Direkte Demokratie

Gegen eine "Diktatur auf Zeit"

Kommentar der anderen | 4. Jänner 2012, 19:14

99 Prozent aller Gesetze sollen weiter auf parlamentarischem Wege beschlossen werden, nicht über alles soll direkt entschieden werden können - Wann Initiativen sogar unzulässig sind - eine Einordnung

Wolfgang Müller-Funk wirft den Befürwortern direkter Demokratie "Unverständnis der westlichen Demokratien" vor (Standard 29. 12. 2011). Wir verstehen zunächst: Die Schweiz ist keine westliche Demokratie. Eine solche sei gekennzeichnet durch eine "ausgewogene Machtbalance zwischen Regierung, Gesetzgebung und Judikative, der räumlichen und zeitlichen Beschränkung von Macht". Merkwürdig. Daran würde direkte Demokratie genau nichts ändern.

Sie würde vielmehr eine zusätzliche Dimension der Gewaltentrennung bringen. Nämlich dann, wenn sich Regierung, Parlament und Justiz nicht ausreichend gegenseitig kontrollieren, sondern bestärken und zu einem Machtblock verschmelzen, braucht es eine Korrekturmöglichkeit durch den Souverän. Dies umso dringender, je öfter das Parlament gegen den Souverän entscheidet: Bankenrettung mit Steuergeld, Legalisierung von Patenten auf Lebewesen, Liberalisierung des Kapitalverkehrs in Steueroasen, Postmarktöffnung, Abschaffung des Anfütterungsparagrafen .. .

Parlamentsentscheidungen gegen die Bevölkerung häufen sich, weil Parteien immer fester in der Hand mächtiger Wirtschaftslobbys sind. "Traditionelle" Gewaltentrennung funktioniert nicht mehr, es braucht die zusätzliche Teilung zwischen Auftraggeber (Souverän) und Auftragnehmer (Parlament/Regierung). Wenn sich die Macht des Souveräns darauf beschränkt, alle fünf Jahre eine Partei wählen zu dürfen, degeneriert die indirekte Demokratie zur "Diktatur auf Zeit".

Müller-Funks zweites Argument, gewählte Politiker und Parteien würden im Falle direkter Demokratie "aus der Verantwortung entlassen", ist ebenso rätselhaft: Das Parlament bliebe, Wahlen blieben, Parteien und Politiker blieben. Die Ergänzung indirekter durch direkte Demokratie würde daran nichts ändern.

Einzig sinnvolle Auflösung dieses Rätsels ist, dass Müller-Funk den wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Diskurs schlicht nicht kennt, in dem weit und breit niemand fordert, dass über alles direkt entschieden werden soll. Direkte Demokratie soll die indirekte kontrollieren, korrigieren und ergänzen, aber nicht ersetzen. 99 Prozent aller Gesetze würden auf demselben indirekt-parlamentarischen Weg beschlossen wie bisher.

Der Umstand, dass der Nationalrat vom Souverän korrigiert und ergänzt werden kann, würde dessen Verantwortungsbewusstsein mit Sicherheit stärken. Kann er nicht zur Rechenschaft gezogen werden, verlockt das wohl eher zu Machtmissbrauch und Verantwortungslosigkeit.

Drittens: Auch die - auffallend selektiv gewählten - Beispiele Müller-Funks tragen wenig zur Erhellung bei. Eine Volksbefragung (von oben herab) wie beim Wiener Konferenzzentrum ist der gegenteilige Mechanismus, der seitens der Zivilgesellschaft gefordert wird: Volksabstimmungen oder -entscheide sollten ein Instrument des Souveräns sein ("Referendum"), nicht von Regierungen ("Plebiszit") und schon gar nicht von Diktaturen.

Aus diesem Grund ist der Nationalsozialismus ein besonders unglückliches Beispiel. Erstens gingen die "Plebiszite" von einem diktatorischen Regime aus; zweitens wurde - zuvor - die Ausschaltung des Parlaments 1933 vom Reichstag beschlossen und nicht von der Bevölkerung! Analog argumentiert müsste Müller-Funk deshalb auch gegen indirekte Demokratie sein, weil diese ja gleich schweren Schaden anrichten kann, was die Geschichte zeigt.

Damit sind wir bei einer weit verbreiteten Angst vor direkter Demokratie, nämlich der, dass Grundrechte außer Kraft gesetzt oder die Demokratie selbst ausgeschaltet werden könnte. Zielt eine Initiative auf die Einschränkung der Grundrechte oder auf die Abschaffung der Demokratie, sollte sie unzulässig sein.(Christian Felber, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.1.2012)

CHRISTIAN FELBER ist Buchautor und Mitbegründer von Attac Österreich.

