Was hat es mit den Anfängen auf sich?

    6. Jänner 2012, 19:32
    39 Postings

    Alexander Peer über die Magie des ersten Satzes, vor dem nichts zu stehen kommt

    Schon von Anfang an habe ich Anfänge gesammelt. Das Erzählen ist allein deshalb eine Fiktion, weil es einen Anfang behauptet.

    "Jemand musste Josef K. verleumdet haben." Dieser Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Seit Jahren schon. Immer wieder zuckte er in meinem Hirn. Ich konnte ihn nicht zurückweisen. So kam er schnell aufs Blatt und kümmerte sich - ein beispielhafter Egozentriker wie jeder andere Satz - nicht darum, dass er mir diesen Text von Anfang an gründlich vermiesen würde. Keiner könnte diesen Text lesen, ohne diese fragmentarische Referenz zu übersehen. Jeder würde den Autor dieses Textes als Angeber oder als Nichtsnutz, der mit den Verdiensten anderer zu prahlen suchte, klassifizieren. Oder gar als Naivling, der glaubte, hier würde ein großer Betrug unerkannt bleiben. Es wäre um den Text geschehen, der einer mehr wäre in jenem Universum der vielfach ungelesenen Texte.

    Aber wie ist es mit dem Weiterlesen bestellt? Welche Gewürze müssen auf den ersten Seiten verstreut sein, damit eine Lektorin oder ein Juror umblättern? Würden sie es nicht tun, würde der Text nie Bekanntschaft mit Lesenden machen. Bliebe der Text immer nur Text, ohne erfolgreich bestandene Reifeprüfung mit Buchabschluss? Wie könnte es verhindert werden, dass eine und einer nicht nur etwa teilnahmslos Blatt für Blatt wenden, sondern am Geschehen teilhaben und sich nicht entziehen können?

    Wie oft habe ich diese Fragen erörtert, in Seminaren, im Café oder unter der Dusche, wie oft klingt es überzeugend, wenn davon gesprochen wird, dass sich die Personen in Geschichten über Handlungen erschließen sollten und nicht durch einen endlosen Monolog. V. Nabokov hat das Kunststück wiederholt zuwege gebracht, Essay mit Erzählung kongenial zu verknüpfen. Es sind fatale Geschichten, abgrundtiefe Existenzen, die zielsicher - gerade wegen ihrer meist überdurchschnittlichen Intelligenz - ihren Untergang ansteuern, dies alles tut sich nach wenigen Zeilen auf, und dennoch verzaubert Nabokovs metapherndurchdrungene Sprache, und gleichzeitig liefert diese auktoriale L'art-pour-l'art-Perspektive eine Bestandsaufnahme von Wirklichkeitstheorien.

    Jemand musste K. verleumdet haben: Das zeigt schon mit dem ersten Satz eine Vorgeschichte, deren Aufklärung ansteht. Der spezielle Kafka-Clou ist es indes, nie aufzuklären. Oder vielmehr Aufklärung durch Verhüllung zu betreiben. Die Geschichten enden mit der Entlassung der Leser und Leserinnen ins Spekulieren, in die Unruhe und sorgen für eine rasselnde und surrende Fabrik, statt Traumdeutung Deutungstrauma. Philosophen, Soziologen, Psychologen, Theologen (womit nicht notwendigerweise eine Antiklimax gemeint ist) und ... außer natürlich Kafkas Vater.

    Diese Nachgeborenen

    Zwar wollte Kafka Franz Das Schloss beenden, aber wie um seiner schriftstellerischen Haltung treu zu bleiben, ist er rechtzeitig davor an den Folgen der Lungenkrankheit gestorben.

