Präsident Piñera lässt Geschichte umschreiben

Die Pinochet-Diktatur soll in chilenischen Unterrichtsbehelfen fortan nur mehr als "Regime" bezeichnet werden

Santiago de Chile - Chiles erste Rechtsregierung seit dem Ende der Militärherrschaft hat umstrittene Bildungsreformen beschlossen. So soll die Herrschaft General Augusto Pinochets in den Schulbüchern des Landes künftig nicht mehr als "Militärdiktatur", sondern als "Militärregime" bezeichnet werden.
Das bestätigte der Bildungsminister des Landes, Harald Beyer, am Mittwoch dem Radiosender Cooperativa. Es handle sich dabei keineswegs um eine politische Entscheidung, beteuerte der Minister. Militärregime sei lediglich der "allgemeinere Begriff". Dazu ist anzumerken, dass "régimen" im Spanischen eher "Regierung" als wie im Deutschen "diktatorische Herrschaftsform" bedeutet

"Das hat nichts damit zu tun, dass die derzeitige Regierung aus rechten Politikern besteht, von denen viele Sympathien für Pinochet empfinden oder mit ihm kollaboriert haben ", sagte Beyer. "Es geht darum, den gleichen Begriff zu verwenden wie an anderen Schulen in der ganzen Welt auch." Er selber habe "kein Problem" damit, die von 1973 bis 1990 währende Herrschaft Pinochets als Diktatur zu bezeichnen, sagte der Minister.

Wirklich abgesprochen scheinen die Rechtfertigungsversuche allerdings nicht zu sein: während sich der Minister um Kalmierung bemühte, merkte der Abgeordnete Iván Moreira von der "Unabhängigen Demokratischen Union" des Pinochet-Kollaborateurs Jaime Guzmán an, dass die Generäle ja schließlich 1990 die Macht freiwillig wieder abgegeben hätten, weshalb die Verwendung des Begriffs "Diktatur" nicht gerechtfertigt sei. Der Begriff diene lediglich dazu, die Militärregierung zu stigmatisieren.

Die Entscheidung, die Begriffe in den Geschichts- und Sprachenbüchern für Schüler im Alter zwischen neun und 13 Jahren auszutauschen, traf der nationale Bildungsrat bereits im Dezember. Sie wurde aber erst am Mittwoch bekannt, als die Internetseite "El Dinamo" darüber berichtete.

Umstrittener Bildungsrat

Das Gremium, das die Textänderungen beschloss, sollte laut chilenischem Bildungsgesetz 2009 aus Akademikern oder Lehrpersonal bestehen, die von Präsident, Senat und Belegschaftsvertretung nominiert werden. Stattdessen sitzen aber dort immer noch Politiker, die wie Alfredo Ewing vom Militär oder wie Carlos Künsemüller vom Höchstgericht nominiert wurden.

Pinochet regierte Chile nach einem Militärputsch gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende mit brutaler Gewalt. Während seiner Herrschaft wurden mehr als 3.000 Menschen ermordet oder verschwanden spurlos, 37.000 Menschen wurden gefoltert oder illegal inhaftiert. Mit dem Wahlsieg Sebastián Piñera bei der Präsidentschaftswahl im Jänner 2010 hat Chile erstmals seit dem Ende der Ära Pinochet einen rechtsgerichteten Präsidenten. (bed/APA)

 

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