"In China hatten sie Haustiere, die besser aßen als wir"

5. Jänner 2012, 18:45

Die Bevölkerung hungert, die Heimat zu verlassen ist für viele der einzige Ausweg - Die Geschichte einer Flucht

Ji Seong-ho ist Nordkoreaner und Jahrgang 1982. Das ist eigentlich alles, was ihn mit Kim Jong-un verbindet, dem "großen Nachfolger" der Kim-Dynastie in Pjöngjang. Seine Lebensgeschichte hat nichts mit der des Diktatorensohns gemein. Während Kim Jong-un in der Schweiz zur Schule ging, hungerte Ji Seong-ho.

Es ist der 7. März 1996. Die Zeit der großen Hungerkatastrophe in Nordkorea, die bis zur Jahrtausendwende etwa zwei Millionen Menschen das Leben kostet, auch Ji Seong-hos Großmutter. Die öffentliche Ordnung ist längst zusammengebrochen. Um nicht zu verhungern, hat Ji Seong-ho in den vergangenen Tagen Gras gegessen. Nun versucht er von einem Zugwagon Kohle zu stehlen, um sie gegen Nahrungsmittel zu tauschen. Dabei fällt er vor Hunger in Ohnmacht, gerät unter den rollenden Zug. Die linke Hand und der linke Fuß werden abgetrennt.

Was schon in Ländern mit einem gutem Gesundheitssystem eine aufwändige Notoperation bedeutet, gleicht in Nordkorea einem Todesurteil. Ji ruft um Hilfe, Anwohner finden ihn und bringen ihn ins Krankenhaus. Nach einer Woche wird er wieder entlassen. Im Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hoeryeong können die Ärzte nichts für ihn tun.

Hoeryeong ist eine 130.000 Einwohner zählende Stadt in der Provinz Hamgyeongbuk-do in der nordöstlichsten Ecke des Landes, eine triste Gegend zwischen China, Russland und dem Pazifik. Nur 20 Kilometer vor den Toren der Stadt liegt Lager 22, das größte Konzentrationslager des Landes.

Doch selbst bis hier gelangen südkoreanische Videos und Gerüchte über Chinas Wohlstand. Das will Ji Seong-ho mit eigenen Augen sehen. Mit einem Freund macht er sich im Frühjahr 2000 auf den Weg ins Nachbarland. "In China hatten die Menschen Haustiere, die besser gegessen haben als die meisten Nordkoreaner" , erinnert er sich.

"Gegen Würde der Nation"

Vier Wochen bleiben die beiden. Wieder in Nordkorea wird Ji Seong-ho verhaftet und eine Woche lang gefoltert. Republikflucht - und sei es nur für einen Tag - ist Verrat am Vaterland. Weil er behindert ist, trifft es ihn besonders schlimm. Durch die Zurschaustellung seiner Behinderung habe er die Würde der Nation beschmutzt, wirft man dem 18-Jährigen vor.

Die nächsten Jahre hält sich Ji mit Farbenhandel über Wasser. 2004 verschwindet sein bester Freund, zwei Jahre später kommt dann ein Anruf: "Ich bin in Südkorea, und ich hole dich da raus."

Sein Freund hat aus Südkorea für Seong-ho und seinen Bruder die Flucht nach China arrangiert. Nachts schleichen die beiden zur Grenze. Es ist Sommer, Regenzeit. Der sonst seichte Grenzfluss Tumen ist jetzt ein reißender Strom. Gut schwimmen kann Seong-ho nicht. "Mein Bruder hat mich gerettet, ohne seine Hilfe wäre ich ertrunken" , ist er sich sicher. In China angekommen trennen sich die beiden. Sie müssen es quer durch das Riesenreich bis nach Laos und weiter nach Thailand schaffen, zu Fuß, per Autostopp und als blinde Passagiere. Bei Entdeckung drohen erst Rückführung nach Nordkorea und dort mehrere Jahre im Arbeitslager.

In der südkoreanischen Botschaft in Thailand trifft Seong-ho Mitte November seinen Bruder wieder. Die Krücken, die ihm sein Vater gebaut hat, sind zerbrochen, geflickt und eigentlich nicht mehr zu gebrauchen. Die monatelange Reise hat Spuren hinterlassen. "Ich hatte Angst vor Südkorea" , erzählt Ji Seong-ho. "Aber als ich am Flughafen ankam, wurde mir ein Rollstuhl gebracht, und ich wurde ganz freundlich behandelt."

