Die Herren von Nichts

6. Jänner 2012, 20:36
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Peter von Tramins (1932-1991) großer Roman "Die Herren Söhne" ist endlich wieder greifbar

Heimito von Doderer ist sein Förderer und Mentor gewesen. Wenn er von der "gewaltigen Begabung" seines Schützlings sprach, dann brachte er damit auch die Hoffnung zum Ausdruck, dass dieser Autor einmal in seine literarischen Fußstapfen treten würde.

Peter von Tramin, eigentlich Peter Richard Oswald Freiherr von Tschugguel zu Tramin, wurde 1932 in Wien geboren und verstarb mit nur 49 Jahren. Tramin hat Erzählungen und Romane verfasst, einer davon ist nie ganz in Vergessenheit geraten: Die Herren Söhne von 1963. Für dieses Werk erhielt der Autor den Österreichischen Staatspreis für Literatur und avancierte zum jüngsten Mitglied des österreichischen PEN-Clubs.

Bis in die 1980er-Jahre gab es diverse Ausgaben des Romans, interessanterweise auch beim DDR-Verlag Volk und Welt, und das gleich in mehreren Auflagen! Nun hat sich der Wiener Metroverlag ein Herz genommen und Die Herren Söhne neu herausgebracht. Um es gleich zu sagen: Damit sollte der Zeitpunkt gekommen sein, um Peter von Tramins Die Herren Söhne ins Pantheon der deutschsprachigen Literatur aufzunehmen.

Auch bei Doderer wird von den "Herren Söhnen" gesprochen, etwa im Roman Die Wasserfälle von Slunj. Das ist natürlich kein Zufall. Denn Doderer wie Tramin geht es um eine Genealogie des Geistes wie des Ungeistes, die sich in einzelnen Generationen und ihren Vertretern manifestiert. - "Ich hänge, wie so viele Freunde von mir, mit meiner Weltanschauung eigentlich in der Luft. (...) Mama ist sechsunddreißig Jahre älter als ich, ihre Welt ist klein geworden, aber auch noch nach zwei Weltkriegen intakt. Meine hat es in Wirklichkeit gar nicht mehr gegeben."

Wer hier spricht, ist einer der Hauptakteure des Romans und teilweise der Erzähler des Geschehens: Peter Schwengkh. Wären in Österreich die Adelstitel nicht offiziell verboten, so hieße er Peter Freiherr von der Schwengkh. Dieser altadelige Stammbaum lastet einerseits bleiern auf seiner Existenz, ist aber zugleich eine luftige Brücke, um über die Ereignisse der jüngsten Geschichte hinwegzugehen. Im Tramins Roman wird so gut wie nie über den "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland oder über den Holocaust geredet. Das ist kein Fehler des Autors, sondern ist äußerst konsequent gedacht: Im Wien der 1950er-Jahre war strikte Verdrängung angesagt. Und so betreten Peter Schwengkh und seine adeligen Freunde ihre Luftbrücke und blicken weiter hinüber, in eine Zeit, in der im Habsburgerreich die Sonne niemals unterging.

Doch es ist Nacht geworden, und so werden sie auf ihre eigene Existenz zurückgeworfen, die nichtig scheint. Heimito von Doderer hat das Geschehen seiner Romane meist in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen angesiedelt, um die Frage nach historischer Schuld in Personen zu verpflanzen, die rückwärts gewandt auf die Monarchie und nach vorn gerichtet auf den Austrofaschismus und die NS-Zeit blicken.

In diesem Sinn ist dann Peter von Tramin mit seinem Roman Die Herren Söhne tatsächlich ein konsequenter Nachfahre Doderers: Aus der Zwischenkriegszeit gelangt man in die Nachkriegszeit, die den Boden abgibt, auf dem eine Frage zu stellen ist: Was ist die eigene Existenz noch wert im Angesicht - und im Verschweigen! historischer Tragödien? Es ist ein jugendliches Kleeblatt, das sich in Peter von Tramins Roman vorstellt. Das Geschehen setzt mit dem Bestehen der Matura ein. Die vier "Peters" feiern ausgiebig: Peter von der Schwengkh, Peter Baron Schelnhausen, Peter Graf Chensky und Peter Fechtner. Klar, dieser Peter Fechtner ist als Bürgerlicher per se ein Außenseiter. Aber auch die drei adeligen Peters haben ganz unterschiedliche Charaktere und Ansichten: Schwengkh hat schon früh ein Neutralitätsabkommen mit sich und der Welt abgeschlossen.

Die Welt als Lustgarten

Er will sich in gar nichts einmischen, halbwegs Karriere als Staatsbeamter machen, standesgemäß heiraten, sodass die Welt von gestern zumindest noch ein Sofa abgibt, auf dem sich von Zeit zu Zeit träumen lässt. Chensky ist eine Art radikalisiertes Alter Ego zu Schwengkh: Sich seines Standes bewusst, möchte er die Welt in einen Ort des Vergnügens verwandeln, in einen Lustgarten, wo ihm, Chensky, jeder Mensch zur Verwirklichung dieses Zustandes beispringt. Diese barocke Lebenseinstellung unterscheidet Chensky von Schwengkh insofern, dass dem Grafen das Wohlergehen der anderen am Herzen liegt, denn Vergnügen kann man nur mit vergnügten Menschen haben.

