Eine Kirchensteuer für Ausgetretene ist wie eine Tabaksteuer für Nichtraucher

Kommentar | Sebastian Pumberger, 4. Jänner 2012, 19:44

Oberösterreichs Bauernbundchef deutet aber auch eine berechtigte Frage an: Was passiert mit den Kulturdenkmälern, wenn die katholische Kirche einmal zu deren Erhaltung nicht mehr in der Lage sein wird?

Es gibt Vorschläge, die glaubt man beim ersten Mal lesen ja nicht. Die Forderung nach einer Kirchensteuer für all jene, die aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten sind, ist so eine Meldung. Glaubt man nicht, will man vielleicht auch nicht glauben. Zunächst würde man eine Satiregruppe hinter dem Ansinnen vermuten. Aber da der oberösterreichische Bauernbund selten ob seiner Satiretätigkeit auffällig geworden ist, müssen wir einmal von einem ernstgemeinten Appell ausgehen.

Gut, es ist der Bauernbund, da kann es schon einmal passieren, dass klerikale Anwandlungen an die Oberfläche kommen. Doch vielleicht ist das alles Teil der derzeit so populären Steuerfindungsdebatte. Da will der Chef des oberösterreichischen Bauernbunds natürlich seine Ideen beitragen. Der Kirche geht es ja ob der vielen Austritte schlecht, und vermutlich werden die Steuereinnahmen ob der sich der Kirche abwendenden Menschen auch weiterhin sinken. Aus der Wiener Erzdiözese heißt es jedoch, die nächsten fünf Jahre gebe es finanziell keine gröberen Probleme, der Vorschlag des Bauernbunds sei "unausgegoren".

Die über Jahrhunderte aus einer Vormachtstellung heraus errichteten Bauten wollen jedoch erhalten werden. Sollen sie auch, keine Frage. Doch diejenigen die aus der Kirche ausgetreten sind, kann man dafür nicht zur Kasse bitten. Man muss - wenn überhaupt - eine kulturpolitische Lösung finden und anerkennen, dass viele Kulturbauten schützenswerte Objekte - ob Kirchen, Synagogen oder Moscheen - sind, gleich wie man zu der darin praktizierten Religion steht.

Wir müssen aber auch die positive Seite dieses Bauern-Juxes sehen. Die ÖVP diskutiert freiwillig über eine neue Steuer. Zumindest will ihr Chef, derzeit Michael Spindelegger, in einer ersten Stellungnahme sich "zumindest einmal auf eine Diskussion" einlassen, und bekundet dies sei ein Vorschlag, "den man bewerten muss". So ganz gegen mehr Geld für die katholische Kirche wollte sich Spindelegger  in dem kurzen Interview offenbar nicht stellen und verlor sich in Politikerphrasen. Schade.

Denn vielleicht können wir uns in Zukunft in Analogie zur Kirchensteuer für alle auch auf eine Tabaksteuer für alle Nichtraucher, eine Alkoholsteuer für alle Abstinenten oder eine Mineralölsteuer für Radfahrer einigen. Wieviele Milliarden das wohl bringen mag? Oder ernsthaft über Erbschafts-, Schenkungs-, Vermögens-, oder Luxussteuer diskutieren.

Irgendwann werden wir in diesem Land vielleicht auch diskutieren müssen, was wir mit dem kulturellen Erbe der Zeit des Katholizismus machen, wenn dieser einmal nicht mehr oder nur mehr in die Bauten nicht erhaltenden Dosen vorhanden ist. Eine Diskussion zur gerechten Aufteilung der Erhaltungskosten von Kulturbauten jeglicher Art muss aber unabhängig von einer Stigmatisierung Ausgetretener oder Atheisten erfolgen, und fern von religiöser Zugehörigkeit stattfinden. Diese Diskussion ist zu führen, die Erhaltung unserer Kulturbauten - als primär museale Stätten - ist im Interesse aller, gläubig oder nicht. Eine Bestrafung aus der Kirche ausgetretener ist jedoch - entschuldigen Sie das Wort - jenseitig. (derStandard.at, 4.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 550
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
isai
00
28.4.2012, 18:04
Die Titelzeile trifft den Nagel (fast) auf den Kopf

Allerdings müssten es in diesem Zusammenhang die ehemaligen Raucher sein, von denen als Nichtraucher Tabaksteuer ein gehoben werden würde.
Die Kirchen"Steuer" fällt außerdem nicht dem Fiskus zu ....
Prinzipiell sollte vom Staat für die Erhaltung von kulturellen (wenn auch religiösen) Bauten und Denkmälern gesorgt werden. ABER dann zahlen wieder alle Steuerzahler (ob religiös oder nicht) ... somit beißt sich die Katze in den Schwanz ...
Außerdem ist von unseren Politikern kein Erfindungsreichtum in punkto Kulturförderung zu erwarten, eher Fantasie im Bereich Einsparen an genau den Punkten, die eigentlich den Wert einer Gesellschaft ausmachen: Bildung und Kultur (siehe BM Töchterle bzw. Scmied)

pick up artist - experte für genderfragen
00
Ich bin der Meinung

dass man Verblödungssender besteuern soll:
http://www.youtube.com/watch?v=FWTQmnrZiyg

Dramaqueen
00
Einige Kirchen kann man umgestalten in Lofts für Wohngemeinschaften

Imagine all the people living life in peace...

