Strategie vor dem Scheitern

Kommentar | Eric Frey, 4. Jänner 2012, 18:03

EZB und die Banken: Die Gelder liegen bei der EZB nur über Nacht; sobald die Banken wieder Hoffnung schöpfen, werden sie bessere Investments wählen

Als die Europäische Zentralbank wenige Tage vor Weihnachten den Banken in der Eurozone eine neue Quelle billigen Geldes erschloss und diese beherzt zugriffen, da schien es, als ob der Schlüssel zur Beilegung der Schulden- und Bankenkrise gefunden worden sei. Zwei Wochen und einen Jahreswechsel später ist es klar: Die Strategie ist nicht aufgegangen - zumindest vorerst nicht.

Die Banken nahmen zwar das Geld, legten es aber nicht in höher verzinsten Staatsanleihen an, sondern bunkerten es fast zinslos wieder bei der EZB. Davon haben weder die hochverschuldeten Staaten noch die Unternehmen etwas, die sich in einer Kreditklemme wiederfinden.

Noch kann das Blatt sich wenden. Die Gelder liegen bei der EZB nur über Nacht; sobald die Banken wieder Hoffnung schöpfen, werden sie bessere Investments wählen.

Das ist derzeit jedoch nicht in Sicht. Die Banken trauen einander nicht, weil sie alle zu viele Staatspapiere in den Büchern haben und sie auf Befehl der EU-Bankenaufsicht EBA bis zum Sommer ihr Eigenkapital drastisch erhöhen müssen. Aber solange so viel Unsicherheit herrscht, will niemand ihnen diese Mittel geben. Das ist ein Teufelskreis, der das ganze Bankensystem und auch den Euro gefährdet.

Bald, so scheint es, werden einige EU-Institutionen ihre Strategie überdenken müssen. Höhere Eigenkapitalpuffer schützen die Banken zwar langfristig vor Krisen. Aber wenn die strengen Auflagen der EBA die Institute überfordern, dann wird die Therapie selbst zur Krankheit.

Und die EZB wird wohl erkennen müssen, dass sie sich nicht hinter den Banken verstecken kann, um Italien und Spanien aus der Schuldenfalle zu befreien. Auch wenn es den Deutschen nicht gefällt: Es führt kein Weg an einem direkten Ankauf von Staatsanleihen vorbei. Vielleicht macht die Ernennung des ersten Nichtdeutschen als EZB-Chefvolkswirt diesen notwendigen Schritt etwas leichter. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2012)

Kommentar posten
20 Postings
Thomas Geißler
00
Hoffnung, Vertrauen, Glaube.

In der Finanzindustrie geht's zu wie bei der Katholischen Kirche.

"Die Therapie wird selbst zur Krankheit."

Es gibt im Moment nur keine Therapie, es werden nur Symptome gemildert. Die Therapie bestünde darin das ganze "System" zu überdenken.

"Glaube ist etwas für die Banken und die Kirche, der Rest sollte es einfach einmal mit der Wahrheit versuchen." - Uwe Steimle

http://www.youtube.com/watch?v=tl-Cyqwh4MI

barbara klaric
00
Ätsch, reingefallen.,.

Die EZB muss, nach ihren Statuten, als oberstes Ziel, die Stabilität der Währung/Kaufkraft anstreben.

Sie darf, nach ihren Statuten, explizit auch nicht direkt Staaten subventionieren.

Also haben sich die schlitzohrigen EU-Politiker als Umgehungstrick ausgedacht, dass die EZB den Banken unbegrenzt Liquidität verschafft damit diese damit unbegrenzt Staatsanleihen kaufen sollen.

Aber jetzt drehen die Banken der EZB eine lange Nase, kaufen keine Schrott-Staatsanleihen sondern behalten das billige Geld lieber als eigene Reserve.

Weshalb dieser faule Trick auch ziemlich wirkungslos verpufft ist.

