Beim Neujahrsfest in Thailand im April 2011 wurde der in Berlin lebende Schriftsteller Peter Truschner bei einem Motorradunfall schwer verletzt
Eine Überlebensgeschichte in mehreren Akten.
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Ich habe am 3. August Geburtstag, habe diesem Ereignis jedoch nie besondere Bedeutung geschenkt. An diesem Tag bin ich ins Leben geschwemmt worden, es hätte genauso gut jeder andere Tag sein können, auch wenn astrologisch angehauchte Zeitgenossinnen mir immer wieder bestätigten, wie sehr das Sternzeichen des "Löwen" gewissen Zügen meiner Persönlichkeit entspricht (was mir nicht wirklich unangenehm ist). Geburtstage sind vor allem im Zusammenhang mit Kindern schön, wenn das Glück des Schenkens und das Glück des Beschenktwerdens ineinanderfallen und einen Tag mit Herzklopfen, bunten Ballons und Schokolademündern zum Vorschein bringen. Oder aber man zeigt sich froh darüber, dass man die (Groß-)Eltern noch hat und sie sich bester Gesundheit erfreuen. Am Geburtstag meiner Freundin gönne ich mir das kindlich-sportliche Vergnügen, ihr etwas zu schenken, wovon ich weiß, dass es ihr gefällt, sie es sich aber versagt, weil es ihr zu teuer oder zu dekadent erscheint. Indem ich es ihr schenke, braucht sie also kein schlechtes Gewissen zu haben. Die Geburtstage vieler Freunde weiß ich hingegen gar nicht oder habe sie über die Jahre vergessen. Wir sind uns darüber einig, dass wir eben älter werden - so what.
Das Wunder von Nong Khai
Das hat sich nun geändert. Am 12. April 2011 bin ich in der an der Grenze zu Laos gelegenen thailändischen Provinzstadt Nong Khai mit meinem Motorrad von einem Pickup erfasst worden und habe diesen Frontalzusammenstoß in einer Weise überlebt, die mir den von einem behandelnden Arzt geprägten Spitznamen "Wunder von Nong Khai" eingebracht hat. Im Widerspruch zu meiner Geburtsurkunde feiere ich meinen Geburtstag von nun an am 12. April und werde 2012 somit genau ein Jahr alt. Es wird seit meiner Kindheit die erste Feier dieser Art sein, die mir wirklich etwas bedeutet.
Zum Zeitpunkt meines Unfalls bin ich seit sechs Wochen unterwegs gewesen. Die meiste Zeit davon habe ich in Bangkok verbracht, wo mich vor allem die sichtbaren Auswirkungen des kapitalistischen Sturms, der gegenwärtig über Asien hinwegfegt, in den Bann gezogen haben. Volkswirtschaften wie die thailändische versuchen im Sog des chinesischen Wirtschaftswunders eine Entwicklung in zehn, zwanzig Jahren nachzuholen, für die Europa fünfzig, sechzig Jahre gebraucht hat (in Wahrheit viel länger, wenn man den Kolonialismus und die beiden Weltkriege in ihrer hemmungslosen Entfesselung von Produktivkraft und Ressourcenabbau als notwendige Vor-spiele begreift). Der Kapitalismus wirkt im gegenwärtigen Asien wie ein zugleich verheißungsvoller als auch unbarmherziger Beschleuniger, der statt Elementarteilchen Menschen vorantreibt. In Bangkok habe ich auf der Straße und im Umfeld von Fabriken zum ersten Mal über einen längeren Zeitraum miterleben dürfen, was es bedeutet, wenn die Arbeit zum Leben selbst wird, zur Totalität, die - obwohl rund um die Uhr betrieben -, das Auskommen doch nur gerade so sichert. Erschöpfung und Erholung gehen fließend ineinander über. Wenn ein Arbeiter nach einer zwölf Stunden Schicht eine Pause macht, verlässt er die Maschine und geht einfach ins Nebengebäude, wo sich seine Schlafkoje befindet. Die meisten Männer und Frauen, die innerhalb dieser vom Sicherheitsdienst der