"Wutmedien" - Facebook und Co. als Speerspitze von Protesten

Kolumne | 5. Jänner 2012, 08:58

Die schnellste Art der Mobilisierung gegen Parteienwirtschaft im ORF " oder für Flash Robs"

Soziale Medien waren der Star des alten Jahres, und dabei geht es erst so richtig los. Eines der sichtbarsten Zeichen dafür ist der heuer erwartete Börsengang von Facebook, der gute Aussichten hat, den von Google in den Schatten zu stellen.

Die schnellste Art der Mobilisierung sind soziale Medien

Von "Uni brennt", digitalen Lichterketten, Arabischem Frühling, Londoner Randalen und Occupy-Happenings bis zum Protest gegen Vettern- und Parteienwirtschaft im ORF: Die schnellste Art der Mobilisierung sind soziale Medien. Erstaunlich, dass ihnen noch nicht das schmückende Etikett "Wutmedien" verpasst wurde.

Unter dem Radar der Obrigkeit

Das Paradoxe an der Entwicklung beschrieb Bill Wasik vor kurzem in einem Essay in Wired, dem Zentralorgan der Digerati: All unsere digitalen Gerätschaften tragen dazu bei, Menschen und Massen zu vermeiden, etwa indem wir zu Weihnachten online shoppen statt uns ins Getümmel der Einkaufsstraßen zu stürzen. Computer und Smartphones schaffen Distanz - und sie ermöglichen die Überwindung der Distanz (darin dem Auto nicht unähnlich). Die Tahirplätze in Kairo und anderswo füllen sich, weil sich Menschen dank Facebook, Twitter oder Blackberry Messenger rasch und unter dem Radar der Obrigkeit organisieren können.

"Flash Rob"

Aber auch wenn ihnen oft revolutionäres Potenzial per se zugeschrieben wird, soziale Medien sind allenfalls eine Revolution unserer Verständigung, nicht der sozialen Ordnung. In London verabredeten sich Jugendliche zum Brandschatzen (was nicht ausdrücken soll, dass es wie zuvor in Pariser Vororten keine nachvollziehbaren sozialen Gründe für Ausschreitungen gab), in Tunesien und Ägypten zum Sturz autoritärer Regimes. In den USA grassiert gerade eine andere Mode, der "Flash Rob": Jugendliche tun sich per sozialer Medien zur menschlichen Überflutung von Läden zusammen (ein "Flash Mob"), um dann im Getümmel das Geschäft auszurauben.

 

Verständlich, dass all dies zu heftigen Debatten führt, ob nun soziale Medien "gut", "schlecht", einfach Zeitvertreib oder gar Zeitdiebe sind. Wohl von allem etwas, und in gewisser Weise ist die Diskussion (hinter der die Frage mitschwingt, ob und wie sie verboten oder begrenzt werden sollen) darüber müßig.

Dynamik von Naturgewalten

Obwohl menschliche Erfindungen, entfalten sich soziale Medien wie andere Errungenschaften davor fast mit der Dynamik von Naturgewalten. Als Facebook, und Twitter online gingen wussten die Erfinder nicht so recht, was daraus werden soll, bis Millionen von Usern ihren je individuellen Sinn entdeckten; ein paar Jahre später geht die Nutzerzahl auf die Milliarde zu, während hundert andere Ideen in diesem Zeitraum floppten. Es wäre naiv zu glauben, dass dies vorher geregelt werden kann oder nachher durch ein strenges Korsett in den Griff zu bekommen wäre.

Auseinandersetzungen sind darum nötig, um zu brauchbarem Umgang mit den neuen Medien zu kommen. Wut ist dabei keine Hilfe, Strategie schon: Bei der Mobilisierung dafür sind soziale Medien selbst ein effizientes Werkzeug, wie uns Initiativen wie "Europe vs. Facebook" zeigen. Das macht zuversichtlich, dass auch die Domestizierung sozialer Medien gelingt. (helmut.spudich@derStandard.at, DER STANDARD Printausgabe, 5. Jänner 2012)

 

Link

Wired

Dr. Muffel
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"...zuversichtlich, dass auch die Domestizierung sozialer Medien gelingt. ..."

Die "social" media werden meinem Eindruck nach in zunehmendem Maße von undurchsichtigen Agitatoren genutzt, und diese wird niemand domestizieren. So funktioniert das Internet nicht.

)so(
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FB & Co. sind höchstens Wut-Kanäle, aber sicher keine Wut-Medien

Das sind vielmehr jene Massenmedien, die, bewusst oder naiv-unbewusst, durch einseitige Themensetzung, Realitätsverzerrung, vorsätzliche Ausblendung uvam, die Bevölkerungsschichten, -segmente und Zielgruppen gegen einander aufhetzen. Frauen gegen Männer, Nichtraucher vs. Raucher, Nichthundehalter gegen Hundehalter, Radfahrer gegen Autofahrer, Pensionisten gegen Jugendliche, Beamte gegen Steuerzahler, ÖBBler gegen Landwirte ... und alle zusammen gegen "de Bollitiga". Dinge entgleisen selbst in Österreich, wenn man jahrzehnte lang nicht gegensteuert. Und dieser Druck sucht sich den einfachsten Entladeweg: Social Media. Die Schreibfreudigkeit schwindet rasch, wenn's darum geht, den verantwortlichen Entscheidungsträger/inne/n zu schreiben.

Frodo Der Hobbit
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steht nix dagegen in den terms of service?

facebook gewinnt ähnlich wie microsoft, indem es die meisten von der masse angenehm empfundenen details besitzt.
es ist gewiss voll gestopft mit metafunktionen, die seine eigene akzeptanz und die art der nutzung in profilen erfassen.
die art wie die news ausgewählt und dargestellt werden, passt sich andauernd an. das machts nicht langweilig.

wie weit die inhalte zum erstellen politischer profile über regionen und personenkreise genutzt werden, darüber hört man nichts.
marketing ist klar. aber technisch ist da kein unterschied.

drum werden mit facebook wohl nur "revolutionen" stattfinden, die im kulturkreis der betreiber willkommen sind, sonst - sperre wegen missbrauch..

Schweden Krokodil
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gut oder schlecht ist immer noch der Mensch und nicht das Medium. Der Mensch kann mit dem Medium überfordert sein. Dann soll er sich damit halt auseinandersetzen.

Def_izit
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kann nur sagen - ohne online medien hätter der lybien krieg länger gedauert

informationen zwischen "Aufständischen" und Nato bzw unterstützern liefen über social media - und dazu sollte man auch blogs von z.b. AJE oder AlArabiya zählen

die vernetzung mit z.b. Nafusa Brigaden lief parallel auf Twitter, FB, AJE und zusätzlich eingerichtete "privat-blogs" - da wurden strategische daten "klassisch verschlüsselt" weitergegeben

Kummerl1
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wäre es ohne Online-Medien überhaupt zum letzten Libyenkrieg gekommen?

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