Kampf um die Parteiseele

Kommentar |

Wenn nichts Gravierendes dazwischenkommt, dürfte Mitt Romney diesmal die Nominierung holen

Es geht nicht um Prozentpunkte, es geht vor allem um (Sieger-)Bilder und Eindrücke, die Bürger andernorts in ihrer Vorwahlentscheidung beeinflussen könnten. Mit diesem Fokus muss das Ergebnis der republikanischen Wählerversammlungen (Caucuses) im für die USA nicht eben repräsentativen Iowa gelesen werden. Aus diesem Blickwinkel lässt sich sagen: Mitt Romney wurde trotz des äußerst knappen Sieges seiner Favoritenrolle gerecht. Er hatte, wie er selbst sagte, einen "guten Abend" in Iowa.

Einen guten, ja, aber beileibe nicht seinen besten. Denn das Ergebnis zeigt auch die Schwächen des Bewerberfeldes und vor allem die Schwäche der republikanischen Partei auf: Auf dieser Party fehlt es bisher eklatant an Enthusiasmus und Feierlaune. Die Wahlbeteiligung in Iowa stagnierte auf dem Wert von 2008, bei etwa 120.000 Teilnehmern. Auch Romney erhielt gleich viel Stimmen wie bei der Abstimmung vor vier Jahren.

Gleichzeitig kristallisierten sich drei in etwa gleich starke Parteiströmungen - Moderate, Sozialkonservative und Libertäre - heraus, die einander unversöhnlich bekämpfen. Die Republikaner, schrieb die New York Times, hätten die Wahl zwischen "rechts, ganz rechts und ganz, ganz rechts" gehabt. Die Washington Post sekundierte in ihrer Einschätzung nach der Wahl so: "Und sie wissen nicht, was sie wollen - ja nicht einmal, wer sie sind."

Genau daher rührt auch der mangelnde Enthusiasmus. Denn unter den Bewerbern ist keiner, der es wie seinerzeit Ronald Reagan verstünde, diese Strömungen zu einem breiten Fluss zu kanalisieren, der bis ins Weiße Haus trägt. Für die Herausforderung, die Partei zu einen, reicht das Format keines der Bewerber aus.

Aus derzeitiger Sicht wird Romney wohl die kommende Primary in New Hampshire gewinnen und auch in South Carolina und Florida relativ gut abschneiden (in den vor Iowa gemachten Umfragen liegt er in beiden Bundesstaaten hinter Newt Gingrich auf Platz zwei). Wenn nichts Gravierendes dazwischenkommt, dürfte er diesmal die Nominierung holen. Damit würde mitten im Ideologiestreit, im "Kampf um die Seele der Partei" (Ex-Republikanerchef Michael Steele), akkurat der unideologischste und am wenigsten konservative Kandidat zum Spitzenmann der Republikaner.

Den Demokraten wird diese Lage tendenziell nützen. Hämisch weisen sie auf die matten Stimmung bei den Gegnern hin und reichen Daten aus Iowa herum, in denen Romney vor allem bei Wählern, die unter 50.000 Dollar Jahresgehalt haben, und bei Unabhängigen schlecht abschnitt. Beides sind Gruppen, die den Wahlausgang im Dezember entscheidend beeinflussen werden. Dennoch: Zu früh freuen dürfen sie sich nicht. Steht der republikanische Kandidat einmal fest, dann werden die Karten neu gemischt. Dann wird wahlentscheidend sein, was den Republikanern mehr wert ist: die Selbstzerfleischung der eigenen Partei oder der Hass auf den Demokraten im Weißen Haus. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2012)

 

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