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Frodo Der Hobbit
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sag zu deinem parlamentarier:

du sollst mich vertreten und nicht über mich herrschen!!

Taschenkalender
00
Ein Kommentar von Felber und Attac

ist auch sehr ernst zu nehmen!

johann potakowskyj1
 
21
Dagegen spricht die unqualifizierte Beeinflussung des Volkes durch Lobbyisten und Ideologien.

Das beste Beispiel dafür sind wohl die Schwierigkeiten und Änderungen gewesen, die der Präsident der USA Barack Obama bei der Einführung der Sozialversicherung gehabt hat.

Geschickte Propaganda lies weite Teile der Bevölkerung glauben, dass eine allgemeine staatliche Krankenversicherung gar das Ende der bürgerlichen Freiheit bedeuten würde. Es wurde so viele völlig unqualifizierte Ressentiments vorgebracht, dass diese Grundinteressen der Bürger nur sehr abgeschwächt realisiert werden konnten.

Und dazu war nicht einmal ein Volksbegehren notwendig sondern ein politisch subjektiver Medienapparat.

Auf Österreich gemünzt würde z.B. die Kronenzeitung zum realen Entscheidungsträger der vermeintlichen direkten Demokratie.

Zukunftsoptimist1
00
17.2.2012, 19:22
Und wer hat Obama diese Schwierigkeiten gemacht?

Das Volk?
Ich fürchte, da ist so etwas wie selektive Wahrnehmung am Werk.
Lobbies werden immer wieder versuchen, Einfluss zu gewinnen, das hat nichts mit der Form der Demokratie zu tun. Die Frage ist nur: wer ist leichter zu beeinflussen (bestechen), der Repräsentant bzw. seine Partei oder die Mehrheit der Bevölkerung? Die hat ja dabei weder zu gewinnen noch zu verlieren, und wenn die Meinungsbildung nicht überfallsartig und kurz erfolgt, sondern genügend Zeit für eine echte Meinungsbildung bleibt, dann ist sie im Zeitalter des Internet allemal verlässlicher als die von einer oder wenigen Parteien vorgegebene einer parlamentarischen Mehrheit.
Aufpassen: die bessere Entscheidung trifft allemal der Führer - das haben wir schon gehabt!

Frodo Der Hobbit
00
die leut habens gern einfach

und viele wünschen sich, dass es genügt die krone zu lesen, und dann wüsste man das wichtigste.

dadurch können sich die medienkonzerne mit den gerade angesagten politikern verhabern und deren konkurrenz zerstören.

das problem ist aber ohne direkte demokratie mindestens so schlimm.
die angst vor dem populismus ist doch im selben zug die angst, hinter der wirklichkeit nachzuhängen, oder den kontakt zur bevölkerung verloren zu haben, nachdem man tatenlos dem bildungsabbau zugesehen hat, oder schul/uni-sparpakete durchgepeitscht hat..

das volk als anhängsel zum wirtschaft-betreiben irgendwie am rande mitversorgen zu glauben, ist immer völlig falsch. da hat man garantierten grund, sich zu fürchten, wenn die neuen medien das volk stärken.

x aeins
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exakt so ist es
Lobbyisten und Demagogen bekämen Hochkonjunktur; die "edlen" unter ihnen (wie Attac) erhoffen sich von solchem System zwar auch ein paar Brösel, aber mehr wie Brösel werden ´s nicht werden - abstauben werden die, die gut bezahlen

J. Reichhart
00
wenn auch dem rätselhaften souverän nicht zu trauen ist,

den gewählten polit-macht-ohne-kontrolle-kartell ist noch viel weniger zu trauen! wie sich täglich heraus stellt.

macht braucht kontrolle!

die kontrolle des souveräns sind die normen der verfassung! gegen sie kann auch keine volksabstimmung was ausrichten!

die grundrechte und normen der verfassung sind unantastbar - änderungen nur im internationalen konsens und im geiste von mehr bürgerrechten, freiheiten und im sinne der allg. menschenrechte möglich, niemals dagegen - mit keiner mehrheit. dann ist gegen mehr direkte demokratie nix zu sagen.

Kritiker1A
00
Es ist ja keine Diktatur auf zeit sondern eine Diktatur mit zeitloser Verlängerung...