"Ende November 2006 habe ich in Nordkorea angerufen, um meinem Vater zu sagen, dass auch er bald in den Süden kommen wird" , sagt Seong-ho leise. Die Nachbarn berichten, sein Vater sei seit einer Woche tot. Er habe nach China gewollt und sei von Grenzern aufgegriffen worden. Die hätten ihn gefoltert. An den Folgen der Folter sei er letztlich gestorben.

In Südkorea, in Freiheit, möchte Seong-ho dem Erlebten einen Sinn geben. Er schreibt sich an der Universität in Seoul für Jus ein. Sein Ziel: Menschenrechtsanwalt werden, Nordkorea und den Nordkoreanern helfen. Einmal pro Woche sendet er ein 20-minütiges Programm auf Radio Free Asia.

Der Tod Kim Jong-ils beschäftigt ihn. Die im Fernsehen gezeigte Trauer nimmt er seinen Landsleuten nicht ab. "Die Nordkoreaner, mit denen ich ab und zu Kontakt habe, berichten von enttäuschten Hoffnungen und Angst vor der Zukunft." Er zieht Parallelen zum Tode Kim Il-sungs 1994, dem Vater des nun verstorbenen Kim Jong-ils. "Damals haben die Menschen wirklich getrauert. Unter Kim Il-sung ist niemand verhungert" , erinnert sich Ji. Die Hoffnung auf Veränderung gibt er nicht auf. "Ich möchte eines Tages zurückkehren nach Nordkorea. Nicht unbedingt nach Hoeryeong, aber in ein freies, wirklich demokratisches Nordkorea." (Jan Janowski und Malte E. Kollenberg aus Seoul/DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 150
1 2 3 4
02515151541
50
"-Mit einem Freund macht er sich im Frühjahr 2000 auf den Weg ins Nachbarland. "In China hatten die Menschen Haustiere, die besser gegessen haben als die meisten Nordkoreaner" , erinnert er sich.-"

wiso um alles in der Welt ist er dann wieder nach
Nordkorea zurück????

nur um dann "gefoltert" zu werden, und um doch wieder
mit seinem bruder nach China zu gehen???

wie ist er damals über grenze gekommen?
ist es villeicht doch nicht so schwierig eine Reiseerlaubnis für China zu bekommen???

und wiso um alles in der Welt wird ein "Gschichtl" von 2006 hier und jetzt so derartig aufgewärmt??????

fragen über fragen...

Blubber bläschen
00
und wiEso...

schreibst du wiEso immer ohne E?

Georg Schütt
22
"Nordkoreaner in einem der wenigen Vergnügungsparks in Pjöngjang."

Und das offenbar im Marschblock und im Gleichschritt. - Sagt schon mehr als genug aus über diesen Staat.

02515151541
61
"2004 verschwindet sein bester Freund, zwei Jahre später kommt dann ein Anruf: "Ich bin in Südkorea, und ich hole dich da raus." "

""Ende November 2006 habe ich in Nordkorea angerufen, um meinem Vater zu sagen, dass auch er bald in den Süden kommen wird""

echt jetzt?

man kann in nordkorea einfach so anrufen, noch dazu von Südkorea aus??

und der alles überwachende Staat hört nicht mal mit?

hmmm wiso dachte ich bloß,
dass das es dort so wäre?

dr deibl
13

die gefühlskälte, die ihr zynismus ausstrahlt, ist diesselbe, die solche menschliche katastrophen ermöglichen.

soviel dummes daherargumentieren und fehler suchen um ja recht zu behalten. das ist keine objektivität oder sachlichkeit, sondern ....(beherrsch dich deibl, ganz ganz feeeeeest!)...menschenverachtende ignoranz.

sie pseudo-informierter

h 90
22

Ja heute arbeitet das Propaganda Ministerium wieder schlampig.
Und morgen im Standard. Die Mullahs essen kleine Kinder.....

uriminzokkiri
03

"hmmm wiso dachte ich bloß,
dass das es dort so wäre?"

weil sie uninformiert sind.

Mann40
22

Heinz Fischer, österr. Bundespräsident

=Präsidiumsmitglied der österreichisch-nordkoreanischen Freundschaftsgesellschaft

einfach unglaublich so etwas

john pell
10

Vollig Falsch !!!

john pell
00

Heiz fischer WAR seine zeit in die koreanische freunde gesselschaft ,di ubrigens volller von ovpelerr und FPöler rote und grune also alle parlament partei, aber jtuz ,mindestes 10 jahre ist nicht in die freunde gesselschaft
oder habe sie beweise sommst ist einer billiger verleumung

Mann40
00

auch damals war es bereits eine Zumutung, dass man bei diesem Verein war....mitnichten eine Verleumdung.

