Gewinnen ist dann doch nicht alles

Blog5. Jänner 2012, 16:20
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Cincinnati stolpert ins Playoff, Denver stürzt in dieses ab, Dallas manövriert sich zuverlässig ins Aus und die New York Jets ernten ihre Saat

Es ist der vermutlich hässlichste Einzug in ein Playoff aller Zeiten. Denver erreichte am Sonntag mit der dritten Niederlage in Folge und damit einem 8-8 Record die Post Season der NFL. Dafür verantwortlich ist der dritte NFL Tie-Breaker - Best won-lost-tied percentage in common games - der für die Broncos und gegen die Oakland Raiders, die bei den San Diego Chargers (beide 8-8) unterlagen, spricht.

Die Zahlen Denvers in diesen drei Spielen, vor allem jene ihres Spielmachers Tim Tebow (6/22 für 60 Yards, 1 INT, 1 FUM vs. KC), sind dabei fast so „gut" wie jene eines U14-Quarterbacks einer hilflos unterlegenen Schülermannschaft in Österreich. Dabei bewies Tebow seinen Kritikern über Wochen, dass sie unrecht haben, um danach ihre Kritik aber wiederum zu bestätigen. Das war zuletzt halt gar nichts und nicht mal annähernd NFL-Football. Kansas City stellte sich auf die Stärken Tebows ein, nahm mit 1-1 Coverage seine kurzen Anspielstationen raus, was auch ein paar unglaublich üble, weil nicht zu Ende gedachten Würfe zur Folge hatte. Gleichzeitig machten die Chiefs die Seiten zu, auf die er dann stets ausweicht, weil er auch in Dauerpanik seine Checkdowns davor nicht hinbekommt. Sieht er seine Receiver nimmer und kann er auch nicht selber laufen, dann gehen dem Harry Potter der NFL doch überraschend schnell die Zaubersprüche aus. Nur seltsam, dass das vor der 0-3-Serie kein anderes Team begriff. Man muss davon ausgehen, dass man in Pittsburgh das gesehen hat.

In der Wildcard-Runde treffen sie nun zu Hause auf die Steelers (Live auf PULS 4 - Danke NFL-Spielplanmacher, dass er mir bis zum bitteren Ende erhalten bleibt!) und das ist eigentlich schon wieder ein großes Glück für Denver. Pittsburgh laboriert an etlichen Stellen mit Verletzungen und befindet sich derzeit selbst in keinem überragenden Zustand. In San Francisco ging man vor drei Wochen unter, dazwischen fertigte man St. Louis ab, gegen Cleveland wurde es dann wieder knapp. Und knapp sollte es für sie gegen die Broncos besser nicht werden, denn auch, bzw. gerade weil sie jetzt so aussehen, als wären sie mehr ein Haufen lahmer Mulis als eine Herde wilder Pferde, läuft die Operation „Divisional Playoff" für Pittsburgh unter dem Motto „Vorsicht Falle". Steht es in Denver 13:9 für die Steelers (so das Endergebnis Pittsburghs bei den Browns) und es sind noch ein paar Minuten auf der Uhr, dann könnte es ein böses Erwachen geben. Es reicht ja, wenn der Bub seinen Zauberstab einmal für fünf Sekunden wieder findet und deine Saison damit beendet.

Deutlich eleganter dann schon der Einzug mit Abzug von Cincinnati, welches zwar auch mit einer Niederlage weiter kam, mit Baltimore aber den deutlich stärkeren Gegner vor sich hatte. Was man bei aller berechtigter Freude als Bengals-Fan über die zehnte Playoff-Teilnahme der Klubgeschichte nicht außer Acht lassen sollte: Cincinnati hat über die gesamte Saison einen einzigen Sieg gegen ein Team mit einem Winnig-Record eingefahren (Tennessee) und keinen einzigen gegen ein Playoff-Team. Erstes gilt übrigens auch für Denver (Cincinnati), zweites allerdings nicht (weil eben Cincinnati). Aber auch hier kommt mit Houston ein Gegner auf sie zu, der starke Personalprobleme hat. Der 3rd Stringer T.Y. Yates ist dort als Quarterback am Start, im letzten Spiel bekam der reaktivierte Veteran Jake Delhomme viel Spielzeit. Das Matchup ist daher wesentlich ausgeglichener am Papier als das andere der AFC, beide Teams dürfen sich Hoffnungen machen, eine Runde weiter zu kommen. Für die Texans wäre ein Divisional Playoff eine Premiere. Logisch, denn auch das Spiel am Sonntag ist schon eine.

