Der Selbstzweck heiligt die Mittelmäßigen

Kolumne | Florian Scheuba, 4. Jänner 2012, 18:18

Ob die Sozialdemokratie wirklich tot ist, wird sich weisen - Dass man sich für einige ihrer führenden Repräsentanten zu Tode genieren könnte, steht jetzt schon fest

Noch keinen Tag war das neue Jahr alt, schon wurde der erste Abschied vermeldet: "Das Ende der Sozialdemokratie, es ist jetzt gekommen und ist jetzt da", schreibt Elfriede Jelinek auf ihrer Webpage und meint über Laura Rudas und Niko Pelinka: "Diese beiden sympathischen, netten jungen Leute sind ihre Totengräber, sie sind ihr Ende."

Zugegeben: Die Assoziationen "nett" und "sympathisch" in Bezug auf Laura Rudas entbehren nicht einer gewissen literarischen Exzentrik, und ob die beiden SPÖ-Kindersoldaten sich beim Grab-Ausschaufeln nicht ebenso heillos überheben wie bei ihren sonstigen Aktivitäten, sei dahin gestellt.

Aber mit einer anderen Diagnose sozialdemokratischer Befindlichkeiten trifft die Nobelpreisträgerin punktgenau: "An diesen Mädeln und Buben tritt nichts zutage, was Substanz sein könnte", meint sie und folgert daraus: "Das Nichts regiert."

Zur Überprüfung dieser These ein kleines Quiz: Im SchülerStandard vom 21. 12. 2011 wird Werner Faymann gefragt, was das höchste Ziel eines Politikers sei. Was glauben Sie, war seine Antwort? Frieden? Mehrung des Wohlstandes? Soziale Gerechtigkeit? Nachhaltige Reformen? Weit gefehlt. Laut amtierendem Bundeskanzler der Republik Österreich ist es das höchste Ziel eines Politikers, "gewählt zu werden".

In geradezu entwaffnender Ehrlichkeit bekennt er also, was in seinen Augen der Sinn von Macht ist: ihr Erhalt.

Hier lacht uns tatsächlich das Nichts in völliger Unbefangenheit entgegen. Es erinnert an einen Künstler, der "möglichst viel Geld verdienen" als Hauptmotivation seiner Arbeit bezeichnet. Das kommt vor, ist aber meistens kokett oder zynisch gemeint, und wenn es tatsächlich so ist, wird der Betreffende sich hüten, das offen auszusprechen.

Nicht so Faymann, für den völlig unzweifelhaft ist, dass man es "als Politiker falsch gemacht hat", wenn man für "richtige Maßnahmen abgewählt wird", und der im gleichen Gespräch erklärt, "dass man als Regierungschef sowieso von vornherein als Langweiler gilt". Eine ungewöhnliche Erkenntnis für den Vorsitzenden einer Partei, die sich bis zum heutigen Tag auf Bruno Kreisky beruft. Aber der hat ja auch den Fehler gemacht, Gestaltung wichtiger zu nehmen als Erhaltung, was wohl zwangsläufig zu seiner Abwahl geführt hat.

Das soll einem Werner Faymann nicht passieren, und deshalb braucht auch bei ihm und in seinem nächsten Umfeld nichts zutage treten, was Substanz sein könnte.

"Um eine Erkenntnis zu gewinnen, muss es eine Differenz geben, man muss erkennen können, wo sich ein Gegenstand vom anderen unterscheidet", klagt Elfriede Jelinek über politische Leere und Mittelmaß, doch der Kanzler liest lieber Eva Dichand. "Handy aus Kanal gefischt - Faymann half Mädchen am Spielplatz" lässt diese eine Heute-Schlagzeile verkünden. "Er war sehr sympathisch", weiß dort ein 13-jähriges Mädchen zu berichten, und ihr Vater, der zufällig Pressesprecher der Wiener Polizei ist, ergänzt pflichtbewusst: "Ungewöhnlich für einen Kanzler. Ich sage: Danke!"

Ob Österreichs Sozialdemokratie wirklich tot ist, wird sich weisen. Dass man sich für einige ihrer führenden Repräsentanten zu Tode genieren könnte, steht jetzt schon fest. (DER STANDARD; Printausgabe, 5./6.1.2012)

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Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 174
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seraphinchen
00

und gibt es vielleicht nähere informationen zum netzbetreiber des handys und wo dieser netzbetreiber print-anzeigen schaltet?

miles a head
22
Herr Scheuba

..wenn wir schon bei Mittelmäßigkeit sind...

x aeins
13

spassig die Leut´, die Bestes fordern und selbst nichts bieten, ausser großspurigem Nick

baneck08
22
Seit über 100 Jahren die immergleichen Unkenrufe derer,

die sich für Übermenschen halten, und glauben entscheiden zu können, wer ein echter Sozi sei und wer nicht.

