Präsident Piñera lässt Geschichte umschreiben

5. Jänner 2012, 16:24

Die Pinochet-Diktatur soll in chilenischen Unterrichtsbehelfen fortan nur mehr als "Regime" bezeichnet werden

Santiago de Chile - Chiles erste Rechtsregierung seit dem Ende der Militärherrschaft hat umstrittene Bildungsreformen beschlossen. So soll die Herrschaft General Augusto Pinochets in den Schulbüchern des Landes künftig nicht mehr als "Militärdiktatur", sondern als "Militärregime" bezeichnet werden.
Das bestätigte der Bildungsminister des Landes, Harald Beyer, am Mittwoch dem Radiosender Cooperativa. Es handle sich dabei keineswegs um eine politische Entscheidung, beteuerte der Minister. Militärregime sei lediglich der "allgemeinere Begriff". Dazu ist anzumerken, dass "régimen" im Spanischen eher "Regierung" als wie im Deutschen "diktatorische Herrschaftsform" bedeutet

"Das hat nichts damit zu tun, dass die derzeitige Regierung aus rechten Politikern besteht, von denen viele Sympathien für Pinochet empfinden oder mit ihm kollaboriert haben ", sagte Beyer. "Es geht darum, den gleichen Begriff zu verwenden wie an anderen Schulen in der ganzen Welt auch." Er selber habe "kein Problem" damit, die von 1973 bis 1990 währende Herrschaft Pinochets als Diktatur zu bezeichnen, sagte der Minister.

Wirklich abgesprochen scheinen die Rechtfertigungsversuche allerdings nicht zu sein: während sich der Minister um Kalmierung bemühte, merkte der Abgeordnete Iván Moreira von der "Unabhängigen Demokratischen Union" des Pinochet-Kollaborateurs Jaime Guzmán an, dass die Generäle ja schließlich 1990 die Macht freiwillig wieder abgegeben hätten, weshalb die Verwendung des Begriffs "Diktatur" nicht gerechtfertigt sei. Der Begriff diene lediglich dazu, die Militärregierung zu stigmatisieren.

Die Entscheidung, die Begriffe in den Geschichts- und Sprachenbüchern für Schüler im Alter zwischen neun und 13 Jahren auszutauschen, traf der nationale Bildungsrat bereits im Dezember. Sie wurde aber erst am Mittwoch bekannt, als die Internetseite "El Dinamo" darüber berichtete.

Umstrittener Bildungsrat

Das Gremium, das die Textänderungen beschloss, sollte laut chilenischem Bildungsgesetz 2009 aus Akademikern oder Lehrpersonal bestehen, die von Präsident, Senat und Belegschaftsvertretung nominiert werden. Stattdessen sitzen aber dort immer noch Politiker, die wie Alfredo Ewing vom Militär oder wie Carlos Künsemüller vom Höchstgericht nominiert wurden.

Pinochet regierte Chile nach einem Militärputsch gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende mit brutaler Gewalt. Während seiner Herrschaft wurden mehr als 3.000 Menschen ermordet oder verschwanden spurlos, 37.000 Menschen wurden gefoltert oder illegal inhaftiert. Mit dem Wahlsieg Sebastián Piñera bei der Präsidentschaftswahl im Jänner 2010 hat Chile erstmals seit dem Ende der Ära Pinochet einen rechtsgerichteten Präsidenten. (bed/APA)

 

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hat er sich das bei der ÖVP abgeschaut?

der Austrofaschismus war ja auch nur ein "Ständestaat" und eine "Systemzeit". Aber ja keine Diktatur...

Erinnern, um zu vergessen

Geschichtspolitik um den 11. September in Chile
http://linksunten.indymedia.org/de/node/19616

Musste jetzt eh schon ein Rückzieher machen:
diktatur bleibt diktatur

http://www.pagina12.com.ar/diario/el... 01-07.html

Ich weiß

Dass das ziemlicher Blödsinn ist, aber sie könnte auch einfach ein Kommentar unter ihres schaun und mir helfen das zu löschen.

