Alexander Peer über die Magie des ersten Satzes, vor dem nichts zu stehen kommt
Schon von Anfang an habe ich Anfänge gesammelt. Das Erzählen ist allein deshalb eine Fiktion, weil es einen Anfang behauptet.
"Jemand musste Josef K. verleumdet haben." Dieser Satz ging mir nicht
mehr aus dem Kopf. Seit Jahren schon. Immer wieder zuckte er in meinem
Hirn. Ich konnte ihn nicht zurückweisen. So kam er schnell aufs Blatt
und kümmerte sich - ein beispielhafter Egozentriker wie jeder andere
Satz - nicht darum, dass er mir diesen Text von Anfang an gründlich
vermiesen würde. Keiner könnte diesen Text lesen, ohne diese
fragmentarische Referenz zu übersehen. Jeder würde den Autor dieses
Textes als Angeber oder als Nichtsnutz, der mit den Verdiensten anderer
zu prahlen suchte, klassifizieren. Oder gar als Naivling, der glaubte,
hier würde ein großer Betrug unerkannt bleiben. Es wäre um den Text
geschehen, der einer mehr wäre in jenem Universum der vielfach
ungelesenen Texte.
Aber wie ist es mit dem Weiterlesen bestellt? Welche Gewürze müssen auf
den ersten Seiten verstreut sein, damit eine Lektorin oder ein Juror
umblättern? Würden sie es nicht tun, würde der Text nie Bekanntschaft
mit Lesenden machen. Bliebe der Text immer nur Text, ohne erfolgreich
bestandene Reifeprüfung mit Buchabschluss? Wie könnte es verhindert
werden, dass eine und einer nicht nur etwa teilnahmslos Blatt für Blatt
wenden, sondern am Geschehen teilhaben und sich nicht entziehen können?
Wie oft habe ich diese Fragen erörtert, in Seminaren, im Café oder unter
der Dusche, wie oft klingt es überzeugend, wenn davon gesprochen wird,
dass sich die Personen in Geschichten über Handlungen erschließen
sollten und nicht durch einen endlosen Monolog. V. Nabokov hat das
Kunststück wiederholt zuwege gebracht, Essay mit Erzählung kongenial zu
verknüpfen. Es sind fatale Geschichten, abgrundtiefe Existenzen, die
zielsicher - gerade wegen ihrer meist überdurchschnittlichen Intelligenz
- ihren Untergang ansteuern, dies alles tut sich nach wenigen Zeilen
auf, und dennoch verzaubert Nabokovs metapherndurchdrungene Sprache, und
gleichzeitig liefert diese auktoriale L'art-pour-l'art-Perspektive eine
Bestandsaufnahme von Wirklichkeitstheorien.
Jemand musste K. verleumdet haben: Das zeigt schon mit dem ersten Satz
eine Vorgeschichte, deren Aufklärung ansteht. Der spezielle Kafka-Clou
ist es indes, nie aufzuklären. Oder vielmehr Aufklärung durch Verhüllung
zu betreiben. Die Geschichten enden mit der Entlassung der Leser und
Leserinnen ins Spekulieren, in die Unruhe und sorgen für eine rasselnde
und surrende Fabrik, statt Traumdeutung Deutungstrauma. Philosophen,
Soziologen, Psychologen, Theologen (womit nicht notwendigerweise eine
Antiklimax gemeint ist) und ... außer natürlich Kafkas Vater.
Diese Nachgeborenen
Zwar wollte Kafka Franz Das Schloss beenden, aber wie um seiner
schriftstellerischen Haltung treu zu bleiben, ist er rechtzeitig davor
an den Folgen der Lungenkrankheit gestorben.
Ich habe mich mit dem Auftrag zu befassen, eine Zusammenstellung von
Anfängen zu leisten und diese zu argumentieren. Wieder einmal muss ich
froh über eine Arbeit sein, die mich immerhin kein Geld kostet. Schon
von Anfang an habe ich Anfänge gesammelt. Das Erzählen ist allein
deshalb eine Fiktion, weil es einen Anfang behauptet. Die Magie des
ersten Satzes, vor dem nichts zu stehen kommt. Der Anfang, hinter dem
sich der ganze Text versammelt und vergeblich diesen Anfangssatz zu
überwinden versucht; alle bleiben sie hinter ihm zurück, diese
Nachgeborenen.
Jemand musste also K. verleumdet haben, doch der Verurteilte bin ich, an
diesem Essay zu arbeiten, der mir nichts einbringt außer Kopfweh und
Kreuzschmerzen. Vielleicht eine Erkenntnis.
Welche Bedeutung das Geschriebene erhebt, muss sich im Nachfolgenden
bewahrheiten: Es macht wenig Sinn, dass ich jetzt aufschreibe, "der
Autor sitzt an seinem Schreibtisch und trinkt aus einem großen Becher
Wasser". Es macht auch wenig Sinn mit Detailreichtum punkten zu wollen,
dass es sich um Wasser aus den Alpen handelt, dass ich diesen Becher
tagelang stehen lassen könnte, ohne dass sich an den Rändern Kalkspuren
bilden, oder dass ich auf dem rutschigen Terrain der Naturwissenschaften
vollends abgleite, indem ich den Wasserstoffionengehalt beurteile und
mir Gedanken über das optimale Säuren-Basen-Verhältnis mache.
