Bombendetonationen in Schiiten-Vierteln in irakischer Hauptstadt - Selbstmordattacke auf schiitische Pilger in Nassiriya
Bagdad - Bei mehreren Anschlägen auf
Schiiten sind im Irak am Donnerstag mehr als siebzig Menschen ums
Leben gekommen. Ein mit einem Sprengstoffgürtel ausgerüsteter
Selbstmordattentäter tötete in Batha bei Nassiriyah im Süden des
Landes mindestens 45 Menschen, mehr als 60 weitere wurden verletzt,
wie die Gesundheitsbehörden mitteilten. Die Pilger waren auf dem Weg
zum Heiligen Schrein von Kerbala. In der Hauptstadt Bagdad waren
zuvor in dem mehrheitlich von Schiiten bewohnten Stadtteil Kadhimiya
zwei Autobomben explodiert. Nach Behördenangaben wurden mindestens 15
Menschen getötet. Laut Mitarbeitern einer Klinik wurden mehr als 60
Menschen verletzt. Im Schiitenviertel Sadr City detonierte eine an
einem Motorrad befestigte Bombe in der Nähe einer Bushaltestelle, wie
die Polizei mitteilte. Unmittelbar darauf sei eine am Straßenrand
versteckte Bombe explodiert. Dabei wurden mindestens zwölf Menschen
getötet. Viele der Opfer seien Tagelöhner gewesen, die auf dem Weg
zur Arbeit auf einen Bus gewartet hätten.
Die Zunahme der Terroranschläge ist im Zusammenhang mit der
schweren politischen Krise zu sehen, in die der Irak nur wenige Woche
nach dem Abzug der letzten US-Truppen geraten ist. Die Spannungen
zwischen Sunniten und Schiiten haben sich nach dem vom schiitischen
Premier Nuri al-Maliki erwirkten Haftbefehl gegen den sunnitischen
Vizepräsidenten Tarek al-Hashemi verschärft, der in den kurdischen
Norden geflüchtet ist. Die Anschläge in Bagdad waren die
mörderischsten in der Hauptstadt seit dem 22. Dezember, als bei
Explosionen in ebenfalls überwiegend schiitischen Vierteln 69
Menschen in den Tod gerissen worden waren.
Am Mittwoch hatte es noch Anzeichen einer Entspannung gegeben. Die
neun Minister aus den Reihen der überkonfessionellen
Al-Irakiya-Fraktion um Ex-Premier Iyad Allawi sollten nicht - wie
zunächst von Maliki angekündigt - für abgesetzt erklärt werden,
sondern würden als "beurlaubt" angesehen, sagte ein Berater des
irakischen Regierungschefs.
Der iranische Vize-Außenminister Hossein Amir Abdollahian
verurteilte die Anschläge im Irak laut der Teheraner
Nachrichtenagentur IRNA. Die Angriffe seien ein "Versuch,
interreligiöse Zusammenstöße zu provozieren". Er kritisierte vor
diesem Hintergrund das "Schweigen einiger anderer Länder zu diesen
Terrorakten". Der UNO-Sondergesandte für den Irak, Martin Kobler,
äußerte sich besorgt über die politischen Spannungen und den Zerfall
der Bagdader Regierung. (red, APA/Reuters)