Peter von Tramins (1932-1991) großer Roman "Die Herren Söhne" ist endlich wieder greifbar
Heimito von Doderer ist sein Förderer und Mentor gewesen. Wenn er von
der "gewaltigen Begabung" seines Schützlings sprach, dann brachte er
damit auch die Hoffnung zum Ausdruck, dass dieser Autor einmal in seine
literarischen Fußstapfen treten würde.
Peter von Tramin, eigentlich Peter Richard Oswald Freiherr von
Tschugguel zu Tramin, wurde 1932 in Wien geboren und verstarb mit nur 49
Jahren. Tramin hat Erzählungen und Romane verfasst, einer davon ist nie
ganz in Vergessenheit geraten: Die Herren Söhne von 1963. Für dieses
Werk erhielt der Autor den Österreichischen Staatspreis für Literatur
und avancierte zum jüngsten Mitglied des österreichischen PEN-Clubs.
Bis in die 1980er-Jahre gab es diverse Ausgaben des Romans,
interessanterweise auch beim DDR-Verlag Volk und Welt, und das gleich in
mehreren Auflagen! Nun hat sich der Wiener Metroverlag ein Herz genommen
und Die Herren Söhne neu herausgebracht. Um es gleich zu sagen: Damit
sollte der Zeitpunkt gekommen sein, um Peter von Tramins Die Herren
Söhne ins Pantheon der deutschsprachigen Literatur aufzunehmen.
Auch bei Doderer wird von den "Herren Söhnen" gesprochen, etwa im Roman
Die Wasserfälle von Slunj. Das ist natürlich kein Zufall. Denn Doderer
wie Tramin geht es um eine Genealogie des Geistes wie des Ungeistes, die
sich in einzelnen Generationen und ihren Vertretern manifestiert. - "Ich
hänge, wie so viele Freunde von mir, mit meiner Weltanschauung
eigentlich in der Luft. (...) Mama ist sechsunddreißig Jahre älter als
ich, ihre Welt ist klein geworden, aber auch noch nach zwei Weltkriegen
intakt. Meine hat es in Wirklichkeit gar nicht mehr gegeben."
Wer hier spricht, ist einer der Hauptakteure des Romans und teilweise
der Erzähler des Geschehens: Peter Schwengkh. Wären in Österreich die
Adelstitel nicht offiziell verboten, so hieße er Peter Freiherr von der
Schwengkh. Dieser altadelige Stammbaum lastet einerseits bleiern auf
seiner Existenz, ist aber zugleich eine luftige Brücke, um über die
Ereignisse der jüngsten Geschichte hinwegzugehen. Im Tramins Roman wird
so gut wie nie über den "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland
oder über den Holocaust geredet. Das ist kein Fehler des Autors, sondern
ist äußerst konsequent gedacht: Im Wien der 1950er-Jahre war strikte
Verdrängung angesagt. Und so betreten Peter Schwengkh und seine adeligen
Freunde ihre Luftbrücke und blicken weiter hinüber, in eine Zeit, in der
im Habsburgerreich die Sonne niemals unterging.
Doch es ist Nacht geworden, und so werden sie auf ihre eigene Existenz
zurückgeworfen, die nichtig scheint. Heimito von Doderer hat das
Geschehen seiner Romane meist in die Zeit zwischen den beiden
Weltkriegen angesiedelt, um die Frage nach historischer Schuld in
Personen zu verpflanzen, die rückwärts gewandt auf die Monarchie und
nach vorn gerichtet auf den Austrofaschismus und die NS-Zeit blicken.
In diesem Sinn ist dann Peter von Tramin mit seinem Roman Die Herren
Söhne tatsächlich ein konsequenter Nachfahre Doderers: Aus der
Zwischenkriegszeit gelangt man in die Nachkriegszeit, die den Boden
abgibt, auf dem eine Frage zu stellen ist: Was ist die eigene Existenz
noch wert im Angesicht - und im Verschweigen! historischer Tragödien?
Es ist ein jugendliches Kleeblatt, das sich in Peter von Tramins Roman
vorstellt. Das Geschehen setzt mit dem Bestehen der Matura ein. Die vier
"Peters" feiern ausgiebig: Peter von der Schwengkh, Peter Baron
Schelnhausen, Peter Graf Chensky und Peter Fechtner. Klar, dieser Peter
Fechtner ist als Bürgerlicher per se ein Außenseiter. Aber auch die drei
adeligen Peters haben ganz unterschiedliche Charaktere und Ansichten:
Schwengkh hat schon früh ein Neutralitätsabkommen mit sich und der Welt
abgeschlossen.
Die Welt als Lustgarten
Er will sich in gar nichts einmischen, halbwegs Karriere als
Staatsbeamter machen, standesgemäß heiraten, sodass die Welt von gestern
zumindest noch ein Sofa abgibt, auf dem sich von Zeit zu Zeit träumen
lässt. Chensky ist eine Art radikalisiertes Alter Ego zu Schwengkh: Sich
seines Standes bewusst, möchte er die Welt in einen Ort des Vergnügens
verwandeln, in einen Lustgarten, wo ihm, Chensky, jeder Mensch zur
Verwirklichung dieses Zustandes beispringt. Diese barocke
Lebenseinstellung unterscheidet Chensky von Schwengkh insofern, dass dem
Grafen das Wohlergehen der anderen am Herzen liegt, denn Vergnügen kann
man nur mit vergnügten Menschen haben.