Werner Lischka
00
es ist klar, dass religions-bashing im standard ...

... en voc ist (ok - mit ausnahme nicht-christlicher gemeinschaften). dennoch sollte man sich mit den fakten auseinandersetzen.
a) es gibt in ö wenige religiöse aber nicht-katholosche baudenkmäler.
b) die mitgliederzahl der kath. kirche schrumpft (egal ob gut oder schlecht).
c) es ist daher absehbar, wann der erhalt dieser bauten nicht mehr gewährleistet werden kann.
d) ein grosser teil dieser bauten trägt zum bild ö's wesentlich bei (ortsbild, kulturschatz, etc.).
e) ein möglicher ausweg - verzicht d. kirche auf nicht-finanzierbare bauten und erhalt dieser mittels kulturabgabe (die auch für andere bauten verwendet werden könnte) - oder verzicht a.d. bauten und ruinen in den orten (wo kein geld, da kann d. denkmalamt nichts erzwingen).

G. Berkeley
00
15.5.2012, 15:53
Auch ein privater muss sich dem Denkmalamt unterwerfen,...

...wenn dieser ein geschütztes Gebäude umbauen will.
Somit soll die Kirche die Bauten die nicht mehr gebraucht werden gefälligst verkaufen.

mfg

aana
00
en voc schreibt man übrigens "en vogue"

und heißt "in der Welle" (franz.).

Werner Lischka
00
10.1.2012, 13:24
danke - ich weiss mein französisch ...

... grächte mich direkt auf die guillotine (tintin mit wörterbuch - naja).

aana
02
Nach einer ähnlichen Aussage Marie Antoinettes

ist immerhin die franz. Revolution ausgebrochen, da sind sie mit Kirchen-Bashing noch gut dran, weil wir alle sehr zivilisiert sind. Um uns zu verstehen, müssten sie sich einmal gut informieren über die Kirche, deren Finanzen und evtl. die ungeschminkten Fakten studieren, wie sie z.B. bei Deschner stehen. Das ist aber sehr schwer möglich, da die Kirche die einzige Organisation ist, die kein Sterbenswörtchen übr ihre Finanzen verliert, während in A jede Pimperl-GmbH. eine Bilanz legen muss. Was glauben Sie warum sie nichts veröffentlichen?

ger65
00
31.1.2012, 20:52
die bilanz der Pimperl GmbH ...

...bekommen sie aber als durchschnittszwerg auch nicht zu gesicht!!!

und das ist auch gut so, denn dinge die sie nichts angehen, können sie zwar brennend interessieren, es wird aber niemand geben, der ihre neugierde befriedigt.

das problem ist, dass jeder zwerg glaubt, dass er das recht auf alle informationen der anderen hat. diese meinung hat sich mittlerweile leider durchgesetzt ...

DarktowerX
00

doch, man bekommt die Bilanz jeder Gesellschaft, die im Firmenbuch steht.

aiuto
00
10.1.2012, 14:50
gut gesagt !

Offenlegung der Finanzen und Aufhebung, bzw. Neuverhandlung des Konkordats aufgrund geänderter Umstände.

Mirabeau
00
Das wurde aber nicht vorgeschlagen!

Wenn die Republik von der Kirche historisch bedeutsame Immobilien erhält, wird sie diese selbstverständlich auch erhalten und einer Verwendung zuführen. Das ist ja wohl selbstverständlich! Wir erhalten ja auch Schloß Schönbrunn, oder?

Der Vorschlag ziehlte aber darauf ab, daß die Kirche ihre Immobilien behält, diese aber von Ex-Mitgliedern der Katholischen Kirche erhalten werden müssen!

Das wäre im Prinzip so, wie wenn die Habsburger Schönbrunn mit Park zurück bekommen, und die Republik muß trotzdem Gebäude und Park erhalten, sozusagen als Strafe dafür, weil die Republik ja irgendwann teil des Habsburgerreich war, und aus diesem "ausgetreten" ist.

Das wird's sicher nicht spielen!

aiuto
00
die rk Kirche sollte sich zuerst einmal von

ihren Realitäten und wirtschaftlichen Betrieben (Pressevereine, Verlagshäuser, usw.... ) trennen, des weiteren müßte dringend das Konkordat aus den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts wegen laufend sinkender Mitgliederzahlen der rk Kirche neu verhandelt, oder überhaupt aufgehoben werden.
Daraus fließen der Kirche nämlich noch immer unermeßliche Geldmittel aus unserer Staatskasse zu.
Wenn das alles geschehen ist, dann kann man über neue Regelungen für die Zukunft verhandeln.

Werner Lischka
00
10.1.2012, 13:28
die logik versteh ich nicht ganz ....