Firma kontrollierten vier Quadratmeter ihr Leben fristen, stammen - wie auch die meisten Prostituierten in Bangkok oder Pattaya - aus dem Issan, dem armen Nordosten Thailands. Das wenige Geld, das sie verdienen, schicken sie nicht selten zur Gänze nach Hause. An den unzähligen stationären Verkaufsständen und Garküchen, die sich am Rand von Straßen, Eisenbahnlinien und Wasserwegen befinden, sieht man zu jeder Tages- und Nachtzeit Menschen, die neben ihrer Ware eingeschlafen sind oder solche, die kurzerhand eine (Hänge-)Matte hervorholen und sich hinlegen, dabei jedoch ihren Arbeitsplatz nicht verlassen. Manchmal haben es sich die Kinder und die Großeltern auf einer Decke hinter dem Stand gemütlich gemacht und glotzen auf den Bildschirm eines winzigen, tragbaren Fernsehgeräts, während die Mutter mit Touristen gerade um den Preis einer gefaketen ChanelTasche feilscht. Das Fernsehgerät und die allgegenwärtigen Handys weisen auf die Technikversessenheit der Thais hin, aber selbst der Besitz eines relativ neuen und gepflegten Autos bedeutet nicht, dass sein Besitzer über ein Haus oder eine Wohnung verfügt. Einige Familien, deren Existenz auf dem Transport von Waren oder Menschen beruht, haben sich beispielsweise direkt neben der Stadtautobahn nieder-gelassen und leben im Grunde illegal in einer Wellblechsiedlung ohne fließendes Wasser und mit der rohen Erde als Fußboden, was einen absurden Kontrast ergibt: auf der einen Seite die staubigen, rostigen, zusammengeflickten und -gebundenen Wellblechhütten, auf der anderen der spiegelblank polierte Toyota-Kastenwagen. Der Toyota parkt unter der Fahrbahn, die - von hohen Pfeilern getragen - scheinbar über den Köpfen schwebt und dennoch durch den Lärm und den Gestank der Abgase von Hunderttausenden von Fahrzeugen den Weg in jedes Ohr, jede Nase und unter jede Decke findet. Das Erstaunliche ist dabei die ihrer buddhistischen Tradition entspringende Gelassenheit, mit der die Thais diese Lebensumstände augenscheinlich hinnehmen, Lebensumstände, gegen die sich das durchschnittliche österreichische und deutsche Gejammer lächerlich ausnimmt. Die Gelassenheit geleitet die Thais wie ein unbeirrbarer, innerer Kompass durchs Leben. Sie ist jedoch nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch, da sie die Menschen mehr ertragen lässt, als ihnen zuzumuten sein sollte, und so die etablierten Kräfte stärkt, die zwar eine Steigerung des Bruttosozialprodukts, aber nicht eine gerechtere Verteilung des Reichtums anstreben.
Nach einem Besuch der auf kambodschanischem Gebiet gelegenen, von Thailand beanspruchten Tempelanlage Preah Vihear, um die es kurz zuvor und unmittelbar danach zu Schießereien zwischen kambodschanischem und thailändischem Militär gekommen war, reiste ich weiter nach Nong Khai. Als ich dort am 9. April ankam, bereitete sich die Stadt bereits auf das thailändische Neujahrsfest "Songkran" vor, das vom 13. bis 15. April gefeiert wird.
Aus den dabei praktizierten rituellen Waschungen hat sich ein populärer Kult entwickelt, sich den ganzen Tag über sinnfrei mit Wasser zu überschütten. Besonders beliebt ist das restlose Durchnässen des "Farang" , des Fremden oder Touristen. Ob man eine Kamera vor sich herträgt, im Auto fährt oder auf der Terrasse eines Lokals zu Mittag isst: Man wird hemmungslos mit Wasser übergossen. Gleichzeitig fließt eine Unmenge an Alkohol, es kommt jedes Jahr zu Tausenden von Unfällen und hunderten Toten, vor allem im Straßenverkehr.