    Ich habe mich mit dem Auftrag zu befassen, eine Zusammenstellung von Anfängen zu leisten und diese zu argumentieren. Wieder einmal muss ich froh über eine Arbeit sein, die mich immerhin kein Geld kostet. Schon von Anfang an habe ich Anfänge gesammelt. Das Erzählen ist allein deshalb eine Fiktion, weil es einen Anfang behauptet. Die Magie des ersten Satzes, vor dem nichts zu stehen kommt. Der Anfang, hinter dem sich der ganze Text versammelt und vergeblich diesen Anfangssatz zu überwinden versucht; alle bleiben sie hinter ihm zurück, diese Nachgeborenen.

    Jemand musste also K. verleumdet haben, doch der Verurteilte bin ich, an diesem Essay zu arbeiten, der mir nichts einbringt außer Kopfweh und Kreuzschmerzen. Vielleicht eine Erkenntnis.

    Welche Bedeutung das Geschriebene erhebt, muss sich im Nachfolgenden bewahrheiten: Es macht wenig Sinn, dass ich jetzt aufschreibe, "der Autor sitzt an seinem Schreibtisch und trinkt aus einem großen Becher Wasser". Es macht auch wenig Sinn mit Detailreichtum punkten zu wollen, dass es sich um Wasser aus den Alpen handelt, dass ich diesen Becher tagelang stehen lassen könnte, ohne dass sich an den Rändern Kalkspuren bilden, oder dass ich auf dem rutschigen Terrain der Naturwissenschaften vollends abgleite, indem ich den Wasserstoffionengehalt beurteile und mir Gedanken über das optimale Säuren-Basen-Verhältnis mache.

    Nein, all das hat erst dann etwas zu bedeuten, wenn sich dieses Glas Wasser aufmacht, Geschichte zu schreiben. Sei es bloß die Geschichte des neben ihm sitzenden Menschen, der an einem Essay arbeitet. Der philosophische Gemeinplatz, dass die Dinge nur in Bezug auf die Menschen eine Bedeutung erlangen, ist das Herz des Erzählens. Der Autor greift zum Becher Wasser und trinkt einen großen Schluck. Es macht auch gar nichts, dass seine dreifingrige Hand zittert. Noch immer ist die Bedeutung dieses Bechers Wasser bescheiden. Weder maße ich mir an, meine Hände in Unschuld zu waschen, noch das Wasser einfach aus dem geöffneten Fenster zu schütten und zumindest eine biedere Heiterkeit zu provozieren, weil ein anderer zu einem recht harmlosen Schaden gelangt ist. Es sei denn, die eben erst vollendete Frisur eines Menschen würde zerstört werden und somit das eben anstehende Rendezvous vereiteln, aus welchem eine gemeinsame Lebensgeschichte entstehen könnte, mit der all diese Ingredienzien wie Kinder, Urlaube, Haus am Stadtrand, Beziehungsratlosigkeit und Fremdgänge sowie Kommunikationsverlust etc. einhergingen.

    Plötzlich hätte das Glas Wasser eine enorme Bedeutung erlangt. Aber kann man einem Glas Wasser so viel Verantwortung aufbürden? Ist es nicht geradezu lächerlich vom Wasser, das aus dem Fenster geschüttet wird, auf die biografische Dimension eines ganzen Menschenlebens zu kommen? Ist es nicht die Lust derjenigen, die anhand der Komplexität des Daseins schon längst die Nerven weggeschmissen haben und verzweifelt nach einer noch so kleinen Anknüpfung für Kausalität und Logik suchen. Der Film Babel etwa zeigt die epochale, grundlegende Wirkung und Verknüpfung der Welt über Kontinente hinweg. Immerhin geht es um ein Gewehr und einen Schuss, also vermeintlich mehr als um einen Becher Wasser. Aber letztlich ist das doch eine seltsame Konstruktion, um doch noch Sinn und Kausalität feiern zu können.

