Über Bücher, die einen in der Jugend prägten, und die Zukunft des Lesens - Der italienische Schriftsteller Claudio Magris im Interview
Emilio Salgaris "Die Geheimnisse des schwarzen Dschungels" war die erste Lektüre von Claudio Magris. Sechs Jahre war er damals alt und hatte gerade Lesen gelernt. Über diese erste Begegnung mit dem Wort sowie die Stunden im Hinterzimmer einer Triestiner Buchhandlung, die ein paar Jahre später folgten, erzählt er in seinem Essayband Das Alphabet der Welt. Von Büchern und Menschen. Die Sammlung ist ein faszinierender Streifzug durch die Welt der Schriftsteller.
STANDARD: Herr Magris, Sie eröffnen Ihr Buch mit einem Rückblick auf Bücher, die Sie in Ihrer Jugend geistig prägten. Ist es heute vorstellbar, sich solchen Leseabenteuern hinzugeben?
Magris: Ich bin überzeugt, dass die Begegnung mit Flaubert, Kafka oder Italo Svevo heute noch genauso möglich ist. Die Generation meiner Kinder wird getrieben von anderen Ideen und Leidenschaften und teilt doch dasselbe Erlebnis in der Begegnung mit Büchern. Das Buch erzählt etwas, das den Sinn oder die Sinnlosigkeit des Lebens zeigt, wie wir einander verzaubern, verletzen, uns empören. Man spricht immer davon, dass niemand mehr lese. Zugleich ist es unglaublich, was übersetzt und veröffentlicht wird. Die Bücher werden gekauft. Selbst kleine, unbekannte Literaturen finden Interessenten.
STANDARD: Sie glauben an einen Bestand der Literatur ...
Magris: Das Faszinierende an der Literatur ist, dass man einem Menschen, einem Denken zugleich sehr fern und sehr nahe sein kann. Durch diese Ferne, durch den Widerspruch, durch den Konflikt kann es etwas geben, was uns bereichert und verbindet. Wichtig sind die Fragen. Wenn eine Frage, die für mich die Gretchenfrage ist, einem anderen nichts bedeutet, habe ich mit dem nichts zu tun. Fühlt er diese Frage, wenn auch mit entgegengesetzten Antworten, dann bin ich zu Hause.
STANDARD: Die Rezeption von Literatur hat sich gewandelt. Erlauben die Verhältnisse heute noch dieselben Leseerlebnisse?
Magris: Vielleicht wird es zukünftig nur noch E-Books geben. Aber die Literatur im Sinne der Geschichten, der Poesie wird weiter eine Rolle spielen. Ich kenne eine Reihe junger Menschen, die mit dem Computer und allen Einrichtungen der digitalen Welt vertraut sind und dennoch Bücher lesen und sich für Autoren wie Dostojewski begeistern. Was allerdings zerstörerisch wirkt, ist die Eile. Es fehlt die Dimension des Flanierens, die auch zum Lesen gehört. Man blättert zurück, liest eine Seite noch einmal, was am Anfang des Buches steht.
STANDARD: Durch die Digitalisierung erfährt auch die Sprache eine Veränderung. Nicht nur eine Anreicherung mit Anglizismen ist feststellbar, sondern E-Mail und SMS führen zu einer Reduktion der Sprache. Ist das ein Verlust?
Magris: Leider kann ich mit dieser digitalen Welt nichts anfangen. Ich schreibe mit der Hand, allerdings ohne jede Koketterie. Die Auffassung der Kollegen, die Computer und E-Mail als eine Dekadenz betrachten, als ob dieser Kugelschreiber näher zu Gott oder authentischer wäre, teile ich nicht. Es könnte sein, dass mit dem Verlust auch neue kreative Möglichkeiten entstehen. Insofern bin ich nicht apokalyptisch. Sicher ist auch mit der Erfindung der Schrift und dem Ende der mündlich tradierten Literatur etwas verlorengegangen. Aber wir haben etwas gewonnen. Die Schöpfung von Prousts Romanwerk À la recherche du temps perdu wäre sicher ohne Schrift nicht möglich. Pessimistisch bin ich, was den Alltag betrifft. Diese Reduzierung, dass man einem Freund, statt ihm zu erzählen, eine SMS schickt, finde ich beunruhigend.
STANDARD: Aber gerade im Alltag - im beruflichen wie im privaten - nimmt die digitale Kommunikation eine zentrale Rolle ein ...
Magris: Was dabei verlorengeht, ist eine Freude an der Ironie und am Reichtum des Lebens, zu dem die Sprache eine Tür ist. Die toten Sprachen der Vergangenheit haben uns gelehrt, auch über Sachen zu lachen, die wir geliebt und respektiert haben, und Sachen zu respektierten, über die wir gelacht haben. Diese Freiheit der Sprache gibt es in der digitalen Dimension nicht. Ich bin kein Nostalgiker. Aber das ist ein Verlust.
STANDARD: Sie haben immer wieder die sich über Generationen fortsetzende Tiefenwirkung von Literatur in den Blick genommen. Nun hat es den Anschein, als sei dieser Prozess einer kontinuierlichen Rezeption an sein Ende gelangt ...
Magris: Da muss ich Ihnen zustimmen. Ein großer Teil der Kontinuität geht verloren. Das hat auch mit einem Mangel an Bewertung zu tun. Hinzu kommt ein Phänomen, das vor allem Italien, auch Spanien und Frankreich betrifft. Wir haben keine kultivierte Bourgeoisie mehr. Wir haben - das Wort stammt von mir - eine Lumpenbourgeoisie ohne Gefühl für eine Hierarchie der Werte. Ich habe nichts dagegen, wenn das Fernsehen schöne nackte Mädchen zeigt. Dass es dafür einen Philosophen braucht, finde ich schrecklich. Aus schlechtem Gewissen präsentiert man die Mädchen mit ein paar Sätzen Heidegger.