Kein Wunder, dass mich der Besitzer meines Guest Houses am 12. April dazu drängte, mein Motorrad stehen zu lassen, mit dem ich drei Tage lang den Mekong entlanggefahren war. Wiederum kein Wunder, dass ich - von sturen Kärntner Bauernschädeln abstammend - seinen Rat leichtfertig ausgeschlagen habe. Ich stieg auf mein Motorrad und fuhr los, wenige Minuten später war ich bereits klitschnass. Es dauerte nicht lange, und meine Konzentration schwand, ich wurde fahrig und hektisch beim Fahren, kein Wunder, wenn Menschen dir lachend vors Motorrad laufen, um dir einen Eimer Wasser über den Kopf zu schütten. Als ich mich dazu entschloss, abzusteigen, war es bereits zu spät. Ich war, ohne es zu merken, auf die Gegenfahrbahn geraten, wo ein schwarzer Pickup mit überhöhter Geschwindigkeit frontal in mich hineinfuhr. In der Sekunde, in der ich den Wagen sah, dachte ich wortwörtlich: Das war mein Leben. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass es gut war, wie es war, und dass es in Ordnung war zu sterben. (Ich bin überzeugt, es wirklich so empfunden zu haben. Es könnte aber auch einem Neuronenfeuerwerk des Gehirns geschuldet, gleichsam ein körpereigenes Programm sein, das das Sterben angenehmer macht.)
Der Schock - denke ich
Den Zusammenstoß erlebe ich als Bild, das hektisch zerschnipselt wird - ich sehe ihn, spüre ihn jedoch nicht, er geht geräusch- und schmerzlos vor sich. Ich bekomme nicht mit, wie es mich vom Sitz schleudert und ich eine unbestimmte Zeit lang durch die Luft fliege, auch nicht, wie es mir durch den Aufprall den Kinnhelm vom Kopf reißt und ich wenig später ohne Kopfschutz auf dem Asphalt aufschlage (was mir erst viel später bewusst wird, als mir ein Sanitäter den Helm in die Hand drückt). Auf dem Boden liegend, lähmt mich kurz die Angst, mich zu rühren - um dann vielleicht festzustellen zu müssen, dass ich mich nicht rühren kann, gelähmt oder irreversibel verletzt bin. Ich bewege mich trotzdem - alles funktioniert. Ich richte mich auf. Nichts tut mir weh - der Schock, denke ich. Röntgen und Kernspintomografie werden später ergeben: kein einziger Bruch, keine inneren Verletzungen, kein Schädel-Hirn-Trauma, nur ein Flickenteppich von Prellungen, der meine linke Körperhälfte vom Hals abwärts bis zum Knie bedeckt. Das einzige Krankenhaus weit und breit befindet sich um die Ecke, ein Krankenwagen ist rasch zur Stelle, was insofern von Bedeutung ist, als ich sonst am Unfallort erstickt wäre.
In der Aufnahme bekomme ich plötzlich keine Luft mehr. Ersticken ist ein entsetzlicher Tod, man ist bei vollem Bewusstsein und doch völlig hilflos, ich beginne auf meiner Bahre um mich zu schlagen wie ein Tier, das weiß, dass es zur Schlachtbank geführt wird. Ich verliere das Bewusstsein und gleite in die Finsternis - aus der ich wider Erwarten wieder erwache. Man hat einen Luftröhrenschnitt an mir vorgenommen, ich habe einen blutenden Spalt im Hals, in dem ein Katheter steckt, der über einen Schlauch mit einem Beatmungsgerät verbunden ist. Um Blut und Eiter aus der Luftröhre zu pumpen, wird eine Kanüle eingeführt, was trotz starker Schmerzmittel die reine Hölle ist. Ich muss beim Unfall mit dem Hals gegen irgendetwas geschrammt sein, den Randstein vielleicht. Ein Stimmband ist durchtrennt, das andere verletzt. Ich kann nicht sprechen, nur heiser scheppernde Gurgellaute von mir geben, wenn der Schlauch entfernt wird und ich die Öffnung des Katheters mit dem Finger verstopfe. Es gelingt mir, eine paar wichtige Anrufe zu tätigen, dann stellt auch das zweite Stimmband seinen Dienst ein, und ich bin stumm, wobei unklar ist, wie lange dieser Zustand andauern wird - vielleicht für immer, wie die Ärztin trocken anmerkt. Bei dieser Aussicht treibt es mir Tränen in die Augen, ich stelle mir vor, wie es wäre, nie wieder mit meinen Freunden laut lachen, nie mehr zu meiner Freundin "Küss mich" sagen oder nie mehr einen Text von mir laut vorlesen zu können. Wenn ich etwas will, schreibe ich es auf einen Block. Einmal erscheint ein Polizist, der mir in eher intuitivem als tatsächlichem Englisch Fragen zu meiner Person und zum Unfallhergang zu stellen versucht. Ich bringe Sätze zu Papier, er sieht sie sich an, schreibt jedoch nichts auf. Als ich nach dem Fahrer des Wagens frage, gibt er mir zur Antwort: "You must forget about this."