CEEIT
01
EZB wurde innerhalb von 3 jahren vom Gläubiger und Garanten zum

größten Schuldner mit 2.700 Mrd. bei 80 Mrd EK:

http://www.synercon.at/de/veranl... ationsrate

site:°~+*-||!#.\>
01

Hahaha, der neoliberale Turbokapitalist Frey fordert genau dasselbe wie die Systemkritiker, ohne die Zusammenhänge zu verstehen.

Die EZB soll Staatanleihen kaufen. Die EZB hat den Zins auf nahezu Null runtergefahren. Die EZB soll Geld unbegrenzt Geld schöpfen.

Wo ist denn da noch der große Unterschied zu:

http://www.monetative.org/

Außer, dass die Banken entmachtet werden, und wieder der Realwirtschaft dienen sollen.

Logyal
55
Professionelle Analyse -was nicht in unseren Medien vorkommt

Der universitätsöffentliche Vortrag von Hans Werner Sinn "Ist der Euro noch zu retten?" (leider 2h, aber hochkarätig -in Anwesenheit der Spitzen aus Finanz und Wirtschaft) öffnet etwas die Augen was sich tatsächlich abspielt; Viele facts und charts:
http://mediathek.cesifo-group.de/player/ma... index.html

Hari Ka
20

Sorry diese zwei Stunden Videos sind wie die Zeitgeist Videos aus gutem Grund nicht per Transkript verfügbar. Nachprüfbarkeit soll so unterbunden werden.

sociovation
00
"in Anwesenheit der Spitzen von Finanz und Wirtschaft"...

damit dürfte über die "Professionalität" der Analyse wohl alles gesagt sein...

Die grausame Realität 2012
40
Noch ein Experte.

Herr Sinn im Jahr 2008:

"In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken." In der Weltwirtschaftskrise von 1929 "hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager".

Zitiert in: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaf... n-1.533055

sociovation
00
Herr Sinn kommt in dem Meiden ungefähr 10 Mal so oft vor,

als es seiner Expertise angemessen wäre.
Er kennt nur ein Rezept: "Die Armen sollen zahlen."
Auf solche "Experten" können wir verzichten.

chrigu
00

Aha, von dem hat also die Schotter-Mitzi abgeschrieben ;-)

the comedian
 
42
geh bitte

dieser neoliberale vorgartenzwerg......

franz der freie
 
11
wenn die banken eine sichere marge nicht haben wollen, werden sie schon wissen, warum.

das gegenseitige misstrauen ist sicher begründet durch die intimen informationen, die die banken voneinander haben. also warum sollen sie schrott kaufen und nicht vertrauenswürdigen geld borgen ?

Leland Gaunt
10
Die EZB pumpt Geld zu den Banken

So weit so verständlich. Diese Banken sollen damit aber Staatsanleihen kaufen, um den Markt zu beruhigen ? Das ist also der Sinn der Aktion ? Die Götter sollen ruhig gestellt werden ! Nicht der Realwirtschaft soll dieses Geld zur Verfügung gestellt werden, sondern den Banken indirekt zur Rettung ihrer Ärsche.

the comedian
 
17
zuerst wird

diese nacht und nebel aktion als kluger schachzug bejubelt:
http://derstandard.at/132450125... logGroup=1
zwei wochen später ist der kluge schachzug ein schmarrn.
einfach nur senf absondern ist kein journalismus. und der typ is auch noch chef vom dienst beim standard. sehr bedenklich.....

Michael B
112
Die ur-monetaristische Theorie des "billigen Geldes" als Ursache von Wachstum und Wohlstand hat sich seit 40 Jahren mehrmals selbst widerlegt,

wird aber von konservativen Kreisen noch immer als Dogma angesehen.
DESHALB MUSS es auch immer niederigere Steuern geben. Dann nehmen die braven Unternehmen das billige Geld und mehren es redlich durch Produktion von wichtigen Sachen.
Dass das NUR so lange funktioniert, als es irgendwo im Kapitalismus noch NACHFRAGE nach dem mit dem billigem Geld produzierten Zeug gibt, ist in die Köpfe der "Gläubigen des ewigen Wachstums" nicht hineinzubringen.
Und die wahren Profiteure dieser "Theorie", die seit 20, 30 Jahren das billige Geld dazu verwenden, es mit (per Konstruktion!) windigen Finanzprodukten "arbeiten zu lassen", unterstützen diese Theorie natürlich lauthals. Und die verzweifelten Politiker machen mangels Alternative halt mit.

