Die Bevölkerung hungert, die Heimat zu verlassen ist für viele der einzige Ausweg - Die Geschichte einer Flucht
Ji Seong-ho ist Nordkoreaner und Jahrgang 1982. Das ist eigentlich alles, was ihn mit Kim Jong-un verbindet, dem "großen Nachfolger" der Kim-Dynastie in Pjöngjang. Seine Lebensgeschichte hat nichts mit der des Diktatorensohns gemein. Während Kim Jong-un in der Schweiz zur Schule ging, hungerte Ji Seong-ho.
Es ist der 7. März 1996. Die Zeit der großen Hungerkatastrophe in Nordkorea, die bis zur Jahrtausendwende etwa zwei Millionen Menschen das Leben kostet, auch Ji Seong-hos Großmutter. Die öffentliche Ordnung ist längst zusammengebrochen. Um nicht zu verhungern, hat Ji Seong-ho in den vergangenen Tagen Gras gegessen. Nun versucht er von einem Zugwagon Kohle zu stehlen, um sie gegen Nahrungsmittel zu tauschen. Dabei fällt er vor Hunger in Ohnmacht, gerät unter den rollenden Zug. Die linke Hand und der linke Fuß werden abgetrennt.
Was schon in Ländern mit einem gutem Gesundheitssystem eine aufwändige Notoperation bedeutet, gleicht in Nordkorea einem Todesurteil. Ji ruft um Hilfe, Anwohner finden ihn und bringen ihn ins Krankenhaus. Nach einer Woche wird er wieder entlassen. Im Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hoeryeong können die Ärzte nichts für ihn tun.
Hoeryeong ist eine 130.000 Einwohner zählende Stadt in der Provinz Hamgyeongbuk-do in der nordöstlichsten Ecke des Landes, eine triste Gegend zwischen China, Russland und dem Pazifik. Nur 20 Kilometer vor den Toren der Stadt liegt Lager 22, das größte Konzentrationslager des Landes.
Doch selbst bis hier gelangen südkoreanische Videos und Gerüchte über Chinas Wohlstand. Das will Ji Seong-ho mit eigenen Augen sehen. Mit einem Freund macht er sich im Frühjahr 2000 auf den Weg ins Nachbarland. "In China hatten die Menschen Haustiere, die besser gegessen haben als die meisten Nordkoreaner" , erinnert er sich.
"Gegen Würde der Nation"
Vier Wochen bleiben die beiden. Wieder in Nordkorea wird Ji Seong-ho verhaftet und eine Woche lang gefoltert. Republikflucht - und sei es nur für einen Tag - ist Verrat am Vaterland. Weil er behindert ist, trifft es ihn besonders schlimm. Durch die Zurschaustellung seiner Behinderung habe er die Würde der Nation beschmutzt, wirft man dem 18-Jährigen vor.
Die nächsten Jahre hält sich Ji mit Farbenhandel über Wasser. 2004 verschwindet sein bester Freund, zwei Jahre später kommt dann ein Anruf: "Ich bin in Südkorea, und ich hole dich da raus."
Sein Freund hat aus Südkorea für Seong-ho und seinen Bruder die Flucht nach China arrangiert. Nachts schleichen die beiden zur Grenze. Es ist Sommer, Regenzeit. Der sonst seichte Grenzfluss Tumen ist jetzt ein reißender Strom. Gut schwimmen kann Seong-ho nicht. "Mein Bruder hat mich gerettet, ohne seine Hilfe wäre ich ertrunken" , ist er sich sicher. In China angekommen trennen sich die beiden. Sie müssen es quer durch das Riesenreich bis nach Laos und weiter nach Thailand schaffen, zu Fuß, per Autostopp und als blinde Passagiere. Bei Entdeckung drohen erst Rückführung nach Nordkorea und dort mehrere Jahre im Arbeitslager.
In der südkoreanischen Botschaft in Thailand trifft Seong-ho Mitte November seinen Bruder wieder. Die Krücken, die ihm sein Vater gebaut hat, sind zerbrochen, geflickt und eigentlich nicht mehr zu gebrauchen. Die monatelange Reise hat Spuren hinterlassen. "Ich hatte Angst vor Südkorea" , erzählt Ji Seong-ho. "Aber als ich am Flughafen ankam, wurde mir ein Rollstuhl gebracht, und ich wurde ganz freundlich behandelt."
"Ende November 2006 habe ich in Nordkorea angerufen, um meinem Vater zu sagen, dass auch er bald in den Süden kommen wird" , sagt Seong-ho leise. Die Nachbarn berichten, sein Vater sei seit einer Woche tot. Er habe nach China gewollt und sei von Grenzern aufgegriffen worden. Die hätten ihn gefoltert. An den Folgen der Folter sei er letztlich gestorben.
In Südkorea, in Freiheit, möchte Seong-ho dem Erlebten einen Sinn geben. Er schreibt sich an der Universität in Seoul für Jus ein. Sein Ziel: Menschenrechtsanwalt werden, Nordkorea und den Nordkoreanern helfen. Einmal pro Woche sendet er ein 20-minütiges Programm auf Radio Free Asia.
Der Tod Kim Jong-ils beschäftigt ihn. Die im Fernsehen gezeigte Trauer nimmt er seinen Landsleuten nicht ab. "Die Nordkoreaner, mit denen ich ab und zu Kontakt habe, berichten von enttäuschten Hoffnungen und Angst vor der Zukunft." Er zieht Parallelen zum Tode Kim Il-sungs 1994, dem Vater des nun verstorbenen Kim Jong-ils. "Damals haben die Menschen wirklich getrauert. Unter Kim Il-sung ist niemand verhungert" , erinnert sich Ji. Die Hoffnung auf Veränderung gibt er nicht auf. "Ich möchte eines Tages zurückkehren nach Nordkorea. Nicht unbedingt nach Hoeryeong, aber in ein freies, wirklich demokratisches Nordkorea." (Jan Janowski und Malte E. Kollenberg aus Seoul/DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2012)