Die Sozialdemokratie wird auch einen Scheuba überstehen ...

jacques05
11
sie haben völlig recht,...

die idee der sozialdemokratie wird auch die jetzige spö überleben.
diese idee wirkt halt in anderen parteien weiter.
oder erfindet neue.

x aeins
20

Parteisprech
klingt wie "Betriebsrat in Verstaatlichter"

The Real Zet
 
11
R.E.N.

Das Beste an Faymann war, wie er Guido Hahn (nur zufällig namensgleich mit dem Kernforscher) öffentlich in Sachen CERN-Ausstieg zurückgepfiffen hat. Damals hatte ich kurz Hoffnung, der Mann könnte an Profil gewinnen. Leider hat sich derlei nicht bestätigt, somit hat Scheuba leider recht:
Willkomen im Real Existierenden Nihilismus.

Toni Meister
12
Der betörende Glanz der Dummheit

Die Dummheit ist Voraussetzung für jede Karriere, Garant für bleibenden Reichtum, Grundlage einer zufriedenen Existenz – die Dummheit. Diese These vertritt Esther Vilar in ihrem in einer Neuauflage erschienenen Buch"Der betörende Glanz der Dummheit".

chg4711
00
Wenn schon der Regierungschef solche Ansichten

vertritt ("das oberste Ziel ist es, gewählt zu werden"), kann niemand erwarten dass seine Minister besser sind.
"Wie der Herr so's G'scherr" sagt der Volksmund.

01052004
14
solange der bundeskanzler samt familie

mit den dichands in lech schiurlaub macht (hierzulande fragen wir natürlich nicht, wer die sause bezahlt) und in dieser zeit zwei hohlbirnen wie laura und niko den medialen parteioutput machen, ist die sozialdemokratie (klassisch) schwer komatös bzw schon hirntot.

die hoffnung allerdings stirbt zuletzt (und vielleicht erwachsen aus wutbürgern, die sich an klassischen (und bewährten) sozialdemokratischen ideen orientieren neue moderne, weitsichtige staatsführende gruppen...es sei uns und diesem land zu gönnen)...

Nicholas Blarney
 
00
Was sind...

"...klassische sozialdemokratische Ideen?"

Peter Hammer 06
00
12.1.2012, 16:27
Sie haben offensichtlich nicht den Schein einer Ahnung..

jacques05
13
a bisserl spät und noch dazu falsch, diese erkenntnisse...

von beiden, jelinek und scheuba.
von der elfi etwas überraschend, dass man jetzt erst den nachruf auf die sozdem schreibt.
denn, starb die selbe nicht schon 1934, oder endgültig 1950, oder unwiderruflich 2003?
starb die sozdem mit dem schönen vrantz, dem banker (...) oder doch erst mit dem manager klima?
auf kreisky beruft sich in der sp längst niemand mehr.
da fürchtet man sich zu sehr, dass der agnostiker von irgenwoher daherkommt und diese ganze meschpoke mit dem nassen fetzen davonjagt.
nein, ein fp politiker, begnadet zwar, aber eben fp sah sich berufen, das erbe kreiskys weiter zu tragen.
fielen diese fanale niemanden der kultur fraktion auf?
in den 80ern und 90ern?
alle halbwegsen sozialisten sind längst in der kp.
wenig gell?

x aeins
00

Dein "Begnadeter" war aber ein Irrationaler, ein Trickster, während die klass. Sozialdemokratie rational konstruiert war.
Der Paradimenwechsel hängt also nicht vom "Vranz" oder sonst wem ab, sondern von der bedauerlichen Tatsache, dass die Massen, wie stets, vom Rationalismus überfordert waren und sind.

jacques05
00
er war der begnadedste politiker neben kreisky...

aber eben bei der fp.
und auch wenn das noch so schmerzt, haider sprach
mit seinem anspruch den tiefflug der sp an.
den "paradigmenwechsel", oder den verrat an allen sozdem grundwerten leitete vranitzky maßgeblich ein.
getrieben von den vermutlich größten verbrechern seit hitler, reagen und thatcher.
kreisky, palme und brandt warnten eindringlich vor den folgen neoliberalen globalisierung.
doch sie wurden von ihren eigenen parteien beiseite gestellt.
so sind und bleiben die eu sozdem die größten verbrecher an den arbeitenden, den weniger begüterten menschen, sie haben sie schändlich verraten.

x aeins
00

das ist KP-Parteisprech, garniert mit bissl Pathos.
Um Haider zu verstehen, liest du am besten C.G.Jungs "Zur Psychologie der Tricksterfigur"

Di Fazz
02
"nein, ein fp politiker, begnadet zwar, aber eben fp sah sich berufen, das erbe kreiskys weiter zu tragen. "

Das tut weh. Ich finde zwar, dass Kreisky den falschen Weg eingeschlagen hat mit seiner Politik des Schuldenmachens (die aber damals en vogue war und von allen Parteien weitergeführt wurde), aber für eines schätze ich ihn wohl: Es ging ihm um die Sache, um das Wohl der Menschen.