STANDARD: Fehlt es an der richtigen Einschätzung, oder haben sich auch die Werte selbst verschoben?
Magris: Eine Katastrophe ist aus meiner Sicht die Gleichsetzung von Erfolg und Wert. Natürlich gibt es Bestseller, die hervorragende Bücher sind. Daniel Defoes Robinson Crusoe ist ein Beispiel. Es wurde in siebzig Sprachen übersetzt. Aber heute wird der Wert eines Buches an seinem Erfolg gemessen. Das erscheint mir wie eine Parodie des Hegel'schen Begriffes, wonach die Philosophie die eigene Zeit, verstanden mit dem Gedanken, ist.
STANDARD: In Ihrem Essay "Zeit ist nicht Geld" haben Sie den Einfluss des Geldes auf die Literatur seit dem 18. Jahrhundert dargestellt. Wie könnte nach allen hinter uns liegenden Umbrüchen die "Literatur der Zukunft" aussehen?
Magris: Im 18. Jahrhundert hatte man das Glück, dass eine unglaublich kreative literarische Gattung, der Roman, eben aus "der Prosa der Welt" , aus der Prosa des Geldes, entstanden ist und unsterbliche Meisterwerke hervorgebracht hat. Eine solche Blüte kann ich heute nicht erkennen, trotz vieler guter Werke, und ich weiß nicht, ob wir der Digitalisierung eine Literatur verdanken werden wie den europäischen Roman. Immerhin gab es auch in der Vergangenheit Jahrzehnte, in denen die Literatur eines Landes im Dornröschenschlaf lag. Mir scheint, dass der letzte immer noch gegenwärtige Ausdruck von dem, was wir lieben, fürchten, nicht verstehen, der Experimentalroman der Dreißiger-, Vierzigerjahre des vorigen Jahrhunderts ist: Musil, Faulkner, Döblin, Kafka, Svevo und viele andere. Über Musils Mann ohne Eigenschaften sind wir nicht hinausgekommen. Es gab damals noch keine digitale Welt. Aber wenn wir diesen Roman lesen, bekommen wir ein Gefühl für diese Veränderung, diese anarchische zentrifugale Flucht und Auflösung des Ichs. Die sogenannte Postmoderne glaubte, diese Wunde der Gegenwartsliteratur überwunden zu haben. Aber sie hat es nicht.
STANDARD: Wie schätzen Sie die Auswirkungen der Globalisierung auf die Literatur ein?
Magris: Einerseits beobachten wir eine Angst vor der Verwischung der eigenen Kultur, ein Identitätsfieber und eine Ablehnung des anderen. Andererseits erwächst eine kreative Anregung aus dieser globalen Begegnung. Aber es gibt auch das Kokettieren mit dem Schmelztiegel. Da kann man modische Aspekte sehen, die manchmal lächerlich sind. Zugleich kennen wir Beispiele, die zeigen, wie organisch gewisse Erlebnisse - etwa im Fall von Joseph Conrad - große Ergebnisse bringen können. Édouard Glissant, der als französischer Schriftsteller Nachkomme der schwarzen Sklaven aus Martinique ist, weigert sich, seine schwarze Identität als Wert zu verherrlichen. Die Wurzeln müssen sich nicht in das atavistische Dunkel des Ursprungs vertiefen. Sie können sich auch in die Breite bewegen, bis sie andere treffen. In diesem Sinne wird aus der Mischung etwas Gutes entstehen.
STANDARD: Der südafrikanische Schriftsteller Breyten Breytenbach bezeichnete diesen neuen kulturellen Raum, der sich durch den Wandel von der Weltliteratur hin zur "global literature" auftut, als "Zwischenwelt" : "Es ist ein Ort, an den man gehört und zugleich auch nicht, ... ein Ort der Vagabunde, Bastards und Parias ..."
Magris: Ich teile Breytenbachs Einschätzung bis zu einem gewissen Punkt. Auch ich bin nicht fasziniert von diesem Supermarkt. Man nimmt hundert Gramm Christentum, dazu ein bisschen Buddhismus und Sozialismus, auch eine Prise Milton Friedman, und schon hat man das eigene System. Das ist eine falsche Universalität. Sie zeugt von der Unfähigkeit zu wählen, statt Anschauungen zu respektieren, ohne ihnen notwendigerweise anzugehören. Ähnliches geschieht in der Literatur. Aber selbst aus dem Sumpf erwachsen Blumen und Bäume. Auch aus der Schund- und Unterhaltungsliteratur sind großartige Schriftsteller hervorgegangen. (Adelbert Reif, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 7./8. Jänner 2012)
Claudio Magris, geb. 1939 in Triest, gehört zu den bedeutendsten
italienischen Germanisten und Kulturpublizisten. Von 1978 bis 2006
arbeitete er an der Triestiner Universität. Auch betreute er die
Übersetzung vieler deutschsprachiger Autoren ins Italienische.
Bekanntheit erlangte er u. a. mit seinem Buch "Donau. Biographie eines
Flusses" . Zu weiteren Buchveröffentlichungen auf Deutsch zählen: "Ein
anderes Meer" (1992), "Die Welt en gros und en détail" (1999),
"Blindlings" (2007), "Ein Nilpferd in Lund" (2009). Gerade ist "Das
Alphabet der Welt. Von Büchern und Menschen" (Hanser Verlag, 2011)
erschienen.