Nein, all das hat erst dann etwas zu bedeuten, wenn sich dieses Glas
Wasser aufmacht, Geschichte zu schreiben. Sei es bloß die Geschichte des
neben ihm sitzenden Menschen, der an einem Essay arbeitet. Der
philosophische Gemeinplatz, dass die Dinge nur in Bezug auf die Menschen
eine Bedeutung erlangen, ist das Herz des Erzählens. Der Autor greift
zum Becher Wasser und trinkt einen großen Schluck. Es macht auch gar
nichts, dass seine dreifingrige Hand zittert. Noch immer ist die
Bedeutung dieses Bechers Wasser bescheiden. Weder maße ich mir an, meine
Hände in Unschuld zu waschen, noch das Wasser einfach aus dem geöffneten
Fenster zu schütten und zumindest eine biedere Heiterkeit zu
provozieren, weil ein anderer zu einem recht harmlosen Schaden gelangt
ist. Es sei denn, die eben erst vollendete Frisur eines Menschen würde
zerstört werden und somit das eben anstehende Rendezvous vereiteln, aus
welchem eine gemeinsame Lebensgeschichte entstehen könnte, mit der all
diese Ingredienzien wie Kinder, Urlaube, Haus am Stadtrand,
Beziehungsratlosigkeit und Fremdgänge sowie Kommunikationsverlust etc.
einhergingen.
Plötzlich hätte das Glas Wasser eine enorme Bedeutung erlangt. Aber kann
man einem Glas Wasser so viel Verantwortung aufbürden? Ist es nicht
geradezu lächerlich vom Wasser, das aus dem Fenster geschüttet wird, auf
die biografische Dimension eines ganzen Menschenlebens zu kommen? Ist es
nicht die Lust derjenigen, die anhand der Komplexität des Daseins schon
längst die Nerven weggeschmissen haben und verzweifelt nach einer noch
so kleinen Anknüpfung für Kausalität und Logik suchen. Der Film Babel
etwa zeigt die epochale, grundlegende Wirkung und Verknüpfung der Welt
über Kontinente hinweg. Immerhin geht es um ein Gewehr und einen Schuss,
also vermeintlich mehr als um einen Becher Wasser. Aber letztlich ist
das doch eine seltsame Konstruktion, um doch noch Sinn und Kausalität
feiern zu können.
Es wäre ja geradezu lächerlich, würde man den Becher Wasser als
Beziehungsverhinderer einstufen. Meine Güte, wo kämen wir denn da hin?
Würde dieses Rendezvous nicht den Bach runter-, sondern den Becher
runtergehen, dann käme nächste Woche schon ein neuer Kandidat für das
Beziehungsdrama, das Sehnsucht heißt und immer wieder verzweifelt an
einem anderen Menschen festgemacht wird und im Endeffekt nur durch die
Bumserei bedingt ist, die wohl besser an bezahlte Dienststellen
delegiert werden sollte.
Im trüben Grund des Wissens
Außerdem hätte diese ganze Geschichte ja dann gar nichts mehr mit dem
Autor zu tun, der schließlich einen Essay zu schreiben sich müht und
immer noch mit seinem krummen Stöckchen Verstand im trüben Grund des
Wissens stichelt, um auf eine harte, also verbriefte Erkenntnis zu
stoßen. Anders wäre es, wenn der erfolgsverklemmte Autor endlich zum
Becher Wasser griffe, um mit der Flüssigkeit ein Pulver in seinen Magen
zu schicken. Etwas Aufputschendes? Oder Beruhigendes?
Weil er schon zehn Anfänge zu seinem Essay über Anfänge geschrieben.
Aber bei dem einen Pulver müsste es ja nicht bleiben. Er könnte zu einem
zweiten greifen, und während des Schluckens würde er den Beipacktext
lesen und erfahren, dass Überdosierung eine sofortige ärztliche
Intervention nötig machen würden. Kaum hätte er diese Zeilen gelesen,
hätte er schon die dritte Tablette die Speiseröhre hinabgeschickt. Bald
würde ihm schummrig werden, ein Schleier würde sich über seinen Blick
legen, der Text vor ihm über Anfänge würde wiederholt verschwinden,
seine Gedanken würden mehr und mehr zu trotzigen Kindern werden, die
sich nicht um seine Befehle kümmerten, sondern in seinem Kopf hin und
her tollten. Ihm würde einfallen, dass das ganze Leben fortwährend aus
Anfängen bestünde, dass man sich aber gar nicht viel über diese Anfänge
denken könne, weil es doch gleich weiterginge.
Die Tabletten würden lustig hin und her plantschen und sich schließlich
ganz ihrer Auflösung hingeben. Und er, der erfolgsversuchende Autor,
hätte dieses eine Bild noch vor sich, klar und ungetrübt, als er auf
seinen eben erst gekauften Apple hinsinken würde und alle Anfänge wären
... (Alexander Peer / DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)