Die Talfahrt der Ryan's

Zu verdanken haben die Bengals ihr Ticket den Ergebnissen anderer Spiele. Allen voran der Niederlage der New York Jets in Miami. Der laut Eigendefinition größte Superbowl-Favorit aller Zeiten hat für die große Klappe seines Cheftrainers die Rechnung auf den Tisch gelegt bekommen. Völlig zurecht findet die Post Season heuer ohne die New Yorker statt, die schleunigst ihre Kommunikationsstrategie überdenken sollten. Zuerst Erfolge, dann Sprüche klopfen - das ist zwar nicht wesentlich sympathischer, aber noch weit weniger peinlich, als einer solch ausufernder Brusttrommelei grausliche Niederlagen folgen zu lassen.

Auch des Rexchen's Bruder Rob erging es nicht besser. Im Sunday Night Game präsentierte sich Dallas einmal mehr in entscheidenden Spielen als zuverlässig unverlässlich. Und die von Rob Ryan dirigierte Defense wurde erneut von einem Gegner genarrt. Victor Cruz fing sechs Bälle für 178 Yards und einen Touchdown. Eli Manning brachte fast drei Viertel seiner Pässe für 346 Yards an, warf zwei weitere TDs auf Ahmad Bradshaw und Hakeem Nicks. Und Dallas? Tony Romo Interception - Tony Romo sacked - Tony Romo Fumble - Tony Romo Comebackversuch abgesagt. Dass der schwer überschätzte Cowboys-Kicker auch ein Nervösling vor dem Herren ist, das muss man eigentlich gar nicht extra mehr erwähnen, zumindest wurde er in dem Spiel nicht vom eigenen Coach geeist. Summa summarum bot Dallas, mit wenigen Ausnahmen, ein Bild der Trauer und landete am Ende gar nur mehr auf dem dritten Platz der NFC East, womit zumindest der Spielplan 2012 für sie ein wenig einfacher wird. Unter Playoffverdacht gerieten die Texaner heuer eigentlich nur, weil die Division an sich schwach war, die Eagles, die das direkte Duell gewannen, eine halbe Saison mit sich selbst haderten und die Formkurve der Giants, von denen sie gesweeped wurden, einer Achterbahn glich. Mit Ach und Krach, exakt fünf Punkten in zwei Spielen, hielt man sich gerade noch so Washington vom Leib.

Dass es in Dallas jetzt nicht scheppert, verwundert angesichts des Ergebnisses ein wenig. Headcoach Jason Garrett, der die Hauptverantwortung für diese verkorkste Saison trägt, bleibt offenbar im Amt, während seine Kollegen Raheem Morris (Tampa) und Steve Spagnuolo (St. Louis) ihre Büros räumen mussten. Auch Manager befinden sich auf Jobsuche. Jim Irsay probiert einen Neuanfang in Indianapolis ohne den Hall-Of-Fame-Polians, Chicago meldete Jerry Angelo mit sofortiger Wirkung ab, worauf hin auch Offense Coordinator Mike Martz das Handtuch schmiss. Aber bei den beiden Ryans ist es (noch) ruhig...

Die Giants empfangen am Sonntag Atlanta, die 2011 in ihrer ersten Playoff-Runde, zu dem Zeitpunkt noch als leichter Favorit, vom späteren Champion Green Bay mit 21:48 deklassiert wurden. Es ist die fünfte Playoff-Teilnahme der Falken in den vergangenen zehn Jahren. Der bisher größte Erfolg weist auf die Fabel- Saison 1998 hin, in der man die NFC gewann, um danach das John Elway-Opfer in der 33. Super Bowl zu mimen. Die New Yorker Erfolgsliste ist deutlich länger. 31 Playoff-Teilnahmen, sieben NFL-Titel, darunter drei Super Bowls und elf Mal gewannen die G-Men ihre Conference (NFL Eastern + NFC East).

Breesus vs. Megatron

Das prognostizierte Highlight des kommenden Wochenendes ist aber das Samstagnacht-Spiel zwischen den New Orleans Saints und den Detroit Lions. Vor einigen Jahren stritten die beiden Franchises noch darum, für welche die Fans sich mehr genieren müssen, 2011/2012 sieht die Sache jedoch ganz anders aus. Die Saints Offense ist das attraktivste und effektivste, was die NFL derzeit zu bieten hat, erzielte 467 Yards im Schnitt (!) pro Spiel, knapp 50 mehr als die #2 in der Kategorie, die New England Patriots. Aber auch Detroits Offense muss sich da nicht verstecken - 396 Yards im Schnitt weist sie als #5 Offense der Liga aus. Defensiv befinden sich beide im hinteren Mittelfeld, weshalb ein Shootout zu erwarten ist. Und wer sich mit Saints-Spielmacher Drew Brees (5476 Passing Yards) und Lions-Wideout Calvin Johnson (1681 Receiving Yards) auf ein Duell mit offenem Visier einlassen muss, dessen Nacht könnte eine lange werden. Brees stellte nebenbei auch neue Saisonrekorde für Completions (468), Completion Percentage (71.23) und First-Down Completions (278) auf.