der burli
21
hr. frey weiss nach 2 wochen den effekt einer auf 3-jahre angelegten strategie. achherrje.... - und an anderer stelle kompetent beschrieben, wie sich die dauernden unheulsmeldungen auf menschen auswirken. verantwortung?

mike sierra
10

"Die Banken nahmen zwar das Geld, legten es aber nicht in höher verzinsten Staatsanleihen an ..."

Natürlich haben sie es in Staatsanleihen angelegt, aber die Staaten nehmen eben nicht jedes Gebot an und brauchen je Auktion nicht unendlich viel.

Durch die größere Zahl der - günstigen - Gebote haben sich beispielsweise die Zinsen bei bis zu 3-jährigen Anleihen halbiert. Natürlich nicht bei 10-jährigen, weil der EZB-Tender für 3 Jahre gilt.

In NL ist der Zins von Geldmarktpapieren auf 0 gesunken.

Aber es geht nicht nur um mittelfristige Staatsanleihen. Die Banken müssen auch ihre eigenen fälligen Anleihen und Kreditlinien bedienen.

mike sierra
00

Halbierung bezog sich auf Italien
6-monatige Anleihen: "halbierte sich die zu zahlende Rendite von 6,5 Prozent im November auf 3,25 Prozent"
3-jährige Anleihen: "fiel der Zins von 7,89 auf 5,62 Prozent."

Belgien:
Laufzeit 3 Monate: "Die Rendite sei auf 0,264 Prozent gefallen, nachdem sie Mitte Dezember noch bei 0,78 Prozent gelegen hatte."
Laufzeit 6 Monate: "Rendite sei hier drastisch von 2,438 Prozent im November auf nur noch 0,364 Prozent gefallen."
"Zudem habe man mit insgesamt 2,44 Mrd. Euro mehr Geld als geplant aufgenommen, teilte die belgische Schuldenagentur in Brüssel mit. Angestrebt war eine Summe von 2,2 Mrd. Euro."

Liest Frey auch den Standard?

Thomas turnbichler
22
Richtig erkannt

Die Therapie, in einem weiteren Fall des Versagens der EZB, wird zu einer weiteren Krankheit. Ich spreche hier klar und deutlich aus, zu einer weiteren Krankheit des gesamten Euroraumes.

Inzwischen sind nicht nur die Banken vollgesogen mit Euros, nein sondern auch Notenbanken gesunder Euroländer. Die halten den Euro über den Form von Schuldenstaatsanleihen in ihren Büchern. Bei der deutschen Bundesbank sind es bereits eine halbe Billion Euros!

Der Markt ist jetzt schon gesätigt und überschwemmt mit Euros, die Giftsuppe der Inflation ist schon am köcheln. Politiker und unfähige Banker und Schönredner des Euro wollen es sich nicht eingestehen. Diese Währung kann nicht mehr, sie ist am Ende. Die Frage lautet nur noch, zu welchem Preis.

flotter denker
11
Inflation ist Teil der Therapie

Aus der derzeitigen Verschuldenskrise kann man nur auf 2 Wegen rauskommen
a) direkte Konfiskation von Vermoegen zur Schuldentilgung der Staaten (zum Beispiel 25% allen Vermoegens im Euroraum - zack eingesackt und die Schulden getilgt) oder
b) ueber 10-20 Jahre im Weg von erhoehter Inflation und kuenstlich niedrigen Zinsen (=Finanzrepression)
a) waere ehrlicher und besser, weil es schnell reinen Tisch macht und man neu durchstarten koennte. Kommen wird vermutlich b) weil die Politiker fuer a) zu feig und zu zerstritten sind.
Im ganz schlechten Fall kommt
c) Schuldentilgung durch Hyperinflation oder
d) Wirtschaftliche Depression oder
e) Krieg

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.