    Es wäre ja geradezu lächerlich, würde man den Becher Wasser als Beziehungsverhinderer einstufen. Meine Güte, wo kämen wir denn da hin? Würde dieses Rendezvous nicht den Bach runter-, sondern den Becher runtergehen, dann käme nächste Woche schon ein neuer Kandidat für das Beziehungsdrama, das Sehnsucht heißt und immer wieder verzweifelt an einem anderen Menschen festgemacht wird und im Endeffekt nur durch die Bumserei bedingt ist, die wohl besser an bezahlte Dienststellen delegiert werden sollte.

    Im trüben Grund des Wissens

    Außerdem hätte diese ganze Geschichte ja dann gar nichts mehr mit dem Autor zu tun, der schließlich einen Essay zu schreiben sich müht und immer noch mit seinem krummen Stöckchen Verstand im trüben Grund des Wissens stichelt, um auf eine harte, also verbriefte Erkenntnis zu stoßen. Anders wäre es, wenn der erfolgsverklemmte Autor endlich zum Becher Wasser griffe, um mit der Flüssigkeit ein Pulver in seinen Magen zu schicken. Etwas Aufputschendes? Oder Beruhigendes?

    Weil er schon zehn Anfänge zu seinem Essay über Anfänge geschrieben. Aber bei dem einen Pulver müsste es ja nicht bleiben. Er könnte zu einem zweiten greifen, und während des Schluckens würde er den Beipacktext lesen und erfahren, dass Überdosierung eine sofortige ärztliche Intervention nötig machen würden. Kaum hätte er diese Zeilen gelesen, hätte er schon die dritte Tablette die Speiseröhre hinabgeschickt. Bald würde ihm schummrig werden, ein Schleier würde sich über seinen Blick legen, der Text vor ihm über Anfänge würde wiederholt verschwinden, seine Gedanken würden mehr und mehr zu trotzigen Kindern werden, die sich nicht um seine Befehle kümmerten, sondern in seinem Kopf hin und her tollten. Ihm würde einfallen, dass das ganze Leben fortwährend aus Anfängen bestünde, dass man sich aber gar nicht viel über diese Anfänge denken könne, weil es doch gleich weiterginge.

    Die Tabletten würden lustig hin und her plantschen und sich schließlich ganz ihrer Auflösung hingeben. Und er, der erfolgsversuchende Autor, hätte dieses eine Bild noch vor sich, klar und ungetrübt, als er auf seinen eben erst gekauften Apple hinsinken würde und alle Anfänge wären ... (Alexander Peer / DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)

    • Der Kafka-Clou: Schon der erste Satz "Jemand musste K. verleumdet haben" 
zeigt eine Vorgeschichte, deren Aufklärung ansteht.
      foto: verlag

      Der Kafka-Clou: Schon der erste Satz "Jemand musste K. verleumdet haben" zeigt eine Vorgeschichte, deren Aufklärung ansteht.

    • Alexander Peer, geboren 1971 in Salzburg, studierte Germanistik, 
Philosophie und Publizistik. Er lebt als freier Autor und  Journalist in 
Wien. Tätigkeit als Lektor und Leiter von Schreibwerkstätten. Zahlreiche 
Veröffentlichungen in Anthologien und  Literaturzeitschriften, u. a. 
Land unter ihnen (Novelle, Limbus Verlag, 2011), Schönheit und 
Vergänglichkeit (Kunstbuch, Essl  Museum, 2011).  Einige Preise und 
Stipendien. Der Autor ist aktuell Stadtschreiber in Schwaz in Tirol 
2011.
      foto: verlag

      Alexander Peer, geboren 1971 in Salzburg, studierte Germanistik, Philosophie und Publizistik. Er lebt als freier Autor und Journalist in Wien. Tätigkeit als Lektor und Leiter von Schreibwerkstätten. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften, u. a. Land unter ihnen (Novelle, Limbus Verlag, 2011), Schönheit und Vergänglichkeit (Kunstbuch, Essl Museum, 2011). Einige Preise und Stipendien. Der Autor ist aktuell Stadtschreiber in Schwaz in Tirol 2011.

    Share if you care.