Bilanz zum deutschen Kunstmarkt 2011: Rekord für Max Pechstein und starke Nachfrage für Klassische Moderne, dazu ein Fälscherskandal
Tatsächlich will diese Welt wohl betrogen werden. Denn thematisch
regierte der Lug und Trug das deutsche Kunstmarktjahr 2011 wie keines
zuvor - aber dies immerhin auf hochbegabtem Niveau (u. a. der Standard,
"Provenienzen auf dem Prüfstand", 17. 12. 2011). Ein bisserl
Schadenfreude blieb fraglos zurück. Denn der große Werner Spies,
daselbst Picasso- und Max-Ernst-Intimus, irrte wohl siebenmal
gutachterlich angesichts der Fälschungen des Kölner Betrüger-Genies
Wolfgang Beltracchi, der auf dem internationalen Kunstmarkt für hohen
Wellengang sorgte.
Der Fälscher selbst konnte im Oktober nach neun Verhandlungstagen das
Kölner Landgericht verlassen und feiern. Justitia schluckte den trüben
Deal-Cocktail, zusammengerührt von Gericht, Verteidigung und
Staatsanwaltschaft: umfassende Geständnisse, ergo Strafminderung, ergo
keine weitere gerichtliche Detailrecherche im brackigen Grundwasser
dieses recht verzweigten Mega-Skandals. Und Thomas Bernhard selig hätte
vermutlich gefragt: Ist es eine Komödie, ist es eine Tragödie?
Der recht flott auf Dürer gestylte Wolfgang Beltracchi, der ab Frühjahr
2012 sechs Jahre im offenen Vollzug vor sich hat, mochte Max Pechstein
übrigens ganz besonders. Als ironischen Nachgesang auf all jenes mag man
bewerten, dass ausgerechnet Max Pechsteins beidseitig bemaltes Gemälde
(1910) aus rückseitigem Früchtestillleben und dem Motiv Weib mit Inder
auf Teppich bei Ketterer (München) den Jahreszuschlagsvogel 2011
abschoss: Mit 3,5 Millionen Euro und über jeden Zweifel erhaben.
Gemessen am Jahresumsatz setzte sich die Berliner Villa Grisebach mit
55,4 Millionen Euro an die Spitze. Eine Pole-Position, die über Jahre
das von der Beltracchi-Gang bevorzugt genutzte Kölner Haus Lempertz für
sich beanspruchte.
Die Klassische Moderne spielte dort heuer eine untergeordnete Rolle. Die
beste Platzierung im Top-Ten-Ranking bewilligte ein japanischer Bieter
bei 1,1 Millionen Euro für eine wuchtige Meißener Porzellanlöwin,
gefolgt von Max Beckmanns Papierarbeit Löwenbändiger (864.000 Euro).
Erhellte nächtliche Heimkehr
Villa Grisebach bescherte das Segment Klassische Moderne im 25.
Jubiläumsjahr jedenfalls Millionen-Umsätze mittels makelloser
Top-Offerten von Nolde, Beckmann und Kirchner. Dem Kölner Auktionshaus
Van Ham beschied das 19.Jahrhundert via Franz Pforr wiederum eine
Umsatz-Kuriosität: die Nächtliche Heimkehr des Nazareners "erhellte"
sich von 130.000 auf 740.000 Euro. Nicht minder freute man sich bei
Bassenge im Berliner Grunewald über die Zuschlags-Karriere des
niederländischen Symbolisten Jan Toorop: Die Taxe von 12.000 Euro gebar
ein 425.000 Euro-Monster - dabei motivisch ein eher unspektakulärer
alter Bauer vor einer Kathedrale.
Ein Fazit von Micaela Kapitzky / Villa Grisebach: "Der deutsche
Auktionsmarkt ist stark wie selten zuvor. Das betrifft besonders die
Klassische Moderne, für die Höchstpreise für herausragende Werke bezahlt
werden. Die Zeitgenössische Kunst hat hingegen in Deutschland noch nicht
wieder an den Ergebnissen aus den Jahren 2007/2008 anknüpfen können." (Roland Gross/ DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2012)