... die erhaltungsaufwände sind höher als die eingänge aus mitgliedsbeiträgen plus wirtschaftlichen gewinnen aus anderem besitz.
bevor die öffentliche hand eingreifft muss diese differenz noch grösser werden (verkauf d. wirtschaftsbetriebe)?
ihr hass a.d. kirche in allen ehren - aber sind sie sicher, dass sie nicht wo angerannt sind?

aiuto
02
10.1.2012, 14:46
Sie schneiden die finanzielle Gebahrung

der Kirche an,.... ein sehr sehr heikles Thema. Diese Gebahrung müßte zuerst einmal offengelegt werden, damit man sich mit ihr auseinandersetzen könnte. Auch haben Sie unberücksichtigt gelassen, dass ein Großteil der Mittel nach Rom, bzw. in die Missionierung fließen.

Werner Lischka
10
10.1.2012, 20:13
prinzipiell ist es egal, was mit den mitteln geschieht ...

... wenn ich die erträge verringere, wird die last für den staat noch höher.
der ansatz war ja - kirche (bzw. jede organisation, die ein kulturell wertvolles bauwerk besitzt) übergibt d. nicht erhaltbare objekt a.d. staat, der erhält
man kann ja prüfen - will der eigentümer nur lasten lso werden oder gehts wirklich nicht mehr (ich garantiere ihnen, dass finanzer sehr gut darin sind).
die zeiten des petrus-pfennigs sind lang vorbei - rom kann sich eine bankrotte kirchenorganisation schlicht nicht leisten - und die r.k. kirche in der rep. österreich hat wenig gemein mit der kirche der habsburger monarchie.
Jede glaubensgemeinschaft missioniert - warum sie das b.d. kath. krche kritisieren ist mir zwar rätselhaft, aber bitte.

aiuto
00
11.1.2012, 11:01
Missionierung schön und gut,..

aber dann soll man das offen sagen und nicht für die Armen in der Dritten Welt sammeln (Dreikönigsaktion), das Geld dann aber für Missionierungstätigkeit verwenden.

Werner Lischka
10
11.1.2012, 12:10
caritas und mission ...

... sind zwei unabhängige bereiche - allerdings können sie nicht von einer kirche verlangen, dass sie hilfsleistungung unter einem neutralen logo liefert.
hilfe wird immer unter dem motto - 'tue gutes und rede darüber' laufen - wurscht ob staatlich oder durch eine religiöse organisation (schaun sie sich mal die saudis an!).

Werner Lischka
00
ich habe auch nicht den vorschlag ...

... per se für gut befunden.
meine äusserung bezieht sich einerseits auf das kirchenbashing und andererseits auf die weigerung sich einmal die faktischen hintergründe zu dieser 'idee' zu überlegen.
das einzig positive an dieser ist die tatsache, dass eine diskussion über die erhaltung von kulturgütern (und damit meine ich nicht nur kirchen) begonnen wurde, bevor die dinger völlig kaputt sind.
in der aktuellen form ist der vorschlag sicher ein kabaretistisches meisterstück, mehr aber nicht.

Nik M
00
Zuschuesse an die Kirche, sonst noch Wuensche

wie jeder Eigentuemer wird die Kirche, wenn sie sich den Erhalt ihrer Besitztuemer nicht leisten kann, verkaufen muessen. Das ist ein natuerlicher Prozess, der hoffentlich eher fueher als spaeter beginnen wird.

Statt die Kirche zu sponsorn, damit sie IHRE Gebaeude erhalten kann, sollt man die Grundsteuern anheben, und bei der Kirche keine Ausnahme machen. Das geht ja auf keine Kuhhaut, was in Oe alles der katholischen Kirche gehoert.

anton anton
01
das gleiche wie

für die GIS bezahlen und sie nicht konsumieren

DarktowerX
00

Der einzige Grund, warum ich ev. doch für die GIS zahlen würde, ist die Erhaltung von objektiven (ja, ich weiß, aber zumindest dem Anspruch nach) Nachrichten, die ich bei einem rein privat finanzierten Sender sehr gefährdet sehen. Aber das Unterhaltungsprogramm beim ORF ist unter jeder Sau. Da gibts entweder Volksmusik oder uralte Filme.

don't follow me
04

Dafür dann aber auch Landwirtschaftsförderungen für Nicht-Landwirte..

obisausa
00

wie waers mit verkaufen und daraus Discos zu machen,
Schottland z.B......

StefanHab
00
Kirchenaustritte

Wenn die Herren bei der Kirchenbeitragsstelle etwas flexiblker wären gebe es sicherlich weniger Austritte. Ich bin selber diese Woche ausgetreten da Verhandlungen zu keinem Ergebniss geführt haben. Habe wiohlgemerkt 120 Euro Pro JAhr angeboten zu zahlen anstatt dem geforderten Betrag von 294 Euro. Die Aussagen auf meinen Einwand, dass ich mir dies nicht leisten kann der Verantwortlichen ware dann fahrens nett auf urlaub oder schenkens ihren Kindern halt nichts zu Weihnachten. Daher soll die Kirche selber alles erhaqlten und wenn sie es sich nicht mehr leisten kann eben ihre Ländereien verkaufen wie jedes andere Unternehmen auch auf dieser Welt. Aber auf dem Vermögen sitzen und die andern sollen zahlen ist zum vergessen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 550
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.