Die schnellste Art der Mobilisierung gegen Parteienwirtschaft im ORF " oder für Flash Robs"
Soziale Medien waren der Star des alten Jahres, und dabei geht es erst so richtig los. Eines der sichtbarsten Zeichen dafür ist der heuer erwartete Börsengang von Facebook, der gute Aussichten hat, den von Google in den Schatten zu stellen.
Die schnellste Art der Mobilisierung sind soziale Medien
Von "Uni brennt", digitalen Lichterketten, Arabischem Frühling, Londoner Randalen und Occupy-Happenings bis zum Protest gegen Vettern- und Parteienwirtschaft im ORF: Die schnellste Art der Mobilisierung sind soziale Medien. Erstaunlich, dass ihnen noch nicht das schmückende Etikett "Wutmedien" verpasst wurde.
Unter dem Radar der Obrigkeit
Das Paradoxe an der Entwicklung beschrieb Bill Wasik vor kurzem in einem Essay in Wired, dem Zentralorgan der Digerati: All unsere digitalen Gerätschaften tragen dazu bei, Menschen und Massen zu vermeiden, etwa indem wir zu Weihnachten online shoppen statt uns ins Getümmel der Einkaufsstraßen zu stürzen. Computer und Smartphones schaffen Distanz - und sie ermöglichen die Überwindung der Distanz (darin dem Auto nicht unähnlich). Die Tahirplätze in Kairo und anderswo füllen sich, weil sich Menschen dank Facebook, Twitter oder Blackberry Messenger rasch und unter dem Radar der Obrigkeit organisieren können.
"Flash Rob"
Aber auch wenn ihnen oft revolutionäres Potenzial per se zugeschrieben wird, soziale Medien sind allenfalls eine Revolution unserer Verständigung, nicht der sozialen Ordnung. In London verabredeten sich Jugendliche zum Brandschatzen (was nicht ausdrücken soll, dass es wie zuvor in Pariser Vororten keine nachvollziehbaren sozialen Gründe für Ausschreitungen gab), in Tunesien und Ägypten zum Sturz autoritärer Regimes. In den USA grassiert gerade eine andere Mode, der "Flash Rob": Jugendliche tun sich per sozialer Medien zur menschlichen Überflutung von Läden zusammen (ein "Flash Mob"), um dann im Getümmel das Geschäft auszurauben.
Verständlich, dass all dies zu heftigen Debatten führt, ob nun soziale Medien "gut", "schlecht", einfach Zeitvertreib oder gar Zeitdiebe sind. Wohl von allem etwas, und in gewisser Weise ist die Diskussion (hinter der die Frage mitschwingt, ob und wie sie verboten oder begrenzt werden sollen) darüber müßig.
Dynamik von Naturgewalten
Obwohl menschliche Erfindungen, entfalten sich soziale Medien wie andere Errungenschaften davor fast mit der Dynamik von Naturgewalten. Als Facebook, und Twitter online gingen wussten die Erfinder nicht so recht, was daraus werden soll, bis Millionen von Usern ihren je individuellen Sinn entdeckten; ein paar Jahre später geht die Nutzerzahl auf die Milliarde zu, während hundert andere Ideen in diesem Zeitraum floppten. Es wäre naiv zu glauben, dass dies vorher geregelt werden kann oder nachher durch ein strenges Korsett in den Griff zu bekommen wäre.
Auseinandersetzungen sind darum nötig, um zu brauchbarem Umgang mit den neuen Medien zu kommen. Wut ist dabei keine Hilfe, Strategie schon: Bei der Mobilisierung dafür sind soziale Medien selbst ein effizientes Werkzeug, wie uns Initiativen wie "Europe vs. Facebook" zeigen. Das macht zuversichtlich, dass auch die Domestizierung sozialer Medien gelingt. (helmut.spudich@derStandard.at, DER STANDARD Printausgabe, 5. Jänner 2012)