Schelnhausen entstammt dem jungen Adel, dafür ist sein Vater ein
wohlhabender Bankier. Geldsorgen kennt er nicht, er selbst fühlt sich
dem Existentialismus eines Sartre oder Camus verpflichtet. Schelnhausen
ist der einzige im Roman, der sich fragt, wie ein Leben aussähe, das von
Abstammung und Konvention meilenweit entfernt ist. Dafür nimmt er ein
perverses Verhältnis zu einer etwas älteren Frau in Kauf und erprobt
auch seine homosexuellen Neigungen.
Und Peter Fechtner? Er repräsentiert das aufstrebende Bürgertum. Er ist
intelligent, zielstrebig, wenn es sein muss, unterwürfig. Er ist an sich
der Mann der Stunde, der im Österreich der unmittelbaren Nachkriegszeit
Karriere machen sollte, weil genau solche Leute gebraucht werden. Wäre
da nicht der Konflikt mit Schelnhausen.
Schon während der Maturafeier erläutert Schelnhausen Fechter, dass
Freiheit an sich eine leere Angelegenheit ist. Frei nach Sartre sei
Freiheit an Situationen gebunden, in denen man sich eben frei
entscheidet - oder auch nicht. Schelnhausen will dem bürgerlichen
Materialisten Fechtner beweisen, dass es für ihn eine solche Situation
niemals geben wird. Und wenn es keine Freiheit gibt, dann ist das Leben
eine Freiheit zu nichts und führt konsequenterweise in den Selbstmord.
Den ganzen Roman hindurch wird Peter Baron Schelnhausen seine
intellektuelle und strategische Kraft dafür verwenden, Peter Fechtner
die Sinnlosigkeit seiner Existenz vor Augen zu führen und ihn so in den
Freitod zu treiben. Das Unterfangen gelingt letztendlich. Mitschuldig an
diesem schleichenden Selbstmord werden letztlich alle "Herren Söhne".
Die "Schuld" des Peter Fechtner liegt darin, dass er überhaupt den
Fehdehandschuh Schelnhausens aufnimmt. Sicher, der junge Baron wird dem
bürgerlichen Fechtner durch Intrigen und Inszenierungen arg mitspielen,
aber das ist noch lange kein Grund, sein eigenes Leben wegzuwerfen.
Peter Fechtners demokratisches Bewusstsein ist zu schwach ausgebildet,
um sich mit republikanischer Gesinnung von seiner adeligen Mitwelt
freizumachen. Peter Schwengkh und Peter Chensky spüren, dass jener
Konflikt ein böses Ende nehmen könnte, so ergreifen sie Partei für
Fechtner. Allerdings tun sie dies so zögerlich, dass die Tragödie
ungestört ihren Lauf nehmen kann.
Letztlich ist für beide dieser Fechtner nur ein "Störfall" bei der
Errichtung ihrer eigenen Lebenswelt. Wie bei Doderer spürt man in
Tramins Roman eine Art existenzielle Lähmung. Drei dieser "Herren Söhne"
sind Teil des österreichischen Adels, der sich von der politischen Bühne
und von der Verantwortung in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen
verabschiedet hat.
Die wichtigste Nebenfigur im Roman ist Prinz Craillsperg. Er sagt ganz
offen, weswegen er in Konflikte nicht mehr eingreift: "In der
Wirklichkeit geht's immer weiter; und keine Katastrophe ist die letzte.
(...) Sicher: Dann. Wieder eine neue Interimslösung. Immer neue
Zwischenlösungen, denn andere kennt das Leben nicht, mein Lieber. Es
gibt keine Ideallösungen, es gibt höchstens Patentlösungen, und vor
denen muss man sich am meisten hüten."
Evidenzlosigkeit des Seins
"Die Herren Söhne" leben in einem Vakuum der Evidenz- und Wertlosigkeit.
Und dies vollzieht sich vor dem Spiegel der Historie: Es ist die längst
untergegangene Welt des Habsburgerreiches, und es ist die Welt der
1950er-Jahre, deren demokratische Strukturen bloß rudimentär ausgebildet
sind und die daher wenig Halt bietet.
Doch genauso wie bei Doderer wird in Tramins Roman aus dem
existenziellen Schmerz ein Schockerlebnis, wenn man die historische
Folie vom Geschehen abzieht. Dann nämlich hat man "Die Herren Söhne" vor
sich, die mit moderner Gesinnung und in smarten Businessanzügen als
Fondsmanager oder Troubleshooter für internationale Konzerne agieren.
Demokratische Gesinnung zählt wenig, allein mit dem Wappen des Geldes
wird lustvoll agiert. Die Evidenzlosigkeit des eigenen Seins wird durch
den erstrebten Cashflow nobilitiert.
Nicht ohne Grund trägt ein nach dem Roman erschienener Erzählband
Tramins den Titel Taschen voller Geld. So gesehen ist Peter von Tramins
Roman Die Herren Söhne in gedanklicher wie stilistischer Hinsicht ein
literarisches Meisterwerk, das geschichtlich bedingtes Geschehen ins
Rampenlicht stellt. Und wenn man dann hinter die Scheinwerfer blinzelt,
dann erkennt man Umrisse unserer heutigen Zeit. (Andreas Puff-Trojan / DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)
Peter von Tramin, "Die Herren Söhne". Mit einem Nachwort von Manfred
Müller. € 25,00 / 416 Seiten. Metroverlag, Wien 2011