Den FP Ludern geht es doch nur um den Schein, um die Wahl zu gewinnen und die Macht. Nur weil ein Populist gut reden kann wie Kreisky trägt er deswegen Kreiskys Erbe weiter? Was für ein Schwachsinn!

jacques05
00
natürlich ging es bk um die menschen...

und ausgerechnet ein haider, der figuren wie grasser, maischberger, die scheuch buben und so weiter in die politik brachte, nahm sich die frechheit heraus, sich auf kreisky zu berufen.
und trotzdem hatte er recht, denn er meinte ausschließlich das brechen des propozes.
das hatten beide gemeinsam.
sonst eher nichts.

Di Fazz
00

Sie wissen was Porporz bedeutet?

Dann wüsste ich gerne
a) woraus sie schließen, dass Kreisky den Proporz aufbrechen wollte.
b) was Haider Ihrer Meinung nach an Stelle des Proporzes stellen wollte.

jacques05
00
meines wissens bedeutet proporz das ungeschriebene...

gesetz, dass ämter und macht unter schwarz und rot
aufgeteilt werden müssen.
kreisky weigerte sich zeit seines lebens eine rot/schwarze koalition zu führen.
seiner meinung nach, durfte die övp nie mehr an die macht kommen.
haider und schüssel brachen den proporz auch, mit bekannten folgen.
gusenbauer weigerte sich also auch mit der verlierer und zerstörer vp zu koalieren.
er wurde von fischer dazu gezwungen, oder ließ sich zwingen.
die folgen sind ebenfalls bekannt.
demokratie und rechtsstaat gingen zu gunsten einger schwerstkrimineller aus wirtschaft und politik vor die hunde.
bk erkannte schon früh den kommenden neoliberalismus und warnte eindringlich davor.
ohne erfolg.

Di Fazz
00

Proporz bedeutet die Vergabe von Ämtern und ähnlichem nach Maßgabe der Fraktionsstärke, z.B. in einem Parlament. Mit rot/schwarz ist der Begriff nicht direkt verbunden, diese beiden Parteien waren aber natürlich jahrzehntelang dominant.
Der Proporz ist auch des öfteren ein geschriebenes Gesetz, z.B. bei der Zuteilung von Landesräten in manchen Bundesländern. So hatte die FPÖ Landesräte in der Steiermark WEGEN des Proporzes, nicht trotz. Dort wurde das Proporzgesetz aber aufgehoben.

Kreisky wollte möglichst viel von der Macht um seine Vorstellungen und Ideen durchzusetzen, so wie alle guten Politker.
Schlechte Politiker wollen viel von der Macht um ihresselbst Willen.

Ich sehe nach Ihrer Argumentation keinerlei Parallelen Haider/Kreisky.

jacques05
00
ungefähr das schreib ich ja...

auch betreffend haider.
er nahm sich das recht, kreiskys erbe anzutreten, trat es aber nie an.
aus all den bekannten gründen.
und er brach den proporz.
aber mit ganz anderen zielen.
und zum verständnis:
dass ausgerechnet haider das erbe kreiskys antreten
wollte, zeigt lediglich den zustand der sp.
und das wollte er glaube ich, damit sagen.

qwertz1234
00
Ist zwar alles richtig und sehr betrüblich aber

zum Glück ist die ÖVP-Riege auch nicht besser. Konkurrenz droht einzig von HCS und spätestens dann, wenn er am Ruder ist wissen wir, wie nett Faymann seinerzeit zu uns war und erinnern uns an die guade oide Zeit.

Doppelt unterstreichen muß ich aber dennoch meine Unzufriedenheit mit seinen Führungstil.

Prost

pluralis modestatis
20
Sozialdemokratie = Partei ?

Wir lieben dieses Pathos vom Ende alles Guten

Wir kämpfen den ewigen Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit

Wir erleiden die Schmerzen der Rechtschaffenden und Revolutionäre, denn sie sind das Salz der Erde

Wir bewundern die Wissenschaftlichkeit des Marxismus und Keynesianismus

Wir vergessen, dass Sozialdemokratie (Labor Party) auch nur eine Partei ist.

pluralis modestatis
20
Eine Partei = Sozialdemokratie

Fortsetzung

Wir frohlocken bei Worten wie sozial, Gesellschaft und Vermögenssteuer

Wir dürsten nach Krediten, die uns die Mächte der Finsternis auch geben

Wir verachten Märkte, denn unsere Bedürfnisse sind gerecht

.. und wir sprechen niemals von KOSTEN

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