zu Wohnen. Ebenso generallunternehmerschaften mit 20% Aufschlag an den Bauherren.
Wohnbausiedlungen werden hingeknallt und Jahre später überlegt man die Infrastruktur.
Spezialisten kosten Geld, Freunderln die hälfte und vergeigen das 3 Fache.
UMDENKEN UMDENKEN UMDENKEN aber scheinbar aus lauter PROFITGIER ist das nicht das Ziel

In Wien z.B. mag man ja hochwerig bauen

..oder auch einfach wenig kosteneffizient, siehe Bild. Aber wer weiß eigentlich wievel Fördergeld die sog. gemeinnützigen Bauträger selbst für sich einstreifen? Man weiß ja, dass man es sich dort gut gehen lässt und zu Weihnachten dann auch klar gestellt wird, was man so unter einer kleinen Aufmerksamkeit seitens der Auftragnehmer so versteht. Gibt`s da zumindest Schätzungen so wie beim Pfusch?

Wieso nichts das Ami-Modell probieren?

Wohnbaukredite staatlich fördern, die nur mit dem Haus besichert werden müssen. Die Banken verbriefen die Forderungen, das ganze wird gebündet, umbenannt, man lasst es "raten" und verkauft die Papiere, inklusive Wetten/Hebel auf den internationalen Finanzmärkten an die dämlichen Europäer!

Wird Zeit, dass die perverse Wohnbauförderparty ein Ende findet.

Die abgebildete Wohnhausanlage von Rüdiger Lainer+Partner ist eine optische Umweltverschmutzung.

Ein windschiefes Revival der 1960er Jahre Plattenbauten mit Sichtbeton-Kühlrippen – das Ende jeder Baukultur, für das parteinahe, unfähige Architekten Millionenhonorare abkassiert haben.

http://www.lainer.at/wp/wp-con... 62-hmv.pdf

Die Wohnbauförderung gehört abgeschafft, genauso wie die parteipolitisch verfilzten "gemeinnützigen" Wohnbaugesellschaften, bei denen man ohne Parteibuch keine geförderte Genossenschafts-Wohnung bekommt.

Wir leben nur noch in einer Subventions- und Förderungswirtschaft

Was soll das nur für ein Markt sein? Nur noch Subventionen soweit man schaut. Am besten wir schaffen den Markt ab, denn gegeben hat es den eh nicht. Ersetzt wird der Markt durch Subventionsformulare.

Besonders lustig wird es ja dann, so wie bei dieser "Pseudo-Wohnförderung", es dann heisst: Förderung ja gerne, aber nur wenn Sie kräftig Schulden machen (=Kredit aufnehmen)."

Das ist ansich kriminell: Subventionen (=Staatsverschuldung) und dann auch noch Bauherrnverschuldung.

Die einzigen die sich die Hände reiben sind die Bankster, die bekommen dabei einige neue Schuldsklaven zugetrieben.

mein Senf dazu

Ich wollte auch eine Förderung zur Sanierung meines neu erworbenen 100 Jahre alten Hauses in NÖ. Bedingung war ich müsste mir einen 10 Jahreskredit bei einer Bank nehmen = die Baubranche sowie die Banken verdienen gut daran und die Bank steht auch für die nächsten 10 Jahre bei mir im Grundbuch. SICHER NICHT.
Also war die alternative Banküberfall oder selber Sanieren und ich hatte mich fürs erstere entschieden aber meine Freundin .... naja Variante 2 war auch nicht schlecht, jetzt ists fertig und bin sehr Stolz darauf aber die Baubranche ist ein sehr sehr "schmutziges" Geschäft!

Wohnqualität?

Ist aber jetzt ironisch gemeint mit dem Bild von dem Stachelschweinwohnsilo?

WEG mit dieser unseligen Förderung!

Die Hälfter der Österreicher hat davon nichts, die zahlen diesen Nonesens nur!

Diese hat zu enormer Verteuerung der Wohnungen geführt.
Ich als Privater, der noch niemals eine dieser Förderungen bekommen hat, muss aber die enormen Teuerungen in der Bauwirtschaft selbst tragen (ohne Förderung!).

Die Geförderten wohnen heute in Luxusbauten, während die Privaten Finanzierer sich das kaum mehr leisten können. WAS für ein System ist das?
Das nennt man Sozialismus, der seine Klientel füttert, obwohl der Staat pleite ist.

Außerdem hat jedes Bundesland seine eigenen Richtlinien, die sich drastisch voneinander unterscheiden (siehe Grafik)

WO IST DIE GRAFIK ???

wir verlangen grafik!

Die Wohnbauförderung kommt

weniger der Bevölkerung als der Baubranche zugute.
Sonst würde die ÖVP da niemals mitmachen.

Richtig, die Preise haben sich dadruch enorm erhöht.
Als Privater Bauherr ist man heute der Depp der Nation, der alles bezahlen soll.
Dei meisten Mafia-Baufirmen sind bei privaten Bauprojekten gar nicht mehr interessiert, weil sie da keine fetten Schmiergelder (eine Teil der Förderung) einstreifen können.

gratulation zum kommentar! trifft es hervorragend. sie müssen nur baubranche durch baumafia ersetzen.

und wieder einmal bekommt man die bestätigung, dass den politisch verantwortlichen keinesfalls mehr geld zu verfügung gestellt werden sollte - daher: keine neuen steuern (egal unter welchem vorwand auch immer)

Vielen Dank für Ihren Kommentar, Frau Fekter!

gerade von der partei fekters kam der letzte - absurde - steuervorschlag
hinweis: kam von einem bauernbundmann

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