Schelnhausen entstammt dem jungen Adel, dafür ist sein Vater ein wohlhabender Bankier. Geldsorgen kennt er nicht, er selbst fühlt sich dem Existentialismus eines Sartre oder Camus verpflichtet. Schelnhausen ist der einzige im Roman, der sich fragt, wie ein Leben aussähe, das von Abstammung und Konvention meilenweit entfernt ist. Dafür nimmt er ein perverses Verhältnis zu einer etwas älteren Frau in Kauf und erprobt auch seine homosexuellen Neigungen.

Und Peter Fechtner? Er repräsentiert das aufstrebende Bürgertum. Er ist intelligent, zielstrebig, wenn es sein muss, unterwürfig. Er ist an sich der Mann der Stunde, der im Österreich der unmittelbaren Nachkriegszeit Karriere machen sollte, weil genau solche Leute gebraucht werden. Wäre da nicht der Konflikt mit Schelnhausen.

Schon während der Maturafeier erläutert Schelnhausen Fechter, dass Freiheit an sich eine leere Angelegenheit ist. Frei nach Sartre sei Freiheit an Situationen gebunden, in denen man sich eben frei entscheidet - oder auch nicht. Schelnhausen will dem bürgerlichen Materialisten Fechtner beweisen, dass es für ihn eine solche Situation niemals geben wird. Und wenn es keine Freiheit gibt, dann ist das Leben eine Freiheit zu nichts und führt konsequenterweise in den Selbstmord.

Den ganzen Roman hindurch wird Peter Baron Schelnhausen seine intellektuelle und strategische Kraft dafür verwenden, Peter Fechtner die Sinnlosigkeit seiner Existenz vor Augen zu führen und ihn so in den Freitod zu treiben. Das Unterfangen gelingt letztendlich. Mitschuldig an diesem schleichenden Selbstmord werden letztlich alle "Herren Söhne".

Die "Schuld" des Peter Fechtner liegt darin, dass er überhaupt den Fehdehandschuh Schelnhausens aufnimmt. Sicher, der junge Baron wird dem bürgerlichen Fechtner durch Intrigen und Inszenierungen arg mitspielen, aber das ist noch lange kein Grund, sein eigenes Leben wegzuwerfen. Peter Fechtners demokratisches Bewusstsein ist zu schwach ausgebildet, um sich mit republikanischer Gesinnung von seiner adeligen Mitwelt freizumachen. Peter Schwengkh und Peter Chensky spüren, dass jener Konflikt ein böses Ende nehmen könnte, so ergreifen sie Partei für Fechtner. Allerdings tun sie dies so zögerlich, dass die Tragödie ungestört ihren Lauf nehmen kann.

Letztlich ist für beide dieser Fechtner nur ein "Störfall" bei der Errichtung ihrer eigenen Lebenswelt. Wie bei Doderer spürt man in Tramins Roman eine Art existenzielle Lähmung. Drei dieser "Herren Söhne" sind Teil des österreichischen Adels, der sich von der politischen Bühne und von der Verantwortung in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen verabschiedet hat.

Die wichtigste Nebenfigur im Roman ist Prinz Craillsperg. Er sagt ganz offen, weswegen er in Konflikte nicht mehr eingreift: "In der Wirklichkeit geht's immer weiter; und keine Katastrophe ist die letzte. (...) Sicher: Dann. Wieder eine neue Interimslösung. Immer neue Zwischenlösungen, denn andere kennt das Leben nicht, mein Lieber. Es gibt keine Ideallösungen, es gibt höchstens Patentlösungen, und vor denen muss man sich am meisten hüten."

Evidenzlosigkeit des Seins

"Die Herren Söhne" leben in einem Vakuum der Evidenz- und Wertlosigkeit. Und dies vollzieht sich vor dem Spiegel der Historie: Es ist die längst untergegangene Welt des Habsburgerreiches, und es ist die Welt der 1950er-Jahre, deren demokratische Strukturen bloß rudimentär ausgebildet sind und die daher wenig Halt bietet.

Doch genauso wie bei Doderer wird in Tramins Roman aus dem existenziellen Schmerz ein Schockerlebnis, wenn man die historische Folie vom Geschehen abzieht. Dann nämlich hat man "Die Herren Söhne" vor sich, die mit moderner Gesinnung und in smarten Businessanzügen als Fondsmanager oder Troubleshooter für internationale Konzerne agieren. Demokratische Gesinnung zählt wenig, allein mit dem Wappen des Geldes wird lustvoll agiert. Die Evidenzlosigkeit des eigenen Seins wird durch den erstrebten Cashflow nobilitiert.

Nicht ohne Grund trägt ein nach dem Roman erschienener Erzählband Tramins den Titel Taschen voller Geld. So gesehen ist Peter von Tramins Roman Die Herren Söhne in gedanklicher wie stilistischer Hinsicht ein literarisches Meisterwerk, das geschichtlich bedingtes Geschehen ins Rampenlicht stellt. Und wenn man dann hinter die Scheinwerfer blinzelt, dann erkennt man Umrisse unserer heutigen Zeit.  (Andreas Puff-Trojan / DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)

Peter von Tramin, "Die Herren Söhne". Mit einem Nachwort von Manfred Müller. € 25,00 / 416 Seiten. Metroverlag, Wien 2011

  • Heimito von Doderer hoffte, jener werde "durch seine gewaltige Begabung" 
einmal in seine Fußstapfen treten: Peter von Tramin.
    foto: metroverlag

    Heimito von Doderer hoffte, jener werde "durch seine gewaltige Begabung" einmal in seine Fußstapfen treten: Peter von Tramin.

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