02515151541
12
wie Mr. Ji seine Gliedmaßen verlor?

"he fell from a coal train he had sneaked into in the hope of stealing fuel to heat his impoverished family's home.

As he lay injured, he was hit by another carriage. He now has two artificial limbs."
http://tinyurl.com/74sbgac

also er wollte nicht Kohle klauen um gegen essen zu tauschen, sondern seine Hütte beheizen...

er ist auch nicht vor Hunger dabei ohnmächtig geworden, sondern ist vom Waggon gefallen!

uriminzokkiri
01

weil es im anderen artikel steht entspricht es also der wirklichkeit? es ist immer wieder amüsant wie unkritisch und leichtgläubig leute wie sie letztendlich sind.

ich kann ihnen einen artikel aus dem jahr 2010 zeigen in dem steht dass er die kohle zur geldbeschaffung brauchte und durch das heben der schweren kohle ohnmächtig wurde. was stimmt nun? was sich wirklich zugetragen hat weiss aber nur Herr Ji selbst.
http://www.nkd.or.kr/news/arti... /view/5286

02515151541
10

es stimmt jedenfal, dass sie kein koreanisch können!
da steht nämlich, er sei ausgerutscht!

jedenfall der grund für die tat ist unterschiedlich:
dort klaut er nämlich, weil es sein "beruf" ist....

john pell
12

http://en.wikipedia.org/wiki/Kaec... ation_camp

ein fach als infos für die alle "freunde" von die nord koreanische regim

Dagmar Rehak Wien
 
30

Schaut für mich eher wie eine Fabrik für Massenvernichtungswaffen aus. Ich hab da einen geübten Blick.

02515151541
01
02515151541
01
zechenkasla
01

der unterschied ist halt, dass im west regime mörder, vergewaltiger, diebe, etc. in solchen lagern sitzen während es in nordkorea leute sind, die dafür angeklagt werden illegal das land verlassen zu wollen. wegen republikflucht sitzt in den usa niemand im gefängnis

warum ist eigentlich das einzige was manchen leuten zum thema nordkorea einfällt, dass es bei den amis auch nicht besser wäre? dass die amis scheinheilige heuchler sind, braucht man ja nicht zu diskutieren, aber davon wird das was die nordkoreanische führung betreibt auch nicht weniger schlimm

man braucht einen heuchler nicht mit dem argument verteidigen, dass es noch viel grössere heuchler gibt

Dagmar Rehak Wien
 
101

Ich glaub das Gschichtl nicht. Für mich klingt das wie kriegsvorbereitende Propaganda.

foxy herta
01
und ihr wissen haben sie so erworben?

http://www.facebook.com/media/set... 0473045128

02515151541
20
interessant...

da wird doch immer berichtet "republikflüchtlinge" und andere Regimegegner werden bis zur 3ten Generation verhaftet und in Arbeitslager gesteckt:

da "desertiert" zurerst seine Mutter und Schwester
(2004) 2 jahre später,
nachdem er einen privaten Farbenhandel im kommunistischem N.Korea betrieb,
er selbst incl. seinem Bruder.
und wenige Monate später schließlich sein Vater.
(Parteimitglied und Chemiearbeiter)

natürlich wurde sein Vater auch zu tode gefoltert
worden und ist nicht etwa im reissenden Fluss ertrunken, so wie es ja ji seung-ho fast passiert wäre....

uriminzokkiri
10

die behandlung familienangehöriger von republikflüchtigen variiert. ab dem jahr 1992/93 wurde die sippenhaftung etwas aufgeweicht um sich nicht zuviele interne feinde zu machen. statt arbeitslager kam es dann je nachdem "nur" zur umsiedelung oder zu einer statusreduktion. ausserdem kann man sich oftmals mit geld freikaufen.
mordkorea ist und bleibt aber ein repressiver staat der die menschenrechte mit füßen tritt.

marktwirtschaftliche aktivitäten gibt es im "kommunistischen" nordkorea übrigens schon lang. sie haben keineswegs etwas widersprüchliches entdeckt.

02515151541
10
"ab dem jahr 1992/93 wurde die sippenhaftung etwas aufgeweicht..."

bitte teilen sie ihre erkenntnis auch den betreffenden
"nordkorea-experten" und Nachrichenagenturen mit, die erzählen nämlich auch
2012 noch was anders...

mfg

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 150
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.