Philosoph weiß, "wofür es sich zu leben lohnt"

8. Jänner 2012, 20:12
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Robert Pfaller, Ordinarius an der Universität für angewandte Kunst, setzt auf das Lustprinzip und profiliert sich als Kritiker der Überreglementierung

Wien - "Wenn Prioritäten wie Sicherheit, Gesundheit, Kosteneffizienz oder der sogenannte 'europäische Hochschulraum' in der Kultur der Gegenwart als höchste Güter behandelt werden, dann geschieht es nicht selten, dass Lebensqualitäten wie Bürgerrechte, soziale Absicherung, Genuss, Würde, Eleganz und Intellektualität ohne Zögern und ohne jede Diskussion geopfert werden." So beginnt Robert Pfaller sein 2011 erschienenes Buch "Wofür es sich zu leben lohnt".

Der Wiener Philosoph und Kulturwissenschafter gelangte damit nicht nur auf die Shortlist des "Tractatus"-Preises des Philosophicum Lech, sondern traf auch eine Zeitstimmung: Der Wutbürger von heute fühlt sich von einer unfähigen und/oder korrupten Politik nicht nur verraten und verkauft, sondern auch in seinen Rechten eingeschränkt und seiner Freuden beraubt. Pfaller liefert dafür prägnante Beispiele - von den entwürdigenden Sicherheitschecks auf den Flughäfen bis zu den Warnhinweisen der Zigarettenpackungen.

"Pfaller ist dort am überzeugendsten, wo er frei aus dem Bauch heraus argumentiert", urteilte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einer Rezension. Tatsächlich haben Auftritte wie vor einem Jahr eine prominent besetzte Burgtheater-Diskussion zum 100. Geburtstag von Bruno Kreisky gezeigt, dass der 49-Jährige nicht nur einen erfrischenden neuen Ton in Debatten einbringen kann, bei denen jahrelang vor allem Konrad Paul Liessmann und Rudolf Burger für den philosophischen Überbau zu sorgen hatten, sondern auch die nötige Medienkompatibilität mitbringt. Robert Pfaller hat alle Chancen, zum Richard David Precht Österreichs zu werden. Den nur etwas jüngeren deutschen Kollegen nannte "Der Spiegel" aufgrund seiner Multipräsenz in Talkshows, Bestsellerlisten und Magazin-Storys bereits eine "intellektuelle Allzweckwaffe" und einen "Vielosoph to go".

1962 in Wien geboren, studierte Robert Pfaller in Wien und Berlin Philosophie und promovierte 1993 an der Universität Wien mit der Doktorarbeit "Die List der epistemologischen Vernunft. Zur Philosophie Louis Althussers". Danach war er u.a. Hochschulassistent an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz (Meisterklasse für Experimentelle Visuelle Gestaltung), Gastprofessor für Philosophie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und an der University of Illinois, Chicago und übernahm einen Lehrauftrag an der TU Wien im Rahmen des Moduls "Visuelle Kultur". Im Oktober 2002 folgte seine Habilitation für das Fach Kulturwissenschaft in Linz, 2009 wurde er zum Ordinarius für Philosophie an die Universität für Angewandte Kunst Wien berufen.

Lustprinzip seit über einem Jahrzehnt

Seinen zentralen Forschungsgegenstand verfolgt der gelegentliche Genussraucher Pfaller, der das Recht auf lustvollen Nikotinkonsum nicht aus privater Notwendigkeit, sondern aus gesellschaftlichem Prinzip einfordert, seit über einem Jahrzehnt: Bereits im Jahr 2000 gab er unter dem Titel "Interpassivität" "Studien über delegiertes Genießen" heraus, in dem u.a. das eingespielte Tonbandgelächter der Sitcoms als Beispiel angeführt wurde.

Das Lustprinzip bestimmte auch seine späteren Veröffentlichungen. Dass er dabei immer wieder Thesen seines slowenischen Kollegen Slavoj Zizek aufgreift und weiterführt, hat Pfaller auch schon Kritik eingebracht. Dass er (wie in "Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft") dabei jedoch nicht abgehobene Gedankengebäude, sondern "C.S.I."-Krimiserien oder etwa die Kunst von Erwin Wurm zu seinen Forschungsgegenständen macht, ist erfrischend. Wenn schon Fleisch ohne Fett, Bier ohne Alkohol und Kaffee ohne Koffein, dann wenigstens nicht auch Alltag ohne eine Philosophie, die weiß, "wofür es sich zu leben lohnt". (APA)

Buchtipp
Robert Pfaller: "Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie"
S. Fischer, 320 S., 20,60 Euro
ISBN: 978-3-10-059033-6

  • Artikelbild
    foto: s. fischer
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