Mehrparteiendiktatur.
Partei = kriminelle Organisation mit dem Ziel sich in alle Behörden und Ministerien einzunisten und möglichst vielen Parteisoldaten einen möglichst sicheren Jobs zu verschaffen und möglichst viele Personen in einer Parteiabhängigkeit zu bringen.

z.b. 2.000.000 Menschen leben in Genossenschaftswohnungen die von den Parteien kontrolliert werden. Die Gelder kommen von den Wohnbauförderungen die die Arbeitnehmer zu entrichten haben.
Mehr als 1.000.000 Wähler sind Dienstnehmer in Parteikontroliierten Betrieben oder Beamte, die als Stammwähler diese Parteien weiterhin an der Macht halten.

Arcoíris
10
Noch eine Meinung:

http://www.zeit.de/politik/d... ls/seite-2

...Doch Volksabstimmungen bergen Risiken. Gesellschaftliche Konflikte könnten noch stärker populistisch aufgeladen, Ressentiments noch stärker geschürt werden. Auch Lobbys, Unternehmen oder Kapitalinteressen könnten versucht sein, ihre Ziele auf diesem Wege mit viel Geld und professionellen Kampagnen durchzusetzen.

aha15
00

ich bin immer wieder erstaunt, wie argumente gebracht werden, die um so stärker auf die indirekte, rein parlamentarische demokratie zutreffen. es benötigt sehr viel weniger geld und aufwand, das gleiche bei den wenigen parlamentariern zu erreichen. lobbyisten nennt sich das und sie existeren eigentlich seit jeher.

Frodo Der Hobbit
00
die entwicklung wird einfach schneller und sichtbarer

es ändert sich rein gar nichts.

denn:
auch bisher hängt das wahlergebnis davon ab, wie wirksam die parteien und spitzenpolitiker ihre linie vertreten können, und wie wirksam die zeitungen in die suppe spucken. auch bisher ist das medienkonglomerat eine schattenregierung, und politiker den partikularinteressen und lobbies zugetan.

mit direkter demokratie ist aber der bürger gefordert, mehr über seinen staat zu lernen, denn fehler machen sich auch drastischer bemerkbar. das kann langfristig nur gut sein, und dem land international einen wettbewerbsvorteil verschaffen: intelligenteres, vernetzteres handeln!

Frodo Der Hobbit
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müller-funk gibt doch damit zu,

dass er überhaupt nicht damit rechnet, dass eine mehrheitsentscheidung der bürger rational und sinnvoll sein kann, wenn sie zb in opposition zu den spitzenpolitikern entscheidet.

er leugnet die notwendigkeit, dass sich der staat zu dieser mündigkeit schleunigst hin entwickeln muss, um eben nicht in post-demokratische verhältnisse zu verfallen, denen dann post-staatliche folgen würden.

bewusstsein
00

all das was sie ansprechen gilt meiner einschätzung nach noch in viel stärkerem ausmaß für die repräsentative demokratie. schauen sie sich die zusammensetzung unseres parlament an. es scheint manchmal so, als hätte jeder eine lobby, bis auf den bürger.

duplo66
00

Danke für den Link, interessant.

Zustimmung auch zu Ihren Einwänden - das "klassische" Beispiel Schweiz bestätigt diese eindeutig: Nicht selten versuchen Interessenträger (von welcher Seite auch immer), die öffentliche Meinung durch "professionelle Massnahmen" zu beeinflussen.

Gleichzeitig beweist die Situation in der Schweiz aber genauso, dass die Bevölkerung sehr wohl sehr schnell auf negative Auswirkungen zu reagieren vermag: Die allzu populistischen auftretenden "Konservativen" waren die eindeutigen Verlierer der letzten Wahlen und Abstimmungen.

Mit anderen Worten: Es gilt, der Bevölkerung Vertrauen zu schenken. Die heute aktive Politikerkaste ist weit entfernt vom Leben, deshalb läuft so viel schief.

aha15
00

zwei an sich funktionierende systeme gegeneinander auszuspielen bringt gart nichts.

es geht doch darum, sich weiter zu entwickeln und schlussendlich das bessere auch anzuwenden. das bessere - die direkte demokratie - schliesst die indirekte demokratie mit ein. völlig klar, dass auch das bessere seine nachteile hat. diese gilt es, zu minimieren.