Dass es zu dem Matchup kommt, das hat der Zuschauer einem gewissen Matt Flynn zu verdanken. Der Backup von Aaron Rodgers warf gegen eine willfährige Detroit-Defense im letzten Spiel für 480 Yards und sechs Touchdowns (Franchise-Rekord). Lions Quarterback Matthew Stafford übertrumpfte Flynn zwar in geworfenen Yards (520), passte aber „nur" zu fünf Touchdowns. In Summe waren es 142 Offensive Plays, die 1.125 Offensive Yards ergaben und das noch dazu in einem Spiel, welches auch fünf Sacks und drei Interceptions zu bieten hatte. Mit der 41:45-Niedelrage tauschten Detroit und Atlanta in Woche 17 noch die Plätze und damit die Gegner. 80 Punkte Plus sehe ich jedenfalls auf euch Nachteulen da draußen zukommen. Einschalten!

Statistisches zur Saison

Unpredictable: Die 16. Saison in Folge qualifizierten sich zumindest fünf Teams für die Playoffs, die das Jahr zuvor diese nicht erreicht haben. Heuer sind es sechs Klubs, die 2010 noch Zuschauer waren. San Francisco (13-3, NFC West Champions), Houston (10-6, AFC South Champions), Detroit (10-6, Wild Card), die New York Giants (9-7, NFC East Champions), Cincinnati (9-7, Wild Card) und Denver (8-8, AFC West Champions).

High Scores: Die NFL Teams der Saison 2011 erzielten zusammen einen neuen Liga-Punkterekord mit 11,356 Punkten (44.36 pro Spiel) und brachen den alten Rekord von Vorjahr von 11,283 Punkten. Der Schnitt von 44.36 Punkten pro Spiel ist der höchste in den bisherigen 46 Super Bowl-Saisonen.

Alles schöne Offensiv-Feuerwerksvorzeichen für die letzten fünf Wochen. Mit San Francisco, Baltimore, Pittsburgh, Houston und Cincinnati sind noch fünf Teams im Rennen, deren jeweilige Defense das Kernstück der Mannschaft darstellt. Die statistisch schwächste und zweitschwächste Verteidigung haben übrigens die beiden #1 Seeds New England (#31) und Green Bay (#32) [sic!]. Die Packers haben überhaupt mehr Yards kassiert als erzielt, aber trotzdem nur ein einziges Spiel verloren. Auch die Giants (#27), Saints (#24) und Lions (#23) öffnen gerne die Tore ihrer Scheunen.

Zum Abschluss meine persönlichen Saison-MVPs:

Endzone MVP: Aaron Rodgers (QB, GB)
Ich sehe Drew Brees dort nicht, weil auch Tom Brady den Marino-Rekord brach und Matthew Stafford das fast tat. Ein MVP darf auch nicht gegen St. Louis UND Tampa verlieren. Der Sieg zum Saisonauftakt der Packers über die Saints war dann nur mehr das zweite Zünglein an der Waage. Der dritte Tie-Breaker ist klar das Passer Rating, welches ebenfalls für Rodgers (122,5 zu 110,6) spricht.

Endzone Defensive MVP: Jason Pierre-Paul (DE, NYG)
Nicht nur die 16.5 Sacks, sondern vor allem der Zeitpunkt dieser macht den „Sophomore", der heuer zum ersten Mal startete, für mich zum wertvollsten Spieler einer Defense. Er war da, als man das Defensive Play bei den Giants suchte, der das Pendel zu ihren Gunsten ausschlagen ließ. Ein Suh mit Hirn, der die Tradition vernünftiger Ends (Michael Strahan, Osi Umenyiora) bei den Giants fortsetzen wird.

Endzone Coach Of The Year: Jim Harbaugh (SF)
Wohl keine allzu große Überraschung hier. Harbaugh setzte unter anderen Voraussetzungen (Smith statt Luck ist schon eine Vorgabe!) nahtlos dort an, wo er in Stanford aufhörte. Wo er den Job übernimmt, da herrscht Ordnung, Disziplin und es braucht keinen Plan B, weil Plan Harbaugh funktioniert. Als Person dürfte er eher schwer verträglich sein, als Coach ist er das beste, was den Niners passieren hätte können nach Dennis Erickson, Mike Nolan und Mike Singletary. Hätten sie sich an die Namen noch erinnert? Harbaugh hat sie aus unseren Gedanken verdrängt.