Danach habe ich von den Behörden nie mehr etwas gehört. In meiner Apathie nehme ich die nächsten Tage wahr, wie andere "Songkran-Opfer" eingeliefert und behandelt werden. Wer (wie fast jeder) keine Versicherung hat, bekommt trotzdem eine Grundversorgung - für alles andere ist die Ehefrau oder leibliche Schwester zuständig, die tagsüber ihren "Dienst" tut und nachts im Krankenhaus bleibt. Da ihr jedoch kein Bett zugestanden wird, schläft sie auf einer Matte auf dem Fußboden neben dem Bett des Patienten. Ich habe vor meiner Reise zum ersten Mal eine Reiseversicherung (ohne Selbstbehalt!) abgeschlossen. Ob es nun an deren Qualität liegt oder an Personen mit Einfluss, die meine Arbeit schätzen und sich im Hintergrund für mich einsetzen: Meine Versicherung lässt sich nicht lumpen, einen Chirurgen aus Bangkok einfliegen und mich 1. Klasse dorthin verfrachten. Einrichtung und Verpflegung meines Einzelzimmers lassen an ein First- Class-Hotel denken, ich habe Home-Cinema und eine eigene Krankenschwester.
Der Arzt zeigt mir auf dem CT-Bild, dass ein Zentimeter gefehlt hat, um die Nervenstränge im Rückenmark zu durchtrennen, sodass ich vom Hals abwärts gelähmt gewesen wäre. Ich bin geschockt, er lacht: "Be happy! You have a strong, healing body!" Nach diesen Worten ist meine Apathie vorüber, ein Hochgefühl stellt sich ein, was vielleicht auch ein Grund dafür ist, dass sich das andere Stimmband wieder zu bewegen, ja, die Arbeit des kaputten Stimmbands zu erledigen beginnt, was mich nach über einer Woche zum ersten Mal wieder so etwas wie einen Vokal erzeugen lässt. Der HNO-Arzt ist jünger als ich und hat ein fein geschnittenes, sensibles Gesicht. Er hat in Heidelberg promoviert und schwärmt von der Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Freizeit in Deutschland. Er sieht sich mit wachsender Beklemmung meine Fotos an und beschließt daraufhin, einmal im Monat eine Gratissprechstunde in einem Armenviertel abzuhalten. (Er steht zu seinem Wort. Wir bleiben in Kontakt, er schickt mir Fotos, die ihn bei der Ausübung seiner karitativen Tätigkeit im Überschwemmungsgebiet zeigen.) Die Versicherung lässt einen Sanitäter aus München einfliegen, der mich nach drei Wochen im Krankenhaus zurück nach Deutschland bringt, wo mich am Flughafen Berlin ein Rettungswagen empfängt. Im Krankenhaus werde ich tagelang durchgecheckt. Die Ärzte können nicht glauben, wie unbeschadet ich den Unfall überstanden habe, die Chance dafür beziffern sie auf 1:100.000. Auch wenn ich mit der medizinischen Versorgung und dem Aufenthalt auf der Station zufrieden bin, ist der Unterschied zum Bangkoker Krankenhaus doch eklatant. In Berlin werde ich zum Röntgen gebracht und sitze drei Stunden am Gang, ohne dass sich jemand für mich interessiert.