Wenn Milliardäre, die unter der Pinochet-Diktatur reicher und reicher wurden,

an die Macht gelangen (Plutokratie) und anschliessend Geschichtsbücher editieren.

Das ist wie mit den grossen Zeitungsverlagen in Lateinamerika allgemein: Sie wurden gross als Unterstützer und Vorbereiter der Diktaturen (El Mercurio in Chile, O´Globo in Brasilien, El Clarin in Argentinien) und bekämpfen die demokratisch gewählten Regierungen, wenn sie ihnen zu links sind, angeblich im Namen der Meinungsfreiheit.
Man merke: Die Sprachrohre der Militärjuntas sind die Sprachrohre der Meinungsfreiheit...

Eine Dikatur sollte man auch so bezeichnen, aber ich würde es dem Lehrer überlassen wie er diese Zeit betitelt.

"... merkte der Abgeordnete Iván Moreira von der "Unabhängigen Demokratischen Union" des Pinochet-Kollaborateurs Jaime Guzmán an, dass die Generäle ja schließlich 1990 die Macht freiwillig wieder abgegeben hätten, weshalb die Verwendung des Begriffs "Diktatur" nicht gerechtfertigt sei."
Nun viele Diktatoren sind freiwillig gegangen oder haben kapituliert, Diktatoren waren sie dennoch.

freiwillige Kapitulation...?
Widerspruch?

Nö lese:

"SIND FREIWILLIG GEGANGEN oder haben kapituliert"
Freiwillig bezieht sich nur auf gegangen.

Und immerhin haben sie jetzt Autobahnen

vor allem aber die

ruta ch-7 , die carretera austral presidente pinochet, eine 1300km lange strasse von puerto montt ganz in den süden nach feuerland..., ein reines , wirtschaftlich nicht notwendiges prestige-bauprojekt der jahre der diktatur, über welches sich heute vor allem touristen freuen. Niemand verwendet mehr den mal üblichen namen.. und das ist auch gut so.

WENN die ÖVP könnte wie sie wollte oder DENKTE, würde sie auch Dollfuss als Supersauberdemokrat in die Geschichtsbücher schreiben.

Der wird bei den Schwarzen eh als Held verehrt und hängt an der Wand, und es interessiert keine Sau...

und es interessiert keine Sau...

Zumindest nicht deren WählerInnen ...

Wann werden wir lesen: Massenmörder Bush bei seiner letzten Ansprache!?

Oder zählen Iraker nchts`?

Massenmörder ist bei Bush ein so unnötiger Zusatz wie nass bei Wasser.

aber auch nur für die, die seine regierungszeit erlebt haben!!!

und die Geschichte lernen werden.

Regime

bezeichnet auch hierzulande jede Art von Regelwerk.
Und der Begriff findet auch für demokratisch legitimierte Regierungen anwendung.

Wenn allerdings Faschismus und Diktatur zur Kennzeichnung dieser Herrschaft aus den Lehrplänen gelöscht werden sollen, riecht das nach übelsten Revisionismus.
Erinnert mich an die Haltung der ÖVP zum Austrofaschismus.

Überall auf der Welt das Gleiche mit den "Konservativen" und ihrem Verständnis der eigenen verbrecherischen Geschichte.

régimen bedeutet genau regime.

Bei meinem letzten Caracas-Besuch

hat mir der Taxler erklärt, dass er am Vortag bei der Demo war, "para apoyar al régimen". Widerspricht Ihrer Theorie irgendwie ...

das chavez-regime ist eben genau das, ein regime.

wahrscheinlich wird in vielen laendern suedamerikas regime mit regierung gleichgesetzt, weils eh immer nur regimes gegeben hat.

da bräuchte chile so dringend reformen, was die bildungschancen der kinder aus ärmeren schichten betrifft, da gehen die studenten endlich auf die straße um gegen ihre situation zu demonstrieren, da wechseln sich bildungsminister alle paar monate ab und was wird letztlich von piñerachet als bildungsreform präsentiert? man ersetzt ein wort durch ein anderes.

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