Endzone Rookie Of The Year: Cam Newton (QB, CAR)
Für mich der beeindruckendste NFL-Einstieg eines Quarterbacks in der modernen Zeit. Und da rede ich gar nicht mal so sehr von (den beeindruckenden) Zahlen, sondern vom Wie. Ankommen, einstecken, loslegen. Plug & Play. Das ist die Kunst des Rock 'n' Roll! Als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Und werfen Sie mal einen Blick nach Auburn. Die stecken post-Newton im Mittelfeld fest und spielen statt um die BCS Championship jetzt um das Fast-Food-Ketten-Kriterium um einen Jahresvorrat Hühnerflügel. Carolina wird 2012 die Playoffs spielen. Weil Frontman Newton dann auch einen gescheiten Drummer haben wird.

Endzone Versager des Jahres: Raheem Morris (HC, derzeit arbeitslos)
Das tut mir weh. Morris ist ein lieber und eigentlich auch ein guter. Als die Bucs 2003 die Super Bowl holten, da war er für die Qualitätskontrolle ihrer Defense zuständig. Und diese Defense hatte Qualität, war sozusagen sensationell kontrolliert. Diese Kontrolle hat der 2009 zum Cheftrainer beförderte Morris im Laufe der Saison komplett verloren. Nach einem vernünftig aussehenden 4-2 Start, setzte es zehn Niederlagen in Folge. Als er nach der letzten Schlappe meinte, er werde am Montag wie immer ins Büro gehen, musste man sich fragen, ob ihm überhaupt jemand sagen wird, dass seine Zeit abgelaufen ist. Traurig, aber er musste herhalten, weil ich nicht auch bei der letzten mir sich diese Saison bietenden Gelegenheit auf Philip Rivers eingehen wollte.

NFL Wildcard-Runde

AFC

Samstag, 7. Jänner 22.30 Uhr | LIVE auf ESPN America
Houston Texans (#3) vs. Cincinnati Bengals (#6)

Sonntag, 8. Jänner 22.30 Uhr | LIVE auf PULS 4 / ESPN America
Denver Broncos (#4) vs. Pittsburgh Steelers (#5)

Spielfrei:
New England Patriots (#1)
Baltimore Ravens (#2)

NFC

Samstag, 7. Jänner 2.00 Uhr | LIVE auf ESPN America
New Orleans Saints (#3) vs. Detroit Lions (#6)

Sonntag, 8. Jänner 19.00 Uhr | LIVE auf ESPN America
New York Giants (#4) vs. Atlanta Falcons (#5)

Spielfrei:
Green Bay Packers (#1)
San Francisco 49ers (#2)

NFL Ergebnisse Woche 17

St. Louis Rams vs. San Francisco 49ers 27:34
Philadelphia Eagles vs. Washington Redskins 34:10
Green Bay Packers vs. Detroit Lions 45:41
Houston Texans vs. Tennessee Titans 22:23
Jacksonville Jaguars vs. Indianapolis Colts 19:13
Miami Dolphins vs. New York Jets 19:17
Minnesota Vikings vs. Chicago Bears 13:17
New England Patriots vs. Buffalo Bills 49:21
New Orleans Saints vs. Carolina Panthers 45:17
Atlanta Falcons vs. Tampa Bay Buccaneers 45:24
Cincinnati Bengals vs. Baltimore Ravens 16:24
Arizona Cardinals vs. Seattle Seahwaks 23:20 n.V.
Cleveland Browns vs. Pittsburgh Steelers 9:13
Denver Broncos vs. Kansas City Chiefs 3:7
Oakland Raiders vs. San Diego Chargers 26:38
New York Giants vs. Dallas Cowboys 31:14

Tabellen auf nfl.com

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  • Drei Dinge die vergangenen Sonntag nicht zusammen passten: Kendrick Lewis, Tim Tebow und das Spielgerät (vlnr). Trotzdem löste Denver das Playoff-Ticket und erwartet nun Pittsburgh.
    foto: eric lars bakke/denver broncos media

    Drei Dinge die vergangenen Sonntag nicht zusammen passten: Kendrick Lewis, Tim Tebow und das Spielgerät (vlnr). Trotzdem löste Denver das Playoff-Ticket und erwartet nun Pittsburgh.

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    Endzone Coach Of The Year: Jim Harbaugh

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    Endzone Versager des Jahres: Raheem Morris

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