Ergenekon-Fall gilt als Teil eines Machtkampfes zwischen der Regierungspartei AKP und dem säkularen Establishment
Istanbul - Er findet es "tragikomisch", aber das Land reibt sich einmal mehr die Augen: Nach einer siebeneinhalb Stunden langen Anhörung vor einem Richter hat die türkische Justiz am Donnerstag den früheren Armeechef Ilker Başbug festnehmen lassen. Wie rund 280 anderen, zum Teil seit Jahren in Untersuchungshaft gehaltenen Militärs werden ihm staatsverschwörerische Aktivitäten angelastet.
Der 68-jährige Viersternegeneral soll als Chef des Generalstabs der Armee eine Internetkampagne gegen die Regierung von Premierminister Tayyip Erdogan gebilligt haben. Dabei geht es um die Einrichtung von 42 Websites, auf denen Propaganda gegen die konservativ-muslimische Regierung, aber auch gegen die PKK und die armenische und griechische Minderheit im Land gemacht werden sollte. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen des angeblichen Geheimbunds Ergenekon ist eine Reihe von Generälen festgenommen worden, Başbug ist aber der hochrangigste.
Journalist Şik verteidigt sich
Die Verhaftung des 2010 in den Ruhestand getretenen Armeechefs hat das Medieninteresse vom Auftritt des angeklagten Journalisten Ahmet Şik am selben Tag in einem anderen Verfahren abgelenkt. Şik hatte mehrere Bücher zu Ergenekon geschrieben, ein Buchmanuskript über die angebliche Unterwanderung der türkischen Polizei durch das Netzwerk des islamistischen Predigers Fethullah Gülen wurde ihm aber zum Verhängnis. Er wies die Anschuldigungen, er habe das Buch unter Anleitung der Geheimorganisation Ergenekon geschrieben, als Unsinn zurück. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2012)