In Bangkok werde ich zum Röntgen gebracht und komme sofort dran. Wartezeiten gibt es nicht. Gehe ich auf dem Gang spazieren und sehe dabei unschlüssig aus, spricht mich sofort eine Krankenschwester an: "Can I help you?" Vereinfacht ausgedrückt: In Bangkok setzt das Personal alles daran, dass es mir gutgeht, während mir die Ärzte in Berlin auf mein Nachfragen hin zuerst einmal erzählen, wie schlecht es ihnen geht und wie unzumutbar der Dienst im Krankenhaus ist. Nach einer Woche werde ich entlassen und denke, ich habe es geschafft, das Leben hat mich wieder. Die letzten beiden Tage im Krankenhaus hatte ich ein unangenehmes Spannungsgefühl im linken Arm, ich schiebe es auf die Schulter, die immer noch schmerzt und mich unruhig schlafen lässt. Bald darauf beginnt der Arm anzuschwellen, bis er am Ende fast um die Hälfte dicker ist als davor. Ich gehe wieder zum Arzt, der eine schwere Thrombose diagnostiziert. Nach einer Woche ist mein Arm ein fetter, glühender, juckender Fleischklumpen, den ich in Freak-Shows zum Besten geben könnte und den ich mit Heilerde und Topfen kühle wie schon meine Großmutter ihre Beine. Ich werde wieder mit Antibiotika vollgepumpt und habe inzwischen so viel Heilung versprechendes Gift in mir, dass mir davon auch noch die Haare ausfallen, erst vereinzelt, dann in Büscheln. Eine Haaranalyse ergibt: Sie werden wieder nachwachsen (eine Voraussage, die sich glücklicherweise erfüllt hat). Nach vier Monaten ist der Spuk vorüber, ich kann wieder sprechen (auch wenn sich meine Stimme in einer Weise verändert hat, dass ich eine Karriere als Synchronstimme von Charles Bronson starten könnte), kann wieder schlafen und mit beiden Händen eine Tastatur benutzen. Mein Beruf, der viele Unwägbarkeiten mit sich bringt und sich manchmal wie ein Hochseilakt anfühlt - unter mir der Abgrund des Existenzminimums und der Altersarmut -, erweist sich für den Heilungsprozess als unschätzbarer Vorteil: Ich kann so lange zu Hause bleiben, wie es nötig ist.
Nicht Geld oder Komfort stellen in diesem Fall den größten Luxus dar, sondern Zeit. Ich weiß von Menschen, die unter dem Druck des Arbeitsgebers und der Krankenkasse viel zu früh zur Arbeit gehen mussten. Nach und nach trudeln die Abrechnungsbelege der Versicherung bei mir ein, der Gesamtbetrag beläuft sich auf rund 17.000 Euro - ohne Versicherung wäre ich de facto insolvent. Als ich wieder schwimmen gehen, Fahrrad fahren und schmerzfrei Sex haben kann, ist die Welt für mich eine Zeit lang in ein geburtsähnliches Licht getaucht. Vieles (nicht alles) geschieht wie zum ersten Mal. Banale Vorgänge haben etwas von einer Initiation. Ich bleibe zum Beispiel zwei, drei Minuten in der Fußgängerzone stehen und genieße grinsend die sengenden Sonnenstrahlen wie eine persönlich gemeinte Umarmung. Ein kühles Bier unter dem wispernden, grünen Kastanienfirmament eines Biergartens ist wie ein kleines Wunder. Als ich Ende August auf dem Wiener Schafberg auf dem Grundstück eines Freundes den Grill entfache, sehe ich, wie die Kinder einer Bekannten ihre Plastikeimer mit Wasser füllen und es sich über den Kopf gießen. Für einen Augenblick muss ich an meinen Unfall denken, im nächsten lächele ich wieder. Ein unaufgeregtes, gelassenes und gerade darum kostbares Glücksgefühl macht sich breit: Ja. Ich bin wieder da. (Peter Truschner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 7./8. Jänner 2012)
Peter Truschner, geb. 1967 in Klagenfurt, ist Schriftsteller. Er
studierte Philosophie und Politikwissenschaften in Salzburg. Zuletzt
erschien sein Roman "Der Träumer" (2007, Zsolnay Verlag). Truschner
lebt seit 1999 in Berlin.