Mark Syl
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würde es auf das hinauslaufen, wie es felber beschreibt, wäre ich mit ihm, nur sehe ich, dass die neuen forderer einer diesbezüglichen änderung anderes im sinn haben und ureigene forderungen durchboxen wollen. problematisch ist es auch, wenn man ahnungslose bürger, die auch noch emotional beladen sind (siehe die törichten wutbürger mit all ihren (oft, nicht immer!) lächerlichen bürgerinitiativen), bestimmen sollen. die fahren drüber, ärger als jeder diktator, würde man sie lassen

Salz Burger
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Gutes Argument. Hinter den Bürgerinitiativen verstecken sich eben häufig auch pure Egoisten, denen es nur um sich geht.

Zukunftsoptimist1
00
17.2.2012, 19:32
Postings wie die vorigen zeigen eine totale Ahnungslosigkeit über Bürgerinitiativen.

Was bringt die Menschen dazu, wütend zu sein? Die sind nicht aus Langeweile oder Jux wütend. Sie sind darüber wütend, dass die von ihnen Gewählten nicht ihre Interessen vertreten, sondern von Lobbies gekauft werden und nach deren Pfeife tanzen. Dass sie ihre (oft korrupten) Fehlhandlungen dann noch dazu mit behaupteter Rechtskonformität verbrämen. Dass sie damit ihre Wähler nicht nur verraten, sondern auch vera...en. Es ist blanker Zynismus, ihnen dann noch Emotionalität vorzuhalten. Und besonders infam ist es, Menschen, die für mehr Demokratie eintreten, als Egoisten zu bezeichnen. So gesehen möchte ich sehen, wer da kein Egoist ist - die gewählten Volksvertreter vielleicht? Daran sieht man, wie lächerlich solche Zuordnungen sind.

Frodo Der Hobbit
00
man muss erst einen mechanismus brechen

der bei uns gerade erst entsteht:
dass sich wutbürgergruppen einfangen und als mobbender tea-party apparat instrumentalisieren lassen, indem die entsprechenden schwerst bewaffneten lobbies ihre magazine voll konservativ-onkel-franz rhetorik im dauerfeuer entladen, wie es in amerika in form der radio-hassprediger und murdochs anchormen geschieht.

das problem des konservativ-mobs beschreibt ja schon rosegger. in ihrer sucht nach klarheit, einheit und einfachheit entwickeln sie grenzenlose rücksichtslosigkeit, wenn man sie gewähren lässt.
das heisst nicht, dass konservative grundwerte per se falsch seien, aber sich müssen sich in die gesamtheit der interessen einordnen, und ihr dominanztrieb muss gebremst werden.

duplo66
01

"Törichte" Wutbürger sind eine Minderheit. Solche "Splittergruppen" haben in der Schweiz noch nie Erfolg gehabt.

Allerdings sind leider auch Politiker als eine "Minderheit" zu betrachten, welche über die Mehrheit der Bevölkerung bestimmt - und das fast unkontrolliert. Interessant, dass dieser Zustand nicht als solcher wahrgenommen wird.

Die Mehrheit der Bevölkerung hat in der direkten Demokratie nie Probleme gehabt, "extrem" denkende Splittergruppen in die Schranken zu verweisen. Das funktioniert offensichtlich in den indirekten Demokratien mehr schlecht als recht.

Salz Burger
00

Diese Splittergruppen haben eh bei uns auch keinen Erfolg, weil deren Egoismus recht leicht erkennbar ist.
Wir müssen aber aufpassen, dass wir solchen Leuten nicht Rechte geben, die sie über andere herrschen lässt.

1116er
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zum wiederholten male: denkt an zwentendorf!

wurde bei dieser volksabstimmung über die SACHE abgestimmt?
nein, für den knappen ausgang verantwortlich war eine abstimmung über die performance der kreisky-alleinregierung!

solange ein volk nicht in der lage ist, diese unterscheidung zwischen sachentscheidung und allgemein politischer entscheidung zu treffen, DARF es nicht allein und ungefiltert entscheiden.

und seit 1978 hat sich an der unfähigkeit der bevölkerung in dieser frage nichts verbessert. im gegenteil!

Frodo Der Hobbit
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humbug.
schwimmen lernt man erst im see.

und es ist notwendig, dass in summe mehr intelligenz und mehr beschäftigung mit sachthemen platz greifen.

zu viele köche verderben den brei, aber zu wenige kriegen die halle nicht satt und langweilen mit billigst-eintopf.

1116er
00
schwimmen lernt man erst im see.

wo mindestens die hälfte der lernenden dabei ersaufen!

bewusstsein
00

woher wollen sie das wissen?

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